Die Zukunft der Alpen: Schöne Aussichten?

Die Alpen sind Ansichtssache. Aus der Sicht eines Bergbauern, der auf einer steilen Wiese mühsam Heu von Hand macht, bedeuten die Alpen: erschwerte Arbeitsbedingungen. Aus der Sicht von Lastwagenfahrern, die Waren quer durch Europa transportieren: ein ärgerliches Hindernis. Aus der Sicht von Influencern: eine coole Kulisse. Aus der Sicht von Freizeitsportlern: ein riesiger Abenteuerspielplatz.

Die touristische Nutzung und Erschließung der Alpen ist auch Ansichtssache. Muss man den Strom der Besucher lenken, kontrollieren, reglementieren? Soll man das überhaupt? Kann man planen, welche Art von Tourismus in Zukunft noch möglich ist, mit Rücksicht auf Naturschutz, Klimawandel und Verkehrsüberlastung? Diese Fragen stellen sich Umweltschützer ebenso wie Politiker, Hoteliers und Seilbahnbetreiber vor Ort. Die Tendenz jedenfalls ist klar: Nicht erst seit der Corona-Pandemie ist der Urlaub in den Bergen gefragt wie nie. Bis zu 100 Millionen Touristen besuchen die Alpen pro Jahr, und laut Prognosen von Freizeitforschern werden es in den kommenden Jahren noch mehr.

Das Verhalten der Bergtouristen wandelt sich ständig. Wenn Alpinisten früher einen Gipfel wie die Weißkugel besteigen wollten, stiegen sie am Vortag zur Hütte auf, übernachteten dort, gewöhnten sich langsam an die Höhe und versuchten dann vielleicht am folgenden Tag, je nach Wetter den Gipfelanstieg, vielleicht auch erst am übernächsten. Heutzutage wird so etwas als Tagestour gemacht, auf dem Rückweg kehrt man dann noch kurz auf einen Cappuccino bei der Hütte ein. Im Winter rennen Speed-Tourenskiläufer mit ultraleichter Ausrüstung die Piste hoch zur Hütte, trinken schnell ein alkoholfreies Bier und zischen sofort wieder ab. Die Schutzhütte von früher hat längst eine andere Funktion.

Johann Wolfgang von Goethe ließ sich für seine Italienreise von Weimar nach Sizilien zwei Jahre Zeit, in den Alpen verbrachte er viele Monate. Heute nennt man so eine lange Auszeit „Sabbat“. Ein typischer Bergurlaub ist viel kürzer, dafür aber auch deutlich anstrengender. Wer will und körperlich dazu in der Lage ist, kann für 680 Euro eine Turbo-Tour buchen, bei der die Teilnehmer über den Alpenhauptkamm rennen. „Der Speed-Transalp“ führt in drei Tagen von Garmisch nach Meran, 6100 Höhenmeter in drei Tagen, gedacht ist so etwas „für ambitionierte Bergsportler und Trailrunner. Ob die Teilnehmer wohl viel wahrnehmen von den „funkelnden Bergseen“ und „epischen Gebirgsformationen“, von denen in der Reisebeschreibung die Rede ist? Ansichtssache.

Höher, schneller, weiter, mehr – so könnte man die touristische Entwicklung in den Alpen zusammenfassen. Früher galt ein touristischer Aufenthalt im größten Gebirge Europas als Privileg von Adeligen, Dichtern und spleenigen reichen Abenteurern. Sie blieben oft für mehrere Monate, residierten in Luxushotels oder mieteten sich in Privatzimmern ein. Heute steigt der Anteil der Tagesbesucher, die mit Auto, E-Bike, Wohnmobil und Motorrad anreisen. Morgens hin, rauf auf den Berg, abends wieder zurück.

E-Bikes tragen ganz klar zur Mobilisierung in den Bergen bei. Die Elektrifizierung des Rads könnte ähnlich weitreichende Auswirkungen haben wie die Erschließung der Alpen durch Lifte. Menschen gelangen dadurch in Höhen, die sie ohne Motorisierung wohl nicht erreichen würden. Das hat positive und negative Folgen – für die Natur, für die Frequentierung von Wegen und Hütten, für den Umsatz in Sportgeschäften. Puristen verteufeln die E-Bikes, aber es lässt sich nicht leugnen, sie ein wichtiger Motor für die weitere Entwicklung des Alpentourismus sind.

Bei den Seilbahnen und Skiliften sieht es ein bisschen anders aus: Hier ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Laut Prognosen von Klimaforschern fällt in Lagen unterhalb von 1800 Metern in den kommenden Jahrzehnten immer weniger Schnee, der Betrieb von kleinen tief gelegenen Skigebieten wird sich in absehbarer Zeit nicht mehr rentieren. In hoch gelegenen Skigebieten könnte man weiter ausbauen und modernisieren, aber die wenigsten Projekte werden noch von den Behörden genehmigt. Pläne für Skigebietszusammenschlüsse am Kaunertaler Gletscher und Ötzal/Pitztal liegen auf Eis, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Dennoch werden die Anlagen vielerorts massiv ausgebaut, etwa am Arlberg oder im Salzburgerland.

Parallel zu dieser Beschleunigung und Aufrüstung ist ein Trend zum Luxus und zur Beschaulichkeit zu erkennen. Berghütten sollten aus Sicht der Besucher möglichst mit Wifi, Bodenheizung und Wellnessbereich ausgestattet sein. Der Berggasthof heißt jetzt „Hideaway“. Achtsamkeit und Selbstfindung stehen dort ganz oben auf dem Programm, inklusive Yoga und buddhistischen Sinnsprüchen. Yoga ist das neue Golf. An gesellschaftlichen Trends wie Bio-Boom, Regionalismus und Veganismus kommt kaum ein Hotelier vorbei. Die Gäste fahren mit dem SUV aus München und Mailand in die Berge – sind dann aber doch ein bisschen enttäuscht, wenn der Name des Huhns nicht auf dem Frühstücksei steht. Authentizität ist alles.

Bloß: Wie kann man authentisch bleiben, wenn man von Besuchern geradezu überrannt wird? Stichwort: Overtourism. Österreich und Italien waren 2020 die beliebtesten europäischen Reiseziele der Deutschen, davor war es Spanien. An manchen Hotspots in den Alpen, etwa an den Drei Zinnen, am Matterhorn oder am Jungfraujoch, sind die negativen Folgen des Ansturms zu besichtigen. Es kommt zu Warteschlangen vor den beliebtesten Fotomotiven, etwa einer Hängebrücke am Schlegeis-Stausee in den Zillertaler Alpen. Soll man das alles reglementieren? Oder einfach laufen lassen?

Am Matterhorn wird versucht, die Zahl der Bergsteiger über den Preis zu begrenzen. Nur wer bereit ist, 150 Franken für die Übernachtung in der Hörnlihütte zu bezahlen, dazu den Bergführer, Seilbahn, Speisen und Getränke, hat eine realistische Gipfelchance auf der Normalroute über den Hörnligrat. Kostenpunkt: etwa 1000 Euro pro Person. Am Montblanc läuft es ähnlich. Das Konzept funktioniert nur so einigermaßen, denn es ist natürlich nicht verboten, die Besteigung ohne reservierter Hüttenübernachtung zu versuchen, vom Tal aus oder mit Übernachtung im Zelt. Die Alpen sind größtenteils frei zugänglich für jedermann, und das ist grundsätzlich auch richtig so. Berg- und Naturerlebnisse leben ja vor allem vom Freiheitsgedanken. Den Zugang zu einem Gebirge wird man auch rein praktisch nie komplett reglementieren können. Trotzdem: An manchen besonders attraktiven Orten muss sich etwas ändern, damit der Tourismus diese nicht kaputt macht.

Einfach laufen lassen wäre nicht das Richtige. Overtourism führt mancherorts zu einem drastischen Sinneswandel bei den Einheimischen. Am Tegernsee wurden Autos mit Münchner Kennzeichen mit Eiern und Dreck beworfen, am Walchensee gab es Demos gegen Tagestouristen, die alle Straßen zuparken. Ein Teil des Problems könnte man beheben, wenn die Ausflugsziele besser mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen wären, Vorbild ist hier die Schweiz. Aber das ist nicht alles. Entscheidend ist es, aus den Folgen der Pandemie zu lernen – und manche Erfahrungen daraus positiv zu nutzen. „Sicherheits- und Hygienestandards werden im Tourismus vermehrt Einzug halten“, prognostiziert das Innsbrucker Strategieberatungsbüro Brand Logic in einer Analyse über Zukunftstrends im Alpintourismus.

Natürlich wird sich vieles nach der Krise wieder normalisieren. Aber einige digitale Tools sind auch weiterhin nutzbar und durchaus sinnvoll: Apps zur Lenkung von Besucherströmen, kontaktlose Bezahlsysteme und Online-Buchungsplattformen für Seilbahnen und Ausflugsziele sind auch ohne akute Ansteckungsgefahr ein hilfreiches Instrument, um die Zahl der Gäste zu steuern. Im Bereich Social Media würde man sich dagegen wünschen, dass bestimmte überstrapazierte Fotomotive komplett gelöscht würden, etwa der Pragser Wildsee oder der Königsee, damit nicht noch mehr Leute kommen, um das ewig gleiche Instagram-Foto zu machen. Aber das geht blöderweise nicht, und es ist vielerorts auch gar nicht erwünscht.

Leider befeuern viele Tourismus-Werber den Hype um solche Modeziele, indem sie die Klischees immer wieder reproduzieren und bestärken. Das Gegenteil wäre erstrebenswert. Denn der Kern des Alpentourismus ist und bleibt die Natur. Der Massentourismus bringt diesen Schatz in Gefahr. Um den Wert dieser einzigartigen Gebirgslandschaft und ihrer vielfältigen Kultur zu erhalten, sollte man sich in Zukunft wieder mehr auf die Wurzeln des alpinen Tourismus besinnen. Die ersten Touristen kamen Mitte des 18. Jahrhunderts in die Alpen, weil sie sportliche Herausforderungen, beeindruckende Landschaften, Ruhe, saubere Luft und gutes Essen suchten. Heute spricht man von Nachhaltigkeit, Achtsamkeit, authentischen Erlebnissen und regionaler Bio-Kost und meint damit im Grunde das Gleiche.

Die Marktforscher von Brand Logic formulieren es so: „Das Kernprodukt in seiner Urform erobert sich seinen Platz zurück.“ Man kann es natürlich auch schöner sagen, zum Beispiel mit einem Zitat von Reinhold Messner: „Wir steigen nicht auf Berge, um Gipfel zu erreichen, sondern heimzukehren in eine Welt, die uns als ein nochmals geschenktes Leben erscheint.“

Von Titus Arnu
Karthaus 5. Juni 2021