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Die Phantasien des Unendlichen – Eine philosophische Reise nach Sylt

Es ist ein wenig mühsam, beim heutigen Betriebszustand der Bahn auf die Insel zu gelangen. Es häufen sich die Pannen zwischen Hamburg und Westerland, immer wieder steht der Zug. Aber dann ist es endlich geschafft, man rollt über den Hindenburgdamm und erreicht den Endbahnhof. Wir sind alle etwas verspätet dran, doch dann finden wir uns zur Begrüßung ein als Gruppe, die viereinhalb Tage lang über die Weiten der Unendlichkeit philosophieren möchte. Hier auf Sylt, hinter den Dünen, die man durchquert auf dem Weg zum großen Strand. Da bekommt man Unendlichkeitsgefühle.
Vier strahlend sonnige Tage auf Sylt, fünf sternenklare hohe Himmel. Strandspaziergänge zur Mittagszeit, da weht viel Nordseeluft um die philosophischen Stunden. Im Winter und im Spätherbst ist es still auf der langgestreckten Insel. Philosophisch kann man Sylt wohl nur zu abgelegenen Jahreszeiten genießen. Dann aber ist der Strand prächtig, einsam und mächtig. Wir schlendern über den feinen Sand, leicht und schwingend geht es sich an der Wasserkante. Die Welt scheint jetzt am Mittag vierfarbig von einem tiefen Blau zu sandigen Abstufungen, dann einem im Winter ausgeblichenen, im Spätherbst noch grünen Dünenbewuchs und der Farbe des Meeres, die sich nicht entscheiden kann zwischen silbern und blau.
Zum kindlichen Staunen über das weite Meer führt eine Erinnerung des Heidelberger Philosophen Karl Jaspers zurück. Die Kindheit verlebte er in Oldenburg, und da waren sie alle Jahre auf den Inseln. Das erste Mal habe ihn sein Vater an der Hand gehalten und ihn über Muscheln und Seesterne geführt. Da habe er zum ersten Mal die Unendlichkeit erfahren, in der grenzenlosen Weite von Ozean und Universum. Jaspers‘ Erlebnis geistert durch die nächsten Tage unserer philosophischen Reise zu den Vorstellungen über die Unendlichkeit. Wir bereisen die Dimensionen des Unendlichen im hellen Seminarraum, der Blick streift hinaus in die Dünenlandschaft. Wo packt es uns besonders? Es gibt viele Stellen. Die religiösen Sehnsüchte, die einen göttlichen Geist imaginieren. Die kühnen wissenschaftlich-technischen Entdeckungsfahrten, die die Vernunft seit Renaissance und Aufklärung unternimmt. Mal sind wir ein Nichts im grenzenlosen Galaxiennebel, dann tarieren wir uns aus zwischen dem Nichts und dem unendlichen Geist, wir wissen: wir sind beides. Und dann sind da noch die Himmelstürmer, die von ihrer eigenen Vernunft trunken sind und groß, ganz groß vom Menschen denken.
Und groß, ganz groß sind manche Texte, die wir gemeinsam lesen. Schon längst sind wir entspannter geworden, die Mitteilsamkeit ist gestiegen, die Teilnehmenden werden sich vertrauter. Der genius loci, der Geist der Örtlichkeit, beginnt Wirkung zu zeigen. Wir lassen uns überwältigen von Pascals großartigen Visionen, uns entführt ein Goethe Gedicht zum Zauber des ›Stirb und Werde‹, doch so selbstverloren wie Thomas Mann am Meer spazieren geht, das vermögen wir nicht. Oder doch, dort geht er an der Schaumkante, und weiter hinten sammelt eine Teilnehmerin Muscheln. Aber der Rest der Gruppe ist im Gespräch am Strand. Und über die Tage hinweg sitzt ein härterer Kern bis spät noch in der Bar ›Luv‹ und findet kein Ende. Hier findet das philosophische Wochenthema sein existenzielles Echo in Gesprächen über das Altern. Einige wenige öffnen sich persönlich, zumeist gewinnen sie dem sinkenden Leben auch seine Höhepunkte ab. In der Literatur studieren wir dazu Hesses Worte für eine Kultur des Alterns und Texte von Cicero und Schopenhauer. Die romantische Schwärmerei eines Novalis oder Hölderlin allerdings beeindruckt die Gruppe weniger, vielleicht aber liegt es einfach nur an der hohen Tonlage jener Zeit, die uns Heutige zu pathetisch daher schreitet. Doch mit dem Geist des Ingenieurs, der uns Wunderwerke der Technik erfindet, ist das Unendlichkeitsthema wieder da. Und mit ihm die möglichen Welten, die Kreativität unseres Geistes, und hier macht Leonardo da Vinci seinen großen Auftritt. Und die Künstliche Intelligenz. Mit einem Mal steht unser Thema im Zentrum unserer Gegenwart.
Lokalfolkloristisch kommt Uwe daher, der Busfahrer eines grünen Magirus- Deuz-Oldtimers aus dem Jahr 1950. Er chauffiert uns in den Norden der Insel, der alte Bus quietscht und der Motor rumpelt laut wie auf einem Boot. Uwe berichtet von den Superreichen in Kampen und davon, dass mit der Schließung der Entbindungsstation keine Kinder mehr syltgeboren sein werden so wie er. Auf der Wachstumsseite dagegen die Boden- und Immobilienpreise, mit denen eifrig spekuliert wird, denn davon zeugen auch die vielen Auslagen bei den ebenso vielen Maklern. Die unendlichen Reichtümer, sie gäben unserem Thema noch eine wirtschaftspolitische Bedeutung. Doch wir wollen lieber die Schönheiten der Insel genießen, ihre maritime Lage draußen im Meer, die große Dünenlandschaft, die Aura des Ortes. Es geht uns gut hier draußen, und die philosophischen Gespräche bringen uns zu den Sinnfäden unseres Daseins.

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