Zur Übersicht Berichte

»Persian Explorer« – Auf Schienen durch das alte Persien

Eine Reise in den Iran, den »Schurkenstaat« George Dabbeljus und Trumps, der mit der Atombombe droht; eine Reise in ein Land, in dem die Frauen gezwungen sind, Kopftuch zu tragen; 10 Tage Wohnen in der Enge eines Schlafwagen-Abteils; die Zwänge einer Gruppenreise für Menschen, die Zeit ihres Lebens individuell und selbst organisiert gereist sind – ob das gut geht? – Es ging gut! Es ging auch gut für Reisende in höherem Alter, die sich gesorgt hatten, ob sie bei den gemeinsamen Aktivitäten mit jüngeren Teilnehmern würden mithalten können.
Mehr noch, die Reise löste eine Vielzahl von Informations- und Erkenntnisprozessen aus. Sie führte zu einer weiterführenden Beschäftigung mit der jahrtausendealten Geschichte des Landes sowie der komplexen politischen Situation im Nahen und Mittleren Osten, die wesentlich durch die jüngere Geschichte der Region geprägt ist.

Als eingefleischte Individualreisende hatten wir, ein gestandenes Ehepaar (77/75), uns natürlich gefragt, ob eine solche Reise unseren Gewohnheiten und Bedürfnissen entsprechen würde. Andererseits dachten wir, angesichts unseres Alters könnten wir auch einmal reisen, ohne alles selbst organisieren zu wollen, ohne nach langer Fahrt im Dunkeln ein Hotel oder einen Campingplatz suchen zu müssen, ohne uns mit saurem Magen nach einem schönen Restaurant umsehen und dann in der Not doch einen klebrigen Pizza-Streifen reindrücken zu müssen.
Unsere Vorurteile gegenüber organisierten Reisen waren aber zu revidieren oder zumindest zu differenzieren. Vor Augen hatten wir dumpf hinter einem Fähnchen oder Regenschirm hertrottende Rentnergruppen mit Reiseleitern, die bei den Besichtigungen allseits bekannte Banalitäten vortragen und ihr Häuflein von Sehenswürdigkeit zum Bus (Händeklatschen »to the bus please«) und vom Bus zum Hotel scheuchen. – Letztlich gehorchte auch unser Programm in seinem vordergründigen Ablauf einem solchen Schema. Durch kluge Auswahl, intelligente Erläuterungen und einen ansprechenden Stil unterschied sich diese Reise jedoch erheblich von unseren abschreckenden Beobachtungen.

DerZug
Der Zug stand meist schon bereit, so dass wir ohne Hektik zu den Waggons trotten konnten.

Dies war vor allem der guten Organisation und nicht zuletzt der persönlichen und fachlichen Qualifikation der Reiseleiter geschuldet. Differenzierte Erläuterungen während der Besichtigungen, die auch die gegenwärtigen Verhältnisse des Reiselandes in den Blick nahmen, Vorträge, viele sachbezogene oft auch persönliche Einzelgespräche führten dazu, dass sich Mitreisende und Reiseleiter auf Augenhöhe begegneten. Dies trug dann auch dazu bei, dass die Reise nicht nur zum bloßen Abhaken von Sehenswürdigkeiten verkam, sondern dass auch die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Iran Gegenstand der Gespräche mit den Reiseleitern wie auch der Teilnehmer untereinander wurden.
Ohnehin hängt es ja sehr wesentlich von der Zusammensetzung der Reisegruppe ab, ob eine Reise erfolgreich verläuft. Dies ist also davon abhängig, ob es dem Veranstalter und seiner Organisation gelingt, die Zusammensetzung der Reisegruppe in geeigneter Weise zu steuern. Dies schien uns im vorliegenden Fall gut gelungen: Mit den meisten Teilnehmern haben wir uns gern unterhalten, wann immer sich eine Gelegenheit ergab. Natürlich verteilen sich Sympathien unterschiedlich. Bei dem einen oder anderen der Mitreisenden sucht man den Kontakt nicht gerade. Es gab aber nie Probleme, auf der Ebene freundlicher Höflichkeit miteinander umzugehen. Andere Teilnehmer fanden wir ausgesprochen nett oder interessant, so dass man sich freute, wenn sich ein Gespräch ergab. Normalität also bei einer Gruppierung, bei der ein stimmiges Verhältnis von Nähe und Distanz gegeben ist.

Bei der Iran-Reise war die Zusammensetzung der Gruppe unverkennbar durch eine Reihe von Filtern geprägt:
• Die Vermarktung der Reise durch die ZEIT führt dazu, dass sich der Teilnehmerkreis vornehmlich aus der Leserschaft einer anspruchsvollen Publikation und ihres Umfelds zusammensetzten.
• Der Iran als Reiseland setzt mindestens ein gewisses Maß an Abenteuerlust voraus, da man sich nicht auf dem gebahnten Pfad des Massentourismus bewegt. Hinzu kommt, dass der Iran ja nicht gerade als »freies« und »sicheres« Land gilt und die Angst vor dem Regime der Religionsführer im Westen stark verbreitet ist.
• Das Besichtigungsprofil wird vornehmlich kulturell und historisch interessierte Teilnehmer mit einem angemessenen Information-Hintergrund anziehen. Hinzu kommt Neugierde auf ein fremdes Land mit anderen kulturellen Prägungen und die Bereitschaft, sich neuen Erfahrungen auszusetzen.
• Die Form der Zugreise in engen Schlafwagen-Abteilen setzt voraus, dass die Teilnehmer bereit sind, zeitweilig auf größeren Komfort zu verzichten.

Dieses Profil der Reise, der Reisenden und der Reiseführer hatte einen wesentlichen Anteil an der Qualität des Reise-Erlebnisses. Natürlich war es auch die Fülle der Monumente, der Museen, der Basare, der spannenden Stadtlandschaften mit den schneebedeckten Gebirgen im Hintergrund und der eindrucksvollen Wüsten-Formationen, die uns begeisterten. Davon soll an dieser Stelle jedoch weniger die Rede sein, da sie in der Ausschreibung der Reise hinreichend herausgestellt werden.

Hammam
Hammam-Museum in Kerman – Einerseits wirkten die Figuren, die die Vorgänge in einem Hammam anschaulich machen sollten, lebensecht. Andererseits amüsierte uns die karikierende Darstellung. Das Museum zeigt die gesellschaftliche Bedeutung, die einer solchen Einrichtung zukam.

Auch die Form der Sonderzug-Reise kam unseren altersgemäßen Bedürfnissen entgegen. Wir hatten sozusagen unser Zuhause stets dabei – ähnlich wie bei Reisen mit Wohnmobil oder Camper, aber eben ohne die Erschwernis, selbst fahren zu müssen und im Dunkeln …(s.o.) Das Zugpersonal vom Lokführer über die Schlafwagen-Schaffner bis zu Koch und Kellner im Speisewagen war in der Regel gut gelaunt und stets freundlich. Man empfand wohl die Reise selbst als Abwechslung vom Liniendienst. Nicht nur wir fotografierten eifrig sondern auch die Zugleute.
Bemerkenswert – nicht zuletzt im Vergleich zu anderen Reiseländern – war, wie freundlich und interessiert uns die Bevölkerung entgegen kam. Nicht selten wurden wir gefragt, ob man sich zusammen mit uns fotografieren dürfe – ein Ansinnen, an das wir uns nur im Zusammenhang mit frühen Griechenland-Reisen in den 70er Jahren erinnern können. Und wir wurden um Interviews für lokale Medien gebeten. Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass wir als Touristen willkommen waren und dass in der Bevölkerung der Wunsch nach Öffnung zu Europa vorhanden ist.

Isfahan-Imamplatz
Fotogruppe auf dem Imam-Platz in Isfahan – Junge Frauen baten uns um ein gemeinsames Foto

 

Saadat_Bahnhofsfront
Sa’adat Bahnofsvorplatz – Auch vor dem Bahnhof in Sa’adat Abat wurden wir von der lokalen Presse in Empfang genommen

Unser Eindruck ist, dass der Iran gespalten ist zwischen den Machtinteressen der Theokraten bzw. der Basidsch-e Mostaz’afin mit ihrem Staat im Staat auf der einen Seite sowie den Bedürfnissen des Großteils der Bevölkerung (vor allem der Frauen) und einer zumindest zeitweise moderaten Regierung auf der anderen Seite. Die jüngere Geschichte des Landes ist auch geprägt von einem Hin-und-Her zwischen den jeweils dominierenden Kräften, die viele Perser ins Exil gezwungen haben.Nicht zuletzt deshalb ist der Iran ein Land, das sich nur schwer einer einheitlichen Bewertung erschließt. Wir fühlten uns stark von der Freundlichkeit der Bevölkerung und der allgemeinen Ordnung angezogen, in der manche Exzesse allzu libertärer westlicher Gesellschaften – wie überbordende, stark sexualisierte Werbung, positiv besetzte Gewaltdarstellungen in den kommerziellen Medien, allzu freizügige Kleidung, verschluderte Stadtbilder u.a.m. – zurückgedrängt sind. Die theokratische Ausrichtung des Staatswesens dagegen und die religiös begründete Bevormundung und Überwachung der Bevölkerung bis hin zur Drangsalierung und Verfolgung einzelner Gruppierungen sind uns andererseits in höchstem Maße unsympathisch.

Bei der weiteren Beschäftigung mit der Situation im Nahen und Mittleren Osten ist uns bewusst geworden, welche unheilvolle Rolle die ehemaligen Kolonialmächte Großbritannien, Russland und Frankreich in der Region gespielt haben. Später die Einmischung der durch die Weltkriege erstarkten USA, bei der bis heute die Sicherung der Rohstoffquellen im eigenen Interesse, nicht aber im Sinne eines fairen Welthandels eine Rolle spielt. Es ist offensichtlich, dass das Verhalten der Trump-Regierung den religiösen Hardlinern in die Hände spielt.

Sollte man in ein solches Land Reisen? – Natürlich! Es ist ein wunderschönes Land mit einer uralten kulturellen Tradition, einer eindrucksvollen Landschaft, faszinierenden Städten und freundlichen Menschen, die die unterstützende Kraft eines kulturell geprägten Tourismus verdienen.

Eine ausführlichere Beschreibung der Reise mit vielen Fotos findet sich dem Buch »Persien im Sonderzug« von Rolf Pausch. Die Reisebeschreibung ist als Taschenbuch oder eBook über den Buchhandel bzw. online zu beziehen.

 

Savadkouh
Folkloristischer Empfang – Der folkloristische Empfang in Savadkouh wirkte nicht wie eine routinemäßige Inszenierung.

~ Rolf Pausch, ZEIT-Reisender

Winter ist’s – im Ultental Zur Übersicht “Berichte” Die Phantasien des Unendlichen – Eine philosophische Reise nach Sylt