Oper Breslau

Oper Breslau

2016 war sie »Europäische Kulturhauptstadt«: Breslau. Da wurde natürlich ordentlich Geld für die Kultur in die Stadt gepumpt: zum Beispiel 110 Millionen Euro (davon 20 Millionen EU-Gelder) für das »Nationale Musikforum« mit 1800 Plätzen und einer sensationell guten Akustik, von der so mancher deutsche Konzerthaus-Intendant nicht einmal zu träumen wagt.

 

Reich an Kultur wie an gesellschaftlichem Leben war die Stadt mit ihrer wechselvollen Geschichte natürlich auch schon davor: Der in der Mitte gelegene Stadtbezirk Stare Miasto – »Altstadt» – punktet mit empfehlenswerten Restaurants und einem vielfältigen Kneipenleben genauso wie mit pittoresken und geschichtsträchtigen Häusern wie der alten Universität, dem Rathaus, der Oper oder dem der Oper direkt gegenüber gelegenen berühmten Fünf-Sterne-Hotel Monopol. Das auch «Perle Niederschlesiens« genannte wunderschöne Gebäude, das alle Weltkriege fast unbeschadet überstanden hat und das von 1891 bis 1892 im Neobarock-Stil gebaut, 1984 unter Denkmalschutz gestellt und 2008 grundlegend saniert wurde.

 

Wer einen Stadtbummel unternehmen will, kann sich auch von über 300 Zwergen leiten lassen. Zwergen? Zwergen! Was verspielt und putzig aussieht, hat einen ernsten politischen Ursprung: In den 1980-er Jahren drückte die Oppositionsbewegung »Orange Alternative« mit spontanen Kunst-Aktionen Kritik am sozialistischen Regime in Polen aus, etwa mit Demonstranten in Zwergenkostümen. Dabei stellten die Künstler auch einen gusseisernen Zwerg in Breslaus Altstadt auf: »Papa Krasnal«, sozusagen den Urvater der Breslauer Zwergenschaft.

 

Heute haben die Breslauer Zwerge sogar eine offizielle Webseite mit einem Stadtplan in vier Sprachen, der zu ihren Standorten führt.

Was Sie schon immer über die Breslauer Oper wissen wollten

  • 1841 Eröffnung
  • 8. September 1945 Wiedereröffnung
  • 1997 Oder-Hochwasser
  • 4 Ränge mit 1600 Sitzplätzen
  • 1995-2015 Intendantin Ewa Michnik

Geschichte und Geschichten

 

1841 wurde das Opernhaus in Breslau eröffnet, der Bau ersetzte einen bereits sehr heruntergekommenen Theaterbau aus dem späten 18. Jahrhundert. Nach dem 2. Weltkrieg wurde es am 8. September 1945 programmatisch mit einer Art »polnischem Freischütz« wiedereröffnet – der polnischen Nationaloper Halka von Stanisław Moniuszko, einem Klassiker aus dem Jahr 1858, der sich um eine verzweifelte Liebesgeschichte dreht.

 

1997 verursacht ein Oder-Hochwasser starke Schäden am Gebäude, die 2005 im Rahmen einer grundlegenden Renovierung und Brandschutzsanierung beseitigt wurden. Das Haus, das eher anheimelnd und intim wirkt, besitzt unerwartet viele, nämlich 1600 Sitzplätze, die sich über vier Ränge verteilen. Von 1995 bis 2015 machte Ewa Michnik als Intendantin und Generalmusikdirektorin von sich reden. Nicht nur die Sanierung ließ das Opernhaus in neuem Glanz erstrahlen, Ewa Michnik sorgte mit einem glänzenden Programm für neuen und frischen Wind und großer internationaler Anerkennung, zum Beispiel von 2003 bis 2006 mit einem fulminanten Wagner-Ring des Nibelungen.

 

Ewa Michnik dirigierte als zweite Frau weltweit und erste in Europa die gesamte »Wagner-Tetralogie«. Die Spielzeit 2015/2016 war nach 20 Jahren zugleich auch ihre letzte in Breslau: Ewa Michnik wurde eines der ersten Opfer der neuen politischen Machtverhältnisse aus dem Kulturbereich und durch den der PIS-Partei Jarosław Kaczyńskis genehmen Dirigenten Marcin Nałęcz-Niesiolowski ersetzt.

 

Carla Maria von Weber in Breslau

Carl Maria von Weber gelang mit seinem berühmten und noch heute viel gespielten Freischütz ein Meilenstein in der europäischen Entwicklung der Gattung Oper, indem er durch die darin verkörperte Idee einer deutschen Nationaloper mit dazu beitragen wollte, die damals in viele kleine Einzelstaaten zersplitterte Gesellschaft zu einen. An der Oper Breslau schrieb er Musikgeschichte aber in einem noch viel grundsätzlicheren Sinn.

 

Weber, der jüngste Kapellmeister der Musikgeschichte

1804 empfahl Abbé Vogler den damals erst 17-Jährigen der Breslauer Oper als Kapellmeister. Dieses Engagement bedeutete de facto aber auch, dass er damit der erste – wenn auch titellose – Generalmusikdirektor der Musikgeschichte wurde. In seiner Ausbildung bei Abbé Vogler machte Weber offenbar nicht nur große Fortschritte bei seinen Kompositionsstudien, sondern er bewies auch allergrößtes Talent beim Dirigieren. Das allein aber genügte Weber nicht, als Generalmusikdirektor verfolgte er weit ehrgeizigere Pläne. Breslau war damals preußisch und nach Berlin die bedeutendste Theaterstadt der Region. Das Publikum setzte sich hauptsächlich aus dem bürgerlichen Mittelstand zusammen, der Adel dagegen mied weitgehend das Theater. Die Offiziere der Garnisonsstadt kamen zwar zu Aufführungen, aber nur, um zu pöbeln und zu stören.

 

»Widerstände aller Arten«

Von Beginn an hatte Weber gegen Widerstände zu kämpfen, gegen die Verfechter »heiliger und bewährter Traditionen« genauso wie gegen einen eingefahrenen Opernbetrieb. Dazu kamen noch persönliche Reibereien, die bereits durch Webers Engagement vorprogrammiert waren. Zum Beispiel mit Joseph Schnabel: Der Konzertmeister des Opernhauses, 20 Jahre älter als Weber und selbst auf dessen Posten spekulierend, zog sich zwar aus dem Opernhaus zurück, um andere Positionen im Breslauer Musikleben einzunehmen. Doch zeigte er sich keineswegs als guter und fairer Verlierer, sondern initiierte gleichzeitig eine bösartige Pressekampagne gegen Weber und dessen Berufung. Auch der Adel war keineswegs »amused« über einen »Herrn von …« an so einem bürgerlichen Ort wie dem Theater.

 

Machtspiele

Als musikalischer Chef führte Weber sein neues Amt mit der ihm eigenen Vehemenz und kümmerte sich nicht bloß um musikalische Belange. Er mischte bei allen Fragen mit, die im Zusammenhang mit einer Opernaufführung standen. Allerdings brachten ihm seine Kenntnisse auch der technischen Vorgänge (Maschinerie und Beleuchtung betreffend), der Probendisposition und der Dramaturgie, etwa der Spielplangestaltung, nicht nur Respekt und Wohlwollen ein, sondern im Gegenteil auch beträchtliche Schwierigkeiten, etwa mit Sängern, Orchestermitgliedern und technischem Personal. Dabei ging es – wie bei solchen Vorgängen üblich – nicht um die Sache selbst, sondern um Hierarchien, Machtsicherung und Kompetenzen, die seine Gegner unerlaubter- und frecherweise überschnitten sahen.

 

Die Einführung eines modernen Opernbetriebs

Dazu kamen unbeliebte Maßnahmen, mit denen Weber das künstlerische Niveau des Hauses heben wollte. Man war beleidigt und fühlte sich düpiert – doch in der Tat führte dieser junge Mann die alten Hasen vor und zeigte, dass es durchaus besser und hochwertiger ging als bisher. Einerseits verlangte Weber die Entlassung älterer Orchester- und Bühnenmitglieder, die seiner Meinung nach seinen künstlerischen Ansprüchen nicht genügten.

 

Andererseits schlug er eine Erhöhung der Orchesterbezüge vor: die Musiker sollten sich ganz auf ihren Beruf konzentrieren können und nicht auf Nebentätigkeiten angewiesen sein. Als er dann aber auch noch die »Kassenschlager« wie den Bühnenhit Das Donauweibchen zugunsten eines anspruchsvollen klassischen Repertoires abzusetzen begann, brachte er alle – Theaterdirektion wie Publikum – gleichermaßen gegen sich auf.

 

Probendispo und Orchesteraufstellung

Im Grunde führte Weber in Breslau ein, was im Wesentlichen noch heute die Probendisposition eines Opernbetriebs ausmacht: Soloproben mit den Solisten am Klavier folgten Ensembleproben für das Solo-Personal, komplette Sitzproben mit Chor und Orchester, Sitzproben mit Klavier, Bühnenorchesterproben, zwei bis drei Generalproben (heute: Klavierhauptprobe und Orchesterhauptprobe) sowie eine Generalprobe (komplette Aufführung vor der Premiere). Als wesentliche Neuerung veränderte Weber komplett auch die Orchestersitzordnung. Sein Ziel dabei war ein möglichst homogener Klang: Rechts bis zur Mitte des Dirigenten befanden sich die ersten Violinen, Flöten, Oboen, Hörner, Celli und Bässe, links die zweiten Violinen, Klarinetten, Fagotte, hinten in der Mitte die übrigen Blechbläser, die Pauken und das Schlagzeug. (Zuvor hatten die Bläser vorn und die Streicher hinten gesessen.)

 

Auch wenn Weber als Dirigent sehr geschätzt wurde – insgesamt stießen seine zahlreichen grundlegenden Neuerungen auf wenig Gegenliebe. Die neue Orchestersitzordnung musste Weber stets erneut organisieren, da sich die Musiker gegen die Maßnahme immer wieder auflehnten. Doch Weber verfolgte beharrlich seine Ziele. Dabei ist eigentlich schon bemerkenswert genug, dass er den Mut fand, sich in seinem Alter den künstlerischen Herausforderungen eines Operndirigats zu stellen. Hochachtung verdient erst recht, dass er klare Vorstellungen davon hatte, wie ein Opernbetrieb unter seiner Leitung aussehen sollte und dass er diese Ziele gegen alle Widerstände beharrlich zu verteidigen verstand.

Zu unseren Reisen

Entdecken Sie weitere Reiseziele – mit den ZEIT-Musikreisen!