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Schottland - Zwischen Leere und Freiheit

Leichtsinn? Das Bedürfnis nach körperlicher Höchstleistung? Warum unsere kleine Gruppe Radfahrer gerade Schottland als Expeditionsziel gewählt hat, ist eine berechtigte Frage. Eigentlich ist Extremsport nicht unsere Stärke, aber wer einmal wirklich raus will, richtig in die Wildnis, der denkt ganz sicher auch über Schottland nach. In einem entlegenen Winkel Europas gelegen, lockt es mit dem Spiel der Elemente – mit Wind, Wasser, Erde und Licht wie auf der Farbpalette eines Impressionisten.

Reisebericht_Schottland_Isle of Skye_2015

Erste Eindrücke – Edinburgh

Hart und asphaltiert ist der schottische Boden auf dem wir unsere ersten Schritte gehen – der Bahnsteig Nr. 7 in Edinburgh’s Waverly Station. Auch der Wind aus den Highlands, der uns in Gedanken schon kühle Nordluft atmen ließ, ist zunächst nicht mehr als das Murmeln und die Gesprächsfetzen der Reisenden in der Bahnhofshalle. Ungeduldig dem Gedränge zu entkommen, nehmen wir den nächsten Ausgang zur Princes Street. Hier atmet es sich schon besser, die Sonne scheint – und es regnet. Typisch. Ein Regenbogen reckt sich in diesem Moment über dem Edinburgh Castle, das sich zu unserer Linken ehrfurchtgebietend auf einem Vulkanfelsen erhebt. Neben ihm stehen düster die alten Stadthäuser der Old Town. Kurz breitet sich Unsicherheit aus, ob wir nicht im falschen Jahrhundert gelandet sind, denn Edinburgh macht an vielen Ecken einen durch und durch mittelalterlichen Eindruck. Ein kurzer Spaziergang entlang der Princes Street, vorbei an der viktorianischen New Town, bietet riesige Schaufenster aus Glas und bunte Reklamen. Auf den Straßen findet sich ein Mix aus internationalem Publikum, das an andere europäische Metropolen erinnert. Was für ein Kontrast! Doch allein für urbanes Flair sind wir nicht so weit gefahren. Wir wollen aus der Stadt hinaus
und endlich auf zwei Räder. Noch abends stehen wir auf der Festung Stirling Castle, mit einer Hand die Augen abschirmend, die Andere entschlossen in die Hüfte gestemmt. Wir blicken nach Westen, dorthin, wo das Land sich dem endlosen Wasser nähert, in Richtung Highlands.

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Schaurige Geschichten am Ufer der schottischen Lochs

Früh am folgenden Tag besteigen wir die Räder. Vor uns liegt eine Tagesetappe von 50 Kilometern, Höhenmeter nicht eingerechnet. Fünf Lochs begegnen uns an diesem Tag – tiefe, kalte und klare schottischen Seen – die eingebettet in grüne Hügel daliegen und still in der Sonne glitzern. Mal schnaufend bergauf, mal jauchzend bergab durchradeln wir die Trossachs, die hügelige, bewaldete Heimat Rob Roys, dem schottischen Robin Hood. Er war Mitglied des Clans MacGregor, den ursprünglichen Herrschern dieser Region, die in ihrem Kampf um Freiheit und Recht im Laufe der Geschichte immer wieder von ihrem Land vertrieben, verfolgt und ermordet wurden. Schaurige Geschichten. Während wir dasitzen mit Blick auf den stillen Loch Achray, nachdenklich an dem ein oder anderen Stück Shortbread knuspern, spüren wir schon jetzt die stetig wachsende Entfernung zwischen uns und dem Rest der Welt. Je weiter der Raum, umso länger die Zeit? Es geht weiter, wir satteln unsere… Drahtesel und fahren meilenweit entlang der Ufer des Loch Katrine. Immer wieder treiben uns rasante Abfahrten Tränen in die Augen. Die Farben wirbeln um uns herum wie ein Karusell – Grün und Hellgrün und Dunkelgrün, dazwischen immer mal wieder in kräftigem Stahlblau der See, und in zarterem Pastellblau der Himmel. Als wir schließlich erschöpft und glücklich die Ufer des Loch Lommond erreichen, können wir Queen Victoria verstehen, die sich schon damals in diese Ecke Schottlands verguckt hat. Wer zuvor Sonnencreme nicht für notwendig hielt, hat jetzt ein rotes Gesicht. Das Licht zwischen Lochs und Bens ist anders, irgendwie intensiver, heller. An der schmalsten Stelle des Sees setzen wir über, und unser Fährmann, musikalisch wie fast alle Schotten, lässt sich zu einem Ständchen überreden. „On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond“, das ist alte Folklore. Ein Soldat, eine Frau, der Krieg – ein Liebeslied. Und unser Kapitän? Ein rauher Bursche. Wir lauschen verträumt während sich uns ein Panorama eröffnet, das den Funken endgültig überspringen lässt. Wehmütig stehen wir am anderen Ufer des Sees, es ist ein kurzer Abschied.

Im Tal der Tränen

Abends erreichen wir GlenCoe, das Tal der Tränen. Dunkle Wolken streifen entlang der Hänge, die Sonne schickt uns ihre goldenen Strahlen wie ein rettendes Leuchtfeuer. Dramatisch lauern die drei Schwestern von GlenCoe, Gipfel einer bizarren Gebirgsformation, am Eingang des Tals. Die traditionelle Gastlichkeit der Schotten wurde hier aufs Bitterste missbraucht. Eine Kompanie Soldaten unter dem Kommando eines Campbells, von König William III. beauftragt, beanspruchte für ganze zwei Wochen das Gastrecht des hier ansässigen Clan Donalds, bevor alle Mitglieder noch vor Morgengrauen im Schlaf hingerichtet wurden. Wer flüchten konnte erfror in der eisigen Dunkelheit des schottischen Winters. Jetzt, gut 300 Jahre später, sitzen wir vor unserem Bergsteigerhotel inmitten des Tals. Am Hang auf der anderen Seite stehen drei verfallene Cottages, es dämmert, und in unseren Kehlen brennt der Whisky. Auf dem Weg in unsere Zimmer, am Hoteleingang, sticht ein Schild ins Auge: „No Campbells allowed“. Gänsehaut.

In Richtung Küste

So düster das Tal am Abend noch erschien, der frühe Sonnenaufgang hat mit den Schatten der Nacht aufgeräumt. Frohen Mutes füllen wir Poviant auf, wir sind bereit das Tal Richtung Meer zu durchqueren. Die Weite ruft, wir antworten mit kräftigen Tritten in die Pedalen. Einige Stunden später riecht die Luft salzig, nach Seetang. Möwen kreisen über unseren Köpfen, als zu unserer Rechten die Wolken über dem Ben Nevis aufreißen. Wer hätte ihn dort vermutet! Mit 1316 Metern ist er der höchste Berg Schottlands. Wir radeln vorbei an Meerwasser-Lochs bis nach GlenFinnan, dort wo einst Charles Edward Stuart, von den Schotten liebevoll Bonnie Prince Charlie genannt, mit seinen Schiffen aus Frankreich an Land ging.

Wilder geht es nicht – Die See der Hebriden

Von GlenFinnan fahren wir weiter durch die zerklüftete Landschaft der nordwestlichen Highlands, unserem Zeitgefühl entsprechend per Dampfzug. Die Berge werden karger und unser Zug wird immer wieder von dickem Seenebel verschluckt. Nur das Rattern der Gleise zeugt von unserer Fahrt. Auf einmal wischt der Wind den weißen Schleier zur Seite, die Sonne blendet und Regen platscht ans Fenster. Der Atlantik liegt vor uns, grau und stählern mit mächtiger Brandung. Genauer gesagt ist es die See der Hebriden, die hier zwischen schottischem Festland und der Inselgruppe der Hebriden wogt. Die Fahrt endet in Mallaig, einem kleinen Fischerstädtchen, das nebenbei als Fährhafen zur Isle of Skye fungiert. Vom höher gelegenen Hotel bietet sich uns eine dramatische Szenerie. Wolkenfetzen rasen über die See. Blutrote Sonnenstrahlen stechen mit langen Fingern durch den Nebel während die scharfen Gipfel der Cuillin Mountains die vollen Bäuche der Wolken aufreißen, deren Inhalt sich gerade eimerweise über uns ergießt. Die Isle of Skye und ein Glas Talisker Single Malt sind das Letzte was wir heute sehen. Isle of Skye bedeutet übrigens „Insel der Wolken“ – was auch sonst.

Nessie, Loch Ness und Inverness

Loch Ness ist lang und wegen seines morastigen Wassers schwer zu erforschen. Den halben Tag radeln wir entlang seiner Ufer, spähen hinaus auf den schwarzen See. Was zuvor alle als Seemannsgarn abgetan hatten erscheint jetzt doch nicht mehr so unmöglich. Übers Schwimmen gehen ist seltsamerweise schon seit einer Weile kein Wort mehr verloren worden. Abends im Pub gibt’s torfigen Whisky und schottisches Bier vom Fass. Inverness sprudelt vor Leben, eine andere Welt nach all der Leere, und das mit gerade einmal 40000 Einwohnern. Die Livemusik lässt uns lachen, kitzelt in unseren Fußsohlen. Endlich bietet sich Gelegenheit unsere Spekulationen über Seeschlangen, Riesenaale und dergleichen mit denen der ansässigen Schotten abzugleichen. Allem Anschein nach hat Nessie den See heute nicht verlassen. Beruhigt und mit einem leichten Nachbrennen des Whiskys auf der Zunge gehen wir das letzte Stück entlang des River Ness zurück zum Hotel.

Am Ende die Sehnsucht

Edinburgh wartet bereits. Zurück auf der Princes Street, jetzt mit Regenjacke und Sonnenbrille, wird uns bewusst wie eng verwoben die Royal City und die Highlands sind. Und da ist sie nun, die Sehnsucht die wir zu Beginn so dringend aufspüren wollten. Sie hat etwas mit der ungeheuren Leere zu tun, die einen hier ständig umgibt, fasst physisch erfahrbar wird. Denn so leer die Highlands erscheinen mögen, sie sind angefüllt mit Geschichten, Sagen und Mythen, verstreut über den Lauf der Jahrhunderte. Wer sich ein wenig bemüht, kann diese Geschichten hören, vom Wind geflüstert oder von gurgelnden Bächen besungen, von der rauhen Brandung des Atlantiks inszeniert. Es sind Töne der Melancholie, der Sehnsucht nach etwas Verlorenem, die uns umgeben. Und dennoch sind wir glücklich hier, wo wir im Angesicht von Natur und Zeit unseren Maßstab finden.

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