Gewandhaus Leipzig

Gewandhaus Leipzig

»Das neue Gewandhaus steht im Herzen der Stadt Leipzig, der Messemetropole der DDR. Es ist der größte und schönste Konzerthallenneubau des Landes und gehört, wie Fachleute und Künstler zurecht sagen, in seiner Architektur und Ausstattung, vor allem aber durch die Akustik des großen Saales zu den bedeutendsten Konzertbauten der Welt!«

Mit diesen Worten beginnt 1983 eine DDR-Fernsehdokumentation der Defa über das Neue Gewandhaus Leipzig. Nach Jahrzehnten kehrte das Gewandhausorchester 1981 mit seiner neuen Spielstätte gegenüber vom Opernhaus ins Herz der Messestadt zurück.

 

Das Leipziger Gewandhausorchester selbst ist natürlich viel älter, tatsächlich ist es das älteste bürgerliche Konzertorchester und wurde 1743 gegründet. Im Jahr 1781 bezog es einen Konzertsaal auf dem Tuchboden des Gewandhauses der Stadt, daher sein Name. Seit 1981 spielt das Gewandhausorchester in einem modernen Konzerthaus am Augustusplatz in Leipzig. Von 1970 bis 1996 leitete Kurt Masur das Gewandhausorchester, das ihm zum Ende seiner Amtszeit den Titel »Ehrendirigent des Gewandhausorchesters« verlieh.

Was Sie schon immer über das Gewandhaus Leipzig wissen wollten

  • 1781 Spruch an Fassade
  • 1970 Dirigent Kurt Masur
  • 712 m² größte Deckenmalerei Europas
  • 6.845 Orgelpfeifen
  • 5 x Solo-Blechbläser

Res severa verum gaudium

 

»Wahre Freude ist eine ernste Sache.« Dieser lateinische Spruch des römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca schreibt sich das Gewandhausorchester seit 1781 auf die Fahnen oder besser auf Stein: Im ersten Gewandhaus stand er an der Stirnseite des Konzertsaals, im zweiten prangte er an der Fassade über dem Haupteingang. Und im heutigen Gewandhaus am Augustusplatz ist der Spruch am Orgelprospekt im Großen Saal angebracht.

 

Das Gewandhaus hat in diesem Leitspruch die ihm wichtigen Aufgaben und Ziele zusammengefasst: »Gemeinsam vermitteln wir Musik zur Freude der Menschen. Unser aller Anspruch ist höchste Qualität, die Pflege unserer Tradition und die Verpflichtung zu Neuem. Dies leben wir glaubwürdig, ernsthaft und nachhaltig.«

 

In der Tat: Konzerte in der Thomanerkirche mit Bach-Kantaten und Vorstellungen im Opernhaus gibt es genauso wie explizite Konzertreihen für Neue Musik und Uraufführungen oder wie musikpädagogische Programme. Es geht um »Tradition erhalten und begründen. Exzellenz leben. Werte schaffen. Identität stiften. Wir wollen erreichen, dass unser Gewandhausorchester als erfolgreiche Weltmarke für künstlerische Exzellenz steht, dass sich unser Gewandhaus mit einem exzellenten Konzertangebot international profiliert, dass unser Gewandhaus ein nachgefragter sowie moderner Veranstaltungsort ist und damit den internationalen Ruf der Musikstadt Leipzig nachhaltig prägt.«

»Gesang vom Leben«

Von 1980 bis 1981 arbeitete der Leipziger Künstler  – Maler, Zeichner, Grafiker – Sighard Gille, Jahrgang 1941, an dem Deckengemälde »Gesang vom Leben«, dem Aushängeschild des Gewandhauses am Augustusplatz. Mit 712 m² erstreckt es sich über vier Deckenschrägen und ist die größte zeitgenössische Deckenmalerei Europas.

 

Nachts ist es von Scheinwerfern beleuchtet und strahlt durch die Glasfront auf den Platz hinaus. Das Deckengemälde ist von keinem Blickwinkel aus komplett zu sehen ist und erschließt sich im wahrsten Sinne des Wortes nur Schritt für Schritt. Es gliedert sich in vier Themenkreise, die wiederum den vier Deckenschrägen entsprechen: Orchester, Mächte der Finsternis, Lied der Stadt und Lied vom Glück. Sighard Gille erinnert sich: »Das war Baustelle, das war saukalt und das war kein Glas hier, das war Dreck und Lärm und da muss ein Bild entstehen. Das ist natürlich absurd. Es fehlte das Material, das Caparol, so ´n Bindemittel aus ´m Westen und musste irgendwie rangeschafft werden. Und Masur war in Westberlin und brachte mir zwei Eimer von dem Caparol mit – persönlich!«

 

Der Große Saal des Gewandhauses mit seiner Sitzanordnung in der Art eines Amphitheaters bietet über 1.900 Besuchern Platz. Ihn krönt die majestätische Orgel der Potsdamer Firma Schuke mit vier Manualen, 92 Registern und 6.845 Pfeifen, an deren Prospekt der Leitspruch »Res severa verum gaudium« angebracht ist.

 

Nicht jedem ist es natürlich erlaubt »Gewandhaus« außen drauf zu schreiben, wenn auch vielleicht Gewandhaus drin ist … Außer den Gewandhaus-Chören dürfen derzeit vier Kammermusik-Ensembles den vom Gewandhauskapellmeister verliehenen Zusatz »Gewandhaus« im Titel führen: Das Gewandhaus-Quartett, das Gewandhaus-Bläserquintett, das Gewandhaus Brass Quintett und das Gewandhaus-Oktett.

 

Wer die stilistische Bandbreite und die mitreißende Verve des Gewandhaus Brass Quintetts einmal erlebt hat, kann gar nicht genug davon bekommen und möchte immer mehr von der fantasievollen Musik in den Interpretationen der fünf Solo-Blechbläser des Gewandhausorchesters. Um die zahlreichen musikalischen Facetten Möglichkeiten ihrer Instrumente zu präsentieren, gibt es nichts, was in ihren ausgefallenen Programmen nicht vorkommt: brillanter Barockklang über atemraubende Rhythmen moderner Kompositionen bis hin zu jazzigem Groove und mitreißenden Melodien. Die Musiker des »Gewandhaus Brass Quintett«, die sich 2005 zum »Leipzig Chamber Brass« zusammengeschlossen haben, sind allesamt vielfach ausgezeichnete Instrumentalisten, die neben dem Engagement im Gewandhausorchester auch solistisch tätig sind.

Geschichten um das Gewandhaus Leipzig

 

Das Haus am Augustusplatz ist bereits das dritte Leipziger Gewandhaus, das allerdings wie schon das zweite, in der Beethovenstraße gelegene, mit dem namengebenden Zweck und »Gewändern« nichts mehr zu tun hat. Nur das erste Gewandhaus – ein dreiflügeliges Gebäude zwischen Gewandgäßchen und Kupfergasse – war tatsächlich Gewerbehalle der Tuchhändler. Daher stammt der Name »Gewandhaus«. Doch die Namengebung hätte auch anders ausgehen können, denn das Erdgeschoss wurde von den Leipzigern auch »Zeughaus« genannt: Die damalige Konzertdirektion – ein ehrenamtlich arbeitendes Gremium Leipziger Bürger – mietete den neuen Saal im Zeughaus, nannte ihre musikalischen Veranstaltungen aber »Concerte im Saale des Gewandhauses«. Was für ein Glück: »Gewandhausorchester« klingt doch viel besser als »Zeughausorchester«!

 

Akustische Brillanz

Ganz aus Holz war besagter Konzertsaal in das Obergeschoss des Zeughauses nahezu wie eine Geige in einen Geigenkasten hineingesetzt: Der Saal fungierte mehr oder weniger als riesiger Resonanzkörper und wirkte damit selbst wie ein Musikinstrument. Infolge der großen Nachfrage entschloss man sich zu mehreren Umbauten.

 

Die Folgen waren katastrophal, hätten aber von vorneherein eigentlich richtig eingeschätzt werden können: die Akustik wurde von Umbau zu Umbau schlechter. 1860 entwickelte man erste Pläne zu einem kompletten Neubau. Entgegen der Gewandhausdirektoren, die an beste Stadtlage dachten, setzte die Stadtregierung jedoch einen anderen Plan durch: Das neue Konzerthaus wurde 1884 am Stadtrand nach zwei Jahren Bauzeit eröffnet. Die Stadtväter sollten mit ihrer Entscheidung letztlich Recht behalten, denn das neu entstandene Leipziger Musikviertel wurde bald zu einem künstlerischen Hotspot.

Die künstlerische Rolle Kurt Masurs

 

Die Rolle Kurt Masurs nicht nur künstlerisch als langjähriger Gewandhauskapellmeister, sondern generell für die Kultur Leipzig kann gar nicht hoch genug angesiedelt werden. Das Gewandhaus war im Februar 1944 bombardiert worden und ausgebrannt.

 

Und der dritte – und heutige – Gewandhaus-Neubau wäre ohne Masurs Initiative gar nicht erst entstanden! Er war die treibende Kraft. Was auch nötig war, denn es gab ganz offenkundig keinen schlechteren Zeitpunkt für dieses ehrgeizige Bauprojekt: Die DDR-Führung trieb nämlich gerade ein Wohnungsbauprogramm voran, das sowohl Baumaterial als auch Arbeitskräfte band. 57 Monate lang wurde das neue Gewandhaus gebaut und während der gesamten Zeit arbeitete der Dirigent eng mit dem Architektenteam zusammen. Am 20. Januar 1977 fand der Spatenstich für ein Neues Gewandhaus statt. Fünf Jahre später wurde es mit Beethovens 9. Sinfonie eingeweiht.

 

Die politische Rolle Kurt Masurs

Aber auch politisch ist die Bedeutung Kurt Masurs für Leipzig nicht noch genug einzuschätzen. Sein Name ist untrennbar mit den Ereignissen der Friedlichen Revolution in Leipzig im Herbst 1989 verbunden: In Zeiten großer Unsicherheit, als fraglich war, mit welchen Mitteln die Staatsführung der DDR auf die zunehmenden Unruhen reagieren würde, gehörte Kurt Masur nicht nur zu den Unterzeichnern eines Aufrufes, in dem zu beiderseitigem Gewaltverzicht zugunsten eines konstruktiven Dialoges aufgefordert wurde – er verlas ihn am 9. Oktober auch höchstpersönlich im Leipziger Stadtfunk. Damit hatte sich der Gewandhausdirigent mit Bedacht kraft seines Amtes und seiner herausragenden Persönlichkeit eindeutig auf die Seite der Bevölkerung gestellt und gleichzeitig auf alle Seiten deeskalierend gewirkt. Schnell war er von einer Art Mythos als »Retter von Leipzig« umgeben, und ebenso schnell kurz als potentielles Staatsoberhaupt der DDR im Gespräch. Er selbst lehnte jedoch die Übernahme eines solchen Amtes ab.

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