Prolog

Die Neuentdeckung der Welt

In 42 Tagen auf dem Seeweg von Hamburg nach Hongkong

Am 8. Januar 2020 beginnt in Hamburg ein unvergessliches maritimes Abenteuer. 90 ZEIT-Reisende erfahren auf der Route legendärer Seefahrer live den Wandel unserer Welt und diskutieren mit unseren ZEIT-Experten an Bord über Themen der Geschichte und Zukunft wie etwa Kolonialisierung, Globalisierung und Zukunftsentwicklung. Sie genießen zugleich Entspannung und Entschleunigung an Bord eines der letzten Ocean Liners – auf einer Reise, die in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Weltordnung führt! Zwischen Hamburg und Hongkong liegen nicht nur fast 10.000 Seemeilen, Häfen der Welthandels- und Kulturgeschichte mit klingenden Namen wie Lissabon, Maskat und Colombo, sondern auch die modernen Metropolen Dubai, Singapur und Kuala Lumpur, die von einer neuen, multipolaren Weltordnung künden.

Wir erleben diese Traumreise gemeinsam mit leitenden ZEIT-Redakteuren und -Autoren in Vorträgen, Diskussionen, Gesprächen und Lesungen, en passant, so wie die Themen am Weg liegen – Journalismus live! Von Hamburg durch den Atlantik bis ins Mittelmeer nach Haifa begleitet uns Jochen Bittner, Redakteur für Europapolitik. Durch Arabien fährt mit uns die langjährige Israelkorrespondentin der ZEIT Gisela Dachs, deren großes publizistisches Thema die politische Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten ist. Von Dubai bis Singapur ist Ulrich Ladurner mit an Bord, seit über 20 Jahren an den Brennpunkten der Welt für die ZEIT unterwegs. Auf der Schlussetappe über Malaysia nach Hongkong begleitet uns Frank Sieren, einer der führenden deutschen China-Experten und ehemaliger ZEIT-Korrespondent in Peking. Auf dem gesamten Weg von Hamburg nach Hongkong dabei ist Wolfgang Lechner, der seit mehr als 30 Jahre in vielen Funktionen in der ZEIT-Redaktion arbeitet. Natürlich ist auf den Seetagen jede Menge Zeit für informelle Gespräche mit allen ZEIT-Kollegen.

Auf dieser Seereise schwingt auch das Erbe des britischen Empires mit. Deshalb gibt es kein geeigneteres Schiff für unsere Expedition als die »Queen Mary 2«, jener stilvolle und mit allem Komfort ausgestattete Ocean Liner der Traditionsreederei Cunard. Die zweite Cunard Königin, die »Queen Victoria«, übernimmt die kurze Ouvertüre von Hamburg nach Southampton. Die Stimmung an Bord ist angenehm und stilvoll, very British eben. Etwa bei der Tea Time im Queens Room, bei den Empfängen des Kapitäns, im Golden Lion Pub, dem Britannia Restaurant oder im Deckchair mit Blick über den Ozean. Die Reise führt unsere ZEIT-Weltentdecker zum Jahresbeginn 2020 vom Winter in tropische und sommerliche Temperaturen. Nicht zuletzt der Wechsel zwischen den Landexkursionen voller Einsichten und Debatten mit der Gelassenheit, Entspannung und Erholung der Seetage geben dieser Seereise den Charakter einer wahren Passage.

In diesem Blog können Sie die Reise und die Eindrücke der ZEIT-Reisenden mitverfolgen. Die Beiträge stammen von den Teilnehmern selbst, aber auch von den ZEIT-Reisebegleitern.

Reiseroute

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Tag 1: 8. Januar

Tschüss, Hamburg!

Abschied im Nieselregen

Die Queen Victoria legt vom Kreuzfahrtterminal Altona ab. Foto: Lukas Lechner

Sagen wir es mal so: Es fällt wenigstens nicht so schwer, Hamburg zu verlassen, wenn das Wetter so ist, wie es zu unserer Abfahrt war. Da freut man sich auf das Mittelmeer, auf die trockene Hitze der arabischen Halbinsel, auf die Wärme Sri Lankas, auf die Tropen, auf alles, was kommt. Denn ungemütlicher kann es nicht mehr werden. So verschwand die Silhouette der Elbphilharmonie im Regendunst. Die wenigen Unerschrockenen, die sich beim Ablegen pünktlich um 19 Uhr auf den Decks verloren, waren froh um ihre warmen Jacken und ihre Mützen, und nur wer Hamburg auch schon mal bei besserem Wetter erlebt hatte, konnte Övelgönne erahnen, den Elbstrand, Teufelsbrück, die Lindenterrasse, Blankenese. Um 10, nach der zweiten Sitzung des Abendessens, passierten wir schon Brunsbüttel und gegen Mitternacht ging es hinaus in die Deutsche Bucht. 416 Seemeilen sind es von Hamburg bis Southhampton, und bei einem Umrechnungskurs von 1,852 sind das gut 770 Kilometer. Great Britain, wir kommen – ein letztes Mal von EU-Land zu EU-Land! (Alles über den Brexit wird uns der ZEIT-Redakteur Jochen Bittner morgen Vormittag in seinem Vortrag erzählen. Dafür hat er genau eine Stunde. Ob das reicht?)

WL

Die Position der Queen Victoria kurz vor Mitternacht
Tag 2: 9. Januar

Auf See

Wunder an Bord

Galaabend auf der Queen Victoria. Dresscode: Smoking und Abendkleid. Foto: Dorli Lechner

Bei leichtem Seegang dampfen wir entlang der deutschen und holländischen Nordseeküste Richtung Ärmelkanal. Und haben einen ganzen Tag lang Zeit, die Wunder eines so großen Schiffes kennenzulernen: ein Frühstücksbüfett, das keine Wünsche offen lässt, von Baked Beans und Black Pudding bis zum Müsli; ein Fitnessangebot für die, die sich viel vorgenommen haben; die „Royal Arcade“, die nichts ist als eine schwimmende Shopping-Mall; die Bilibliothek, die Bars, die Clubs …
Aber es geschehen auch andere Wunder an Bord: Die lange Warteschlange am Pursers Office etwa löst sich immer ziemlich rasch auf. (Ist eben ein britisches Schiff, und eine anständige Warteschlange bilden, das können sie, die Briten.) Und – nächstes Wunder – obwohl irgendjemand vergessen hat, den ersten Vortrag von Jochen Bittner ins deutschsprachige Tagesprogramm zu schreiben, finden sich (fast) alle ZEIT-Reisenden rechtzeitig um 10 Uhr im Yacht-Club ein. („Bye, bye, Britain! Der Brexit, endlich verständlich“ war das Thema, und da kann es natürlich passieren, dass so eine Ankündigung schon allein deshalb auf wundersame Weise in den Tiefen des Schiffes Ihrer Majestät verschwindet …)
Für die jedenfalls, die es rechtzeitig schafften, in den Yacht-Club zu finden und auch die Uhren noch nicht (irrtümlicherweise) auf Greenwich-Zeit umgestellt hatten, wurde es eine hochinteressante Veranstaltung. Schließlich war Jochen Bittner lange ZEIT-Korrespondent in Brüssel und war danach in der Politik-Redaktion der ZEIT für Großbritannien und den Brexit zuständig, hat mit hochrangigen britischen Politikern und ebensolchen Journalisten über das Thema diskutiert und konnte so aus dem Inner Circle von Brexiteers und Remainern berichten. Und nicht minder interessant waren die Fragen und Statements aus dem Publikum, die sich an Jochen Bittners Referat anschlossen. ZEIT-Leser sind eben nicht irgendwelche Zeitungsleser …
WL

Tag 3: 10. Januar

Umsteigen in Southampton

Ein historischer Abschied

Erster Blick auf ein Riesenschiff – vom Transferbus aus

Okay, das war‘s dann mit den Briten. Kurz vor Mitternacht wird die Queen Mary 2 von Southampton ablegen, wird durch den Ärmelkanal Richtung Golf von Biskaya fahren, dann rund um die iberische Halbinsel ins Mittelmeer, durch den Suezkanal und nach Südostasien, und wenn das prächtigste Schiff des Empires nach über hundert Tagen rund um Australien und Afrika wieder zurückkommt in seinen Heimathafen, dann wird das Vereinigte Königreich nicht mehr zu Europa gehören. Oder zumindest nicht mehr zur EU.

So haben wir an diesem Tag einen historischen Moment miterlebt, und passenderweise gab‘s zum Abschied auch noch „Pomp and Circumstance“ und ein bemerkenswertes Feuerwerk über dem Ocean-Terminal von Southampton. Als ob es hier wirklich was zu feiern gäbe. Hätte nur noch gefehlt, dass auch „Rule Britannia“ erklungen wäre, aus den großen Lautsprechern am Hafen. Aber ist der tiefere Hintergrund des Feuerwerkens nicht ohnehin die Abwehr von bösen Geistern? Und man braucht nicht besonders viel Phantasie, um jenseits des 31. Januar – nur noch drei Wochen! – eine ganze Horde von bösen Geistern über den britischen Inseln und Europa lauern zu sehen.
Und im Übrigen versuchen wir gerade, uns auf einem neuen Schiff zurecht zu finden. Auf einem noch größeren, mit noch mehr Decks, noch mehr Passagieren, noch mehr Besatzung. An die 360 Meter ist die Queen Mary 2 lang und so hoch wie die Türme von Notre Dame. Mit rund 3000 anderen Gästen teilt sich jeder von uns die Passagierdecks, die Restaurants, die öffentlichen Räume – und doch erkennen sich die ZEIT-Reisenden auch auf diesem Schiff wieder an dem schwarzen Z auf weißem Grund, das sie als magnetischer Anstecker an ihren Pullis und Sakkos tragen. Und freuen sich auf den nächsten Vortrag von Jochen Bittner, in dem es morgen Nachmittag um das nächste Großthema gehen wird, das uns seit Jahren beschäftigt – um Migration.

WL

Tag 4: 11. Januar

Auf See

Wir lernen eine große Dame kennen

Passt: Jochen Bittner spricht über Migration. Unter dem Sternenhimmel des Planetariums.

Langsam beginnen wir, uns auf dem Riesenkahn QE2 zurecht zu finden. Auch wenn es nicht ganz verständlich ist, warum es nicht nur Deck 1, 2, 3 und so weiter gibt, sondern auch noch Deck 3 L, was so viel heißt wie „low“, also „3 tief“, und sich auch nicht durchs ganze Schiff zieht, sondern nur die Strecke vom Planetarium zum Theater. Oder so. Welcher Schiffs-Architekt denkt sich so was aus? Und wie viele Tage muss ein Schiffs-Passagier an Bord sein, um sich da nicht mehr zu verlaufen?

Wir lernen, dass es Menschen gibt, die mit der QM2 von New York nach New York reisen. Also über den Atlantik nach Southampton, dann mit uns durchs Mittelmeer und den Suez bis nach Hongkong, um Australien und das Kap der Guten Hoffnung zurück nach England und gleich noch mal über den Atlantik – was gut und gern 120 Tage dauert. Warum eigentlich nicht, wenn man zu Hause nichts Besseres zu tun hat? Und die Begegnung mit solchen Menschen macht so eine Reise aus: Mit den Menschen in der ZEIT-Reisenden-Gruppe, die von ihrer Arbeit in Afrika zu erzählen wissen, von ihrem Leben als Unternehmer, von ihren Architekten-Aufträgen im Oman, beauftragt vom Sultan, dessen Tod ausgerechnet heute bekannt wurde, zwei Wochen, bevor auch wir in Maskat an Land gehen wollen. Ober die Begegnung mit einem alten Engländer, mit dem man beim Schlangestehen an der Rezeption ins Gespräch kommt und der wissen will, welche Erinnerungen man selbst an der Krieg habe. Ob man ihm erklären soll, was im Deutschen mit „Gnade der späten Geburt“ gemeint ist?

Und dann, knapp vor dem Begrüßungscocktail des Kapitäns und einem weiteren Pinguin-Abendessen, der Vortrag von Jochen Bittner über Migration. Mit einer Diskussion, die Diplomaten „offen“ nennen würden und wir Nichtdiplomaten „lebhaft“. Oder auch: stellenweise kontrovers.
Diesmal waren auch etliche deutschsprachige Gäste dabei, die nicht zur ZEIT-Reise-Gruppe gehörten. Klar: Sie sind auch herzlichst eingeladen. Damit sie ganz unmittelbar erleben können, was für kluge, interessante Menschen die ZEIT zusammenschreiben. Und wie klug und kritisch es macht, diese Zeitung zu lesen.

WL

Tag 5: 12. Januar

Auf See

Rund um das Ende der Welt

Willkommenscocktail auf der Queen Mary 2. Der Reiseleiter erhebt das Glas. Foto: Gustav Kuhweide

Heute mittag lag der Golf von Biskaya hinter uns und wir passierten Kap Finisterre, das „Ende der Welt“ – die nordwestliche Ecke der iberischen Halbinsel. Weiter geht es, die spanische und portugiesische Küste entlang Richtung Süden. Und ein ZEIT-Reisender macht sich so seine Gedanken über die internationale Atmosphäre an Bord und die kulturelle Prägung durch das britische Empire:

Ein wenig fremd fühlt man sich als Deutscher schon auf der Queen Mary 2; auch wenn sie uns mit dem verkürzten „QM“ oder einfach „der Mary“ schon vertraut klingt. Es gibt für uns Deutsche ein eigenes Tagesprogramm in deutscher Sprache, das auf das Überangebot an Ereignissen aufmerksam macht. Für Spiele und Tanzstunden, Wissenslektionen über das Weltall, Einführungen in die weiteren Anlegestationen ist genauso gesorgt wie für Abendunterhaltung in Form von Musik und Shows. Den Tag auf See strukturieren vor allem die Mahlzeiten. Frühstück, Mittag- und Abendessen kann man in Restaurants mit Bedienung einnehmen, bei denen die Vielzahl der Servicekräfte und deren Freundlichkeit auffällt. Manches hält man für „overdone“. Etwa, wenn einem der Steward den Stuhl in die Kniekehlen rückt. Oder die Servietten entfaltet und auf den Schoß legt. Aber sehen wir es positiv: Man ist um unser Wohl besorgt.
Wer sind die Personen, die sich hilfreich um uns kümmern? Das komplette Servicepersonal bei den Mahlzeiten rekrutiert sich aus den Ländern des britischen Empire, das Kabinenpersonal eher aus Ländern wie den Philippinen, und über die Herkunft der unsichtbaren Geister, die nachts das komplette Schiff säubern oder in den Maschinenräumen oder der Wäscherei arbeiten, kann man nur spekulieren. Vielleicht Bangladesch? Oder versprengte Länder der ehemaligen Sowjetunion? Oder was sonst das untere Ende des internationalen Arbeitsmarkts ausmacht.
Für die britischen Mitreisenden wird eine Atmosphäre distinguierten Lebensstils zelebriert, die ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Verabschiedet wurden wir von einer britischen Militärkapelle.

Sie spielte Stücke, die wir aus der Last night of the proms kennen. Das britische Verhältnis zum Militär und seinen Traditionen ist eben ein anderes als das unsere.
Zur Verabschiedung gehörte auch ein Feuerwerk.
Das Schiff hält eine Kleiderordnung hoch, die allenfalls den Schein vergangener Zeiten und der damaligen britischen Upperclass repräsentiert (genauer gesagt: simuliert). Vom heutigen Lebensstil der Oberklasse in UK ist das wohl meilenweit entfernt.
In dieser Mischung aus maritimer Tradition, britischem Landleben und Kreuzfahrttourismus schauen wir nach draußen auf die Städte und Länder, die es zu entdecken gilt, wobei das schon etwas abgehoben klingt. In Wirklichkeit lassen wir sie an uns vorbeifahren und suchen die besten Ansichten und Einblicke heraus, die an früher Gelesenes oder Geschautes anknüpfen oder später zum Berichten an die Daheimgebliebenen taugen. Und sind auch diese Destinationen der eigentliche Zweck der Fahrt, so werden das Leben an Bord, das Einfühlen in die noch fremden Abläufe und die Muße beim Zurücklegen der Distanzen auf See genauso Inhalt und Bestimmung einer solchen Reise.
Insgesamt dominiert ein zurückhaltend höflicher Umgangsstil auf dem gesamten Schiff, eine britische Prägung, in die man sich gut einfindet, wenn man die Fernsehserie von Inspector Barnaby verfolgt hat. Man genießt die freie Zeit mit Stil (in Benehmen und Kleidung) und lässt sich gern bedienen. Es scheint, als könnten uns die politischen und militärischen Konflikte der Regionen, durch die wir fahren, nichts anhaben. Fast als schütze uns bereits der Verweis auf die Tradition. Die Verantwortung für unser Wohlergehen liegt in den Händen des Kapitäns. Die Weltnachrichten erreichen uns durch britische und amerikanische Fernsehsender und deren Prioritäten. Für die britischen haben Geschehnisse um die Monarchie (Harry und Meghan!) noch den höchsten Stellenwert. Und natürlich die Premier League: Für die amerikanischen Mitreisenden gibt es Basketball. Die Handball EM findet hier nicht statt. Da loben wir uns die interessanten Vorträge der ZEIT-Redakteure und den Austausch darüber und bleiben damit ansatzweise in der Welt von heute.

PAUL SOEMER

Tag 6: 13. Januar

Lissabon

Von hier geht's nur noch nach Osten

Einfahrt nach Lissabon: Die Brücke des 25. April im Nebel nur zu erahnen. Foto: Gustav Kuhweide

Lissabon: die westlichste Station unserer langen Reise Richtung Osten. Lissabon: Eine Stadt für Genießer und für – Straßenbahnfans.


Wenn es an diesem nebligen Vormittag auch noch ein wenig frisch und ungemütlich ist in den Gassen, es locken Konditoreien mit einer unglaublichen Auswahl von süßen Verlockungen.


Und wer es lieber herzhaft mag, hält sich an den traditionellen Klippfisch, den Bacalhau …


… oder an Fischkonserven jeder Art, von Sardinen in scharfer Soße bis zu Kabeljau-Zungen in Olivenöl. Solche Luxusdosen sind ja auch eher als Mitbringsel geeignet als der Klippfisch!


Auch wenn er noch so liebevoll verpackt wird.


Natürlich gibt es auch die Kulturbeflissenen, die an den vielen Kirchen Lissbons nicht achtlos vorbeigehen.

Mittags kommt dann die Sonne heraus. Endlich wieder blauer Himmel! Und während die ersten Passagiere es sich auf dem Sonnendeck bequem machen …


… freuen sich die anderen noch, dass die QM2 so nahe an der Innenstadt liegt. Und dass man nicht einmal einen Stadtplan braucht, um sie wiederzufinden. (Man muss nur wissen, dass das da vorn unser Schiff ist. Und kein Hochhaus.)


Um 17 Uhr lässt Kapitän Hashmi die Leinen loswerfen. Es geht hinaus auf den Tejo und flussabwärts. Schon liegt die Alfama wieder hinter uns.


Gerade mal so passt die QM2 unter der Brücke des 25. April durch …

.. die wir bald, im Abendlicht, ganz ohne Nebel, in ihrer ganzen Eleganz bewundern können.

WL

Fotos: Elisabeth Vogelheim, Dorli Lechner und F. W. Zimmermann

Tag 7: 14. Januar

Auf See

Auf ins Mittelmeer! Doch die Erinnerung an Lissabon bleibt

 

Auch an Bord wird der Reise-Blog gelesen. Foto: F. W. Zimmermann
Heute um halb elf: Wir lassen Gibraltar links liegen und fahren ins Mittelmeer

 

Lissabon war gestern. Aber noch immer ist es Gesprächsstoff unter den ZEIT-Reisenden. Und einer von ihnen schreibt auf, was ihm die portugiesische Hauptstadt bedeutet:

Wohl jeder von uns hat einen Sehnsuchtsort oder auch mehrere. Sie ziehen uns an, weil sie unsere Wünsche repräsentieren, so vielfältig und vielleicht auch widersprüchlich sie sein mögen. Für mich ist Lissabon ein solcher Sehnsuchtsort und ich habe heute wieder erlebt, warum.
Nachdem die Nebel aufgestiegen waren, lag die Stadt im warmen hellen Sonnenschein. Sie ließ den deutschen Winter – und wir sind ja erst im Januar – vollends vergessen. Reflektiert vom Ockerton der gepflasterten Wege und Straßen tauchten diese Sonnenstrahlen die Stadt in das unvergleichliche mediterrane Licht.

Der Weg durch die Stadtteile führt immer auf und ab und um viele Kurven und Windungen. Man blickt nach rechts und links in enge Gassen hinauf oder hinab, kommt an kleinen Parks oder nur Andeutungen von solchen vorbei, wenn neben wenigen Bäumen eine kleine Freifläche liegt, passiert herrliche Plätze in Hanglage und erreicht jene wunderbaren Miradores, die Aussichtspunkte, von denen aus sich weite Blicke auf umliegende Hügel, die abwechslungsreiche Bebauung, mal eine Festung, viele Kirchen und mit etwas Glück ein Zipfel des Wassers des Tejo öffnen. Nie lassen die Häuser der dicht bebauten Straßen ein Gefühl von Monotonie aufkommen. Ihre wechselnden hellen Farben und die oftmals gekachelten Fronten lassen jedes Einzelne individuell erscheinen. Man muss die einzelnen Häuser nicht mögen, oftmals wirken sie auf uns auch heruntergekommen. (Renovierungsstau ist da schon eine harmlose Zustandsbeschreibung). Aber sie sind immer individuell und dadurch wirkt nie ein Straßenzug aufdringlich oder bombastisch, nie kündet ein Platz von Reichtum oder Bedeutung früherer Jahre. Und solche Zeiten hatte Lissabon, aber Imponiergehabe ist nicht die Sache der Portugiesen. Dabei macht sich die Stadt nicht klein, was schon wegen ihrer Lage an einem so majestätischen Fluss nicht sein kann.
Der Charme des gelungenen Maßes , die Individualität jedes Stadtviertels findet sich in den Läden wieder, die weit weniger gleichförmig daherkommen als in Deutschland oder anderen europäischen Großstädten. Und das gilt auch für Restaurants, kleine und kleinste Cafés oder Verkaufskioske. Nie wirkt es aufdringlich, sieht man von den lästigen Sonnenbrillenverkäufern oder Animateuren für die Straßengastronomie im Zentrum einmal ab. Der Umgang der Menschen in Alltagssituationen ist freundlich. Die Angebote der verschiedenen Migrantengruppen, die jede Weltstadt hat, und Lissabon aus kolonialer Tradition natürlich auch, sie wirken gut integriert. Sie verhindern vielleicht sogar, dass eine Puppenstubenatmosphäre entsteht. Die Auslagen der Läden zeigen eine zufällig anmutende Harmonie und sind eben nicht auffällig designt.
Topographie, Straßenbilder, gestaltete Fassaden und Geschäfte, gemütliche Cafés, das Licht und das Wasser und nicht zuletzt die Menschen machen das esondere dieser Stadt aus. Die alten Straßenbahnen mögen aus der Zeit gefallen sein, sie sind aber kein folkloristischer Kitsch und erfüllen trotz des sehr mäßigen Tempos ihre Funktion im Alltag. Ähnlich ist es mit vielen Aufzügen im Innern der Häuser, die aus den ersten Tagen dieser Technik stammen müssen, aber noch funktionsfähig, wenngleich unglaublich langsam sind.

Da wundert es nicht, dass Lissabon Attraktionspunkt für jene kreative Szene in Europa geworden ist, die sich Wirtschaftsförderer und Stadtentwickler vieler Städte nach dem Vorbild des Silicon Valley wünschen. Das gelingt nur sehr wenigen, denn diese Talente suchen sich die lebenswerten Plätze mit besonderem Flair, um im Austausch miteinander die Lebens-, Wirtschafts- und Technikmuster von morgen zu entwickeln.

Zurück zum Bild des Sehnsuchtsortes! Er steht für den Ausgleich der widersprüchlichen Wünsche oder eigentlich nicht vereinbarer Lebensbedingungen. Da bietet Lissabon Einiges durch das Zusammentreffen von alt und neu, verschiedener Kulturen und viel Individualität gepaart mit Offenheit für alles Neue. Wie lebt man die Sehnsucht nach solchen Orten? Man besucht sie immer wieder und bleibt doch der alten Heimat verhaftet.

PAUL SOEMER

Tag 8: 15. Januar

Auf See

Afrika in Sicht!

Den ganzen Tag über ist auf der Steuerbordseite Afrika zu sehen. Algerien, der hohe Atlas. Jetzt wird an Bord ein Thema immer präsenter, ein sehr ernstes Thema, über das der ZEIT-Redakteur Jochen Bittner in einem seiner Vorträge genauso gesprochen hat wie der Kapitän beim traditionellen maritimen Sonntagsgottesdienst: das Thema Migration. So hatte Kapitän Aseem Hashmi an den Untergang der Titanic erinnert, als die Geretteten in den Rettungsbooten sich weigerten, Ertrinkende aufzunehmen. „Dürfen wir heute sagen, unser Boot sei voll?“, fragte der Kapitän. „Dürfen wir Menschen in Gefahr unsere Hilfe verweigern?“ Und „selbstverständlich“ würde er das Schiff stoppen und kehrtmachen, wenn auf der weiteren Fahrt durchs Mittelmeer ein Flüchtlingsboot in Sicht käme. Auch die ZEIT-Reisenden – und gerade sie! – wissen, dass man heute nicht übers Mittelmeer fahren kann, ohne über dieses bedrückende Thema nachzudenken. Und ein Mitreisender macht sich auf Grund seiner persönlichen Erfahrungen Gedanken über den Kontinent, der heute Vormittag an Steuerbord wie zum Greifen nah war:

Nach dem sehr informativen Vortrag über Europa und die Migration von Jochen Bittner kam es zu einer anregenden Diskussion. Die Frage nach einfachen Lösungen stand im Raum. Der Referent plädierte für Geduld und Vorschläge, mit Blick in die Zukunft.
Ich bin skeptisch, ob ein Ende der Migration von Afrika nach Europa in naher oder gar ferner Zukunft in Sicht ist. Wir betrachten die Situation mit unserer deutschen Brille.
Vor 40 Jahren habe ich Afrika zum ersten Mal besucht und berichtet, wie deutsche Entwicklungshelfer (nach dem Vorbild des US-Peace-Corps) erste Freiwillige des DED nach Afrika schickten.

Später ging ich selber, voller Idealismus und mit gut gefüllter Projektkasse, als sogenannter Experte zunächst nach Sansibar. Die Menschen im Projekt sollten unserem Beispiel folgen. Die Kollegen hießen Counterparts . Sie sollten den Job nach meiner Abreise so effektiv weitermachen, wie ich diesen vorgelebt hatte. Meine letzten Tätigkeit als Expat in Swasiland (heute eSwatini) öffnete mir später, viel später, endgültig die Augen. Als Broadcast Manager bei SwaziTV hatte ich den Aufbau eines Fernsehprogramms begonnen. Ziel: Information und Bildung durch staatliches Fernsehen, ein wenig Unterhaltung aus der Kultur des Landes. Die üblichen Abteilungen und Schwerpunktredaktionen. Vor allem aber, ganz wichtig, die Live-Übertragungen aus aktuellen Anlässen, wenn der König etwas zu sagen hatte, auch Parlaments-Fernsehen. Dazu: Ausbildung und Training der verantwortlichen Redakteure unter Berücksichtigung der gesellschaftspolitischen Situation im Königreich. Die Kandidaten und zukünftigen Redakteure brachten durchweg eine qualifizierte Ausbildung an der Universität in Swasiland mit. Journalismus wurde als Fach unterrichtet, für Zeitungen und Radio.

Ich verließ Swasiland mit dem Gefühl, mein Bestes getan zu haben. Auftrag erfüllt: Mehr Bildung und Aufklärung durch das Medium Fernsehen. Und das vor allem in einer Zeit, als AIDS zum wichtigen Thema wurde.

Als ich nach diesen Jahren als Expat wieder meine Tätigkeit in Deutschland aufnahm, wollte keiner meiner Kollegen wissen, was ich in Afrika gemacht hatte. Afrika war so weit weg. Und bald hatte mich der deutsche Alltag im Griff, die Kontakte nach Swasiland schliefen ein. Bis mich eine Volkshochschulgruppe zehn Jahre später fragte, ob ich sie als Reiseleiter durch das kleine Ländchen führen könnte. AIDS in Afrika war der Schwerpunkt. Selbstverständlich wollte ich den reisenden Erwachsenenbildnern auch „meine“ Fernsehstation zeigen.

Der Schock war heftig. Von meinen neun Counterparts, meinen Nachfolgern, waren acht gestorben. „Undisclosed sickness“ hieß es in den Traueranzeigen, „unbestimmte Krankheit“.
Nur eine Frau hat die zehn Jahre danach überlebt. Allerdings hatte sie geheiratet und war nicht mehr bei SwaziTV angestellt.
Es traf mich hart: Vier Jahre Training, Ausbildung, Aufklärung, Partizipation auf Augenhöhe, alles vergeblich! Ich verstand plötzlich, dass der Begriff der Nachhaltigkeit ein Schönungswort für unsere wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit ist.
Die Fernsehstation in der Hauptstadt sendet immer noch. Jetzt nach eigenen Regeln. Das ist okay. Wären da nicht die Lückenfüller aus dem riesigen Angebot der Unterhaltung, des Entertainments aus Übersee. Swasiland hat das internationale Abkommen über Copyright nicht ratifiziert. Also bietet das Internet unendlich viele Programme an, die in SwaziTV flimmern.
Das ist nur ein kleines Beispiel für 50 Jahre Entwicklungshilfe und jetzt wirtschaftliche Zusammenarbeit genannt. Ich könnte noch andere Geschichten aus Afrika erzählen, weil ich diesen Kontinent beruflich oft besucht habe. Vielleicht brauchen wir noch 50 Jahre, so wie Herr Bittner an unsere Geduld appelliert.
Ich bin skeptisch. Ohne Systemwandel, ohne Verzicht auf unsere Wohlstandsansprüche, werden viele Afrikaner ihre Zukunft weiterhin in Europa sehen. Die Mehrzahl der Bewohner auf diesem Kontinent will nicht zum Hinterhof der Europäer werden. Afrika wird seine kulturelle Identität nicht verleugnen, sondern langfristig bewahren wollen. Wir erkennen die Zeichen. Es gibt keine einfache Lösung für die nächsten 50 Jahre.

FRIEDRICH W. ZIMMERMANN

Tag 9: 16. Januar

Messina

Am Fuße des Vulkans

Ätna, Taormina, Kaktus. Foto: Herbert Moelle

 


Donnerstag früh: 8 Tage und 5000 Kilometer Seefahrt liegen schon hinter uns. Wir nähern uns der Straße von Messina. Kurz nach Sonnenaufgang werden wir zwischen Scylla und Charybdis hindurch müssen. Zu Zeiten des alten Odysseus war das eine echte Herausforderung. Heute besteht die Challenge für den Frühaufsteher auf dem Observation Deck höchstens darin, zu verstehen, wo nun genau Sizilien beginnt und wo die italienische Halbinsel endet. Denn erst einmal muss die QM2 ums Eck. Und die Einfahrt in den Stretto ist noch nicht zu erkennen.


Doch dann liegt im Morgenlicht Messina vor uns. Aber noch hüllt sich der Ätna in Wolken.


Der Kapitän schafft es sogar, das Schiff im engen Hafenbecken zu drehen.


Und weil von der Brücke per Lautsprecher die Bitte kam, „diesen Tag und das gute Essen hier“ zu genießen, landen die ersten Genießer auch bald bei Wein und Arancini, frittierten Reisgebilden, gefüllt mit Ragú und Mozarella.


Keine 250 Meter sind es vom Schiff zur Kathedrale mit der größten astronomischen Uhr der Welt …

… und prächtig bemalten Deckenbalken.


Wer den Weg nach Taormina auf sich nimmt, sieht den Ätna…

… bald in voller Pracht, samt Schneedecke und Rauchfahne.


Und auch bei der Besichtigung des griechisch-römischen Theaters ist der höchste Vulkan Europas immer im Bild.


Nachdem das Schiff mit weiteren Vorräten bestückt ist …

… kann es am späten Nachmittag weitergehen hinaus auf den Stretto. Gleich wird die QM2 nach Steuerbord drehen und das ionische Meer ansteuern, dann das Mittelmeer südlich von Kreta und schließlich die Küste der Levante. Die israelischen Passbeamten, erfahren wir, sind schon an Bord. Sie werden die Gesichtskontrolle unterwegs erledigen, damit wir in drei Tagen, in Haifa, gleich an Land gehen können.


Die Windvorhersagekarte verspricht eine größtenteils ruhige Fahrt.
Fotos: Dorli Lechner, Herbert Moelle, Elisabeth Vogelheim und Friedrich W. Zimmermann

Tag 10: 17. Januar

Auf See

Im Schiff, am Schiff und rund ums Schiff herum

Man kann an so einem Seetag einiges unternehmen an Bord. Kann sich in die Deckchairs fläzen, wenn die Sonne scheint, kann warten, bis (vielleicht) Kreta in Sicht kommt (es kam nicht; zumindest nicht bis Sonnenuntergang), kann auf Deck 7 Runde um Runde ums Schiff drehen. (3 Runden sind 1,1 Seemeilen, also etwa 2 Kilometer.) Oder man kann sich in die Innereien des Schiffs begeben, wie der folgende ZEIT-Reisende:
Die Küche ist der wichtigste Raum in jedem Zuhause: an Land oder – wie hier an Bord –auf großer Fahrt.
Ich bin neugierig: Wo wird das gute Essen vorbereitet und gekocht, das wir täglich serviert bekommen oder nach dem wir am Büffet greifen?
Wir kennen Großküchen aus eigener Erfahrung oder aus den Medien. Wir haben Berichte mit kritischem Unterton gelesen. Deshalb wollte ich sehen, wie es in der zentralen Küche der QM2 aussieht. Greta, die deutschsprachige Hostess, lud zur Küchenbesichtigung ein. Mein Augenöffner, empfehlenswert.
FRIEDRICH W. ZIMMERMANN

Wer viele Menschen satt machen will, muss in großen Töpfen rühren.
Der Küchenchef Roland Sargunan verteilt Informationen
Eine beeindruckende Statistik

 

Fotos: Silvia Moelle und Friedrich W. Zimmermann

 

 

Tag 11: 18. Januar

Auf See

Von Europa nach Asien

Der Reiseleiter

Dr. Wolfgang Lechner

 

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wurde 1953 in Schwaz, Österreich, geboren. Von einer Wiener Großmutter und einer Tiroler Mutter lernte er das Kochen, studierte Literaturwissenschaft und wurde dann doch Journalist. Er war Redakteur bei der Zeitschrift »Eltern« in München und Chefredakteur der Jugendzeitschrift »Junge Zeit« in Augsburg. Im aufregenden Jahr 1989 kam er nach Hamburg und zur ZEIT. In der Redaktion des ZEITmagazins war er viele Jahre lang für die Kolumne von Wolfram Siebeck zuständig, gründete das Ressort »Die ZEIT der Leser« und arbeitete als Chef vom Dienst für das Blatt. Als Autor zahlloser Berichte und als Experte für Wein- und Genussthemen befasst er sich vor allem mit den schönen Seiten des Lebens. Er hat schon viele ZEIT-Reisen nach Spanien, Österreich, Italien, nach Norwegen, in die Türkei und in die Karibik begleitet.

Der Referent

Dr. Jochen Bittner

Wollte immer Journalist werden, studierte aber neben der freien Schreiberei – u. a. für die “Kieler Nachrichten”, die “FAZ” und die “Welt” – erst einmal Jura und Philosophie. Nach einer Promotion über die IRA in Belfast kam er 2001 zur Politischen Redaktion der ZEIT. Von 2007 bis 2011 Europa-Korrespondent in Brüssel. War verantwortlich für die Meinungsseiten der Politik und leitet heute das neugegründete ZEIT-Ressort „Streit“.
Das treibt mich an
Hinter die Wahrnehmung zu gelangen, zu dem, was man Wahrheit nennen könnte. Wissend, dass es sie nicht gibt. Aber den Anspruch braucht es.
Da komme ich her
Aus dem Lokaljournalismus. Da lernt man unmittelbar, was Texte anrichten können. Und bewirken.
Dieses Ereignis hat mich journalistisch geprägt
Ich hoffe, dass mich keine Ereignisse prägen, sondern Haltungen und Überzeugungen. Woher man die gewinnt? Das moralische Gesetz in uns und der bestirnte Himmel über uns …
Diesem Thema widme ich die meiste Zeit
Die meiste Zeit widme ich Themen, die ich zu keiner Zeit vorhersehen kann.
Das mache ich jenseits von meiner Arbeit
Wasser. Wind. Schleswig-Holstein. Dorf. Garten. Holz.

In Kooperation mit:
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