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Das Venedig der Fotografen

Es ist dunkel, kalt und feucht, es ist November und es ist 5:30 Uhr, als wir uns vor dem Hotel treffen. Dies ist also die Traumstadt Venedig mit ihrem warmen Licht und faszinierenden Bauten ?- Ja, das ist das Venedig der Fotografen. Für uns gilt heute Morgen: der frühe Fotograf fängt das beste Motiv. Vor dem Lohn kommt das Leid. Das ist auch in der Fotografie so. Das warme Bett hat niemanden gefangen gehalten. Alle sind erschienen; denn sie wissen: Am Ende wird die Freude groß sein, das erste Licht des Tages wieder einmal eingefangen zu haben.Noch liegt ein düster-grauer Schleier über dem menschenleeren Markusplatz, als wir wenig später unsere Stative aufbauen. Nun gilt es, das gelernte umzusetzen. Zeit, Blende, Weißabgleich, Brennweite, ISO-Wert. Alles muss stimmen, um dann mit dem nötigen Blick und dem entscheidenden Quentchen Intuition beim ersten Licht die Atmosphäre für immer festzuhalten.

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Nach den ersten Totalen des Platzes gehen wir in´s Detail. Jetzt zieht uns das warme Licht eines Cafés an, das seinen Türen öffnet. Es sind der Kontrast, die Spiegelungen und die ersten Geräusche, die uns in ihren Bann ziehen. Dieser heilige Ort erwacht zum Leben,- und wir sind dabei. Als wir den Rückweg zum Hotel antreten, drängt das erste Wasser der anschwellenden Flut aus den Sielen des Platzes. Diese Momente fest zu halten, ist die wahre Faszination der Fotografie. Wenn dann auch noch aus Knipsen Fotografieren wird, nimmt die Erfüllung und Freude beträchtlich zu. Nun schmeckt das Frühstück. Zufriedenheit breitet sich aus. Das frühe Aufstehen hat sich wieder einmal gelohnt. Leidenschaft ist was Leiden schafft sagt ein Sprichwort. Doch wahres Leiden sieht sicher anders aus. Es geht nur darum, sich aufzuraffen, einen kleinen Preis zu zahlen für intensives Erleben. Verbindet dann noch ein gemeinsames Interesse, steht neben der Freude am Fotografieren auch noch ein intensives Gruppenerlebnis. Das erleben wir auf all unseren Fotoreisen, ob in der Ferne in Patagonien, Namibia, Vietnam, USA, Grönland oder in der Nähe in der Toscana, Venedig, Norwegen, Andalusien oder Irland.

Nach dem Frühstück übertragen wir die Bilddaten des frühen Morgens auf unsere Laptops und gestalten die Aufnahmen mit unserem Bildbearbeitungsprogramm. Die zweite kreative Ebene, der Feinschliff sozusagen. Eine Errungenschaft der digitalen Fotografie. Jeder hat jetzt seine Bibliothek und sein Labor dabei. Weltweit in einem kleinen Kästchen. Am Nachmittag streifen wir durch Venedig. Der Abendsonne entgegen prüfen wir Licht, die Kontraste und die stillen und lebendigen Momente. Jetzt heißt es, aufmerksam zu sein, sich nicht ablenken lassen und die Vorstellungskraft einzusetzen. Das fertige Bild sollte schon beim Betrachten fertig sein, die Kamera ist nur das Handwerkszeug, um sein Bild im Kopf auf die Speicherkarte zu bannen. Das erste und letzte Licht des Tages sind die Zeit des Fotografen. Ausgeprägte Strukturen, intensive Licht-Schatten-Situationen und die Intensität und Farbe des Lichtes treten dann hervor. Wir stehen auf der Accademia-Brücke und lassen uns von dem Schauspiel der untergehenden Sonne verzaubern. Nur nicht in´s Träumen kommen jetzt, sondern genau hinschauen auf die Lichtreflexe an den historischen Hausfassaden. Ordnung in´s Bild bringen, Freistellen, den richtigen Moment erfassen und den Auslöser drücken. Es sind nur Minuten zwischen Tag und Nacht jetzt im November. Die Dämmerungsphase, die blaue Stunde und dann die Dunkelheit mit den warmen Lampen sind eine neue Herausforderung. Langzeitbelichtung vom Stativ bringt Bewegung in die Bilder. Die Boote auf dem Kanal ziehen lange Lichtschleifen hinter sich her. Menschen huschen wie ein Windhauch durch die Szene. Fotografenherz, was willst Du mehr…?

Am nächsten Tag fahren wir nach Murano, die Insel des bunten Glases. Aber schon auf dem Vaporetto, den „Wasserbussen“ Venedigs, warten die ersten Motive auf uns. Alles ist Motiv, man muss nur den Blick dafür haben. Oder ihn dafür entwickeln. Perspektiven und Inhalte zu erkennen und gestalten, das kann man lernen. Über die Ergebnisse unserer Reiseteilnehmer kann man immer nur staunen. Oft werden sie in wenigen Tagen vom Knipser zum Fotografen. Entscheidend sind die Neugierde und das Entdecken. Immer auf´s neue…

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Bei der Bildbesprechung am kommenden Tag zeigt sich dann die Vielfalt und der unterschiedliche Blickwinkel des Einzelnen. Wir waren alle am selben Ort, doch jedes Bild hat eine andere Wirkung und Ausstrahlung. Das ist der Weg zum eigenen Stil, den jeder Fotograf anstrebt. Die Dinge sehen und gestalten nach eigenen Gefühlen mit der ganz persönlichen Sichtweise. Das ist das Ziel. Und viele erreichen dies schon bald. Die eine hat mehr Talent, der andere muss es sich erarbeiten. Am Ende steht immer die Individualität. Die eigene Sicht der Dinge, die persönliche Darstellung.
Am Ende der Woche lassen wir die vielen Momente der Reise bei der Abschluss-Show noch einmal an uns vorbei ziehen. Lauter kleine Momente, oft nur einen Wimpernschlag lang ziehen sie noch einmal an uns vorbei. Und sie bleiben uns erhalten als Zeugnis wunderbaren, intensiven Erlebens, eingefroren für die Ewigkeit,- unserer fotografischen Ewigkeit.
Ihr
Peter Fischer
Freiraum-Fotografie GmbH & Co. KG

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