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Im Fluss des Lebens - Über das Dionysische und warum wir es so dringend brauchen

Reisebericht von Ursula-Michaela Berg

15.10. – 18.10.2019

Panta rhei…Alles fließt…Dieses Philosophenwort hatte mich schon immer inspiriert!
Und nun das Angebot einer Philosophiereise mit dem Titel: ,,Im Fluss des Lebens’’! Da konnte ich nicht nein sagen, ich wurde neugierig und ich hoffte auf neue Anregungen und Einsichten zu dem Thema. Was aber der griechische Gott Dionysos mit dem Fluss des Lebens zu tun hatte, das war mir am Anfang noch rätselhaft.

Bereits die Anfahrt zum Hotel, in dem ich die 4 Tage verbringen würde, bereitete mir großes Vergnügen. Von der Eifel kommend ging es zunächst am wunderschönen Rhein entlang mit all seinen romantischen Burgen und Schlössern, die so viele Sagen und Geschichten in sich verbergen.

In Niederheimbach ging es dann hinauf in die Weinberge nach Oberheimbach, wo mich das romantische Weinbergschlösschen, mitten im Weinberg gelegen, empfing. Hier sollte nun für 20 Teilnehmende und den Leiter der Philosophiereise, Dr. Christoph Quarch, einige Tage für unser physisches und kulinarisches Wohl gesorgt werden, während wir Weisheitsliebende uns gedanklich immer mehr in die Tiefen des Dionysischen hineinbegeben würden…

Das Schlösschen hätte Dionysos, dem griechischen Gott des Weines, auch sehr gefallen, hier fühlte er sich am richtigen Ort umgeben von Reben und Leben.
Der Treffpunkt unserer Gruppe war um 17 Uhr. Der Versammlungsort war in einem schönen hellen Gruppenraum, umgeben von einem mit Weinblättern umrankten Balkon.

Ich war gespannt auf alle die neuen Gesichter, die ich jetzt kennenlernen durfte. Was für Menschen kamen wohl hier zusammen, die sich mit mir darauf freuten, das Dionysische in uns zu erfahren und die wissen wollten, warum wir es so dringend brauchten?!
Dr. Christoph Quarch war mir nur bekannt durch ein Buch, das er mit G. Hüther zusammen geschrieben hatte: ,,Rettet das Spiel’’. Aber die persönliche Begegnung war etwas ganz Besonderes, das sollte ich bald erfahren.
Nach der Kennenlernen-Runde kamen wir ganz schnell zum Thema. Christoph Quarch führte uns in den romantischen Ursprung der Moderne ein und übergab uns eine 30seitige Mappe mit Texten und Gedichten großer Denker und Dichter.
Gleich am 1. Nachmittag fühlte ich mich ,,berauscht’’ von den vielen verschiedenen romantischen Gedichten, von Goethe, Eichendorff, Brentano und Novalis, die Christoph sehr ausdrucksstark vortrug und sehr einfühlsam interpretierte.
Es stellte sich heraus, dass wir eine sehr harmonische Gruppe waren, was nicht zuletzt an unserem philosophischen Leiter lag, der immer wieder sehr sorgsam, einfühlend und humorvoll auf alle Kommentare und Fragen der Beteiligten einging und es verstand, immer wieder auf das Thema hinzulenken, damit wir im Fluss blieben.

Wir ahnten schon an diesem Nachmittag ein wenig, was es mit dem Dionysischen auf sich hatte. Im Rausche der romantischen Poesie fühlten wir, wie sich Grenzen in Traum und Dämmerung auflösen, wie die Dinge ins Fließen geraten und sich aus der Starrheit befreien. Das Leben rauscht dann sanft dahin wie aus einer unsichtbaren Quelle gespeist.

Es geht um ein Lebensgefühl. Wahrhafte Freiheit und ursprüngliche, urwüchsige Lebendigkeit zu erschließen, darum ging es den Romantikern, frei von jeglichem Utilarismus. Auch Poesie wird zum Rausch. Alles wird im Rausch irreal, unfassbar, undefinierbar, die äußere starre Welt wird von innerer Kraft aufgebrochen, wir bekommen wieder Zugang zu unserer lebendigen Quelle, schöpfen neu aus der Fülle des Lebens.
Dr. Quarch wirkte durch seine große Begeisterung und sein fundiertes und umfangreiches Wissen sehr überzeugend auf unsere Gruppe.
Auch während des Abendessens brachen unsere Gespräche zum Thema nicht ab, während uns ,,Dionysos’’ passend dazu mit diversen Weinen aus seiner Rauschwerkstatt versorgte.
Die Grenzen, die zu Beginn noch unter den Gruppenmitgliedern bestanden, begannen sich im Verlauf des Abends aufzulösen. Spürten wir schon allmählich die Wirksamkeit des Dionysischen in uns?

Der 2. Tag begann daher auch schon mit einer heiteren, gelösten Stimmung während des Frühstücks. Viel Zeit blieb uns nicht, denn Punkt 9 Uhr begann bereits die 2. Vortragsrunde mit Dr. Quarch.

Er zeichnete ein sehr umfangreiches Portrait des griechischen Gottes Dionysos, der mir persönlich bisher nur oberflächlich aus den Schulbüchern bekannt war. Christoph verstand es, uns die griechische Mythologie überzeugend nahe zu bringen und erörterte bereitwillig unsere Fragen. Ein wenig vertraut nun mit der Götterwelt, kreisten natürlich neue Gedanken in unseren Köpfen und stellten alte Werte in Frage…War das das Dionysische, das da wirkte? Gegen Mittag fand dann die geplante Fahrt nach Bacharach statt. Trotz permanentem Regen hielt Christoph am Programmablauf fest. Am Rhein angekommen, ließ er es sich nicht nehmen, uns vor dem schönen Hintergrund des vielbesagten Flusses poetische Werke über die Sagengestalt Lore Lay vorzutragen. Es war doch wunderlich, zu erleben, wie wir alle, mit Kapuzen und Schirmen bewaffnet, den Regen auf uns niederrauschen ließen und Christophs spannenden und bewegenden Vorträgen gebannt lauschten! Hatte Dionysos mal wieder seine Arbeit getan?

Jedenfalls stellten wir auch das Dionysische in der Gestalt der Lore Lay fest, die durch ihre Verführungskunst und Anziehungskraft nicht nur Gutes bewirkt, sondern auch gefährlich werden kann.Denn laut den Ausführungen von Dr. Quarch, sorgt Dionysos für die ursprüngliche Lebendigkeit in uns mit allen Höhen und Tiefen.

In Bacharach hatte Christoph für uns eine junge in Bacharach gebürtige Stadtführerin engagiert, die uns fast 2 Stunden lang mit ganz viel Begeisterung
durch ihren romantischen Heimatort begleitete und erklärte, was Dichter wie H. Heine, V. Hugo und C. Brentano mit diesem Ort verbanden…
Es war eine lebendige und aufschlussreiche Führung.

Es blieb nass, aber das Thema überstrahlte das Wetter und wir fühlten uns durchweg beschwingt und heiter, immerhin hatten wir ja Ohren und Augen für so viel Neues geöffnet und gaben uns dem Fluss des Lebens hin.

Wir verabschiedeten unsere charmante Begleiterin dann vor dem Café Winzer, in dem Christoph eine ,,Tortenschlacht’’ für unsere Gruppe organisiert hatte.
Bei heißen Getränken und leckerem Kuchen wärmten wir uns schnell auf und traten danach die Rückfahrt zum Hotel an.

Nach einem kulinarischen Drei-Gänge-Menü im Hotel, war aber das Programm nicht zu Ende. Es folgte noch eine Mondscheinwanderung mit begleitenden Gedichtvorträgen,
auch dies diente dazu, uns von der Poesie berauschen zu lassen, um dazu beizutragen, unsere ursprüngliche Lebendigkeit wieder zu erschließen.

Am dritten Tag stand uns eine schwierige Aufgabe bevor:
Die Auseinandersetzung mit Werken von Friedrich Nietzsche, dem Psychologen unter den Philosophen, und der sich als ein Jünger von Dionysos verstand…
Er sollte es uns nicht leicht machen. Wir arbeiteten mit Texten aus seinen Werken Ecce Homo, Götzendämmerung, Die Geburt aus der Tragödie aus dem Geiste der Musik und Jenseits von Gut und Böse.
Unser Verstand und unsere fest eingefahrenen Anschauungen wurden beim Studieren der Lektüre kräftig durchgerüttelt. Ja, auch da wirkte wohl das ,,Dynamit’’ als das sich Nietzsche selbst bezeichnete.
Nach intensiven Vorträgen und Gesprächen, nahmen wir im Hotel einen kleinen Imbiss ein. Danach machten wir uns bereit für eine mehrstündige Weinbergwanderung. Unser Hotelchef sorgte unterwegs für diverse Weinproben.

Während des Aufstiegs hatten wir eine herrliche Aussicht hinunter auf Oberheimbach und wir genossen inmitten alle der Reben weitere köstliche Produkte der Weinberge. Wir blieben im rauschenden Fluss.

Am Abend dieses schönen Tages beendeten wir die Weinbergwanderung mit einem exquisiten 3-Gänge-Menü und einem letzten Schluck Rebensaft.

Aber damit war der Tag noch lange nicht zu Ende. Christoph hatte einen besonderen Filmabend für uns vorbereitet: Der Film Alexis Zorbas ist ein Drama-Abenteuer von 1964.Der Grieche Alexis Sorbas wird brillant gespielt von Anthony Quinn, es war die Rolle seines Lebens. Obgleich der Film mehr als 2 Stunden Aufmerksamkeit erforderte, hielt die Spannung uns bis zur letzten Minute wach!

Das hatte seinen Grund, denn in den Figuren und dem Inhalt erkannten wir vieles von dem in den letzten Tagen Erarbeiteten wieder.
Das Dionysische im Film, das Rauschhafte, der alle Grenzen sprengende Schöpfungsdrang, war klar zu erkennen und wurde von dem lebenshungrigen Griechen Alexis Sorbas vertreten, während Basil, den er zufällig trifft, einen ganz unterschiedlichen Charakter hat, er ist ein sensibler englischer Schriftsteller, zurückhaltend und ordnungsliebend, der auf Kreta eine Braunkohlenmine geerbt hat und schließlich Sorbas, auf dessen Drängen hin, anheuert, dort zu arbeiten.
Diese beiden gegensätzlichen Charaktere gehen zurück auf die Eigenschaften, die die Griechen ihren Göttern Dionysos und Appoll zuschrieben.Aber im Laufe der Ereignisse nähern sich die beiden aneinander an, selbst noch nach der Zerstörung ihrer Existenz, wird das Leben gefeiert und endet in einem wilden Sirtaki Tanz, für den sie sich beide gemeinsam öffnen.

Am unserem letzten Morgen konnten wir dann unsere Fragen und Eindrücke zum Film gemeinsam erörtern. Viele haben diesen Film schon einmal gesehen, aber jetzt, nach den gemeinsamen Vorbereitungen, konnten wir ihn mit ganz anderen Augen betrachten.

Dann erweiterten wir unsere Kenntnisse über die griechische Götterwelt mit dem Thema: Titanen. Sie gehören in der griechischen Mythologie einem uralten Göttergeschlecht an, sie sind mächtige Riesen in Menschengestalt, unter ihnen der Gott Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte.

Diese brutale blinde Titanenkraft hat sich in unserer Zeit in vielen Bereichen gezeigt, so auch im Bereich des Rauschs unter Drogen. Zu diesem Thema lasen wir verschiedene Texte. Psychopharmaka scheinen mittlerweile unerlässlich geworden zu sein, und man kann sich ihrer Titanen-Macht kaum noch entziehen.

Gegen 12 Uhr nahmen unsere sehr harmonischen Gespräche, die mit sehr viel gegenseitiger Wertschätzung verliefen, langsam ein Ende. Wir waren mit dem Verlauf und den Ergebnissen der 4 Philosophietage auf beiden Seiten sehr zufrieden.

Ich vermute, dass sich so mancher Teilnehmer im Nachhinein noch mit der Wirkung des Dionysischen in uns hat auseinandersetzen müssen.

Jedenfalls schien mein im wesentlichen christlich geprägtes Weltbild bei der Vorstellung von einer Vielgötterwelt irgendwie ins Wanken geraten zu sein, es wirkten neue Ideen in mir und nahmen den Kampf auf mit alten eingefahrenen Sichtweisen. Es ist es wert, immer wieder Altes neu zu überdenken und zu überprüfen, ob es unserer ursprünglichen Lebendigkeit noch entspricht oder ob wir sie eventuell neu erfahren sollten.

Ich freue mich schon auf eine weitere Philosophiereise im nächsten Jahr!

Reisebericht Ursula Berg
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