Prolog

Khane, Taiga, Zarenschätze

Pionierreise durch grandiose Landschaften und zwei Kontinente: 14.500 Kilometer in 56 Tagen von Shanghai nach Hamburg durch China, die Mongolei, Russland, die baltischen Staaten und Polen zurück nach Hamburg

Wir haben das große Reiseabenteuer auf der Neuen Seidenstraße weiterentwickelt – und eine vollkommen neue Expeditionsroute von Shanghai nach Hamburg ausgearbeitet: Anstatt China steht nun Russland fast vier Wochen lang in all seinen faszinierenden Facetten im Fokus: vom Baikalsee über Sibirien bis zu den Metropolen Moskau und St. Petersburg. Schon vom Start weg erweitern kompetente ZEIT-Experten Ihren Horizont: Oliver Harms, der den Aufstieg Chinas seit vielen Jahren begleitet, Frank Sieren, einer der führenden deutschen Chinakenner, und unsere neue Korrespondentin Xifan Wang, die seit Anfang Juli für die ZEIT aus Peking berichtet, vermitteln Ihnen auf der zweiwöchigen Reise durch China Hintergründe zur Entwicklung und zum Wandel in China. Rainer Schelp und Wolfgang Pohl, unsere bewährten Reiseführer auf der Seidenstraße, begleiten die ZEIT-Reisenden auch auf der neuen Route. Sie durchqueren zwei Kontinente und zwei der größten Länder der Erde.
In der Mongolei erleben Sie eine grandiose, fast noch archaische Landschaft, in der Naturgewalten den Alltag bestimmen. Bei der vierwöchigen Durchquerung Russlands sind alle vier ZEIT-Korrespondenten seit der Eröffnung des Moskauer Büros in den siebziger Jahren an Ihre Seite: Christian Schmidt-Häuer mit seiner Frau Maria Huber, Michael Thumann, Johannes Voswinkel sowie Alice Bota. Das Baltikum bezaubert dann durch Begegnungen mit vergangenen Epochen und dem Aufbruch in ein neues Zeitalter. Unsere ZEIT-Experten unterstützen Sie dabei, fremde und sehr unterschiedliche Kulturen kennenzulernen und Ihre Eindrücke einzuordnen, damit Sie sich ungeachtet der Schlagzeilen zur Tagespolitik Ihr eigenes Bild machen können.
Und wenn unsere Kulturexpedition dann nach 56 Tagen, 35 Etappe und mehr als 14.000 Kilometern Fahrt Ende August in Hamburg angekommen ist, hoffen wir, dass es Ihnen genauso geht, wie es ein Teilnehmer der Hinreise Anfang Juli in Shanghai formulierte: »Für mich war diese Reise nicht nur außergewöhnlich. Es war vermutlich DIE Reise meines Lebens!«
Begleiten Sie uns hier im Blog auf ein einzigartiges Abenteuer!

PS: Bereits am 6. Juli haben die ZEIT-Reisenden auf dem Hinweg von Hamburg nach Shanghai begeistert und unversehrt den Endpunkt ihres großen Abenteuers erreicht. Ihre Eindrücke und Erlebnisse haben Sie ebenfalls in Ihrem Reiseblog festgehalten. Lesen Sie hier mehr dazu!

Route
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Tag 37

Jekaterinburg – Ufa

Heute heißt es endgültig Abschied nehmen von dem weiten Land hinter dem Ural, das für mich immer Sibirien war. Unbekannt, ja fremd, dunkel und sehr groß sind Assoziationen, die ich mit Sibirien verbannt. Nun, da ist so einiges zu Recht gerückt worden. Erst einmal beginnt Sibirien nicht hinter dem Ural, sondern erst mit der Westsibirischen Tiefebene.
Dunkel? Weit gefehlt! Hell, sonnig, warm, freundlich, grün und bunt sind Adjektive, die ich jetzt finde. Blaue Seen und Flüsse, hellgrüne Birkenwälder, unterbrochen von bunten blühenden Wiesen, bunte Holzhäuser und bunt selbst die neuen Hochhäuser in den Städten. Die Menschen, denen wir in den Städten begegneten, sind nicht fremd. Sie teilen die gleichen Wünsche, Hoffnungen und Sorgen wie wir, stehen eilig, nachdenklich, fröhlich neben uns an der Ampel – kaum vorstellbar, dass es Ereignisse geben könnte, die uns zu Feinden machen würde.
Geändert hat sich auch meine Vorstellung von »seeehr groß«: Sibirien ist unvorstellbar groß! Gestartet sind wir in Ulan Ude (das noch mehr als 4.000 km vom östlichsten Punkt entfernt liegt!). In elf Fahrtagen haben wir 4.750 km bis Jekaterinburg zurückgelegt.
Und heute nun liegt die magische Grenze zwischen Asien und Europa (wieder einmal) vor uns.

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Auf Strecke

Die Strecke führt uns quer durch den Ural, der die Grenze bildet und eines der ältesten Gebirge der Erde ist mit einer max. Höhe im Norden von 1.895m. Aufgefaltet wurde der Ural vor ca. 300 Mio. Jahren als zwei Kontinente zusammenprallten – Eurasien entstand. Durch die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen in Ost und West haben sich Pflanzengesellschaften verschiedener Ausprägung gebildet. Wir finden im Ural Kalkstein als Sedimentgestein aus dem Trias, aber auch Granit, der aus der Tiefe hochgedrückt wurde. Daher ist der Ural reich an Bodenschätzen, verschiedenste Erze (Kupfer, Eisen, Platin), sehr viel Malachit, aber auch Kohle, Erdöl und Erdgas lagern dort.
Die Förderung und Weiterverarbeitung ist nicht sehr umweltfreundlich, das wird uns drastisch in Kalabash vor Augen geführt. Hier werden die Abwässer aus der Kupfergewinnung gleich in den Fluss geleitet. Viele Einwohner der nahegelegenen Stadt Tscheljabinsk, in der die Umweltbelastung auf Grund der Eisenverhüttung, Atomindustrie und militärischer Produktion besonders hoch ist, ziehen fort von hier.

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Abraumhalden
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Umweltschäden

Einige Kilometer weiter im mittleren Ural dagegen gibt es mehrere Nationalparks, in denen im Sommer gewandert und im Winter Ski gefahren wird.

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skurriler Eingang zum Nationalpark

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Und hier nähern wir uns nun auch endlich dem 60. Längengrad, der die Grenze zwischen Asien und Europa ist. Wirklich? Nun ja, die vier Obelisken, die verteilt im Ural die Grenze markieren, waren entweder nicht zu finden oder bustechnisch nicht erreichbar, also haben wir die Roadbook-Kompetenz genutzt und per GPS im Bus den 60. Längengrad gesucht. Die Handys laufen heiß und dann »Ruven! Stopp, hier!«

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An der imaginären Grenze

Unser Mittagessen nehmen wir in einem stilvollen Restaurant in Slatousk ein, auch hier wird die Erinnerung an die Zarenfamilie hochgehalten. Diese fast schon inflationäre Erinnerungskultur in einem Land mit sozialistischer Prägung verwundert mich doch.

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Stilvolle Mittagspause

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Die Straßen durch den mittleren Ural sind durchweg gut, unsere maximale Passhöhe ist 750 m. Aber die E30/M5 ist eine der wenigen Ost-West-Verbindungen in Russland und entsprechend stark befahren.

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Autoschlangen winden sich durch den Ural

Landschaftlich ist der mittlere Ural wunderschön, die fernen Bergrücken erscheinen in unterschiedlichen Blautönen.
Die Stadt Ufa, unser heutiges Etappenziel, liegt schon am Westrand des Ural und am Zusammenfluss von Kama und Belaya, die in die Wolga mündet. Sie ist die Hauptstadt der Autonomen Republik Baschkortostan.

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Die Baschkiren sind ein Turkvolk, häufig muslimischen Glaubens und so leuchten uns in der Abendsonne die goldenen Minarette der neuen Moschee entgegen.

Ufa ist mit mehr als 1 Mio. Einwohnern eine der größten Städte Russlands. Entsprechend stark ist auch hier der Verkehr und Ruvens Lenkzeit neigt sich dem Ende zu. Jede Möglichkeit wird genutzt und – Punktlandung! – noch 326 m bis zum Hotel und 1 Minute Restzeit. Geschafft! Rainer schafft uns auch: »Die Uhrzeit bleibt heute unverändert, wir steigen morgen um 11 Uhr in den Bus und fahren um 9 Uhr los. 9 ist die neue 11«. Na, dann Gute Nacht!

~ Annette Boeddinghaus, ZEIT-Reisende

Tag 36

Jekaterinburg

Der 36. Reisetag ist unser letzter Tag in Asien.
Gestern kamen wir am späten Nachmittag in Jekaterinburg an. Diese Stadt am Fuße des Ural hieß früher Swerdlowsk. Wegen ihrer militärisch industriellen Anlagen wurde sie im Kalten Krieg zu einer geschlossenen Stadt. Damit verlor sie ihren Namen und verschwand aus allen Landkarten. Ihre Bewohner unterlagen strengen Regelungen und Kontrollen. Dieser Zustand wurde erst nach der Wende 1991 aufgehoben, sie erhielt ihren heutigen Namen. Nichts erinnert mehr an diese Vergangenheit, 30 Konsulate belegen enge internationale Verbindungen. Die föderale Boris Jelzin – Universität, 35 Theater, 60 Museen und 2 Philharmonien zeugen von hohem kulturellem und wissenschaftlichem Niveau. Hier wurden vier Fußballspiele der diesjährigen Weltmeisterschaft ausgetragen.

Heute stehen auf unserem Programm eine Stadtführung, der Besuch der Kathedrale auf dem Blut, ein Besuch im Automuseum und auch ein Ausflug mit Fototermin an dem dort nahe gelegenen Europa-Asien-Grenzobelisk. Hierzu sollten wir natürlich in unseren blauen ZEIT-Shirts erscheinen. Schließlich ist nach einer viele tausend Kilometer weiten Reise durch China, die Mongolei und Sibirien der Wiedereintritt nach Europa ein besonderes Ereignis. An der vorgesehenen Reiseroute des Folgetages Richtung Ufa ist eine solche Markierung des 60. Längengrades nicht vorhanden.

Leider ist die vorausgesagte Wetterverschlechterung eingetroffen: der Himmel ist grau, es beginnt zu regnen. Trotzdem sitzen wir alle mehr oder weniger munter in unserem Bus und Wolfgang stellt uns in gewohnter Frische unsere örtliche Stadtführerin Alona vor, die uns mit Freude von ihrer Stadt erzählt. Mit Marcus, einem der besten Busfahrer der Welt, erreichen wir die Kathedrale auf dem Blut, die zum Gedenken an die letzte russische Zarenfamilie errichtet wurde. An dieser Stelle befand sich das Ipatjew-Haus in dem die Zarenfamilie in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 ermordet wurde. Zahlreiche Bilddokumente vor und in der Kirche erinnern wieder daran. Besagtes Haus wurde 1977 abgerissen um einen möglichen Zarenkult im kommunistischen Russland zu verhindern.
Dieser wurde jedoch unter Boris Jelzin durch die Errichtung dieser Kathedrale 2003 wiederbelebt, welche seitdem ein Wallfahrtsort für tausende Gläubige ist. Seit der Wende mit Auflösung der UdSSR wurden allerorten von Bolschewisten flächendeckend zerstörte oder entwidmete Gotteshäuser mit staatlichen Mitteln wieder errichtet oder saniert. Diese Mittel fehlen dann vor allem in sozialen Bereichen wie Schulen und Kindergärten wie hier kritisiert wird.
Der zunehmende Regen hält nun doch einige vom geplanten Spaziergang in die Umgebung mit der Himmelfahrtskirche und dem Gebäude des Patriarchen ab. Vom Bus aus gesehen zeigen sich zahlreiche Gebäude im Stil des Neoklassizismus und des Bauhauses. Hier hatte sich für manche Bauhausarchitekten, die nach 1933 Deutschland aus politischen Gründen verließen ein reiches Betätigungsfeld eröffnet.

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Noch sind nicht alle Prachtbauten in Jekaterinburg saniert

Weiter führte die Stadtrundfahrt ins administrative Zentrum mit imposanten neuen Gebäuden: dem Hyatt-Hotel, dem Boris Jelzin – Zentrum und dem aktuell höchsten Tower der Stadt mit 212 Metern Höhe. Boris Jelzin ist in Jekaterinburg allgegenwärtig, wir passierten das Wohnhaus, in dem er hier lebte. In einem nahe gelegenen Dorf geboren studierte er an der Technischen Hochschule der Stadt und wurde Bauingenieur. Hier arbeitete er und begann seine politische Karriere in der örtlichen KP. 1985 zog ihn die Politik dann nach Moskau.

Weiter zunehmender Starkregen ließ um die Mittagszeit selbst ein paar Meter Fußweg zum stilvollen Restaurant zu einer feuchten Angelegenheit werden. Die geplante Besichtigung eines Dammbauwerkes am Fluss und der Grünanlagen am Standort des ehemals größten Stahlwerks des Landes fielen buchstäblich ins Wasser.
Nur eine Gruppe Hartgesottener nahm an der Nachmittagsfahrt zum Automuseum bei einer riesigen Kupfermine knapp 20 km entfernt teil.
Wir wurden reichlich entschädigt durch hervorragende Exponate aus der gesamten Automobilgeschichte beginnend mit dem ersten Automobil von Carl Benz. Letzteres aus dem Jahr 1886 war der einzige Nachbau in dieser Sammlung, die alle unsere Erwartungen übertraf. Auch das Lieblingsauto von Zar Nikolaus II., ein Delauny-Belleville HB4 und Staatskarossen von Stalin konnten besichtigt werden. Das vierstöckige Museumsgebäude im Stil des Historismus war ein kompletter Neubau, der ebenso wie die überaus wertvollen Exponate von “Generaldirektoren” der benachbarten Kupfermine UMMC (United Mineralogig Mining Company) finanziert wurde.

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Einfahrt ins Automuseum
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Moskwitsch 1946 im Design Opel Kadett

Gegen 17 Uhr wurde zum Aufbruch gerufen. Nun galt es für den Busfahrer in der rush hour zum Hotel zurück zu schleichen. Damit war auch der geplante Besuch beim 60. Längengrad (Obelisk) hinfällig.
Schließlich trafen wir uns zum Abendessen im 51. Stock des in Hotelnähe gelegenen Hochhauses und sahen von oben was wir unten alles nicht zu sehen geschafft hatten.
Wie immer konnten wir feststellen, dass auch diese Stadt alle unsere Erwartungen weit übertroffen hat, dem konnte auch der Regen nichts anhaben.

~ Klara Altes & Martin Richter, ZEIT-Reisende

Tag 35

Tjumen – Jekaterinburg

Tjumen, Tjumen, wer kennt schon Tjumen: vielleicht höchstens, weil der eine oder andere im Winter Biathlon schaut und das bisher in Chanty-Mansijsk, ebenfalls in West-Sibirien, ausgetragene Weltcup-Rennen nach Tjumen verlegt wurde. Die Stadt Tjumen mit ihren 1,5 Mio Einwohnern, am Fluss Tura mit prächtiger Uferpromenade gelegen, überraschte unerwartet schon bei der gestrigen Einfahrt durch Sauberkeit, Aufgeräumtheit, schöne kleine und größere Betriebe, Gebäude, Straßen und hätte verdient gehabt, dass wir zwei Tage bleiben.
Woher stammt dieser Reichtum? Schon seit den 1960er Jahren werden hier mittlerweile 90% des russischen Gas’ und 65% des russischen Öls gefördert. Die Kehrseite: seit Jahrzehnten versickert auf dem Weg von hier massenhaft Öl aus der in die Jahre gekommenen Druschba (Freundschaft) Pipeline, man spricht von der größten Ölkatastrophe der Welt. Eine kausale Therapie findet (noch) nicht statt, man schüttet wohl massenhaft Sand auf das Öl. Die Pipeline mit einer Gesamtlänge von 8900 km reicht von Almetjewsk in der russischen autonomen Republik Tatarstan (Hauptstadt Kasan, südwestlich von Jekaterinburg, besuchen wir am kommenden Sonntag, den 12.08.) nach Masyr in Weißrussland und führt dann von dort mit ihrem nördlichen Strang nach Deutschland.

Mei, was war das für ein fürstliches Frühstück heute morgen, das leckerste seit Beginn der Reise inkl. Erdbeer- und Meringentorte, Serrano-Schinken, frisch gepresstem Orangensaft, gutem Brot, eben was man so in Sibirien erwartet. Wo doch das nagelneue Hotel sonst mit einem Mini-Bad und dem Gipfel der Skurrilität von Duscharmaturen glänzte: die »kleine« Dusche war über einen kryptischen Mechanismus am unteren Ende der Duschstange auszulösen. Die meisten haben das natürlich nicht gefunden und sich einfach von oben mit der »großen« Dusche die Haare waschen lassen. Übrigens:
Eine Expedition wird gerne als eine Forschungsreise bezeichnet. Jetzt weiß ich, warum unsere Reise eine Kultur-Expedition ist: wir erforschen und vergleichen die Hotel-Kultur in den verschiedenen Regionen von Südostasien bis Hamburg unter besonderer Berücksichtigung der Badezimmer, Licht- und Klimaanlagen, Öffnungstechniken von Briefchen mit Shampoo oder Zucker und ihre Abhängigkeit von der Anzahl der Sterne, die das jeweilige Etablissement trägt. Mit Stand Tjumen, der letzten Station in Sibirien vor der Überquerung des Ural gen Westen, kommen wir zu folgendem Zwischenergebnis:

1. Badezimmer: die Funktion von Toiletten und Duschen reicht von nicht zu bedienenden, aber dafür erwärmten Klobrillen über die ergonomisch unpraktisch angebrachten Toilettenpapierrollen bis zu in bald jedem Hotel anders zu bedienenden Waschbecken- und Duscharmaturen meist deutscher Hersteller, was einen zum Wahnsinn, jedoch mindestens zu einem ungewollten nassen Haupt treiben kann: kalt und warm, oben und unten, links oder rechts, drücken oder ziehen, »uuch ist das kalt, nein viel zu heiß, jetzt kommt´s von der Seite. Die Beschreibung, auf kyrillisch und so klein, wer soll das lesen? Ich glaub ich dusch erst morgen wieder.« Die Steckdose im Bad, nur um mal die Haare zu föhnen? Na klar, drücken, Schalter umlegen, 110 V, 220 V. »Was, geht nicht? lass mich mal, oh Mann, ruf mal den Mechaniker an…«

2. die Licht- und Klimaanlagen: »Hast Du die Schlüsselkarte schon in den Schlitz neben der Tür reingesteckt? Was, muss man nicht? das Licht geht nicht an, oh, Masterschalter, alles aus. Hast Du mal dein Handy zum Leuchten? Verdammt ich sehe nichts, mach mal die Zimmertür auf, ah so, man braucht gar keine Zimmerschlüsselkarte, muss neben dem Bett auf den linken Knopf drücken. Verdammt, jetzt geht der Fernseher an, nein die Vorhänge gehen auf und zu. Hier ist so heiß, mach mal die Klimaanlage an. Was, geht nicht? Gibt´s nicht, Mann, macht die einen Lärm und nichts kommt raus. Komm, wir machen die Klima-Anlage (Eierkondition) aus und öffnen das Fenster. Wie, das Fenster geht nicht auf, Hilfe, wo ist das Telefon, geht nicht, Leitung tot, ach so, der Stecker der Leitung ist nicht drin, Reception, yes, problem, too warm und stickige Luft, can you help please, ah ja, you come. Oh, mit Leiter, oh, hebt Deckel der Klimaanlage an der Decke im Eingangsbereich und, ah, Filter verdreckt, komme gleich wieder, ah, die Auslassschlitze lassen sich nicht Richtung Zimmer verstellen, aber verbiegen, oh super, wie spät? 23:30, macht nix, gute Nacht.«

3. Briefchen und Fläschchen mit Zucker oder Shampoo o.ä.: »Was da drin ist? Kann keiner lesen, alles chinesisch, riech doch mal, mach doch mal auf, was, Du kriegst das Briefchen nicht auf, verdammt, meine Fingernägel sind zu kurz, hast Du ein Scherchen? Ah, das ist body lotion. Was suchst du, Shampoo? Mach doch das Fläschchen auf, oh, conditioner. Mist, man kann aber auch nichts lesen, komm, wir waschen die Haare einfach erst morgen wieder. Einen Tee, hier im Zimmer? Ah ja, mit Zucker, au, das war kein Zucker, das war Milchpulver…«

Fazit: nach etwas mehr als der Hälfte unserer wunderbaren Reise ergibt sich ein direktes Verhältnis zwischen der Anzahl der Sterne eines Hotels und der Einfachheit des Bedienens all dieser technischen Errungenschaften: je weniger Sterne, desto besser ist alles. Wie war das schön in Nizhneudinsk am 31. Juli, **, 4678 km östlich von Moskau, es gab entweder nur Licht an oder aus, Türe oder Fenster auf oder zu, einfach herrlich.
Die heutige Etappe von Tjumen nach Jekaterinburg (327 km) begann bei schönem Wetter, um 10 Uhr schon 25°C, können die Russen nicht mal IKEA richtig schreiben?

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Wir sind immer noch 1200 km von Moskau entfernt. Langsam aber sicher verlassen wir Sibirien. Unterwegs nette, moderne Häuschen aus Holz oder inzwischen auch Stein. Riesige grüne Wälder. Die Birken werden weniger. Grüne und braune Felder, üppige Wiesen, die Taiga halt.

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Nach wie vor begleiten uns die Transsibirische Eisenbahn und der ZEIT-Redakteur Michael Thumann (Bildmitte). Seine lebendigen Vorträge, heute über das Ende der 300-jährigen Romanow-Dynastie, ziehen immer auch ebensolche Diskussionen nach sich. Unsere Maria stellt hier gerade eine wichtige Frage: nach der Entmachtung der Zarenfamilie 1917 bat diese um Aufnahme in Großbritannien, die Bitte wurde abgelehnt. Hatte dies Folgen für das Verhältnis von Großbritannien zu Russland?

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Die Straßen sind zunehmend neu und teilweise vierspurig, entsprechend viele Baustellen, natürlich auch noch alte Rumpelstrecken. Tjumen war noch West-Sibirien, unser heutiges Etappenziel Jekaterinburg liegt bereits in der Ural-Region. In Jekaterinburg angekommen zeigt sich diese Stadt spontan nicht so positiv wie gestern Tjumen. Mal sehen, was die Besichtigung morgen bringt.

~ Heiner Winker, ZEIT-Reisender

Tag 34

Omsk – Tjumen

Ausgeschlafen besteigen wir um 10 Uhr unseren Bus »Hamburg«, um eine der längeren Strecken mit 635km nach Tjumen in Angriff zu nehmen. Der strahlend blaue Himmel und die moderaten Temperaturen sind schon fast zur Gewohnheit geworden.

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Zügig verlassen wir Omsk. Die Fahrt führt uns über die Brücke über den Irtysch und gewährt einen letzten Blick auf unser Hotel, das uns die letzten beiden Nächte beherbergte. Schnell lassen wir die Vororte mit ihren Industrie- und Gewerbeansiedlungen hinter uns und das westsibirische Becken öffnet sich. Die nächste Stunde begleiten uns landwirtschaftliche Flächen, in die immer wieder kleinen Siedlungen eingestreut sind.

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Dann ändert sich die Landschaft allmählich und es erscheint wieder mehr das Bild, das wir bereits aus den letzten Reisetagen kennen: Feuchtbiotope mit eingestreuten kleinere Birkenwäldchen wechseln sich mit größeren Wasserflächen ab. Haubentaucher, Blesshühner, Reiher und Enten sind auch vom Bus aus auszumachen. Einsame Bushaltestellen weisen auf Siedlungen im Hinterland hin.

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Nachdem etwa die Hälfte der Strecke bewältigt ist, stärken wir uns in einem Provinzstädtchen Namens Ishim mit einem Mittagessen. Hier scheint die Zeit stillgestanden zu haben. Sozialistischer Schick und Charm wohin man schaut. Der örtliche Lebensmittelladen macht mit uns das Geschäft des Tages, als sich die Reisenden beider Busse bei ihm mit Eiscreme und flüssigem Reiseproviant eindecken.

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Wir verlassen die nach Westen führende E30, der wir so lange gefolgt sind und fahren auf der E22 nach Nordwesten Richtung Tjumen. Auch das Wetter hat sich geändert. Immer mehr Kumuluswolken bevölkern den Himmel. Kaum hat Wolfgang uns auf eine besonders imposante Amboswolke und Ihre Eigenschaften aufmerksam gemacht, erleben wir auch schon, was er zuvor beschrieben hat: ein Gewitter mit Starkregen und Hagel setzt ein. Doch unser Fahrer Christian steuert uns sicher und wohlbehalten hindurch.

Unser mitreisender Experte Michael Thumann referiert währenddessen so unterhaltsam über Putin, dass wir erst durch Wolfgangs Hinweis darauf aufmerksam werden, dass sich das Landschaftsbild unterdessen wieder verändert hat. Draußen zieht nun eine leicht wellige Landschaft vorbei, die durch Grundmoränen der letzten Eiszeit gebildet wurde. Der Boden ist hier durchlässiger mit weniger Staunässe und damit wieder intensiver landwirtschaftlich genutzt mit Ackerbau und Viehzucht.
Auch die Gewitterwolken, ob Kumulus oder Ambos, haben sich verzogen und über uns spannt sich wieder ein freundlicher blau-weißer Himmel.

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Und schon nimmt die Siedlungsdichte wieder zu, die ersten Gewerbebetrieb erscheinen und wir fahren in Tjumen ein. Während dieser Fahrt haben wir wieder eine Zeitzone verlassen und stellen unsere Uhren wieder um eine Stunde zurück. Somit beträgt der Zeitunterschied zu Deutschland nur noch 3 Stunden.

~ Bettina Brückner-Dülfer, ZEIT-Reisende

Tag 33

Omsk

Omsk feierte 2016 sein 300-jähriges Stadtjubiläum. Heute hat die Stadt 1.178.000 Einwohner und ist nach Novosibirsk die zweitgrößte Stadt Sibiriens. Sie fühlt sich mit Blick auf die Hauptstadtrolle im Bürgerkrieg als »heimliche« Hauptstadt Sibiriens.

Manuel begleitet uns heute, er führt und erklärt seine Sicht von der »deutschen Stadt«. Im Auftrag von Peter dem Großen machte sich der deutsche Offizier Johannes Buchholz immer weiter ostwärts in Richtung China auf den Weg, mit der Absicht mit vollen goldenen Säckchen zurück zu kommen. Sein Ergebnis: Nichts! Die absolute Nullnummer! Er findet weder sein sagenumwobenes Märchenland China, noch irgendein golden glänzendes Mitbringsel für seinen Auftraggeber.
Hier an den Ufern von Irtysch und Ob – ziemlich genau an dem Ort, wo heute unser Hotel steht – lässt Buchholz anfangs ein Lager, später daraus eine stabile, gemauerte Festung für sich und seine zahlreichen Begleiter errichten. Die riesige Kugel auf der Wiese vor dem Hotel ziert den Platz des Leutnants »Johannes Buhgholts« (1716). Sie umfasst einen Ring mit Bildern von sibirischen Pionieren und symbolisiert den Ort der »Grundsteinlegung« für die Stadt Omsk.

Hinter der nächsten Ecke steht eine Statue des Dichterfürsten Fedor Dostoevskij: kränklich, gedemütigt, nach seiner vierjährigen Gefängnishaft. Später erfahren wir in seinen »Aufzeichnungen aus dem Totenhaus« von Erfahrungen seiner vier Jahre in Ketten, ein erschütterndes Dokument über die Zwangsart im zaristischen Russland.
Jetzt geht`s im Bus weiter. Mit dem Neubau der strahlenden Maria-Himmelsfahrts-Kathedrale erhielt »Omsk seine Seele zurück«. Vorbei geht´s am Musiktheater, wegen seiner markanten, eigenwilligen Form auch als Segelboot, oder als Sprungschanze für 15 Skispringer gleichzeitig oder auch als aufgeschlagenes Klavier betitelt! Nebendran streckt Radio – Sibirsk seine Funk-Nadel in den Himmel.

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Maria-Himmelsfahrts-Kathedrale
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Musiktheater, “Segelboot”

Das Dramaturgische Theater, erbaut 1905, wird als eines der meist bewunderten Bauten der Stadt bezeichnet. Für seine besondere historische Bedeutung sprechen seine Zerstörung 1930 und sein Wiederaufbau, der nur nach alten Fotografien in den Jahren 1987 bis 1988 gelang; weiterhin, dass an dieser Bühne zahlreiche junge russische Schauspieler ihr Debut gaben, die später als Russlands New-Stars auf vielen Bühnen der Welt überzeugten.

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Dramaturgisches Theater

Über die moderne Yubileiny – Brücke erreichen wir die linke Flussuferpromenade, dort grüßt das bunte Treiben des Stadtfests »Flora«, bei dem sich an xxx – farbigen Ständen viele Länder der Welt präsentierten. Eltern mit Kindern feiern seit einer Woche ihre Jahrmarktleidenschaft; allerdings wird diese Fröhlichkeit eingerahmt von mächtigen grauen Verwaltungsgebäuden und von hohen Gefängnismauern. Aber keine Trübsal ist hier spürbar, vielmehr zeigt sich diese emsige Stadt jugendlich lebendig, ohne an ihrer eigenen Vergangenheit zu ersticken!

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Wie auf dem Jahrmarkt

Die ersten Feiernasen verlassen den Bus und mischen sich hier unters fahrende Volk. Die sonnige lebhafte Stadt fördert Eigeninitiativen, unsere Minigruppe ist nach kurzer Zeit noch weiter geschrumpft.
In vielen Städten Russlands schmücken sich Fußgängerzonen mit ernsten und/oder lustigen Skulpturen, auch in Omsk: der Installateur steckt seinen Kopf aus dem Kanaldeckel hervor, denn er hat Arbeitspause. Dabei betrachtet er die Vorbeihastenden mit ihren voll bepackten Tüten. An einer anderen Ecke sitzt auf einer Bank die schöne Ljuba-Ljubocka und wartet, eingerahmt von den Gästen, fotografiert zu werden. Sie erinnert an die sehr jung verstorbene Gouverneursgattin Ljubov Gasford (1829 – 1852).

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Endlich Pause!
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Fotoshooting mit der schönen Ljuba-Ljubocka

Im Museum für Stadtgeschichte begrüßt uns im Vorraum das Skelet eines jakutischen Mammuts. Manuel übersetzt fleißig. Dann wird`s ernst: der Musterkosacke stellt sich vor. Das Wort »Kosacke« ist türkischen Ursprungs und bedeutet etwa »freier Krieger« oder »Vagabund«. Meist waren es russische und ukrainische Bauern, die die Freiheit und ihr Heil in den östlichen Gebieten entlang von Wolga und Don suchten. Ohne jegliche staatliche Autorität organisierten sie ihre »Dörfer«, ihr eigenes Gemeinwesen. Ihre Landwirtschaft basierte auf Wegelagerei. Man arrangierte sich mit dem Zaren, verteidigte oder eroberte Ländereien in seinem Namen.
Zu sowjetischen Zeiten unterdrückt, erlebten die Kosackentraditionen insbesondere im Süden Russlands, sowie in Sibirien als nicht unumstrittene Law-and-Order-Bewegung starken Zulauf. Erstaunlicherweise übersetzt Manuel für uns noch den Konflikt zwischen kommunistischer Ideologie und orthodoxer Kirche mit folgenden Worten: Es ist besser das Paradies hier im Leben zu erreichen, als erst im Jenseits.

~ Thomas Birkelbach, ZEIT-Reisender

Tag 31

Nowosibirsk

Völlig aus dem Rhythmus! Eine ungewöhnliche Startzeit: 9:45 Uhr. Hat’s etwas mit der akademischen Viertelstunde zu tun? Schließlich wollen wir heute Akademgorodok besuchen. Ob wir die Labormaus sehen?

Zunächst begrüßen wir aber im Bus Michael Thumann, der uns tapfer nach nur 2 Stunden Schlaf (er ist in der Nacht eingeflogen) in Novosibirsk begleitet.

Olga, unsere sympathische Stadtführerin, erzählt ein wenig aus der Geschichte der Stadt. Sie wurde gegründet mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn, als ein passender Platz für die Brücke über den Ob gesucht wurde. Die Stadt wuchs rasant, viele Firmen und Banken ließen sich hier nieder. Nach dem 2. Weltkrieg gab es noch einmal einen Schub, als viele Großbetriebe aus Westrussland aus strategischen Gründen nach Sibirien verlagert wurden. Die längste gerade Straße der Welt mit 7 km (Russen lieben Zahlen und Größenvergleiche), der Krasnyj Prospekt, spiegelt die Geschichte mit ihren Bauten in den unterschiedlichen Stilen wieder.

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Krasnyj Prospekt

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Am größten ist natürlich der Leninplatz mit seinem imposanten Denkmal, das erst 1970 errichtet wurde und eigentlich für Ostberlin gedacht war – aber dafür war’s zu groß. Mitten auf dem Prospekt steht die kleine Nikolaus-Kapelle. Sie galt lange Zeit als der geographische Mittelpunkt Russlands.

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Nikolaus-Kapelle
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Lenin Denkmal mit Opernhaus

Unser erstes Ziel ist der Zoo. Gut, ich gestehe, dass ich zuerst erschrocken bin. Zoo, in Novosibirsk! Ein phantastischer Jugendstil-Bahnhof, das größte Opernhaus Russlands – und wir gehen in einen russischen Zoo, nicht gerade bekannt für artgerechte Tierhaltung. Aber am Ende bin ich ausgesöhnt mit dem Besichtigungspunkt. Die Novosibirsker sind stolz auf ihren Zoo mit den vielen Tierarten und über 11.000 Individuen, sogar einen Liger gibt es hier. Weltweit einzigartig ist durch eine zufällige Begegnung ein Mischwesen aus Löwe und Tiger entstanden. Der Zoo liegt wunderschön in einem lichten Kiefernwald und man tut viel, um den Tieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. Vor allem für Familien ist der Zoo ein Anziehungspunkt, davon künden die langen Schlangen an den Kassen.

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Kinderfreuden
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Liger
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Steller-Seeadler

Neben den Tieren gibt es viele Angebote für Kinder, vom einfachen Spielplatz bis hin zu Elektroautos. Außerdem ist man hier politisch gönnerhaft: Der Weißkopfseeadler, das Wappentier der USA, wird gehegt und gepflegt – wer weiß wofür es gut ist. Und wir sehen den Steller-Seeadler, von dem Christian Schmidt-Häuer erzählt hat.
Also, am Ende: Affen gut – Familien gut – alles gut.

Nun aber endlich raus aus der Stadt nach Akademgorodok. Unterwegs stoppen wir kurz an der Alexander-Newski-Kathedrale. Wo soll der Bus parken? Olga, die freimütig gesteht, nicht mit dem Auto zu fahren, entscheidet »Irgendwie, irgendwo. Der Bus ist sowieso zu groß zum Abschleppen« – Ruven freut sich über so viel Freiheit. Heute ist Samstag und wir sehen viele Brautpaare, sogar ein blumengeschmückter Hummer fährt hier seine Runden. Ein kurzer Gang zum Ob mit dem Brückenbaudenkmal und Zar Alexander III, der den Bau der Transsib veranlasst hatte, muss sein.

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Alexander-Newski-Kathedrale
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Eisenbahnbrücke über den Ob

Akademgorodok, eine eigene Stadt mit heute über 100.000 Einwohnern, wurde 1957 mitten in der Taiga gegründet. Hier sollten Elite-Wissenschaftler des Landes beste Arbeits- und Lebensbedingungen vorfinden. Zur Zeit des Kalten Krieges vor allem für die Militärs gedacht, wird heute fast nur noch im zivilen Bereich geforscht. Man setzt auf Innovationen und IT, fördert Technoparks. Hier, mitten zwischen Kiefern und Birken, finden wir das kleine Denkmal für Labormäuse und andere Labortiere, die wesentlich dazu beitragen, Medikamente und Heilungsmöglichkeiten für uns Menschen zu erforschen. Das Denkmal steht hinter dem zythologischen Institut, sinnigerweise strickt die kleine Maus, bewaffnet mit Brille und Kittel, an einer linksdrehenden Z-DNA.

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Institut im Wald
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Die Labormaus

Auf dem Rückweg in die Stadt Novosibirsk besuchen wir das Eisenbahnmuseum. Gefängnis-, Lazarett- und Küchenwaggons (z.T. gebaut in Amenrode/ehemals DDR) aus dem 2. Weltkrieg sind ausgestellt. Sogar eine »Rollende Kirche« befindet sich dort. Dazu etliche Loks, die den Eisenbahn-Begeisterten unter uns »Ohs« und »Ahs« entlocken.

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Eisenbahn Museum
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Rollende Kirche

Spät ist es geworden, aber den Bahnhof von Novosibirsk können wir uns nicht entgehen lassen. Also schnell vor dem Abendessen mit der Metro zum Bahnhof. In der U-Bahn-Station Lenin-Platz werden wir von einer ganzen Reihe sowjetischer Generäle an der einen und Bildern russischer Großbauprojekte an der anderen Wand begrüßt. Dazu der Aufruf von Putin »Russland braucht wieder Helden«.

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Metrostation Leninplatz

Die übrigen Metro-Stationen sind schön, aber nicht überwältigend, um so mehr dann aber der größte Bahnhof der Transsibirischen Eisenbahn mit seiner grün weißen Fassade, den großen Wartesälen und den Jugendstilelementen.

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Bahnhof Novosibirsk
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Großer Wartesaal

Ein Blick abends in den Reiseführer zeigt, was wir alles nicht gesehen und besucht haben – Novosibirsk ist definitiv mehr als eine Reise wert.

~ Annette Boeddinghaus, ZEIT-Reisende

Tag 30

Kemerowo – Nowosibirsk

Nach elf Wochen und etwa 20.000 gefahrenen Kilometern erreichen wir Nowosibirsk. Wir, das sind die sechs ZEIT-Reisenden, die diese besondere lange Fahrt buchten, sowie die beiden Reiseleiter, Rainer und Wolfgang, und die beiden besten Busfahrer der Welt, Markus und Ruven.

Die Eindrücke dieser Reise lassen sich nicht in eine Kurzfassung pressen – Wetter und Klimazonen wechselten oft. Im Südwesten Russlands staunte ich über unendlich weite Getreidefelder, Steppe und Wüste begleiteten uns lange. In China beeindruckte mich ein in intensiver Arbeit geschaffener Grüngürtel, der sich wie ein breites Band durch Wüste und Steppe zieht, selbst Städte mit mehr als 20 Millionen Einwohnern scheinen in China grün, jeder noch so kleine freie Platz wird mit Bäumen, Sträuchern und auch bunten Blumen gepflegt.
Ganz besonders tief bewegt hat mich die Landschaft in Kirgistan – ohne Enge und steil auf- oder absteigende Passstraßen wie aus den Alpen bekannt, erreichte unser Bus Höhen von über 3000 m, eine weite offene Bergwelt gewährte uns einen Blick auf das Pamir-Gebirge, großartig – dazu eine Stille, wie diese selten zu spüren ist.
In der Mongolei blieben wir auf geringeren Höhen und die Weiten schienen mir leuchtend und warm. Die Jurten strahlten Gemeinsamkeit, Wärme, Gemütlichkeit und Schutz aus. Da ist es für mich klar, dass der Umzug von der Jurte in eine Wohnung in einem Hochhaus in der Stadt ein Schritt ist, der das Vertraute ins Wanken bringt.Die Reise könnte auch als ein Geschichtsbuch der Religionen erfahren werden. Besonders der Islam, der Buddhismus und das Christentum zeigten sich uns in ihren unterschiedlichen Ausprägungen.

Natürlich ist Usbekistan mit den alten Städten Kiva, Buchara und Samarkand mehrere Reisen wert, bei jedem Gang durch die Moscheen und Medresen wäre etwas Neues zu entdecken. Ich wünsche mir, die wunderbaren Zeugnisse des Buddhismus in Dunghuan, Datong und in Luoyang nochmals mit viel Zeit sehen und studieren zu können. Zwar hatte ich vom Buddhismus in diesen Regionen gelesen, doch dass so viele Fresken und farbige Figuren noch zu sehen waren, überraschte und erfreute mich sehr. Und nun sind wir wieder in Russland, weit im Osten. In Sibirien erfreute uns der Baikalsee mit Sonne und Wärme am Tag, in der Nacht sanken die Temperaturen auf etwa 10 Grad. Ein Besuch im Museum ließ erkennen, wie wichtig der See für Russland und uns alle ist. Als wasserreichster See unserer Erde hält er 20% des gesamten Wasservorrates der Welt. Die Maßnahmen, ihn und die angrenzende Umwelt vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen, zeigen erste Ergebnisse.

Vom Baikalsee nach Nowosibirsk fuhren wir mehrere Tage durch eine unendliche Weite, eine abwechslungsreiche Landschaft mit sanften Hügeln, Wäldern mit Lärchen, Fichten, Birken sowie riesigen gelben Rapsfeldern – Raps im August! – begleitete uns. In Kemerowo, bekannt für den Kohleabbau seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, hatten wir die für uns letzte Übernachtung vor Nowosibirsk. Die Stadt selbst überraschte mit vielen farbenfrohen Neubauten, ein kleiner Bauernmarkt mit frischen Früchten aus dem Garten und eigenem Honig zeigte, wie wichtig ein kleiner Hinzuverdienst ist.

Unser Hotel, etwa 7 Kilometer vom Stadtkern entfernt, mitten im Wald, ermöglichte uns Ruhe und Erholung nach all den vielen Eindrücken der vergangenen Wochen. Das alte Gebäude, das gekonnt renoviert und erweitert worden war, bot uns einen heimeligen Essraum und ästhetisch individuell gestaltete Zimmer. Wir konnten die Fenster öffnen, und die frische Waldluft genießen. Viele von uns waren sehr froh darüber, denn in all den guten Hotels in den Großstädten regiert eine Klimaanlage und das Öffnen eines Fensters ist meistens nicht möglich. Ein längeres Verweilen war auch hier, wie an so vielen schönen Plätzen vorher nicht möglich. Unser Reiseplan erfordert Disziplin, um die gesamte Strecke zu bewältigen.

Da eine relativ kurze Tagesstrecke vor uns lag, konnte die Abfahrt rund zwei Stunden später als üblich starten. Um zehn Uhr setzte sich der Bus in Bewegung. Um die Mittagszeit hielten wir auf einem Naturrastplatz und stärkten uns mit den liebevoll zusammengestellten Lunchpaketen des Hotels.
Kurz vor Nowosibirsk kamen wir in den Freitagabendverkehr, viele Menschen strömten in ihren Autos hinaus aus der Stadt, um das Wochenende auf ihrer Datscha zu verbringen. Viele Datschas in dieser Region haben einen Garten, der beackert werden muss, damit das Gemüse und die Früchte in der kurzen Sommerzeit gut wachsen.
Nowosibirsk, eine Großstadt mit 1.5 Millionen Einwohnern, empfing uns mit Sonne. Auf dem Weg zum Hotel fuhren wir am Theater, der Philharmonie und anderen großen Kulturgebäuden vorbei. Morgen erwartet uns eine detaillierte Stadtführung auf die wir uns nach dem ersten Eindruck freuen.

~ Helga Kayser, ZEIT-Reisende

Tag 29

Krasnojarsk – Kemerowo

Bei ausbaufähigem Wetter verlassen wir Krasnojarsk. Im morgendlichen Verkehr fällt auf, dass der Zustand der städtischen Busse im krassen Gegensatz zu individuellen Verkehrsmitteln steht. Einerseits klapperige übervolle Busse, die an eine untergegangene Gesellschaftsordnung erinnern, anderseits moderne PKW mit jeweils einem Insassen, was den schleppenden Verkehrsfluss begünstigt – ein auch bei uns bekanntes Phänomen. Kurz hinter der Stadtgrenze weicht Glas- und Chromarchitektur gesichtslosen Wohnquartieren; die DDR Platte wirkt dagegen wie »SCHÖNER WOHNEN«. Im weiteren Verlauf geht die Bebauung über in eine dörfliche Struktur, wo bescheidene Holzhäuschen mit liebevollen Details verziert wurden und der Gemüsegarten zum festen Bestandteil zur Rentenaufbesserung gehört; der bauliche Zustand der Häuser lässt vermuten, dass ihr Ende nicht fern ist. Alte Mütterchen in ärmlicher Bekleidung, stets mit Kopftuch, bilden das Rückgrat des aussterbenden Dorflebens. Mangelnder Komfort, wenig Unterhaltungsmöglichkeiten und in erster Linie keinerlei Möglichkeiten beruflichen Fortkommens treiben die jungen Menschen in die aufstrebenden Städte.
Es folgt die Tundra, die das ausmacht, was es heißt, Sibirien buchstäblich zu »erfahren«. Endlose Weiten mit Wäldern aus Kiefern, Fichten und Birken, jener Baumart, die gemeinhin für Sibirien steht. Dazwischen bewirtschafte Agrarflächen mit Raps und Weizen (quasi Rohwodka), die sich von Horizont zu Horizont zu Horizont erstrecken. Da isser wieder, der Horizont.

Das offenbar unerlässliche Mittagessen (auf dieser Reise oft zu Zeiten, zu denen der Durchschnittsbürger bereits bei Kaffee und Kuchen den späten Nachmittag einläutet) findet in ACINSK statt. Ein Glücksgriff – wenigstens für uns. Wohl kaum ein deutscher Tourist hat jemals seinen Fuß in diese Kleinstadt gesetzt, die sicherlich nur schwerlich Anschluss an das prosperierende Russland finden wird. Auch in Reiseführern dürfte das Städtchen niemals zu finden sein. Doch es gibt etwas zu sehen, nämlich das Alltagsleben in einem trostlosen Kaff in Zentralsibirien.

Eine museumsreife Straßenbahn – so zumindest heißt das schienengebundene Verkehrsmittel in Hamburg – rattert durch das Städtchen und befördert die Menschen unter anderem zum bescheidenen Markt. Die große Anzahl der Stände steht in keinem Verhältnis zum Areal des Marktes. Auf einer Fläche, die weit weniger als die Hälfte eines Fußballfeldes ausmacht, sind – grob geschätzt – fünfzig Stände aufgebaut, und meist nicht breiter als ihre Betreiber. Das Angebot beschränkt sich teilweise auf einige Joghurtbecher, gefüllt mit Gurken; ein Pappkarton bietet Platz für das gesamte Sortiment: zwei Kohlköpfe.

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Straßenbahn

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MarktstandSeidenstraße_Blog_Tag_29_Bild_6

Die Wurstverkäuferin wird dafür sorgen, die nachmittägliche, zumeist kekslastige Pause durch etwas Herzhaftes zu ersetzen: heute wird es kräftig gewürzte Salami geben!
Ein weiteres Unternehmen präsentiert ungewöhnliche, bunt gehäkelte sibirische Phantasiegestalten sowie – ebenfalls gehäkelt – Spiderman!

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Der bei uns leider aus der Mode gekommene gehäkelte Klorollenbezug für’s Auto: hier für wenige Rubel erhältlich.
All die Menschen, die etwas verkaufen wollen, dürften eines gemein haben. Der gesellschaftliche Wandel hat sie von Empfängern sehr bescheidener Renten zu sehr armen Alten gemacht, bei denen es hinten und vorne nicht reicht. Die »Religion ist Opium für’s Volk« befand einst Wladimir Iljitsch, heute sind eher flüssige Stoffe für die Bewusstseinserweiterung der Massen immer und überall in unbegrenzten Mengen verfügbar.

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»Biertankstelle« in Acinsk

Ein selten erwähntes Thema soll hier seine Würdigung erfahren. Die Dame, die an unserem Nachmittagsstop für Sauberkeit und Sanitärpapier im öffentlichen Abtritt sorgt, verabfolgt gegen 15 RUB nicht nur abgezähltes Toilettenpapier (unten rechts), sondern betreibt zusätzlich einen Gemischtwarenladen, der sogar fast echte Markenbekleidung feilbietet (links).

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Das Tagesziel heißt KEMEPOBO (dtsch. Kemerowo), eine im Westen nahezu unbekannte Stadt, bis sie die Ende März 2018 weltweit traurige Bekanntheit erlangte, als in einem Einkaufs/Vergnügungszentrum ein Feuer ausbrach, dem mehr als sechzig Menschen zum Opfer fielen, darunter viele Kinder. Inkompetenz, vernachlässigte Brandschutzmaßnahmen, unfähige Sicherheitskräfte – und ja, Korruption trugen zu dem Desaster bei. Schuld hatten immer die Anderen.
Die Industriestadt gehört nicht zu den meist besuchten Orten. Die Luftqualität ist schlecht, Sehenswürdigkeiten sucht man vergeblich. Dem hat auch die Reiseagentur Rechnung getragen und das fast schon nobel zu nennende »Hotel Graal«, ca. zehn Kilometer außerhalb der Stadt, mitten im Wald, gebucht. Das Niveau der Gäste dürfte nicht immer dem Stil des Hauses gerecht werden. Es wird darauf hingewiesen, dass u.a. Schuhcreme nicht aus den Betttüchern gewaschen werden kann.

~ Inge & Oddo, ZEIT-Reisende

Tag 28

Krasnojarsk

Ausschlafen bis 9 Uhr, strahlend blauer Himmel, perfekte Temperaturen zwischen 23°C und 24°C, Galina, eine lokale Stadtführerin, die mehr als stolz auf ihre Heimat ist, richtig gut gelaunte Mitreisende – nichts könnte für einen Tag mitten in Sibirien vielversprechender sein.

Tatsächlich rühmt sich die Millionenstadt Krasnojarsk damit, der »Mittelpunkt« Russlands zu sein: der sie durchströmende Fluss Jenessej teilt das Land je ca. 4000km nach Westen und 4000km nach Osten. Gleichzeitig trennt er West- und Ostsibirien voneinander.

Wie bei jeder wachsenden Großstadt ist der äußere Eindruck – so wie bei allen anderen Zentren auf unserer Strecke – auf den ersten Blick eher unspektakulär. Moderne Zentren, Rohbauten, Altstadtbereiche mit historischen Einsprengseln (hier vor allem Holzblockhäuser mit ausgiebigen Holzschnitzereien im sogenannten Sibirischen Barock).

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Der Jenessej spielt in und für die Stadt eine wichtige Rolle. Galina vermag es hervorragend, Begeisterung für ein Denkmal zu erwecken, welches am schönsten Platz der Stadt (Theaterplatz) den Fluss ehrt. Verkörpert durch einen »schönen, kraftvollen, starken Mann, wie ihn sich die Frauen wünschen« (nicht meine Worte), umspielen und speisen ihn 22 000 Zuflüsse, symbolisiert durch 7 veredelte, schöne Frauenstatuen.

Seidenstraße_Blog_Tag_28_Bild_4Da sich der Fluss direkt vor unseren Augen entlangschlängelt, können wir gleich eines der Wahrzeichen der Stadt begutachten, die Kommunale Brücke, die die beiden Ufer miteinander verbindet. Ein weiterer Stolz Krasnojarsks ist eine kleine Kapelle (Paraskewa-Pjatniza), die uns vom ehemaligen Wachhügel einen wunderbaren Blick über die Stadt gestattet.

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Um die Kapelle ranken sich einige Geschichten, denen wir sicherlich interessiert zuhören und sie notieren, aber bevorzugt genießen wir die klare, lauwarme und trockene Luft, die uns hier oben um die Nase weht und den weiten Blick über eine sichtbar prosperierende Stadt. Überall sind Arbeiter am Werk und bauen, reparieren und kontrollieren. Die Emsigkeit ist auffallend, hat aber zwei einleuchtende Gründe. Da die Böden im hiesigen Kontinentalklima nur drei von zwölf Monaten wirklich frostfrei sind, muss alles, was an Arbeiten anfällt in entsprechend kurzer Zeit bewerkstelligt sein. In den kurzen Sommern wird es tagsüber bis zu 35°C warm, im Rest des Jahres bis zu -40°C (tagsüber). Für die sympthische Galina ist der Sommer bereits vorüber und es geht rasend schnell auf den kurzen Herbst zu.

Der 2. Grund ist trivial: im nächsten Jahr findet die 29. Winteruniversiade in Krasnojarsk statt. Um die 60 Länder werden vertreten sein und daher soll die Stadt bis dahin in neuem Glanze erstrahlen. Auf uns macht sie aber jetzt schon einen äußerst freundlichen, modernen und aufgeräumten Eindruck. Wir diskutieren erstaunt unsere Vorurteile und anders gearteten Erwartungen. Wir sind uns einig: diese hohen Standards hätten wir alle nicht erwartet! Kleines Beispiel: junge Servicekräfte überraschen uns mit ihren Englisch- und/oder Deutschkenntnissen (was uns in China in 99% aller Fälle nicht begegnet ist); bei mehr als 120 000 Studenten, also mehr als 10% der Bevölkerung vielleicht auch kein Wunder.

Aber es geht noch weiter mit den Überraschungen. Auf dem Weg zum nächsten Ziel, einem der wichtigsten Stauseen und Schiffshebewerken Russlands, besuchen wir ein altes Dorf mit originalen Holzhäusern direkt am Jenessej. Das Bilderbuchwetter lässt hier die Fotoapparate heiß laufen. Neben der Postkartenidylle existiert aber auch die manchmal doch sehr nüchterne Realität, wenn man sich z.B. den antiken Wagen mit dem Roten Kreuz genauer unter die Linse nimmt. Er fährt gerade Richtung Dorfapotheke, die gleichzeitig die Aufgabe eines stationären Krankenhauses übernommen hat.

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Wir rollen jetzt aber genüßlich weiter durch lichtdurchflutete Birkenwaldhügel im Naturschutzgebiet Stolby. Bussarde kreisen über uns und beim Flanieren versuche ich, ein paar der Heilpflanzen zu bestimmen, die hier, genau wie Pilze und Beeren, gesammelt und häufig am Straßenrand zum Kauf angeboten werden.

Nach einem Kurzbesuch am 124m hohen Wasserkraftwerk, dem 3. Wahrzeichen Krasnojarsks, gleiten wir mit dem Sessellift in die wunderschöne Hügellandschaft hinauf, um die Stadt, die uns tatsächlich alle berührt hat, noch ein letztes Mal von oben zu bewundern.

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Auch der Jenessej nimmt uns noch ein letztes Mal gefangen. Unseren Abend verbringen wir an seinem Ufer in einer netten Gaststätte, wo wir gleich 2 Geburtstagskinder aus der Gruppe Shanghai feiern dürfen, Thomas und Ingeborg. Thomas lässt es sich nicht nehmen, alle, also auch uns, die Gruppe Hamburg zu einem Bier einzuladen. Gegenüber unseres Hotels gibt es doch tatsächlich einen Bier-Store, in dem Biersorten aus aller Welt angeboten werden, auch frisch gezapft. Unglaublich die Vielfalt. Trotz unserer hörbaren Begeisterung wirft uns der gestrenge Verkäufer exakt auf die Minute um 23 Uhr vor die Tür. Feierabend. Kasse zu.

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Aber auch das meistern wir. Wie immer. Auf den Stufen vor dem Store sitzend prosten wir uns zu, fröhlich, entspannt, launig, auf einen richtig gelungenen Tag, mitten in Sibirien!

~ Claudia Kennel, ZEIT-Reisende

Tag 27

Nischneudinsk – Krasnojarsk

Nizhneudinsk, das uns gestern Abend mit morbidem Charme und jugendlicher Begeisterung empfing, hat heute morgen noch eine Überraschung für uns:
Wir dürfen nach einer mit unterschiedlichem Komfort verbrachten Nacht (teils liebevoll zugedeckt im Foyer, teils auf vorkommunistischen Federkernmatratzen) ein feines Frühstück im postkommunistischen Spiegelsaal einnehmen.

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Morbider Charme
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Dorfjugend
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Spiegelsaal

Frisch gestärkt machen wir uns nun auf die 550 km Strecke Richtung Krasnojarsk. Nach den heißen Temperaturen der vergangenen Tage sitzen heute Morgen fast alle eingemummelt in Jacken im Bus, sibirische 12°C sind es nur noch.
Die transsibirische Trasse, auf der wir uns westwärts bewegen, wird vom russischen Staat erstklassig ausgebaut. Die End-Ausbaustufe erinnert fast an  China.

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Straßenbau Stufe 1
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Straßenbau Stufe 2

Mir fallen die dunklen Nadelwälder auf, die fast bis an die Straße heranreichen und den Eindruck einer Schlucht entstehen lassen. Die Landschaft scheint menschenleer, trotzdem sehen wir immer wieder Händler am Straßenrand, die eimerweise Pilze und Beeren, Honig, Balsam mit Kräutern aus der Taiga u.a. anbieten. Oft genug besteht der »Verkaufsstand« aus der Motorhaube des Autos.

Mitten in dieser Einsamkeit taucht eine Tankstelle mit Werkstatt auf. Ein willkommener Stopp, um die Hallen der Harmonie aufzusuchen. Unsere Skepsis angesichts der Reifenberge, die sich hier türmen, ist natürlich unbegründet: Toiletten vom Feinsten mit Waschraum. Wie so oft – nicht nur hier in Russland – täuscht der erste Eindruck, man muss nur etwas genauer hinschauen, um das »Dahinter« zu entdecken.

Reifenwerkstatt
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Toiletten mit Waschraum

Allmählich weitet sich die Landschaft wieder, lichte Birkenwälder, blühende Wiesen und strahlender Sonnenschein begleiten uns. Heute ist der letzte Tag im Juli und laut unserem russischen Guide geht jetzt der Sommer zu Ende. In den kleinen Dörfern, die wir durchfahren, liegen Berge von Holz vor den Häusern – der Vorrat für lange kalte Winter. Wir sehen gepflegte, in allen Farben blühende Vorgärten, und immer das obligatorische Kartoffelfeld daneben – nebenbei bemerkt: die Kartoffeln haben bisher bei allen Mahlzeiten ausgezeichnet geschmeckt.

Bunte Wiesen
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Holzhäuser mit Vorrat

Prof. Dr. Maria Huber und Christian Schmidt-Häuer sind heute als ZEIT-Experten an Bord und ihr Protagonist ist Boris Jelzin. Maria berichtet von den wirtschaftlichen Voraussetzungen, die Jelzin 1991 bei der Amtsübernahme als Präsident von Russland vorfand, von seinen eigenen versuchten Reformen, während Christian sich der politischen Seite und dem Lebenslauf von Jelzin widmet. Für mich war es spannend zu hören, welche internationalen Verquickungen es in der Zeit zwischen 1985 und 1991 gab, welche Rolle der Westen, insbesondere die USA (und wieder einmal auch der CIA) bei der Auflösung der Sowjetunion gespielt hat. Interessant auch die Berichte über die sogenannte Voucher-Privatisierung, die als einzige Form der Privatisierung von Staatseigentum vom IWF und der Weltbank akzeptiert wurden im Gegenzug für Kredite, die Russland dringend nötig hatte. Letztlich wurde hiermit der Grundstein für die heute noch bestehende wirtschaftliche Oligarchie in Russland gelegt.

Die Zeit vergeht wie im Flug und schon taucht im schönsten Abendlicht der große Jenissej vor uns auf: Krasnojarsk ist erreicht, wir verlassen nun allmählich das Vorland des Ostsajan-Gebirgszuges, das uns seit dem Baikalsee südlich begleitet hat und nähern uns dem mittelsibirischen Tiefland. Der Jenissej ist die Grenze zwischen Ost- und Westsibirien.

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Jenisseij

~ Annette Boeddinghaus, ZEIT-Reisende

Tag 26

Irkutsk – Nischneudinsk

»Oh, terrible!« stieß er hervor, steigerte es gar zu: »Oh, horrible!« als ich ihm unsere Reise schilderte. Er, ein älterer, freundlicher Russe mit schwarzmetall-überkronten Schneidezähnen, hatte mich vor dem Hotel am Baikalsee danach gefragt, offenbar sah ich am frühen Morgen so aus, als gehörte ich in diesen deutschen Bus. Es war nicht die Reise, nicht die Route, der ihn so entsetze, sondern die Art und Weise, wie wir diese weite Strecke zurücklegen: mit dem Bus – terrible! Acht Wochen – horrible!
Nun gut, wir haben die Reise nicht gebucht, weil wir alle so wahnsinnig gerne Bus fahren. Heute aber, am 26. Tag, sind angesichts der 520 Kilometer von Irkutzk nach Nizhneudinsk keine schönen Besichtigungen, keine touristischen Höhepunkte zu erwarten, sondern heute heißt es nur: Busfahren!
Nein, das ist nicht »terrible«, es bietet die Inneneinrichtung des Busses genügend Raum, um uns auf unseren Sitzen gemütlich einzurichten, keine Enge zwängt uns zusammen, in, unter und auf den Tischmodulen hat das Nötigste reichlich Platz, Getränkeflaschen, Fotoapparate, Jacken, Pullover sind schnell verstaut, ja selbst die Füße finden darauf oder darin ihre Ruhe, bequem lehnen wir uns zurück und los geht’s.

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Über den Bordlautsprecher werden wir von Wolfgang aufmunternd begrüßt, er stellt das Tagesprogramm vor (= Busfahren), vergisst nicht, uns abermals darauf aufmerksam zu machen, dass unser nächstes Hotel »etwas einfacher« sein würde als das eben verlassene, es schließt sich auch unsere russische Reiseführerin Larissa an und wünscht einen guten Tag, und am Steuer sitzt Ruven, der uns auf der belebten, vierspurig ausgebauten Straße aus Irkutzk hinaus fährt.

Wir schauen aus dem Fenster: draußen dehnt sich ein weites Land aus, flach zunächst, bald sanft hügelig und immer wieder aufgelockert durch Kiefern- und Birkenwäldchen. Sibirische Taiga unter leicht grauer Wolkendecke.
Bald meldet sich »aus dem Cockpit« Christian Schmidt-Häuer, unser Experte, und kündigt seinen ersten Vortrag an. Welche andere Busfahrt sonst kann, wie diese unsere, ihren Gästen eine so reiche, so kompetente und lebendige Information über Land und Leute anbieten? Christian erzählt von Gorbatschow, skizziert dessen schnellen Aufstieg von der in der Parteihierarchie eher unbedeutenden, viel zu jungen Figur bis hin zum Generalsekretär und damit zum ersten Mann im Staat, wir hörten, wie dieser Weg möglich war: Christian schildert den düsteren wirtschaftlichen Zustand der UdSSR am Ende der Breschnjew-Zeit, der Reformen und Veränderungen so dringend erforderlich machte, die nun Gorbatschow in die Wege leitete, leider nicht immer mit Erfolg.
Larissa war nicht mit allem, was Christian erzählte, einverstanden, hatte Gorbatschows Politik anders erlebt und empfunden, und emotional und betroffen stellt sie Gorbatschow als Zerstörer, seine Politik in dunklen Farben vor, fand das Leben, auch ihr eigenes, besser aufgehoben damals in Breschnjews oder heute in Putins Händen.

Wieder ein Blick aus dem Fenster: wir sehen, oft in enger Nachbarschaft zur Straße, die Trasse der transsibirischen Eisenbahn, auf der mit endlos langen Zügen ein reger Güterverkehr herrscht. Die grauen Wolken haben sich fast vollständig verzogen, die Landschaft ist hügeliger und abwechslungsreicher geworden, zu beiden Seiten der Straße sehen wir Getreide- und Kartoffelfelder, Birken- und Kiefernwälder huschen vorüber, wir fahren durch Straßendörfer oder sehen unweit der Straße Haufendörfer liegen mit ihren niedrigen, kleinen Holzhäusern und Bretterzäunen, ihren engen Innenhöfen mit bescheidenem Gemüseanbau, die meisten Anwesen wirken ärmlich, andere sind deutlich gepflegter und fallen durch zuweilen grelles Blau oder Grün der Dächer und Fenster auf, ohne aber großen Reichtum zu verraten.

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Wer von all dem, was draußen von der Umgebung an uns vorüber eilt, etwas mit der Kamera einfangen möchte, muss sich strecken und sich oft mit verwischten Fotos zufrieden geben.

Eine kurze Kaffee- und eine kleine Mittagspause mit einem einfachen Mittagessen in einem Straßenrestaurant gibt Gelegenheit, die steif gewordenen Beine zu bewegen und (gemäß chinesischer Diktion) nach oder zur »Harmonie« zu streben.

Weiter geht die Fahrt: aus seinem schier unerschöpflichen Wissen erläutert Wolfgang die botanischen und geologischen Beschaffenheiten und Befunde des Landes, durch das der Bus uns fährt, und schaut dabei einige Millionen Jahre in die Entwicklungsgeschichte zurück. Nicht so weit ist die Vergangenheit entfernt, von der Maria Huber erzählt : sie stellt die wirtschaftliche Seite der Politik Gorbatschows und deren Auswirkungen dar, zeigt auf, wo und warum manche Reformbemühung nicht zum Erfolg führte – etwa die fast skurril anmutenden Versuche, den Alkoholkonsum einzudämmen, der (auch) dem Erfolg der Wirtschaftsreformen im Wege stand. Bedrückender noch hörte sich Maria Hubers Schilderung des Bergarbeiterstreiks in der Oblast Kemerowo an, den sie dort selbst miterlebte.
Nicht immer schaffen wir es alle, unseren Experten uneingeschränkt aufmerksam zuzuhören, die Müdigkeit ist manchmal stärker als das Interesse, auf manchen Sitzen hängt so mancher Kopf schlafend herunter, um unsanft wach gerüttelt zu werden, wenn der Bus mit kräftigen Schlägen über Querrinnen oder durch Schlaglöcher fährt.

Wer wach geblieben ist, sieht, wie wir den Fluss Uda überqueren und schon hält der Bus vor dem gleichnamigen Hotel in Nizhneudinsk. Es zeigt sich bald, dass Wolfgangs Ankündigung, das Haus sei »etwas einfacher«, der Wahrheit voll entspricht. Wir richten uns ein und fahren in ein nahes Restaurant, wo wir in einem Speisesaal, der der glitzernden Beleuchtung nach auch Tanzfesten angemessen zur Verfügung stehen könnte, unser Abendessen erhalten, der Wein in rot und weiß, der klare Wodka dazu sind willkommene Gabe der Agentur.
Von meinem »etwas einfachen« Hotelzimmer blicke ich auf den Parkplatz hinab: unsere Fahrer putzen die Frontscheiben der Busse, denn morgen brauchen wir klare Sicht für das gleiche Programm, wie wir es heute erlebt haben: Busfahren!

~ Helmut Hering, ZEIT-Reisender

Tag 25

Listwjanka – Irkutsk

Aufbruch nach Irkutsk. Ich frage mich eigentlich, was an Listwjanka, dem kleinen Ort am Baikalsee, so beeindruckend ist, dass es wert war, 2 Nächte dort zu bleiben. Es erinnert ein bisschen an Ballermann-Tourismus. Im Hotel hatte ich heute früh ein nettes Gespräch mit einem russischen Ehepaar aus Moskau. Er sprach fließend Englisch und erzählte, dass er beruflich viel in Deutschland sei. Auf meine Frage, wie er von Moskau an den Baikalsee gekommen sei, meinte er, mit dem Flugzeug – Flugzeit 5 ½ Stunden! Da wurde mir so richtig bewusst, wie weit »hinten« wir in Asien sind: Luftlinie Irkutsk-Moskau 4200 km (zum Vergleich: München-Teheran 3500 km). Und doch ist das Leben hier alles andere als asiatisch, es ist unserem europäischen Leben ziemlich ähnlich. Erst 1760 gab es eine Straßenanbindung von Irkutsk nach Moskau und 1898 wurde Irkutsk mit der Transsibirischen Eisenbahn Richtung Pazifik und China zu einem wichtigen Knotenpunkt in Sibirien (Zar Alexander III).

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Baikalsee
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Eines der Theater in Irkutsk

Die Fahrt entlang dem Ufer des Baikalsees Richtung Irkutsk eröffnet uns das Tor zum Geheimnis dieses Sees: man spürt die Kraft und Ruhe von diesem majestätischen See. Dünne Besiedelung, dichte Birken- und Lärchenbewaldung und bodendeckend Farn. Mit einer Länge von 643 km und einer Uferlänge von 2700 km würde er sich von Berlin bis Karlsruhe ausdehnen.

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Kosakenhauptmann Ermak, der Ende des 16. Jahrhunderts die russische Eroberung Sibiriens einleitete
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Eine russisch-orthodoxe Erscheinungskirche

Unser sehr gut deutsch sprechender, lokaler russischer Führer konnte uns leider nicht viel über Irkutsk erzählen. Wichtig war ihm, uns auf ein Bierlokal »Beer-Land« hinzuweisen, da er wohl annahm, dass Bier trinken unser vorrangiges Besichtigungsziel ist. Irkutsk ist eine neue Stadt mit einigen alten, sehr schönen Gebäuden und Kirchen. Beeindruckend sind immer wieder die Theater- und Opernhäuser. Wie schade, dass gerade Sommer-Spielpause ist. Man spürt förmlich von außen, wie die russische Seele an diesen Orten ihre herrliche Plattform bekommt.

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Ein Holzhaus aus dem 19. Jahrhundert

~ Ursula Winker, ZEIT-Reisende

Tag 24

Listwjanka

Abenteuerlustig starten wir in unseren heutigen freien Tag in dem kleinen Touristenort Listwijanka am Ufer des Baikalsees.

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Noch liegt die kleine Uferpromenade verschlafen vor uns und unserem farbenfrohen, aber einfachen Hotel; einzelne Händler bauen winzige Klapptische auf, um ihre Kofferraumware anzubieten. Sie werden mit gehäkelten Tierchen, selbst bemalten Barbie-Kopien, frisch gesammelten Beeren, die noch vor Ort einzeln hübsch in durchsichtige Plastikbecherchen verlesen werden oder kleinen Schildkröten, die fürs heimische Aquarium erwerbbar sind, bestückt.

Auf dem örtlichen Markt drapieren rabiate Verkäuferinnen die berühmten Spezialitäten der Gegend, aufgespießte getrocknete und geräucherte Baikalfische auf ihren Budentischen. Den Omul, nach dem ich seit Tagen Ausschau halte, werde ich vergeblich suchen. Wie ich höre, darf er seit ca. 5 Jahren aufgrund von Überfischung nicht mehr angeboten werden. Wer jedoch nach weiteren Spezialitäten Ausschau hält, wird trotzdem fündig: da einige Mitreisende aus beiden Bussen mit kleinen Erkältungen zu kämpfen haben (die starken Temperaturschwankungen zwischen den Tagen und Nächten waren etwas unerwartet), horche ich auf, als eine Burjatin ihre Ware anbietet: gegen Erkältung nimmt man in Honig eingelegte kleine Baby-Kiefernzapfen der sibirischen Kiefer, die höchstens 1cm lang sind, vergleichbar mit unserem Maiwuchs, bei dem frische Tannenspitzen ausgezogen werden. Jetzt bin ich auf die Wirkung gespannt.

Eine kleine Gruppe hat sich zusammengeschlossen, um gemeinsam auf einem GBB (Glasbodenboot) den Baikalsee zu erforschen. Nach unten erkennen wir so gut wie nichts, was bedeutet, dass es nichts gibt: außer steinigem Untergrund hin und wieder kleine Algennester, ansonsten aber tatsächlich klares Wasser und keinerlei Trübstoffe, Schmutz oder gar Fische.

Unvermittelt werden wir an Bord gerufen. Gestikulierend versucht uns unsere Begleiterin klar zu machen, dass wir auf den Schamanenstein inmitten des Sees zusteuern. Aufgeregt halten wir unsere Opfermünzen bereit, denn unvorbereitet sind wir nicht. Weit ausholend werfen wir die Silberlinge aufs Wasser, pling, pling, pling, dann ein Aufschrei, zwei Aufschreie, drei! Yoko hat in ihrer Begeisterung gleich ihr Handy mitgeopfert, im gleichen Atemzug aber wohl entschieden, dass das wohl doch nicht so schlau sei. Alle Fotos der letzten Wochen verloren, alle Kontaktdaten weg! Wir versuchen sie zu beruhigen, denn wer weiß, was unsere Schamanengeister wohl noch Gutes mit ihr vorhaben werden. Als Trost lässt unsere Russin nun einen Zinkeimer ins Wasser gleiten und holt klares Baikalwasser an Bord. Wir dürfen alle kosten und gehen erfrischt an Land.

Nach dem Mittagessen im Hotel nutzen viele die kostbare freie Zeit zu einem kurzen erholsamen Nickerchen. Die Sonne brennt von oben herab und nicht nur wir versammeln uns danach erneut am Strand. In kürzester Zeit ist aus diesem beschaulichen Ort ein Rummelplatz geworden. Autolawinen wälzen sich durch die einzig zu befahrende schmale Ortsdurchfahrt, Menschen drängen sich auf den restlich verbliebenen Flächen. Wir sind erschüttert. Lautsprecheranlagen versuchen sich gegenseitig zu übertönen, die einen mit Durchsagen zu fantastischen Ausflugsangeboten, die anderen mit Hardrockklängen zwecks Ankündigung anderer unschlagbarer Überraschungen. Maiskölbchenverkäufer sitzen mit apathischem Blick vor ihren dampfenden Töpfen, Familien packen auf dem steinigen Ufer ihre Picknicktüten aus, schöne Mädchen sitzen auf den Stegen und fotografieren sich gegenseitig mit professionellen Posen. Nein, das ist uns zu viel. Zu Viert wollen wir dem entfliehen und beratschlagen, was zu tun ist. Genau in diesem Augenblick tritt ein junger Mann auf uns zu und bietet uns an, ein Speedboot zu mieten, ein NGBB (Nicht-Glasbodenboot).

Warum nicht ein zweites Mal in See stechen? Wir sind hier am Baikalsee und haben nun die Chance, noch weiter hinauszufahren, in ganz kleiner Freundesrunde, während alle anderen Ausflugsboote voll mit quirligen Menschenmassen herumtuckern. Wir wünschen uns slow speed vom Fahrer und lassen bald die touristische Kulisse hinter uns. Während wir in das glitzernde Nass hinausfahren, verstummen die Gespräche nach und nach. Das ist es doch, was wir wollten! Den Baikalsee erleben. Das große »Meer«, wie die Einheimischen sagen, das wunderbare wandelbare Gewässer mit den vielen Gesichtern, je nach Jahreszeit. Sicherlich lässt sich das Gebiet auch anders erkunden, so wie es die Mitreisenden an diesem freien Tag gemacht haben, mit denen wir am Abend sprechen: sei es wie Wolfgang, der Flora und Fauna gesucht und gefunden hat, sei es wie Heiner und Ursula, die auf dem Hosenboden den Hang hinabrutschen, um zum Ziel zu kommen oder wie andere, denen zufällig der Zarengold beim Wandern entlang alter Gleise begegnet ist. Für uns ist es so, und genau so richtig, wie wir es gemacht haben.

Sehr entspannt lassen wir den Tag oben in der Bar unseres Hotels ausklingen. Der zart von Wolken umhüllte abnehmende Mond spiegelt sich im Wasser, Ruhe kehrt ein im Dorf, die blinkenden Lichter ringsum erlöschen nach und nach, während sich Prof. Mária Huber, Christian Schmidt-Häuer und wir anderen Üblichen uns mit Zigarillos, Architektenkammern, Nachfolgeregelungen, Lesungen am Bodensee, geistigen Getränken, Sitzordnungen im Bus, Sinn oder Unsinn von Coaching, Auftritten am Ballhof in Hannover, japanischen Onsen usw. beschäftigen. Ihr lieben LeserInnen seht, wie viel man in kurzer Zeit abarbeiten kann… Aber irgendwann ist auch damit Schluss und glücklich über einen rundum gelungenen Tag fallen wir in unsere Betten.

~ Claudia Kennel, ZEIT-Reisende

Tag 23

Baikalsk – Listwjanka

Aufwachen am Baikalsee bei Sonnenschein! Da lohnt das Hinaufschweben mit dem Sessellift auf den Hausberg von Baikalsk, den Sobolinaja.
Eine Reisegruppen übergreifende Tausch- und Bezahlaktion ermöglicht den Erwerb der Tickets und bald schweben wir in meditativer Ruhe hinauf auf 900m.
Nur das Bellen eines Hundes durchbricht die Stille: tief unter uns entdecken wir zwei Waldbeerpflücker.

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Von der Terrasse der Bergstation aus genießen wir einen ersten Blick auf »das heilige Meer«, wie die ansässigen Burjaten den Baikalsee nennen.

Das also ist der älteste Süßwassersee der Welt,
dessen Ausdehnung der Oberfläche von Belgien entspricht. Der mehr Wasser fasst als die Ostsee, der von mehr als 500 Bächen und Flüssen gespeist wird und dessen einziger Abfluss Angara das Baikalwasser über den Jenissei ins Polarmeer befördert. Mit ca. 1662m, gemessen von sowjetischen Wissenschatlern 1983, gilt er als der tiefste See der Welt. Dank der Filterarbeit der Epischura-Krebse und durch die Schließung der Zellulosefabriken, weist der See als einziger Trinkwasserqualität auf. Ob wirklich Seewasser in Flaschen zum Verkauf abgefüllt wird, wie irgendwo gelesen?
Von hier oben aus hat man den Eindruck, ein Meer vor sich zu haben, dessen anderes Ufer nicht einmal zu erahnen ist. Kein Wunder bei einer Seelänge von 673 km! Auch die Durchschnittsbreite liegt bei 48 km.

Unser russischer Reiseführer Dennis berichtet uns auch von der einzigartigen Fauna und Flora, von 1500 Tier- und mehr als 2000 Pflanzenarten, die zur Hälfte nur hier heimisch sind. Besonders bekannt sind der Omul, eine Lachsart, sowie die Baikalrobbe, die einzige Süßwasserrobbe der Welt.
Der lange, kalte Winter von November bis Mai führt dazu, dass der See in dieser Zeit von einer bis zu einem Meter dicken Eisschicht bedeckt ist,
die sogar von Zügen befahren werden kann.

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Auf der Busfahrt entlang der südlichen und südwestlichen Seeseite von Baikalsk nach Listwjanka erhaschen wir immer wieder kurze Blicke auf den See durch Birken und Lärchen, manchmal noch über Holzhäuschen und vorbeiratternde Eisenbahnzüge hinweg.
Die Schließung der Zellulosefabriken half, die Seewasserqualität zu verbessern, vernichtete gleichzeitig aber viele Arbeitsplätze. Abwanderung und sichtbarer Verfall von Häusern und Ortschaften sind die Folge.

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Die hügelig-kurvigen Straßen sind in einem schlechtem Zustand und sind dem stark angewachsenen Verkehr nicht gewachsen.
Leicht vorstellbar, dass das Alltagsleben der Bewohner durch den zunehmenden Tourismus erschwert wird.
Illegale Bautätigkeit am Ufer, das Einleiten von ungeklärtem Wasser, unkontrollierte Fischerei sowie zunehmender Schiffsverkehr auf dem Baikalsee
gefährden die ökologische Situation dieser einzigartigen Landschaft.
Hinzu kommen Pläne von Nachbarstaaten, z.B. der Mongolei, durch die der Selenga, größte Zufluss des Baikal fließt, einen Staudamm zur Nutzung der Wasserkraft zu bauen. Dieser Plan ist umweltpolitisch nützlich für die Mongolei, stellt jedoch für die Baikalregion ein Umweltrisiko dar.
Hinzu kommt der Wunsch von China, zur besseren Versorgung von Nordchina eine Vereinbarung über die Zuführung von Baikalwasser zu treffen.

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Die Beteiligten scheinen sich schwer damit zu tun, Wachstum und Umweltbemühungen sowie wünschenswerte Umweltbemühungen und deren Auswirkungen auf die Umwelt in anderen Ländern, hier: die Baikalregion, miteinander zu vereinbaren.
Alle sollten aber größten Wert darauf legen, dieses unschätzbare Weltnaturerbe vernünftig zu nutzen und in jeder Weise zu schützen.

~ Kathrin Leggewie, ZEIT-Reisende

Tag 22

Ulan-Ude-Baikalsk

Ulan-Ude ist die schönste Hauptstadt von Burjatien – wir sind jetzt in unserem 3. Land: Russland!
Im Hotel ist alles perfekt und fast heimisch: nicht so riesig und üppig wie in China und auch nicht so viele Schalter im Zimmer – dafür aber mit einem Fenster mit Insekten-Schutz, so dass man des Nachts mit offenem Fenster anstelle der Klimaanlage schlafen kann.
Im Souvenir-Laden des Hotels kaufe ich eine kleine »Baikal-Tasche« für meine 14jährige Urenkelin und kleine Babuschkas als Anhänger für den Weihnachtsbaum bei der Chefin Frau AHA (Anna) und bekomme von ihr dazu einen winzigen Babuschka-Fingerhut und eine Umarmung! Ich kann mit ihr ein ganz klein wenig Russisch sprechen, da ich 1945 in Berlin mehr als 2 Jahre Russisch am Gymnasium gelernt habe.

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Zwischendurch, kurz vor dem nächsten Stopp im Baikalsk, essen wir gut zu Mittag, danach haben wir noch einen Foto-Stopp mit genügend Zeit, um uns diesseits der Gleise, welche direkt neben dem Ufer des Baikalsees verlaufen, auf eine Bank zu setzen, um mit höchstem Glücksgefühl die Transsibirische Eisenbahn vorbeifahren zu sehen – allein.
Fast hätten wir danach im Bus eine kurze Siesta eingelegt, aber da kommen Wolfgangs Erklärungen zu Fauna und Flora hier am Baikalsee! Das war gut, denn sein unerschöpfliches Wissen erfreut uns stets und hält uns wach!

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~ Ingrid Heenen de Segarra, ZEIT-Reisende

Tag 21

Sukhbaatar – Ulan-Ude

Nie zuvor gab es einen Grenzübertritt mit einem deutschen Reisebus von der Mon-golei nach Russland. Das steht nun heute an, verbunden mit einem großen Fragezeichen. Der Bus rollt Richtung Schlagbaum in der Grenzstadt Sukhbaatar, die Schlange ist nicht allzu lang, nach 6 Stunden sind wir durch, ging alles glatt inkl. Untersuchung des Busses von unten.

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Hurra! Weiterfahrt nach Ulan-Ude, ca. 3 Stunden, mit dem guten mongolischen Wodka »Dschingis Gold« wird auf die nächsten 4 Wochen in Russland angestoßen, zusammen mit unserem neu zugestiegenen russischen Guide.
Täglich bestätigt sich aufs Neue, dass eine Busreise, nein, diese Busreise, vor allem uns »Neuen« (6) sehr gut gefällt und einfach klasse ist. Bestätigt wird das durch die große Zahl von »Wiederholungstätern« (17), die entweder jetzt (4) oder vor 2 Jahren schon von Hamburg nach Shanghai dabei waren. Wir sind eine Truppe von individualistischen Einzelreisenden (7) und Paaren (8), die – bis auf diese – keine Gruppenreisen bevorzugen bzw. kennen. Woher das kommt? Das Reiseziel, die Vorbereitung und Planung, der Reiseleiter, die mitreisenden und immer wieder wechselnden Experten, der Bus mit seiner großzügigen Einrichtung und seinen Fahrern, die Möglichkeit beim Fahren die Übergänge von Landschaften fließend zu erleben, daher kommt das.
Hinter der Grenze geht die jetzt zunehmend bewaldete Steppen-Landschaft genauso weiter wie in der Mongolei, die Häuschen sind jetzt aus Holz, die Straßen so là-là bis gut, der Boden sandig, Temperatur 34°, also los! Unterwegs passieren wir den großen und lieblichen Gänsesee, aber boaah: an seinem Südende ein Kraftwerk, die verfeuerte Braunkohle wird imTagebau gewonnen, die dazugehörige Stadt wirkt wie ausgestorben, die Gegend ist trotz des schönen Sees gebrandmarkt. Der große Fluß Selenga begleitet uns und mündet letztlich in den Baikal-See.
Wir sind in der russischen Republik Burjatien mit ihren etwa 1 Million Einwohnern. Sie hat eine eigene Verfassung, neben russisch eine eigene burjatische Sprache, umfasst das Gebiet im Süden von der Grenze zur Mongolei nach Norden und Osten unter Einbeziehung des Baikal-See.

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Deutliche Ähnlichkeiten zur Mongolei gibt es in der Sprache oder dem Aussehen der Menschen und dem asiatischen Flair.

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Man sieht buddhistische Stupas, russisch-orthodoxe Kirchen, kann Schamanen begegnen oder in Ulan-Ude ein Zentrum für tibetische Medizin besuchen.

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Seit etwa 350 Jahren gehört Burjatien nach der Unterwerfung der Mongolen durch Kosaken zu Russland. Ulan-Ude (426.000 Einwohner), die Hauptstadt der Republik Burjatien, begrüßt uns am Abend mit dem großen Lenin-Kopf, seinen zahlreichen kulturellen Einrichtungen wie russisches und burja-tisches Schauspielhaus, Ballett- und Opernhaus, Puppentheater und der Philharmonie.

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Schwer zu glauben, dass wir in Russland sind. Mutmaßlich wird unser Russlandbild in 4 Wochen ein anderes sein als heute. Wir freuen uns auf morgen.

~ Heiner Winker, ZEIT-Reisender

Tag 20

Gorkhi – Terelj – Sukhbaatar

Ach, du kriegst die Tür nicht zu…
Nach dem Gepäcktransport und unserem Morgenspaziergang – begleitet von einem freundlichen Weggefährten, der von allen gestreichelt werden will und sich mit einem fröhlichen Schwanzwedeln bedankt – ereilt uns der erste Schreck des Tages: im Bus Hamburg funktioniert die Schließvorrichtung nicht mehr. Ein Einbruchsversuch in der Nacht; wir wundern uns, dass die mongolische Reiseagentur (bei ihrem eigenen Camp) nicht für die Sicherheit gesorgt hatte. Bevor wir mit notdürftig schließenden Türen starten können, vergehen erst einmal eineinhalb Stunden.

Auf dem Weg nach Sukhbaatar – kurz vor der russischen Grenze – passieren wir zunächst wieder die für die Touristen ausgestellten Adler und Geier (wir bedauern die stolzen Tiere, die angekettet auf ihren Ständern hocken müssen), das oboo, das wir gestern fünfmal umrundeten, sowie die Hauptstadt Ulan Baatar mit einem Tankstopp bei dem bereits bekannten Einkaufszentrum, wo gestern neben Obst und Keksen auch respektable Mengen Knallkram (vulgo Wodka) gebunkert wurden.
Durch wunderschöne gebirgige Landschaften in der mongolischen Weite fahren wir zum Mittagessen in ein kleines Hotel in dem Ort Darkhan, in das wir uns später noch zurücksehnen werden. Es verfügt über einen gewissen sozialistischen Charme mit barockartig anmutenden Sesseln in der Lobby, ein Restaurant sowie – auf der langen Busreise sehr wichtig – recht gepflegte »Hallen der Harmonie«.
Das Mittagessen selbst erfolgt in zwei Etappen: erst erhalten die Vegetarier (und drei Fleischesser an ihrem Tisch) ihre Mahlzeit, die restlichen Gäste dürfen ihren Hunger noch eine dreiviertel Stunde konservieren. In diesem Land ist der Tourismus noch nicht ausgeprägt und der Service in den Kinderschuhen; man entschuldigt sich mit einem Lächeln, die Entschuldigung wird gern angenommen.

Wir fahren später abseits der Straße über Stock und Stein weiter zum Hauptlager des Och-Camps – von dessen Parkplatz die Busse wegen der »Straßen« -Verhältnisse wieder nicht weiterfahren können. Hier wird das Team Hamburg in mehreren Holzhäuschen mit insgesamt einem (!) WC (mit Baby-WC) und einer Wasserleitung unter freiem Himmel mit drei Hähnen und einem Duschkopf an einem ca. 50 cm langen Schlauch (!) untergebracht.
Das Team Shanghai dagegen darf erst einmal zwei Kilometer Fußweg zurücklegen, bevor ihm ein Holzhaus bzw. mehrere Jurten zur Auswahl angeboten werden. Von hier aus soll es zum Abendessen dieselbe Distanz zu Fuß zum Hauptcamp zurückgehen und später in der Dunkelheit wieder hierher, vorbei an angeheiterten Soldaten und deren nicht heiteren Wachhunden. Schlüssel zum Verschließen unserer Jurte gibt es nicht, sie werden auch auf Nachfrage nicht geliefert.

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Offene Jurte

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Die Jurten sind ausgestattet mit jeweils fünf Betten mit dünnen Decken und Kissen – die gelieferten Bezüge sind zugenäht und nicht funktionsfähig. Handtücher gibt es nicht – macht nichts, die einzige »Wasser«-Stelle haben sowieso die wenigsten gefunden.

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Wasserstelle

Glücklich kann sich schätzen, wer am Abend eine Flasche Wasser aus dem Bus mitnahm, der kann sich wenigstens die Zähne putzen…
Im Gegensatz zu Team Hamburg stehen uns zwar drei sogenannte »Entsorgungseinrichtungen« zur Verfügung, wer aber über ein sensibles olfaktorisches Empfinden verfügt oder unter Gleichgewichtsstörungen leidet, der geht lieber in die Wildnis.

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Gut, dass es noch kein Geruchsbild gibt!
Wir vier in unserer Jurte verzichten auf die Wege zum und vom Abendessen und begeben uns zur Ruhe in Gesellschaft von verschiedenen Krabbel- und Stechtierarten: am Morgen ist jedenfalls die Schublade in unserem elektrischen Mückeneliminierungsgrill gut gefüllt (immerhin gab es hier eine Glühbirne und eine Steckdose). Unsere verschmutzten Hausschuhe lassen wir gleich vor Ort.

Aufgeschreckt durch die Ereignisse der letzten Nacht beschließen unsere Chauffeure, die Nacht in ihren Bussen zu verbringen; sie nutzen die Gelegenheit, die Fahrzeuge am Abend auseinanderzunehmen und derart geschickt wieder zusammenzubauen, dass alle Funktionen wiederhergestellt sind. Nun kriegt man die Tür wieder zu!
Ein Hoch auf Christian, Markus und Ruven!

Am nächsten Morgen soll das Gepäck von den Jurten abgeholt werden – hätten aufmerksame Mitreisende nicht darauf geachtet, wären einige Gepäckstücke bei den Jurten verblieben. Eine Übernachtungsmöglichkeit, die wir nicht wirklich weiter empfehlen möchten.

Fazit: Och-Camp? Och nöööö!

~ Inge, ZEIT-Reisende

Tag 19

Ulaanbaatar – Gorkhi-Terelj

Nach eiskalter Dusche (das warme Wasser streikte) und ausgiebigem Frühstück machen wir uns bei bewölktem Himmel auf zu neuen Abenteuern in Richtung Gorkhi-Terelj Nationalpark.
Wir fahren durch einen Bezirk Ulan Bataars mit dem Namen »Gelber Hund«, dabei handelt es sich um den Schutzgeist dieses Bezirks, ihm ist eine große Skulptur in einem Kreisverkehr gewidmet, danach folgt das russische Viertel mit Kirche und Kloster. Bei der Fahrt durch die Vororte Ulan Bataars sehen wir die üblichen 700 qm Grundstücke mit Jurten, Kleinbetriebe, Läden, Hotels und kommen dann zu den ersten Bergen am Rande der Stadt, wo sich auch der einzige Skilift der Mongolei befindet. Hier sehen wir lichte kleine Wälder: die Mongolei besitzt 120.000 qkm Wald, das sind 8% der Landesfläche. Der Holzbedarf wird durch Importe aus Sibirien gedeckt.
Weiter geht’s auf einer leicht ruckeligen Straße, wir müssen auf ca. 1700 m steigen im Haythan Gebirge, dessen höchste Erhebung 2.600 m hoch ist.
Am Eingang zum Nationalpark stoppen wir an einem Cairn, mongolisch Owoo (= Steinhügel) mit Gebetsfahnen, hier wird dem Schutzgeist ein Opfer in Form von ein paar Milchtropfen mit der Bitte um Unterstützung bei Weiterreise dargebracht. Auf dem Hügel wurden Gehhilfen abgelegt, die nicht mehr benötigt werden, Kranke, die sie brauchen, nehmen sie weg. Die Krücken werden nicht zu Hause aufbewahrt, dies bringt Unglück. Immer wieder stoßen wir auf die Gläubigkeit der Menschen, die ihre Religion im täglichen Leben leben und auf Rat und Segen von Lamas und Schamanen auch in Alltagsdingen Wert legen.

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Am Cairn sehen wir abgerichtete Adler. Die Kasachen, die im Westen der Mongolei leben, fangen die Adler als Jungtiere und richten sie zum Jagen ab. Nach 3 bis 4 Jahren werden die Tiere wieder freigelassen und sie können in der Freiheit dann auch überleben.

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Als nächstes steuern wir den Schildkrötenfelsen an, eine Granitformation, die durch Wollsackverwitterung, wie Wolfgang Pohl erklärt, entstanden ist. Granit (Feldspat, Quarz und Glimmer) ist zwar hart, aber nicht erosionsbeständig, durch Frostsprengung, Wurzelwerk und Wind werden die bizarren Formen gestaltet, die die Phantasie der Menschen anregen.

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Auf dem Weg zum Camp stoßen wir auf Hindernisse: durch den Regen der letzten Tage ist die ungeteerte Straße so matschig, dass die großen Busse nicht weiterfahren können.

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Also wird das Gepäck auf die kleinen Begleitfahrzeuge verladen und die Truppe läuft über Wiese, Bach und Straße gut zwei Kilometeraufwärts zum Camp. Hinterher waren wir uns einig, dass das ein wunderbarer Spaziergang war.

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Nach dem Verstauen der (stark minimierten) Habseligkeiten in der Jurte gab es Freizeit, ein Teil ruhte sich aus, andere erkundeten die Umgebung.

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Die Landschaft ist einfach grandios, auf der einen Seite begrünte sanfte Bergkuppen, auf der anderen Seite schroffe Felswände und auf der Wiese unter unseren Füßen eine Vegetation wie auf der Seiser Alm: Enzian, Edelweiß, Anemonen, Lilien, Diesteln, Nelken, Glockenblumen…- einfach traumhaft schön, und das Ganze bei strahlendem Sonnenschein.

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Vor dem Abendessen besuchen wir eine Nomadenfamilie in ihrer Jurte. Streng genommen handelt es sich nicht mehr um Nomaden, das ältere Ehepaar lebt winters und sommers am gleichen Platz und betreut ca. 400 Tiere. Im Sommer kommen die Enkelkinder, lernen das freie Leben kennen und eignen sich die traditionellen Fertigkeiten der Nomaden an. Wir probieren auch nomadische Speisen, wie getrockneten Quark, Dickmilch mit Sahneschicht, Joghurt und Eintopf bestehend aus Schaffleisch, Zwiebeln, Knoblauch, Möhren, Kohl, Kartoffeln, Nudeln und Gewürzen, das Ganze zubereitet auf dem kleinen Kanonenofen im großen eisernen Topf in der Mitte der Jurte.

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Zum Abendessen gibt es eine mongolische Spezialität – Hammel in der Milchkanne, ein Gericht, das es, weil aufwendig herzustellen, nicht oft gibt. Hier zum Nachmachen:
Steine aus dem Fluss werden im Feuer durcherhitzt. In eine alte Michkanne kommt etwas heißes Wasser und dann werden Steine und Hammelfleisch, vermischt mit Salz, Pfeffer, Knoblauch und Zwiebeln, abwechselnd geschichtet, zum Schluss Kartoffeln drauf und dann wird die Kanne fest verschlossen für 1 1/2 Stunden aufs Feuer gestellt. Guten Appetit!

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Nach einem herrlichen Sonnenuntergang mit rotem Himmel und einigen Bieren samt Dschingis-Wodkaam Lagerfeuer geht ein schöner Tag früher oder auch später zu Ende.

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~ Elisabeth Schacher, ZEIT-Reisende

Tag 18

Ulaanbaatar

Der Starkregen vom vergangenen Nachmittag und in der Nacht gehört der Vergangenheit an. Die dichte Wolkendecke am frühen Morgen reißt immer mehr auf und bald dominiert der blaue Himmel. Für die bevorstehende Stadtbesichtigung die beste Voraussetzung. Unsere Stimmung ist sehr gut und auch die Erwartungshaltung, wie sich uns die Hauptstadt der Mongolei präsentieren wird, ist sehr groß.

Erstes Ziel ist der großzügig angelegte Sukhbaatar-Platz. Umgeben vom Rathaus, anderen Regierungsgebäuden, dem Opernhaus und den Plattenbauten aus der Zeit der ehemaligen Sowjetunion wirken diese Gebäude besonders kontrastreich zu den modernen Glas-Stahl-Konstruktionen der Hochhäuser aus den 1990er bis 2015er Jahren. Die Statuen von Dschinghis Khan und Sukhbaatar sind beliebte Fotomotive. – Nicht nur für uns! Auch die Mongolen lieben diesen altehrwürdigen Platz. Eine Gruppe von Frauen und Männern, meist in ihrer Festtagskleidung, posieren sich vor der Statue des Sukhbaatar. Wie sich herausstellt, handelt es sich um ein Klassentreffen. Vor 40 Jahren haben diese Mongolen gemeinsam die Schulbank gedrückt. Man umarmt sich herzlich. Man gestikuliert wild durcheinander. Man lacht und plaudert miteinander. Einige Männer reichen sich gegenseitig Schnupftabak aus ihren reich verzierten Schnupftabakfläschchen. Ein Zeichen der besonderen, gegenseitigen Achtung. Dann stellen sich alle zu einem Gruppenfoto auf. Dies ist auch die Gelegenheit für uns aus zweiter Reihe schöne Schnappschüsse zu schießen. Die von Sonne und Wind gegerbten Gesichter, die mongolische Festtagskleidung: Dies unterzieht unseren Auslösern der Kameras eine einer Dauerbelastung. Nur 50 m weiter entfernt, versammelt sich eine Hochzeitgesellschaft zum Gruppenfoto. Und auch wir sind wieder mitten dabei.

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40-jähriges Klassentreffen auf dem Sukhbataar-Platz
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Austausch von Schnupftabak

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ZEIT REISEN-Bus auf dem Sukhbataarplatz

Man könnte sich hier noch stundenlang aufhalten und die Menschen beobachten. Doch auf uns wartet noch der Besuch des Gandan-Klosters in der Stadt. Das lamaistische Kloster wird von den Gelbmützen-Mönchen aktiv betrieben. Natürlich ist die riesige, stehende Buddhastatue imposant und eindrucksvoll, genauso wie die weiß leuchtende Tschörte, eine Variante der tibetanischen Stupa. Doch die Schönheiten dieses Klosters liegen in ihren Details. Wir sehen über jedem Eingang der Tempel das Rad der Lehre, flankiert von zwei Hirschkühen. Swastika-Zeichen, das Diamantzepter und das Diamantzepterkreuz, der endlose Knoten, das Gehäuse der links gedrehten Wellhornschnecke, Lotosblüten und das Flammende Juwel zieren viele Eingangstüren. Zeremonialdolche, Opferschalen, Butterlämpchen und imaginäre Schirme schmücken die Statuen und Gebetsnischen. An den Wänden hängen die filigran gemalten Thankas, Rollbilder mit sakralen Motiven – Heilige und Mandalas. Gebetstrommeln mit heiligen Sprüchen in Sanskrit werden eifrig von den Gläubigen im Uhrzeigersinn gedreht. Dabei murmelt man leise vor sich hin: Om Mani Padme Hum – Perle, der du in der Lotosblüte geboren bist. An einem riesigen Räuchergefäß hängen rundum kleine Glöckchen. Die einheimischen Besucher umrunden drei Mal das Gefäß und setzen dabei die Glöckchen in Bewegung. Dies führt – so dem lamaistischen Glauben zur Folge – die Wünsche gen Himmel. Und dann trauen wir unseren Augen nicht. Steht da im Schatten von Lebensbäumen zwischen zwei kleineren Tempelkomplexen fast versteckt, nicht die mongolische Variante der Bremer Stadtmusikanten? Natürlich sind es nicht die uns so bekannten Tiere Esel, Hund, Katze und Hahn. Ähnlich turmartig aufeinander stehend, handelt es sich hier um einen weißen Elefanten, auf dem ein Affe sitzt, der wiederum einen Hasen trägt und auf dem sich ein Vogel niedergelassen hat. Alles mythische Tiere, die eine besondere Rolle im Lamaismus spielen.

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Mongolische „Bremer Stadtmusikanten“ im Gandan-Kloster

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Nach dem Mittagessen fahren wir durch die dicht bebauten Stadtteile beiderseits des Tuul-Flusses zu Füßen eines kleinen, rund 280 m hohen Hügels aus Schiefergestein. Hier hat die ehemalige Sowjetunion eine riesige Stele mit einem umlaufenden Kranz aus Mosaiksteinchen errichtet, die die Freundschaft zwischen der CCCP und der Mongolei widerspiegelt. Soldaten und idealisierte Zivilbevölkerung werden hier in Szene gesetzt. Ist man mit dem Aufzug und über zahlreiche Treppenstufen oben angekommen, dann wird man mit einem herrlichen 360°-Rundblick über die Stadt Ulan Bator belohnt. Erst jetzt hat man eine Vorstellung, wie lang und relativ wenig breit sich die Hauptstadt im Tal des Tuul-Flusses erstreckt. Fast 50 km lang ist dieses Häusermeer. Das Stadtzentrum mit seinem Sukhbaatar-Platz und seinen älteren Gebäuden wird von Hochhäusern verdeckt. Zur Orientierung hilft das futuristische Hochhaus, das wie ein riesiges, gläsernes Segel aussieht. In den Randgebieten, aber immer noch mitten im städtischen Siedlungsbereich, überragen die rot-weißen Schonsteine von vier Kohlekraftwerken die Wohnbebauung. An den Flanken der stadtbegrenzenden Hügelketten erstrecken sich die Jurten-Siedlungen. Nomaden aus allen Teilen der Mongolei sind hier sesshaft geworden. Sie suchen bzw. suchten ihr Glück in der Hauptstadt. Neben den hellen Jurten hat man behelfsmäßige Holzhütten oder bereits kleinere Häuser aus Stein und Beton errichtet, alles eingefriedet mit hohen Zäunen aus Holz oder Wellblech. Ob hier jemals der Traum in der Stadt zu leben wahr wird, bleibt zu bezweifeln. In den letzten 10 Jahren sind bereits wieder zahlreiche „sesshaft“ gewordene Nomaden zurück aufs Land, in ihre vertraute Umgebung, gezogen. Diese Stadt-Land-Flucht der Jurten-Bewohner hält weiterhin noch an.

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Ex-sowjetisches Denkmal zur Freundschaft zwischen der CCCP und der Mongolei
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Blick auf Ulan-Bator

Der nachmittägliche Besuch einer Kaschmir-Verkaufseinheit lud viele zum Verweilen und auch zum Kauf ein. Der Abend stand dann ganz im Zeichen der traditionellen, folkloristischen Darbietungen. Gestärkt durch das Abendessen in einem typisch mongolischen Barbecue-Restaurant, folgte eine fakultative Musikveranstaltung im Theater. Auf traditionellen Musikinstrumenten, u.a. auf der Pferdekopfgeige, präsentierte uns das Ensemble verschiedene, klassische und folkloristische Instrumental- und Gesangsstücke. Die einstündige Aufführung wurde meisterhaft und professionell präsentiert und war zu jeder Minute ein Genuss für die Ohren. Als kleine Geste an die ausländischen Besucher wurde zum Abschluss der Radetzky-Marsch gespielt. Erstaunlich, wie identisch und perfekt dieses Stück mit den traditionellen Instrumenten umgesetzt wurde.

~ Wolfgang Pohl, ZEIT-Reisebegleiter

Tag 17

Sainschand – Ulaanbaatar

Ein neuer Tag beginnt um exakt 0:00 Uhr und dort ging es in der einen oder anderen Jurte mit einigen durchsichtigen Getränken noch ziemlich lang und fröhlich weiter.
Zwischen 2 und 3 Uhr in der Nacht waren dann schon wieder einige von uns auf, um einen Blick auf den teilweise wolkenlosen Sternenhimmel zu richten und wurden je nach Uhrzeit auch nicht enttäuscht.
Die nächste Episode der Frühaufsteher begann dann so ab 5.30 Uhr nach Sonnenaufgang und es wurden immer mehr, die dieses faszinierende Bild der unendlichen Weite, der Stille, der Landschaft und der vielen Pferde vor unserem Camp in der Gobi genießen wollten.

Unser erstes Frühstück in der Mongolei hat uns alle positiv überrascht und einen bleibenden Eindruck über die Gastfreundlichkeit der Mongolen hinterlassen.
Wir unterhalten uns über unsere privilegierte Situation, denn wer hat sich vor einigen Jahren schon vorstellen können, einmal mit einem deutschen Bus direkt vor eine Jurte in der Mongolei gefahren zu werden.

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Anbei noch einige Impressionen über unser Camp am frühen Morgen, denn bekanntlich fängt der frühe Vogel den Wurm und deshalb gehörte auch ich zu den Frühaufstehern.

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Unser erstes Jurtencamp in der Gobi

Kurzzeitige Diskussionen über einen eventuellen Fahrzeugwechsel waren nach nur einer Minute des Testens beendet, aber ein Foto war es wert.

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Die Hauptstraße durch die Mongolei auf insgesamt über 1000 Km war wesentlich besser als erwartet und hier ein Bild von den wenigen Kilometern auf Sand und Schotter.

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Sicherlich einer der unsinnigsten Zebrastreifen auf der Welt. Die Trucks rasen hier achtlos vorbei und lassen sich nicht von uns aufhalten oder gar zum Bremsen bewegen.
Wir denken an die Beatles und schießen einen schönen Schnappschuss.

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Abbey Road Revival andersherum

Die Gobi macht was mit uns und wir spüren die meditative Wirkung der Landschaft. Wieder im Bus sitzend denke ich einige Jahre zurück, als es noch keine Pläne zu dieser Reise gab und freue mich sehr darüber zur ersten Reisegruppe gehören zu dürfen, die diese außergewöhnliche Fahrt erleben kann.

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Äußerst reizvoll sind auf dieser Busreise auch die Gegensätze. 5 Sterne Hotel und Jurte bzw. gewärmte japanische Toto-Toilette im Hotel und unser erster Donnerbalken beim Mittagessen in »The Middle of Nowhere« in der Mongolei. Heute so, morgen so; es lebe die Abwechslung!

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Wir erreichen die Hauptstadt Ulaanbaatar und fahren direkt in unser Hotel zum Abendessen.

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Als Abschluss eines langen Tages erwartet uns noch Christian Schmidt-Häuer, Moskau-Korrespondent der Zeit von 1988-1996 und seine Frau Prof. Maria Huber, Wirtschaftsexpertin und Zeit-Autorin, die uns in den nächsten 14 Tagen begleiten werden und den Reigen der Zeit-Korrespondenten in Moskau somit eröffnen.

Zwar sind wir noch ziemlich müde von den Reisestrapazen, doch Christian erzählt uns noch in seinem ersten Vortag sehr viel Neuigkeiten über die Mongolei und Dschingis Khan, mit dem passenden Bier dazu.

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~Thomas Peters, ZEIT-Reisender

Tag 16

Erenhot – Sainshand

Dieser Tag hat all die Vorstellungen, die wir uns gemeinhin von »Wüste« machen, gründlich zerstört, oder besser: er hat sie korrigiert und uns aufs angenehmste überrascht: keine sandigen Dünen empfingen uns in der Gobi hinter Erenhot, keine lebensabweisende Dürre, auch keine lähmende Hitze begleitete unsere Fahrt nach Sainshand.
Es war ganz anders: bei moderaten Temperaturen von 24 bis 30 Grad dehnte sich eine unendliche Weite aus mit zartem, ja saftigem Grün, Weideflächen für zahllose Herden von Schafen, Ziegen und vor allem von Pferden. Die flache Ebene fand immer wieder Abwechslung durch sanft abgerundete Hügel, manchmal auch durch schroffe Einbrüche, und das Grün wurde nur selten von kargem, steinig-grauem Boden unterbrochen. Unsere Busse fuhren nicht etwa über sandige und staubige Pisten, sondern weitgehend auf guten, sich endlos hinziehenden Asphaltstraßen (über einige Ausnahmen wird allerdings noch zu berichten sein).

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Vor all dem aber stand der Abschied von China, stand auch der Abschied von Chen Yun, aliter Franz, unserem lieben Reiseleiter. Er begleitete uns noch bis zur Grenze gleich hinter unserer letzten Station Erenhot, in deren Straßen die Fluten des sintflutartigen Regens vom Vorabend fast vollständig abgeflossen waren.
Drüben in der Mongolei begrüßte uns unsere neue Reiseleiterin, die sich, ihren Namen für europäische Zungen aussprechbar verkürzend, mit »Zula« vorstellte.
Doch zwischen Abschied und Begrüßung erlebten wir die Grenzkontrollen, die chinesische hüben, die mongolische drüben, mit dem sterilen Charme, der all diese Kontrollen auszeichnet: die gesichtslose Architektur der Gebäude, die undurchsichtige Emotionslosigkeit der Grenzbeamten, und inmitten wir, die wieder und wieder scharf und streng Beäugten, die sich schuldlos zwar, doch aber irgendwie des Grenzübertritts angeklagt fühlten.
Aber all die Formalitäten und Hindernisse waren nach knapp drei Stunden bewältigt und beide Busse starteten, von zwei Begleitfahrzeugen geführt, auf den Weg zum Jurten-Camp.
Bei all dem schon erwähnten Grün ließen streckenweise braune Flächen die Trockenheit erahnen, die für eine Wüste typisch ist. Doch nicht die Trockenheit war es, sondern die Nässe, die diesem Tag unserer Reise einen bemerkenswerten Stempel aufdrückte: nur wenige Kilometer nach der Grenze schon verhinderten zwei riesige Pfützen die Weiterfahrt. Sie nahmen die ganze Breite der Straße ein und ihre Tiefe in dem an dieser Stelle nicht geteertem, weichem Boden war unergründlich. Ein deshalb notwendiger kurzer Umweg, der augenscheinlich aber nur mäßige Besserung versprach, musste erst von den Begleitfahrzeugen suchend und versuchend durchfahren werden, ehe auch die Busse, in denen zur besseren Gewichtsverlagerung alle Insassen in den rückwärtigen Raum beordert wurden, die Passage wagen durften, vom voraus sich tastenden Auto auf die sichere Spur geleitet.

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Für’s erste gelang dies, bis wir nach problemlosen 170 Kilometern abermals wenden mussten, denn wieder hatten die Wolkenbrüche der vergangenen Nacht die Strecke unpassierbar gemacht. Ein neuer Umweg war erforderlich.
Wer geglaubt hat, das unser ZEIT-Buss, als Geländefahrzeug wahrhaft nicht gebaut, deshalb auch nicht geländetauglich wäre, sah sich eines Besseren belehrt: unter gespannter, ja sorgenvoller Beobachtung aller Mitreisenden kletterte das großen Gefährte, einem Saurier gleich, über eine nur aus Hindernissen und Klippen bestehenden Buckelpiste, stieg steil empor, neigte sich tief hinab, wunderbar gesteuert von Christian und Co.
Heil landeten wir im Jurten-Camp, das uns mit unerwartetem Komfort überraschte, ein üppiges Buffet krönte lukullisch diesen Tag.

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Danach lud die menschleere Weite zu einem Spaziergang ein – aus der Endlosigkeit der Ebene, der Stille der Gobi strömte eine berührende Spiritualität, und über allem spannte sich, großartig und fantastisch, ein wunderbarer Regenbogen.

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~ Helmut Hering, ZEIT-Reisender

Tag 15

Datong - Erenhot

Mittlerweile haben sich die Frühstücksbuffet-Routine und die fein abgestimmte Buspack-Ein-Aus-Systematik perfektioniert!
Das Yungang-Meigao-Hotel entlässt uns für einen tiefen Atemzug, um die »mongolischen Momente« des Lebens inhalieren zu können. Uns umhüllen die vor-GOBI-haften Landschaftsformen. Die sanft hügeligen sandigen Steppenflächen sind mit zerfetzten Grasbüscheln und dürren Sträuchern gespickt.
Vor ein paar Tagen schrieb ich von der grünen Monotonie rechts und links der Autobahn. Hier dagegen formen die drei unterschiedlichen Graslandregionen eine riesige Steppe, die eine vage Vorstellung von Zeit- und Endlosigkeit entstehen lässt. Die wenigen Farbtupfer im aufkommenden Nebeldickicht werden durch mal blaue, mal rote Blechdächer, den gebrannten ockerfarbenen Ziegeln der winzigen Häuser, sowie den dunkelroten Blechlawinen auf den zahlreichen Autofriedhöfen gebildet.

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Rote und ockerfarbene Dächer
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Einer der kleineren Autofriedhöfe

Draußen öffnete sich der Himmel. Sintflutartiger Regen setzte ein. Die Straßen haben sich im Nu in reißende Bäche verwandelt. Wir finden Schutz unter einer überdachten Tankstellenruine, um die anstehende Mittagspause zu zelebrieren. Wer die Menükarten mit der Speisenfolge im Hotel vergessen hatte, konnte – leider oder glücklicherweise – nicht mehr ermittelt werden
Improvisationskunst!!
Auf dem Beistelltisch wird eine spezielle harte Eier – weiche Muffins – süße Bananen – Diätfolge kredenzt. Dazu wurde ein süffiger chinesischer Shardong-Rouge gereicht, der manchem verwöhnten Gourmet tänzelnde Hopser entlockte! Der zwanzigjährige rauchige Brandy rundete das verzaubernde Überraschungsgedeck ab.

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Überraschungsgedeck

Als die tränenden Augen und die feuchten Füße im Bus getrocknet wurden, steuerte Markus auf vielfachen Wunsch im strömenden Regen direkt das benachbarte Café – ARAL an, um dort neben der Kapelle zur »Heiligen Inkontinentia« die Entsorgungsbemühungen erledigen zu können. Für die Fremdsprachengenies in unserer Gruppe stand auf dem Ortsschild: XILINHUDUGA – SAIHANTACA.
Die zufriedenen, gesättigten Touries durften dann auf der Weiterfahrt ihren lukullischen Träumen nachhängen. Die himmlischen Wassermengen erforderten übernaturgesetzmäßige Fähigkeiten, denn die GPS – Daten auf den Smartphones ließen unzweifelhaft erkennen: Markus schwimmt mit dem vollbepackten Neoplan – Wohnwagen langsam aber stetig flussaufwärts. Das historische Sintflutwunder!
Meine einzige denkbare Erklärung: Wundersames geschieht wieder einmal für die ZEIT – Reisenden.

~ Thomas Birkelbach, ZEIT-Reisender

Tag 14

Datong

Hängendes Kloster und Buddhagrotten

Ein ganzer Tag Kultur und Natur pur. – Man kann auch sagen, dass dieser Tag ganz im Zeichen der Schwindelfreien und besonders Ausdauerhaften war. Und alles bei herrlichstem Wetter: Sonnenschein, teilweise blauer Himmel, teils leicht bewölkt, Temperaturen um die 34° C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von durchschnittlich 80%. Die hohe Luftfeuchtigkeit wiederum trieb uns die Schweißtropfen auf die Stirn. Oder spielte da sogar ein Hauch von Angstscheiß mit? Natürlich nicht! Wir sind fest entschlossen das Hängende Kloster Xuankong Si zu erklimmen. Rund 80 km von Datong entfernt in einem Durchbruchstal des Heng Shan Gebirges, einem der fünf Heiligen Berge, gelegen, kleben förmlich die Klosterzellen wie Schwalbennester an der Sandsteinwand. Die mesozoischen Sandsteine sind hier gut sichtbar geschichtet. Feine, dünne Lagen von wenigen Zentimetern Dicke wechseln sich ab mit Schichtungen, die eine Mächtigkeit von bis zu 15 Metern haben. Infolge tektonischer Störungen, Hebungs- und Senkungsprozessen sind die markanten Sandsteinschichten um 25-30 Grad verkippt. In solch eine breite, aber etwas weichere Schichtung haben die Mönche der Nördlichen Wei-Dynastie ihre rund 40 Zellen und Pavillons in den natürlichen Ausblasungen des Sandsteins errichtet. Die härteren Schichten darüber und darunter gaben der gesamten, fast freischwebenden Anlage ihre Stabilität .Eine Meisterleistung. In schwindelerregender Höhe sind die einzelnen Nischen und Klosterzellen durch schmale, zum Teil steile Stege und Brückenkonstruktionen verbunden. Die Vorbauten aus Holz, Bambus und Stampflehm ruhen hierbei auf langen Rundhölzern, die auf den widerstandsfähigeren Gesteinsschichten aufsitzen.
Wir warten geduldig auf dem beschatteten Treppenaufgang. Das Sicherheitspersonal vor Ort lässt immer nur eine kleinere Anzahl von Besuchern auf die verschachtelte Anlage. Konzentriert auf die engen Passagen, die steileren Abschnitte und die im Laufe von Jahrhunderten ausgetretenen und glatt geschliffenen Steinvorsprünge, hat man von hier oben einen herrlichen Ausblick auf das tief unter einem liegende Tal. Wirft man einen Blick in die Klosterzellen, so sind diese mit Buddhafiguren, Mönchfiguren und deren Schüler sowie figürlichen Darstellungen von Konfuzius und Laotse ausgefüllt. Filigrane Steinmetzarbeiten und Holzschnitzereien, farbliche Akzentuierungen und diverse Opfergaben führen für unser Auge schon fast zu einer Reizüberflutung. Es ist einfach atemberaubend; in jeder Hinsicht. Die niedrige Balustrade vermittelt nur mental ein Gefühl der Sicherheit. So richtig Schützen und Halt geben kann sie nicht. Spätestens jetzt weiß man, warum nicht zu viele Besucher gleichzeitig hier sein dürfen. Meist zur Wandseite orientiert, durchläuft oder durchklettert man das sakrale Bauwerk. Wieder den sicheren, festen Boden unter den Füßen, hat man sich das Mittagessen wahrlich verdient.
Gut gestärkt, wartet am Nachmittag ein neuer Höhepunkt auf uns. Es sind die als UNESCO-Welterbe ausgezeichneten Yungang-Grotten. Über eine Allee aus Steinstelen, die auf Elefanten ruhen, gelangt man zum heutigen Kloster mit seiner auffallenden Pagode und der großen Gebetshalle. Erst beim zweiten Blick auf die Elefanten, bleibt man verdutzt stehen. Irgendetwas ist hier nicht so ganz stimmig. Es sind die Stoßzähne. Jeder der Elefanten trägt nicht nur zwei sonder gleich sechs Stoßzähne. Ein Stückchen weiter und wiederum ist man verblüfft. Diesmal handelt es sich um einen Baum. Dieser sog. Bodhi-Baum, eine Würgefeige (Ficus religiosa), unter solch einer fand Buddha seine Erleuchtung, ist komplett künstlich. Seine Blätter sind goldfarben und glitzern in der Sonne. An seinen Zweigen haben gläubige Buddhisten rote Bänder, Wunschtäfelchen und kleine Plaketten mit religiösen Sprüchen angebracht. Über einen künstlich angelegten See gelangt man schließlich zu den weitläufigen Grotten. Auf mehr als einer KilometerLänge sind hier in die Sandsteinwände Nischen und Höhlen getrieben worden. Diese beherbergen insgesamt über 51.000 Buddha- und buddhaähnliche Figuren. Die kleinsten figürlichen Buddha-Darstellungen sind nur wenige Zentimeter groß. In den großen Höhlen und naturbelassenen Hallen stehen und sitzen Figuren bis zu 17 Metern und höher. Viele der Figuren sind mit Stein- und Erdfarben bemalt. Unter den riesigen Händen der Großstatuen Buddhas kommt man sich so richtig klein vor. Man läuft und läuft und läuft; wechselt von der einen Grotte in die nächste. Nicht nur wir laufen, auch die Zeit läuft – uns davon. Ohne es bewusst zu merken, sind wir plötzlichen die einzigen Besucher an der gigantischen Felswand. Das Wach- und Schließpersonal deutet immer wiederauf den Ausgang hin. Hinter uns wird das Licht ausgemacht und der Zugang zu jeder einzelnen Grotte mit einem großen Portal versperrt. Eine himmlische Ruhe um uns herum und eine menschenleere, parkähnliche Außenanlage zu Füßen der Yungang-Grotten. Hier können wir noch einige Zeit verweilen, vielleicht selbst in eine Meditationsstimmung verfallen! Die Gärtner, die die Anlage in einem Top-Zustand halten, verlassen das Gelände in einem knatternden Vehikel. Eine stattliche Schar von Enten verlässt den See und watschelt laut schnatternd über den kunstvoll plattierten Weg. Auch wir watscheln mehr als das wir gehen. Zum „Schnattern“ fehlt uns die Puste. Wir „eilen“ erschöpft aber mit einzigartigen Eindrücken versehen dem Ausgang entgegen. Die Hitze und Schwüle des Tages hat uns schon geschafft. Nach kurzer Fahrzeit zurück im Hotel in Datong, hat man sich schnell wieder regeneriert. Fazit: Keiner möchte auch nur eine Minute dieses Tages mit seiner Vielzahl an Eindrücken, Erlebnissen aber auch körperlichen Anstrengungen missen.

~ Wolfgang Pohl

Tag 13

Peking - Datong

Starkregen und ein kurzer Tropensturm bei feuchter schwüler Luft verwandelte das geordnete Peking in ein Chaos. Im Nu sind viele Straßen überschwemmt. Autos bleiben liegen, Verkehrsstau.
Aber der Pekinger ist flexibel und steigt um auf das Rad. Da kommt er auch durch die zum Teil knietiefen Überschwemmungen zu seinem Arbeitsplatz.

Während wir Peking besuchten, fand auch ein Treffen der Führung Chinas mit einer Delegation der Europäischen Union statt u.a. mit dem Ratspräsidenten Tusk, dem Kommissionspräsidenten Juncker und einer Wirtschaftsdelegation wichtiger europäischer Firmen. Akut geht es um die Zölle, die die USA auf europäische und chinesische Waren jetzt erheben will.
In Peking besuchte uns Frank Sieren, Chinaexperte, Buchautor u.a. des »Chinaschocks« und Korrespondent in Peking für das deutsche Handelsblatt, den bereits ein Teil der Reisegruppe vor zwei Jahren auf der Reise von Hamburg nach Shanghai kennenlernte. Schon damals berichtete er über die rasante chinesische Entwicklung. In seinem Vortrag sprach er über die neuesten Entwicklungen in China.
Was hat sich in dieser Zeit getan? Welches sind die aktuellen Entwicklungen in China? Wie stehen Europa und Deutschland zu China? Ist das Tempo der Entwicklung hier immer noch so hoch?
Sieren meinte, dass es vier Bereiche gibt, in denen China jetzt Vorreiter geworden ist. Für China scheint die Zeit des »Kopierens« vorbei zu sein.
»Wir erleben eine große Veränderung und China setzt sich an die Spitze der Entwicklung und übernimmt die Führung« meint Sieren.

Vier Bereiche sind jetzt wichtig für China:
1.) die Autoindustrie und die E-Mobilität, 2.) das Smartphone und die Apps 3.) die künstliche Intelligenz bis zu selbstfahrenden Autos und Bussen
4.) Der weitere Ausbau des modernsten Hochgeschwindigkeitbahnsystems und das jetzt ohne fremde Hilfe.

1.) China setzt auf die Batterietechnik für die Elektroautos. Dabei ist die Sicherung der dazu nötigen Bodenschätze in aller Welt, wie z. B. Lithium, von höchster Bedeutung. Die Entwicklung neuer hocheffektiver Batterien ist das Ziel.
In der Wasserstofftechnologie scheinen, laut Sieren, die Chinesen die Bedeutung dieser Technologie noch nicht genügend erkannt zu haben, wie vielfach angenommen. Sie haben es auch nicht nötig, da sie jetzt über ausreichend Bodenschätze in der ganzen Welt verfügen.

China sieht das Ende der fossilen Brennstoffe, Kohle, Öl und Gas. Deshalb wird mit höchster Priorität in Erneuerbare Energien( EE), wie Wind und Solar und Speicherung investiert.
Auf dem Weg von Peking nach Datong sieht man die »Alte« Energie neben der »Neuen«. Gigantische Kohlekraftwerke mit ihren riesigen Schloten verpesten die Luft mit giftigen Abgasen. Dazwischen noch ein Atomkraftwerk. Das vermittelt ein düsteres Bild. Dies wechselt sich mit Windkraft- und Solaranlagen ab, die in riesiger Zahl weit in die Berge hineingebaut wurden.

China ist so energiehungrig und braucht immer mehr Energie. Für die Klimaanlagen werden in den Sommermonaten unglaubliche Mengen an Energie ver- und gebraucht. Ohne Atomkraft scheint es in China nicht zu gehen, auch wenn die Entsorgung (Waste) noch immer nicht geklärt ist. China plant 30 neue Atomkraftwerke der dritten Generation in der Zusammenarbeit mit Frankreich. Da China zu 90% aus unbewohnbarer Wüste und Berglandschaft besteht, sieht man hier anscheinend genug Möglichkeit für die Atomentsorgung (Waste). Ein guter Weg ist aber noch nicht gefunden.
Vor einigen Tagen ist es laut Aussage einer französischen Delegation zum ersten Mal gelungen einen erfolgreichen Start eines Mailers der dritten Generation zu erreichen. Frankreich und sein Energie Konzern EDF arbeiten schon seit vielen Jahren in Europa an diesem Erfolg. Das wird hier nun als Durchbruch gesehen.

Wie aus der örtlichen Presse zu erfahren war, werden lokal immer mehr Kohlekraftwerke stillgelegt und die »Erneuerbaren« im stärksten Maße ausgebaut. In den Wüsten und in den Bergen befinden sich riesige Felder mit Wind – und Solaranlagen.

Peking beteiligt sich aktiv am Pariser Abkommen für den Klimaschutz und sucht nach Methoden des Umweltschutzes speziell aus Deutschland.

Im Zusammenhang mit der lokalen Energiesituation konnte Peter Helms, engagiert in erneuerbare Energie und Mitglied der Reisegruppe, einen Vortrag über die erneuerbaren Energien im Bus halten. Es geht hauptsächlich um den Klimawandel und die Energiewende. Der »Club of Rome«, eine Expertengruppe aus verantwortungsbewussten Wissenschaftlern und großen Persönlichkeiten mahnte schon 1973 ein Ende des wirtschaftlichen Wachstums an und machte den ungezügelten Kapitalismus und die riesige Profitgier für die Zerstörung unseres Planeten verantwortlich. »Wir müssen die Plünderung unseres Planeten stoppen und vernünftig mit den Energien umgehen«, war das Motto.
Hermann Scheer von der SPD hatte damals das Gesetz für erneuerbare Energien (EEG) in den 90iger Jahren erfolgreich in den Bundestag eingebracht. Es war ein Segen für Deutschland, denn es kam dadurch zu einem regelrechten Boom für die »Erneuerbaren«, der sich heute auch in China und Indien zeigt, die dieses Gesetz inzwischen auch übernommen haben.

EEG bedeutet: 20 Jahre Abnahme der Energie zu festen Preisen verschaffte den Investoren der Erneuerbaren einen Wirtschaftsboom und Sicherheit für die Investition und unserer Gesellschaft sauberen und grünen Strom.
Leider haben die folgenden Wirtschaftsminister von SPD, FDP und jetzt CDU in den letzten Jahren das EEG ruiniert, indem sie die Energieproduktion gedeckelt haben und damit die Rolle Deutschlands als Vorreiter der EE beendet haben.
Wir haben einen Stillstand, eine Blockade in Deutschland und Europa. Schuld scheint die enorme Lobbyarbeit der 4 großen Energiekonzerne, EON, RWE, VATTENFALL und EnBW in unserem Lande zu sein, durch die die Politiker beeinflusst werden.

Die Klimaveränderung wartet nicht!

Das hat auch China begriffen und zeigt jetzt ein starkes beispielhaftes Engagement, was bei ihren nationalen Problemen auch mehr als nötig ist. Das sollte jetzt ein Beispiel für Deutschland sein.

 

2. ) Das Smartphone und die Apps haben in China eine Revolution ausgelöst und China voll im Griff. Alle Leute haben diesen Minicomputer. Gerade die Jugendlichen nutzen die Möglichkeiten sehr. Mit »Alipay« und »WeChat« werden u. a. bargeldlose Zahlungen gemacht, eingekauft, Tickets bestellt. Sogar der nervige Gang zu den Ämtern mit den Bürokratien, wie wir es in Deutschland kennen, bleibt den Chinesen erspart.
Alles läuft über das Handy. Ein Pass und andere Papiere sind nicht mehr nötig, laut Sieren.

Es ging sogar soweit, dass wir bei einem Einkauf in einem gigantischen Kaufhaus bar bezahlten, das Kaufhaus aber kein Wechselgeld zur Verfügung hatte und erst jemanden losschicken musste, um Bargeld zu besorgen!

Als wir nach dem Datenschutz fragten, war die Antwort: »Wir werden sowieso schon umfassend überwacht«. In China ist das offen und jedem klar, bei uns in Europa findet die Überwachung auch statt, nur nicht öffentlich, trotz unserer guten Datenschutzgesetze.

Der Pragmatismus steht hier in China über allem, wichtiger sind der große Nutzen und die Annehmlichkeiten, die die Menschen hier dadurch genießen.

54% aller Chinesen leben inzwischen in den Städten und es werden immer mehr.
Die Gesundheitsdaten, das Bewegungs- Profil und die Gewohnheiten sind offen und bekannt und dienen der Planung. Sie stehen aber auch dem Marketing zur Verfügung. Wir sehen das als große Gefahr und werden diesen Zukunftsweg, den China schon geht, wohl nicht mehr abwenden können.
Die Chinesen brauchen keinen Personalausweis, keine Autopapiere, keine Wohnungspapiere und Führerscheine mehr. Die Vermögens- und Einkommensverhältnisse sind bekannt und »führen zu keinen Missverständnissen« mehr bei Einkäufen. Auch Bußgelder und Strafen werden sofort abgebucht. Widerspruch ist zwecklos und bürokratisch viel zu aufwendig, so Sieren.

 

3.) Die künstliche Intelligenz ist in der Industrie schon sehr weit fortgeschritten.
Roboter verrichten einfache, monotone Arbeiten. In Shanghai und Qingdao werden die größten vollautomatischen Containerhäfen der Welt gebaut. Autonomes Fahren ist schon in einigen Städten voll im Test.

 

4.) China hat inzwischen das größte und modernste Eisenbahnnetz der Welt. Die Züge fahren über 300 km/h und sind superpünktlich.

Europa muss sich anstrengen und seine Blockaden abbauen, um nicht abgehängt zu werden.
In einem Dialog wurden der Individualismus und die Kreativität der Europäer genannt, die als Werte unbedingt verstärkt genutzt werden müssen.
»Weg mit den bürokratischen Fesseln und unnötigen und uneffektiven Regeln«, das fordern die international Erfahrenen von Europa.

Außer Technik und Fortschritt in der Infrastruktur sowie in der Baukunst pflegt China auch seine Kultur immer mehr. Ein Ausflug zur Chinesischen Mauer, einem der 7 Weltwunder auf dem Weg nach Datong faszinierte uns ZEIT REISEN-Kulturbotschafter sehr. Leider fehlte der Sonnenschein, einige von uns genossen aber die mystische Atmosphäre und lieferten sich ein Duell mit den chinesischen Fotografen.

In einem großen Hotel in der Innenstadt von Datong wurden wir mit lokalem Tanz und einheimischer Musik so freundlich empfangen, dass es zu einem wahren Volksfest vor dem Eingang des Hotels kam. Es war sehr berührend.

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In Dantog beginnt der Smog nach dem Regen
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Der Empfang in Dantong mit Musik und Tanz
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Die Musikgruppe und ZEIT REISEN
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Die Giftschlote auf dem Weg nach Dantong
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Die Tradition und die Kulturelle

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Eine französische Delegation besuchte uns
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In den Parks wird gesungen und getanzt

~ Peter Helms, ZEIT-Reisender

Tag 12

Peking

Schlaftrunken heben wir am Morgen unsere Köpfe. In regelmäßigen Abständen klopft es gemütlich ans Fenster. Was? Regen? Macht nichts. Wir haben ja heute unseren freien Tag. Wie bitte? Freier Tag? In einer Anwandlung von kühner “Abenteuerlust” haben wir uns wie so viele andere aus den Gruppen Hamburg und Shanghai zu einem gebuchten Tagesausflug hinreißen lassen. Irgendwie fürchteten wir wohl, uns in der riesigen Metropole ansonsten nicht zurechtzufinden und Zeit bei der Suche nach etwaigen Zielen zu vergeuden. Das Hauptproblem: die unleserlichen Schriftzeichen. 😉
Also gut. Da auch hier der Reiseleiter Franz heißt und tatsächlich der unsrige ist, begeben wir uns gemeinsam genüsslich zurückgelehnt auf eine Rikschafahrt durch die traditionellen Altstadtbereiche Beijings, den sogenannten Hutongs. Als die Mongolen Beijing einst als Hauptstadt besiedelten, bauten sie rund um kleine Wasserbrunnen (übersetzt: Hutong) Innenhöfe, um die herum Häuser errichtet wurden. Der Name ist geblieben, die Anlagen auch, allerdings lässt ein erster Blick in die schmalen Gassen erahnen, dass das Leben hier nichts zu tun hat mit dem in den gleißenden Hochhäusern auf der anderer Straßenseite.

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Wir lassen uns von der Ruhe und den kleinen Überraschungen am Wegesrand gerne mitnehmen. Ein Fleischwolf an der Außenwand eines Hauses, ein abgesessener Sessel davor, kleine Gürkchen, die sich an einem Seil die Wand emporhangeln, Bienchen (!), die eine Blüte bestäuben, Fahrzeuge, bei denen man sich die Augen reibt, da sie trotz einiger für uns unerklärlicher Äußerlichkeiten fahren, verstaubte und komplett verdreckte Fensterscheiben, die Mode á la Paris anbieten. Gegensätze, die uns faszinieren.

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Nun lassen wir uns wieder von der Moderne einfangen. Zügig geht es zum Kurzbesuch auf das Olympiagelände von 2008.
Auch hier wiederholt sich das chinesische Prinzip, den Himmel als Kreis und die Erde als Viereck darzustellen. So sind das architektonisch beeindruckende Vogelnest (zentrale Sportstätte) und die komplett blau eingepackte Schwimmhalle direkte Nachbarn auf dem weitläufigen Gelände mitten in der Stadt.

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Da die Küche im Norden Chinas etwas eintöniger wird, macht es uns nichts aus, nach dem Mittagessen direkt ein Lama-Kloster zu besichtigen. Am Eingang appelliert ein mehrsprachiges Schild an Frieden, gehalten in Mandschurisch, Chinesisch, Tibetisch und Mongolisch. So unterschiedlich entwickeln sich Schriftzeichen, ein wunderbarer optischer Vergleich.

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Unser Ziel ist es, die Haupthalle am Ende der Klosteranlage zu betreten, denn dort steht ein imposanter Weltrekord-Buddha.

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Es ist nicht seine Höhe von 18m, die uns gleich mit offenem Mund erstaunen lässt, es ist seine Konsistenz. Komplett aus Sandelholz gearbeitet, musste dieses Geschenk über 3 Jahre aus Tibet hierher transportiert werden, um mit seiner goldfarbenen Strahlkraft die Gläubigen zu entzücken. Aber tatsächlich nicht nur diese.
Innerhalb von Sekunden verdunkelt sich beim Verlassen der Anlage der Himmel und genauso schnell ergießen sich kübelweise Wassermassen auf unsere Häupter.

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Aber als vom Glück Verfolgte ist – zack, zack, wie unser Guide uns immer wieder einbläut – der Bus wie von Zauberhand schon vorgefahren und bringt uns wohlbehalten nach Hause.
Da einige aus den Gruppen einen Pekingoper-Besuch gebucht haben, gehen wir zum Abendessen getrennter Wege. Wer steht vor der Hotelhalle, als wir uns versammeln? Oliver Harms, unser vermisster ZEIT-Experte hat sich spontan zu uns gesellt, um mit uns zu speisen. Er wusste von unserem Wunsch, ihn erneut zu treffen und hat sich auf den Weg gemacht. Chapeau!
Einige behauten, dass wir heute Abend im fußläufig zu erreichenden Restaurant die besten Mahlzeiten der gesamten bisherigen Reise zu uns genommen haben. Das stimmt, liegt vielleicht aber auch am Pflaumenwein (42°), der die Herzen einiger Teilnehmer erwärmt.
Beschwingt gehen wir zurück, stapfen unerschrocken durch knöchelhohe Wasserlachen, da eben erneut tonnenweise Regen über uns verteilt wurde. Innerhalb weniger Minuten ist auch dieser Spuk vorbei.
Und erneut erwartet uns ein Höhepunkt: Frank Sieren, ein weiterer hochkarätiger China-Experte, der ebenso wie Oliver in Beijing lebt, steht in Shorts in der Lobby und umarmt herzlich Freunde und Bekannte von vergangenen ZEIT-Reisen. Große ZEIT-Familie, denke ich mir. Erneut sind wir zu einem Abendvortrag eingeladen, bei dem beide Experten zu Wort kommen werden.

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Frank Sieren entschuldigt seine extravagante Abendrobe damit, dass er mit dem Fahrrad vorfahren musste – bei Regenschauern der Art, wie wir sie selber gerade miterlebt haben, bricht der Autoverkehr in der Metropole gewöhnlich unverzüglich zusammen und so gibt es kein Fortkommen mehr. Leichter schlängelt man sich da mit dem Zweirad durch die Staus.
Aber nun lauschen wir einem Feuerwerk an neuen aktuellen Informationen zu den rasanten Entwicklungen in unserem Gastgeberland. Wenn die Einschätzungen Sierens stimmen, wird sich die gesamte Welt von China ausgehend schneller verändern, als alle Spekulationen bisher vermuten ließen. Wir haben schließlich heiße Ohren, als wir uns zu später Stunde zurückziehen. Ausnahmsweise überlassen wir die Bar diesmal den anderen und gehen erfüllt von den Eindrücken zu Bett.

~ Claudia Kennel, ZEIT-Reisende

Tag 11

Peking

Der letzte Kaiser, Juncker und Deschamps

Der zweite Tag in einer der wichtigsten Städte der Erde beginnt mit einem fantastischen Frühstück im ausgezeichneten, von einem Österreicher geführten Fairmonthotel.

Danach erwartet uns ein abwechslungsreiches 16 Stunden-Programm und wir fahren zunächst zum Yiheyuan, dem Sommerpalast. Diese reizvolle Parkanlage diente den letzten Kaisern als Ort der Sommerfrische für die heißesten Monate des Jahres und das können wir schnell nachvollziehen.

Aber zunächst wieder einige Anekdoten aus Rainers reichlichen Erfahrungen über das Leben in China auf der Busfahrt in den Nordwesten Beijings.

Pfirsiche bedeuten langes Leben, Schnittblumen sind in China verpönt, zu Einladungen kommt man bis zu einer Stunde zu früh und wenn Tee nach dem Essen serviert wird, dann hat man wieder zu gehen.

Gerade erst aus dem Bus gestiegen, probiert Judith erst einmal einen Hut aus der aktuellen chinesischen Sommermode aus und entscheidet sich dann doch dagegen.

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Hutprobe

Unser chinesischer Reiseleiter hat die Eintrittskarten online auf seinem Smartphone und sagt uns dazu: “Jetzt geht alles elektrisch!”
Unfassbare Menschenmengen besuchen an diesem Sonntag Vormittag den Park, der absolutes Pflichtprogramm eines Beijingbesuches ist.

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Sommerpalast
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Portrait in Wasser auf Stein
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Sommerpalast
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Tausende Decken- und Wandmalereien
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Etwas abseits der Besucherströme
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Das Marmorschiff

Weiter geht’s und wieder hinein in den Bus zum Beijing Pearl Market. Der stand zwar nicht in unserem Roadbook und es wollte da auch eigentlich keiner hin, aber plötzlich waren wir dort und lernten ungewollt den Unterschied zwischen den verschiedensten Zuchtperlenarten kennen.

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Barbara bei der schwierigen Perlenwahl

Das anschließende Mittagessen war ok, aber auch nicht gerade so um das Lokal als Geheimtipp weiterzuerzählen, aber in unseren Gedanken wir wir sowieso schon beim Finale der WM.

Aber zurück in die Realität und auf den Tian’anmen-Platz, der mit mehr als 40 ha einer der größten Plätze der Welt ist.
Kun, unser chinesischer Reiseleiter, findet dann einen schnellen Weg zum Gogong, dem Kaiserpalsat, oder besser als Verbotene Stadt bekannt.
Rainer berichtet uns von über 8000 Räumen in der verbotenen Stadt, wobei ein Platz zwischen 4 Säulen auch schon als Raum gezählt wird. Bis zu 35000 Menschen haben hier früher gearbeitet.
Wichtige Exponate finden sich heute auch in den Museen von Taipei, London und Paris und nur 80.000 Besucher dürfen täglich hier hinein.
Wir durften jedoch nicht überall hinein, denn hoher Besuch aus der EU, Herr Juncker wollte sich zur gleichen Zeit die verbotene Stadt anschauen und somit waren einige Bereiche von der Polizei großräumig abgesperrt.
Ein sicherlich ganz besonderes Ambiente diesen Palast so ruhig erleben zu dürfen und somit auch kein Nachteil für unsere Gruppe.

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Verbotene Stadt

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Verbotene Stadt
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Blick auf die verbotene Stadt vom Kohlenberg

Und dann zum nächsten Highlight, der original Pekingente.auf Obstbaumholz zubereitet und dann mit einem Pfannkuchen, Lauchzwiebeln und einer speziellen Marinade zusammen eingewickelt. Achtung Suchtgefahr! Mann o Mann, war das lecker!

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Ente
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Ente mit Zubehör

Als nächster Programmpunkt ist überraschenderweise noch ein Vortrag der neuen Zeitkorrespondentin in Beijing, Frau Yang für den Abend eingeschoben worden.
Es entwickelte sich eine interessante Diskussion bevor es dann auf 23 Uhr zuging und viele von uns rechtzeitig zum WM-Finale vor dem chinesischen Fernsehprogramm saßen.j

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Diskussion mit der ZEIT-Redakteurin
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Fußball

Um 2 Uhr war dann wirklich Schluss für den ereignisreichen schönen Tag.

~ Thomas Peters, ZEIT-Reisender

Tag 10

Tianjin - Peking

Die Fahrt in die Hauptstadt Peking/Beijing sollte bei gut 130 Fahrkilometern nicht allzu lang dauern. So blieb noch vor der Abfahrt etwa eine Stunde Zeit, um zu Fuß vom Hotel aus die historische Altstadt zu erkunden. Das Ensemble an Wohnhäusern steht unter ganz besonderem Schutz der Stadtplanung und der Kulturdenkmalpflege. Insbesondere das innerstädtische Stadion mit seiner 400m-Bahn versprüht einen ganz besonderen Charme. Offiziell wird diese Anlagre für sportliche Zwecke nicht mehr genutzt. Dafür aber joggen oder laufen die Einheimischen hier gerne ihre Runden.

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Innerstädtisches Stadion in Tianjin

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Andere wiederum bringen ihr Radio oder CD-Player mit und musizieren, singen und tanzen gemeinsam mit Gleichgesinnten. Dort, wo vormals der Hochsprung ausgetragen wurde, bewegen sich einige Frauen rhythmisch zur Musik und absolvieren einige Thai Chi-Übungen. Eine ältere Chinesin hat ihr eigenes Mikrophon mit Verstärker mitgebracht und trägt mit kräftiger, hoher Stimme Arien vor. Besucher der Anlage bleiben stehen, hören ihr einen Moment zu und gehen dann weiter. Geld erwartet diese Laien-Sängerin nicht. Über einen Applaus freut sie sich natürlich. Sie singt aus lauter Lebensfreude und lässt ihre Umwelt daran Teil haben. Mütter mit ihren Kleinkindern sitzen auf den Stein- bzw. Betonstufen der kleinen Tribüne. Andere Kinder starten ihre ersten Versuche mit dem Roller oder einem Dreirad zu fahren. All dies erlebt man hier um neun Uhr morgens. Inzwischen hat ein älterer Mann mit lichtem, grauen Bart schon zum fünften Mal im gemächlichen Laufschritt die Stadion-Runde hinter sich gebracht. Wie lange er noch laufen wird, werde ich nicht erfahren, da wir mit unserem Bus weiterfahren müssen.
Unser Ziel ist Peking. Gegen Mittag treffen wir in der Megastadt ein. Sieben Stadtringe nehmen einen großen Teil des Straßenverkehrs auf. Dennoch ist in dieser 16-Mio.-Metropole (Agglomerationsraum sogar 24 Mio. Einwohner)immer wieder Stau angesagt. Über den vierten Stadtring erreichen wir unser Hotel. Die Koffer werden vorübergehend im Foyer zwischendeponiert, da unsere Zimmer zu dieser relativ frühen Zeit noch nicht bezugsfähig sind Weiter geht es mit einem lokalen Bus zum Mittagessen und anschließend zum Himmelstempel. Entlang der Mittelachse passieren wir den Himmelsaltar, die Halle des Himmelsgewölbe, durchschreiten das Tor der Vollendeten Tugend und stehen dann vor dem imposantesten Bauwerk dieser Anlage: der Halle der Ernteopfer. Faszinierend ist auch das Gewimmel an Menschen.

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Himmelstempel in Peking

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Hier und da einige europäische Besucher oder Gäste aus den USA und aus Australien. Die meisten Besucher sind aber Chinesen. Mit Sonnenschirmen geschützt, durchwandern sie den 2,7 km² großen Park der Ming-Dynastie. Auch zahlreiche Schulklassen sind unterwegs, meist erkennbar an den gleichfarbigen T-Shirts oder Baseball-Kappen. Hier lassen sich Menschen gut beobachten. Sofern es die eigene »innere Unruhe« zulässt, nimmt man im Schatten eines Prunktores, oder unter einer Holzpergola Platz. Da sitzen Frauen und Männer gemeinsam zusammen und spielen voller Enthusiasmus Karten. Eine kleine Gruppe von Männern vergnügt sich bei einem Mühle-und-Dame-ähnlichen Brettspiel.

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Ein graubärtiger Mann mit einem verschmitztem Lächeln steht dabei und überlegt vielleicht für sich den nächsten Zug. Mütter tragen ihre Kleinkinder auf dem Arm, haben sie für den Ausflug besonders hübsch angezogen.

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Immer wieder wird man als Ausländer gefragt, ob sie zusammen mit mir oder uns und der Familie oder Freundesgruppe ein Foto machen düfen, natürlich mit dem eigenen Smartphone oder Handy und genauso natürlich mit dem Victory-Zeichen.
Abends stand dann noch eine ca. 1-stündige, fakultative Kung Fu-Aufführung auf dem Programm. Auf der Theaterbühne eines Hotels gaben Kung Fu-Mönche ihr Bestes. Vollendete Körperbeherrschung, nachgespielt Kampfszenen und Akrobatik bestimmten die einzelnen Stücke. Als „roter Leitfaden“ wurde mit entsprechenden Lichteffekten unterstützt, das Leben eines Kindes vom Verlassen seiner Mutter im elterlichen Haus bis zum Kung Fu-Meister geschildert. Beeindruckende Leistungen vor einer ebenso beeindruckenden Bühnenbild.

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Kung Fu-Veranstaltung

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Alles in Allem wieder einmal ein gelungener und äußerst abwechslungsreicher Tag. Viele Eindrücke, die so peu à peu verarbeitet werden müssen. … Und wir sind immer erst noch am Anfang unserer Reise durch Ost- und Zentralasien!

~ Wolfgang Pohl

Am Rande der Strecke

Es ist ein Bus in dieser Zeit
Mitnichten die Besonderheit,
die uns’re Neugier noch erregt.
Allenfalls sind wir bewegt
von der sorgenvolle Frage,
ob er früh wie spät am Tage
pünktlich ist. – Das war’s, denn mehr
gibt ein Bus nicht wirklich her
für weitergehende Int’ressen.

Allerdings: wer je gesessen
In dem Reisebus der ZEIT,
ist schnell zum Widerspruch bereit,
hat nämlich Anderes erfahren,
weil dieser Bus, der seit drei Jahren
von Hamburg nach Shanghai verkehrt,
dort irgendwie nicht hingehört:

Wie nur ein Exot es kann,
zieht magisch er die Blicke an
der innehaltenden Passanten,
geweckt von diesem Unbekannten.

Die Menschen, die sich nach ihm drehen,
glauben fast, nicht recht zu sehen,
schauen vorsichtig von Ferne,
rücken aber dann auch gerne
nah und näher, leicht begehrlich,
merkt man doch, wie ungefährlich
dieser Fremdling sich geriert.
Ja, mancher hat ihn scheu berührt,
als wolle physisch er erfassen,
was ihn die Augen sehen lassen.

So steht um diesen Bus herum
An Zahl ein reiches Publikum.
Es sind, weiß Gott, nicht nur Chinesen
gebannt von diesem Bus gewesen,
nein, Menschen sind’s aus aller Welt,
die schnell sich auch dazu gestellt.
Man hört nicht, was sie leise raunen,
versteht jedoch, wie sehr sie staunen.

Oh, wie sich lang die Hälse recken,
wenn sie den Reiseweg entdecken
auf des Busses beiden Flanken!
Das bringt den Stoischsten in’s Wanken!

Jetzt bleibt kein Handy mehr am Ort,
es klickt und blitzt in einem fort,
von vorn, von hinten, von der Seite,
mal senkrecht und mal in der Breite
knipst das Detail, knipst die Totale
nicht ein Mal nur, nein, viele Male –

– da setzt der Bus sich in Bewegung,
man schaut ihm nach … und in Erregung
legt sich nach dem letzten Blick,
der Alltag ist sehr schnell zurück,
in ihm verliert im Zug der Zeit
der Bus seine Besonderheit.

Nur wir, die wir darin gesessen,
werden ihn niemals vergessen!

~ Helmut Hering, ZEIT-Reisender

Tag 9

Qingdao – Tianjin

Heute gehts bis vor die Toren Pekings, genauer zur Hafenstadt am Zusammenfluss von Heihe und Kaiserkanal. Unser braunes »de Kieler« MAN-Pferd joggt locker auf dem schwarzen Teerband hin und her und teilt es in zwei fruchtbare Grünhälften. Viele Kilometer lang sind Ackerflächen mit Getreide, Mais und diversen Gemüsesorten akkurat bepflanzt. Dazu gehören Baumsetzlinge vom Kinder- bis zum Erwachsenenalter – die Begleitflora. Diese beiderseitige Landwirtschaftsmonotonie wird nur garniert von riesigen Funkmasten, schnurgraden Bahntrassen und bräunlich gefüllten Kanälen.

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Monotone Landschaft

Die einzigen sichtbaren hügeligen Erhebungen sind von Menschen angelegt: Minifriedhöfe. Die unterschiedlichen Größen der Erdhügel sind durch Sarg- oder Urnenbestattungen entstanden. Wichtig für alle diese Grabesformen ist “Gutes Fengshui”, weil nur dadurch die Seelen ihre Ruhe finden und nicht unruhig über den Friedhof, zwischen den einzelnen Gräbern herumirren müssen. Ebenso können Grabbeigaben – für das gute Leben der Seelen im Jenseits – hügelformend sein.

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Grabhügel

Heute pilotiert Ruven Riesel »Krieger« unser tägliches mobiles Wohnzimmer; Regen, Pfützen, schlechte Sicht … nichts hält ihn auf. Er treibt das treue 500 PS – Pferd permanent an. Bei seiner sanften Fahrweise wird das kurze Mittagsnickerchen zur rasenden Erholung.
Nach Überquerung des gelben Flusses, fliegt uns Chinas drittgrößte Stadt, die Handelsmetropole Tianjing entgegen.

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Der gelbe Fluss, die Mutter Chinas

Laut Rainer erwarten uns keine klassischen Sehenswürdigkeiten, vielmehr eine Mischung aus alternder überwiegend europäischer Kolonialarchitektur aus dem 19. und 20. Jahrhundert; vermischt mit den üblichen Beton- und Glasmonolithen, den Monomenten des prosperierenden modernen Chinas. In der schmunzelnden Kommentierung der Bewohner heißt das: »Für diese gigantische Baustelle müsste für alle drei Monate ein neuer Stadtplan gedruckt werden«, das ist von der Kommunalverwaltung aber nicht zu leisten!

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Glas – und Betonmonolith

Es könnte sein, dass wir hier eine Mischung des Treibens von Shanghai’s Bund und dem uns noch unbekannten Beijing – Oper – Erlebnis begegnen werden!
Achtung! Achtung! Morgen Abend werden wir im neuen Blog Teilantworten liefern können!

Auf dem Baume sitzt ein Specht,
der Baum ist hoch,
dem Specht ist schlecht.
(Vorgetragen von Rainer S.)

 

~ Thomas Birkelbach (Tobi), ZEIT-Reisender

Tag 8

Qingdao

Der Tag könnte auch unter dem Motto »Mobilität« stehen. Schon das Frühstück war ein bewegtes Ereignis. Wie schon bei den Tagen zuvor war die Auswahl recht groß und vielfältig, natürlich mit Schwerpunkt auf chinesische Speisen. Anders als sonst bewegten sich heute die Sitzplätze auf einer großen Scheibe um das rund aufgebaute Buffet. Wir saßen in einem Drehrestaurant in der 25. Etage mit Blick auf den Strand, auf das Stadion, einen Park und natürlich auf die mit Hochhäusern bebaute Innenstadt von Qingdao. Stellte man es geschickt an, dann bewegte man sich langsam an den Auslagen von Brot, Toast, Marmelade und Cerealien vorbei, gönnte sich noch ein Spiegelei oder ein Omelette im »Vorbeifahren«, passierte das reichhaltige Angebot an warmen, chinesischen Speisen und war rechtzeitig wieder am Ausschank von Tee, Kaffee und diversen Säften angelangt, wo alles begann und der Aufzug liegt. Frühstück bei einer 360°-Drehung mit Ausblick auf die Stadt unter sich. – Mal ein ganz neues Essgefühl.

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Drehrestaurant im 25. Stock mit Blick auf den Strand von Qingdao

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Was haben unser Bus und die Reiseteilnehmer gemeinsam? Antwort: Sie müssen mobil sein. Der Bus muss fahren bzw. rollen können und der Reisenden sollten gut zu Fuß sein. Dies setzt voraus, dass beim Bus alle Räder intakt sind. Leider zeigte sich jedoch beim Abstellen des Busses auf dem hoteleigenen Parkplatz am Vorabend ein etwa 40 cm langer Riss im äußeren Reifen der hinteren Zwillingsbereifung. Dies konnten unsere beiden Busfahrer Christian und Ruven natürlich nicht durchgehen lassen. Den defekten Reifen mit den Ersatzreifen zu tauschen, wäre zwar die schnellste Lösung gewesen, aber auf die Sicherheit eines intakten Ersatzreifens bzgl. der noch langen Weiterfahrt wollte man unter keinen Umständen verzichten. Also musste ein neuer Reifen her. Ein Anruf bei einer Kfz-Werkstatt in Qingdao schürte die Hoffnung, dass ein Werkstattfahrzeug einen neuen Reifen aufzieht und diesen mitsamt der Felge zum Bus bringt und das Rad dort vor Ort ordnungsgemäß montiert. Unterdessen haben Christian und Ruven den Bus mit einem Hydraulikwagenheber angehoben und das beschädigten Rad abgenommen.

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Christian und Ruven beim Radwechsel

Soweit alles in Ordnung, d.h. nach schweißtreibender Arbeit. Eine Stunde später kam schließlich die herbeigerufene Hilfe. Statt eines Werkstattwagens fuhr jedoch ein normaler Pkw vor, nahm das defekte Rad mit und man versprach in 12 Stunden den neuen Reifen auf die Felge gezogen zu haben. Und in der Tat: Im Laufe des heutigen Vormittages konnte ein passender Reifen in der richtigen Größe und mit dem vorgeschriebenen Geschwindigkeitsindex auf unseren Bus montiert werden. Jetzt war unser Komfort-Reisebus wieder voll mobil und uneingeschränkt einsatzbereit. Der Tagesausflug durch Qingdao wurde währenddessen mit einem kleineren, chinesischen Reisebus durchgeführt.
Blieb jetzt parallel hierzu nur noch die Mobilität einer unserer Reiseteilnehmerinnen wieder herzustellen. Die 86-jährige, für ihr hohes Alter sehr fitte Dame, hatte sichtliche Probleme mit ihrem linken Fuß. Dieser war mehr als stark angeschwollen und bereits bläulich verfärbt. Kein Risiko eingehen! Sofortige medizinische Diagnose und Versorgung waren angesagt. Mit dem Taxi ging es umgehend vom Hotel zum 20 Minuten entfernten Krankenhaus. Das Qingdao Municipal Hospital mit der integrierten International Clinic verfügt über eine spezielle Abteilung für die Versorgung von ausländischen Patienten.

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Qingdao Municipal Hospital

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Wir waren nicht die Ersten und Einzigen an diesem Morgen. In dem großen, modernen Klinikgebäude gingen bereits um 8 Uhr viele Besucher ein und aus. Die Beschilderung im Gebäude ist zweisprachig angelegt: chinesisch und englisch. Schnell fanden wir in der 4. Etage unseren medizinischen Bereich. In dem hell eingerichteten und sauber anmutenden Empfangsraum nahmen gleich zwei freundliche Krankenschwestern sich unserem Anliegen an. Ein paar Daten und Fakten wurden in den PC eingegeben, auch ein Formular mit persönlichen Angaben konnte schnell ausgefüllt werden und natürlich der nette Hinweis, dass man für die folgenden medizinischen Leistungen in Vorlage treten muss. Dies ist in China absolut üblich. Ohne vorheriger Geldfluss keine Behandlung. Wahlweise konnte ein bescheiden hoher Betrag über umrechnet rund 40 Euro gleich vor Ort in Bar oder per Kreditkarte bezahlt werden. Unaufgefordert erhielt man als Gegenleistung den zweifach ausgestellten Quittungsbeleg für die Krankenkasse zu Hause. Kaum 10 Minuten später sah sich im Behandlungszimmer die englischsprachige, chinesische Ärztin den lädierten Fuß an. Schnell wurde daraufhin der weitere Behandlungsverlauf festgelegt: Blutabnahme, EKG und Ultraschall. Die Wartezeiten dazwischen und bis zur abschließenden Auswertung der Ergebnisse bzw. bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus konnte die Patientin in einem ruhigen, angenehm temperierten Wartezimmer verbringen. Sofort brachte man ihr in einem Becher mit Wasser und sogar eine englischsprachige Zeitung zur Überbrückung der Wartezeiten. Zur allgemeinen Überraschung der Patientin klebte die freundliche Krankenschwester ihr noch einen roten, ca. 8 cm großen roten Aufkleber an den Oberarm des T-Shirts. Die chinesischen Schriftzeichen auf dem Klebepunkt und die Signalfarbe signalisieren den anderen Mitarbeitern und Besuchern im Krankenhaus, dass man dem Träger bzw. der Trägerin Hilfe gewähren sollte, z.B. die Tür aufhält, den Aufzug herbeiholt oder beim Überqueren der Straße behilflich ist. Eine einfache aber wirkungsvolle Maßnahme. Sollte man auch in deutschen Krankenhäusern einführen. Fazit: Patientin wohlauf und mit der Gewissheit, dass keine Komplikationen zu erwarten waren, konnte sie am frühen Nachmittag wieder ins Hotel zurückkehren. Mobilität erfolgreich bewahrt!
Die Reisegruppe war währenddessen auch mobil und führte eine kleine Stadtbesichtigungstour durch. Das koloniale Erbe der ehemals deutschen Kolonie stand hierbei im Mittelpunkt. Vormittags Besuch der protestantischen, deutschen Kirche , vorbei an repräsentativen Kolonialbauten bis zu der eindrucksvollen Landungsbrücke in Qingdao (ehem. Tsingdao), nachmittags eine Führung durch die Tsingtao-Brauerei.

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Tsingdao-Brauerei

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Das weltweit bekannte Bier, nach deutschem Reinheitsgebot gebraut, wird auch bei uns in Deutschland und Österreich in chinesischen Restaurants angeboten. Bei dem Rundgang durch das historische Werksgelände und durch das integrierte Bier-Museum erfuhr man Einiges über die deutsche Kolonialgeschichte Qingdaos sowie die Produktion und Vermarktung des Tsingdao-Bieres. Eine Verköstigung vor Ort war daher eine Selbstverständlichkeit. Original Tsintao-Bier in Qingtao und dann noch auf dem werkseigenen Gelände der Firma Tsingtao zu trinken, in diesen Genuss kommen bestimmt nicht viele China-Touristen.
Abends war dann die gesamte ZEIT-Reisegruppe wieder beim Abendessen im World Trade Center komplett versammelt. Mobil bis »… hinter‘m Horizont…« geht es für die Gruppe weiter. Gute 12.000 Fahrkilometer liegen noch vor uns!

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World Trade Center, Quindao

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~ Wolfgang Pohl

Tag 7

Tai’an – Qingdao

Unsere heutige Fahrt führt von Tai’an schnurstracks nach Osten, Qingdao, ist unser Ziel. Ein ehemals kleines Fischerdorf, aber in der Mingzeit schon ein militärischer Stützpunkt und heute ein bedeutender Hafen an der Ostküste, dem die Deutschen in der Konzessionszeit nach 1897 ihren Stempel aufdrückten und etliche Gebäude aus der Kolonialzeit erhalten sind.

Zur Mittagsmahlzeit, die wir in einem von außen unscheinbaren Restaurant (und dahinter wartet der »Direktor» im Mondtor …) einnehmen, bekommen wir eine kulinarische Spezialität der Gegend serviert: frische, in Öl gebratene Zikaden. Schon am Tag vorher hatten wir uns gefragt, was die vielen Lichtpunkte unter den Bäumen rechts und links der Straße wohl bedeuten mögen: Mit Hilfe von Taschenlampen werden in dieser Gegend und nur zu dieser Jahreszeit frisch geschlüpfte Zikaden, deren Chitinpanzer noch nicht gehärtet ist, gesammelt – lecker!

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Ein weiteres Kuriosum begegnet uns auf der Weiterreise: eingepackte Früchte, nicht an einem Verkaufsstand – nein, am Baum. Früchte, die später einzeln gepflückt werden, werden schon am Baum in kleine Tüten gepackt – Assoziationen an “Die Geschichte der Bienen” von Maja Lund werden wach. Aber hier geht es nur um ein perfektes Äußeres, damit sie sich besser verkaufen lassen.

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In Tai’an hatten wir den daoistischen Tempel Dai besucht und Rainer nutzt die lange Busfahrt, um uns eine kurze Einführung in den Daoismus zu geben. Der Daoismus ist einzig für China und
geht zurück auf Laotse. Es ist fraglich, ob er eine historische Figur ist. Wenn ja, hätte er zu Konfuzius Zeiten gelebt. Seine Gedanken und Ideen sind nicht sehr präzise und viele daoistische Schulen versuchen sich in Interpretationen. Das am meisten bekannte Symbol des Daoismus ist das YinYang-Zeichen. Es drückt Harmonie und gleichzeitig Abhängigkeit aus – das eine gibt es nicht ohne das andere. Bei Geburt ist der Mensch eine leere Vase, die nur in der Natur mit Gutem gefüllt werden kann. Das optimale Leben verbringt man als Einsiedler auf einem Berg, auf der Suche nach der Essenz des ewigen Lebens. Das Streben nach dem ewigen Leben ist der Hintergrund für die morgendlichen, im besten Fall lebensverlängernden Übungen, die man allenthalben sieht.
Diese Suche erklärt auch den heutigen Speiseplan in China. Jedes Lebensmittel hat eine Essenz, die es wichtig macht, die gut tut und einen medizinischen Sinn hat.
Zunächst war der Daoismus keine Religion, nach und nach schuf man sich einen Pantheon. Heute gibt es für jede Situation eine zuständige Gottheit, z.B. den Küchengott, der sorgen muss, dass der Reis nicht anbrennt. Nichtsdestotrotz ist man pragmatisch: bei der Namenssuche für ein Kind ist es wichtig, den gewählten Namen im Tempel durch ein Orakel zu bestätigen. Gibt es beim ersten Mal keine Übereinstimmung, wirft man die Orakelstäbchen solange bis es passt.
Oliver Harms, der uns als China-Experte in dieser Woche begleitet, referiert auf der Fahrt über den dynastischen Zyklus in China. Vom ersten Kaiser Qin Shihuangdi im 3. Jh v. Chr. bis zum letzten Mandschu-Kaiser 1911 wurde China durchgehend von Dynastien regiert. Der Kaiser als oberster Herrscher war zuständig für gute Ernten, ein langes Leben, Recht und Gesetz. Dynastien gerieten immer dann in Gefahr, wenn der Druck von außen durch andere Völker oder auch von innen durch z.B. zu viel Korruption oder Misswirtschaft zu groß wurde. Auch Mao sah sich in der Tradition der Kaiser, der Kommunismus führt die Tradition fort, von Mao bis Xi. Neu eingeführt in dieser Tradition wurde die Macht des Politbüros, das bislang aus neun Leuten bestand. Nun, unter Xi Jinping, sind es nur noch sieben Leute, die er auch selber benennt. Der dynastische Zyklus lebt weiter.

Ein zweiter Vortrag von Oliver Harms befasst sich mit der Seidenstraßeninitiative.
Innenpolitisch soll der chinesische Traum verwirklicht werden, außenpolitisch wird das Projekt OneBelt-OneRoad verfolgt.
China heißt Reich der Mitte und sieht sich auch trotz der “verlorenen letzten 100 Jahre” immer noch als Reich der Mitte.
Die Herstellung der Souveränität wird seit 1949 konsequent korrigiert. Auch die Öffnung Chinas nach 1979 war nur für China selbst gedacht, nicht als Freundlichkeit gegenüber dem Westen. Damit hatten die Chinesen fünf Jahre eher als Russland (Perestroika unter Gorbatschow begann 1984) erkannt, dass das bisherige System keine Zukunft hat.
Das Denkmal des neuen China ist Pudong in Shanghai. Die olympischen Spiele 2008 wurden konsequent so konzipiert, dass sich China auf allen Gebieten als beste Nation der Welt präsentieren konnte.
Alle Fünfjahrespläne sind nur Teilpläne eines großen Ziels. An erster Stelle steht der Machterhalt der Partei. Die Seidenstraßeninitiative ist ein visionäres Großkonzept und braucht einen längeren Horizont als fünf Jahre. Es sind 64 Staaten und 2/3 der Weltbevölkerung betroffen. Hier befindet sich 1/3 der Weltwirtschaftsleistung.
Inzwischen gibt es einige Zweifel an dem Projekt, weil China eigene Arbeiter und eine eigene Finanzierung einsetzt, d.h. es bleibt für die kooperierenden Länder nicht viel. Außerdem ist der Finanzbedarf sehr hoch, er wird mit 1 Billion $ gehandelt. China hat jedoch 2016 eine eigene Weltbank gegründet, die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank. Nachdem der Westen China eine Beteiligung am Bretton-Woods-System mit Weltbank und IWF verweigerte, haben sie ein eigenes System im asiatischen Raum aufgebaut.

Wir erreichen Qingdao in der Dunkelheit und der Weg zum Hotel führt direkt an der – von Deutschen gegründeten – Tsingdao Brauerei vorbei. Die Straße heißt tatsächlich Bierstraße und es herrscht Oktoberfest-Stimmung.

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Unser Hotel liegt am Strand und natürlich muss ich zuerst wie überall an fremden Gestaden ans/ins Wasser – zumindest mit dem großen Zeh.
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~ Annette Boeddinghaus, ZEIT-Reisende

Tag 6

Qufu - Tai’an

Der allmorgendliche Blick aus unseren luxuriösen Hotelfenstern gehört momentan zum wichtigsten Ritual auf dieser Reise. Sehnsüchtig warten wir alle auf den ersten Sonnenstrahl, aber der lässt sich noch nicht blicken.
Dennoch, trotz der grauen Himmelsfarbe fällt kein Regen und so dürfen wir in Tai’an unbeschwert bei angenehmer Temperatur eine höchst sehenswerte Tempelanlage besuchen, die einst den höchsten Gottheiten des Daoismus geweiht war. Sehr wenige heimische Besucher schlendern mit uns durch weitläufig verstreute Areale voller uralter Pflanzen. Fasziniert betrachten wir einen 1200 Jahre alten Ginkgo, aus dessen Fuß rundum kleine Sprösslinge neues Leben aus diesem Fossil gebären.

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Fast genauso alte Wandmalereien beeindrucken in ihrer Detailtreue und Feinheit in noch nicht vollständig renovierten Tempelhallen.

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Ich wünsche mir immer mal wieder, die Hand auszustrecken, um diese Zeichnungen zu berühren, als ob dadurch die Zeit überwunden werden könnte und Geschichte zum Jetzt wird. Gut, dass dann doch Gitterstäbe mich vor unüberlegter Handlung abhalten.
Draußen vor den Tempeln steht ein großer Wunschstein, der, wenn man ihn 3x links und 3x rechts herum mit geschlossenen Augen abtastend umkreist, dann einer geraden Linie folgt und den gegenüberliegenden alten Baum erwischt und streichelt, großes Glück verspricht. Wie glatt poliert wirken Stein und Baumstamm von den unzähligen Streicheleinheiten, die Menschenhand im Laufe von Jahrzehnten hier hinterlassen hat. Ein paar Mitreisende versuchen sich nun natürlich – ich werde berichten, ob das versprochene Glück bei den Betreffenden noch während der Reise eintritt.

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Gegen Mittag widmen wir uns den lokalen Spezialitäten in einem heimischen Restaurant – einige stöhnen bereits ob der reichhaltigen Genüsse, denen wir täglich ausgesetzt sind. Aber auch hier in dieser schlichten Speisehalle sind alle wieder begeistert von der Vielfalt der unterschiedlichen Zutaten und Würzmethoden, auch wenn wir die gegarten Hähne mit ihren Kämmen lieber links liegen lassen.

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Übrigens, die Teller und Schüsseln werden trotz der Klagen immer leer geputzt… Und auch hier bemühen sich die Gäste und Mitarbeiter des Hauses, wie so häufig, lächelnd um ein Foto mit uns merkwürdigen Langnasen.

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Nachdem das gestrige Geburtstagskind den Verdauungs-Reisschnaps im Bus eingeführt hat, muss das gewöhnungsbedürftige Getränk nun natürlich auch weiter ausgeschenkt werden, diesmal als Stärkung, denn nun erwartet uns unsere heutige Hauptaufgabe: die Ersteigung des heiligsten Berges Chinas, Tai Shan!

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Gut, ganz so heroisch geht es bei uns dann doch nicht zu, denn auch Profis benötigen für die 6666 Stufen gute 2 Stunden und die alten Kaiser ließen sich gar in Sänften gemütlich hinaufschaukeln, aber bei den fast 400 Stufen, die alleine zu unserer Seilbahnstation hinführen, kommen auch viele von den Unsrigen ins Schwitzen und Schnaufen, denn die Felsen hier sind doch sehr steil. Auch wenn wir uns mithilfe der modernen Gondeln nun in den Wolken befinden, steigen einige Freiwilligen noch weiter hinauf in ein seltsam anmutendes Gemenge aus traditionellen heiligen Tempelgebäuden und moderner Medienaufbereitung inkl. Verkommerzialisierung á la Disneyland. Saftige, wild wachsende Hanffelder verströmen intensiven süßlichen Duft, sodass eine fast unwirkliche Stimmung auf dieser nebeligen Höhe entsteht.

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Der Besuch auf dem Berg in 1500m hat viele aus unserer Truppe trotz der Anstrengung sehr zufrieden werden lassen. Müde erreichen wir am Abend unser schönes Hotel in der Millionenstadt Tai’an und genießen an round tables gemeinsam mit der Gruppe Shanghai erneut Köstlichkeiten in einer nun nicht mehr aufzählbaren Vielfalt. Wie immer schaffen es ein paar Unermüdliche für einen letzten Umdrunk in die Bar. Xiéxie!

~ Claudia Kennel, ZEIT-Reisende

Tag 5

Lianyungang - Qufu

Eine kleine Programmänderung heute Morgen gibt uns die Gelegenheit in den Straßen von Lianyungang zu bummeln. Besonderes und Kurioses gibt es zu entdecken: Eine Kürbisart, die gleich vor Ort an der Pflanze in einen lachenden Buddha verwandelt wird.

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Kürbis als lachender Buddha

Sehr viele Chinesen bezahlen inzwischen mit dem Handy. Selbst die Straßenverkäufer haben an ihrem Karren ein Schild mit QR-Code hängen, den die Kunden mit ihrem Handy einscannen und über ihren Account bezahlen. Skurril empfanden wir die Kombination alte Handwaage und Handy-Pay.

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Straßenverkäufer mit Handwaage und QR-Code

Über großzügig ausgebaute Highways fahren wir Richtung Qufu. In Küstennähe sehen wir flache, geflutete Becken, hier wird Meerwasser eingeleitet und Salz gewonnen, das auf dem Markt verkauft wird. Bald säumen endlose Reisfelder, leer, geflutet oder grün, in denen weiße Reiher nach Nahrung suchen, die Straßen. Mais- und Gemüsefelder wechseln den Reis ab. Wir überqueren breite Flüsse, die mit großen Stauwerken gegen Überschwemmungen vom immer noch nahen Meer abgeriegelt werden können. Allmählich wandelt sich die flache Küsten-/Fluss-Landschaft zur hügeligen Löss-Landschaft mit kleineren Terrassen. Wir haben die Provinz Shandong erreicht, in der 70% des chinesischen Knoblauchs angebaut wird. Dazu Lauch und Kohl, der sauer eingelegt und als Kimchi nach Südkorea (Nordkorea ist zu arm) verkauft wird.

Gemüse und viele andere Köstlichkeiten, mehr als dreißig verschiedene Gerichte, dazu frische Nudelsuppen, diverse Vor- und Nachspeisen bietet auch das phantastische Buffet, das wir im Shangri-La-Hotel in Qufu genießen dürfen. Mein Favorit ist allerdings das Kinderbuffet: hier wird der Nachtisch mit Radladern und die Nüsse mit Baggern auf die Teller geschaufelt…

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Kinderbuffet

Qufu und Konfuzius, hierauf hatte ich mich auf dieser Reise besonders gefreut, immer in Erinnerung an den wunderbaren Konfuzius-Tempel in Xi’an, der eine meditative Ruhe ausstrahlte und ein schöner Ort zum Verweilen war. Mmhh, da hatte ich die Rechnung wohl ohne Wirt, respektive ohne Kalender gemacht. In China sind im Juli und August Schulferien und genau wie bei uns haben die Eltern ein Betreuungsproblem. Beide müssen arbeiten und haben wenig Urlaub, die Großeltern arbeiten oft ebenfalls oder verfolgen eigene Urlaubspläne. Also werden die Kinder in Ferienlager geschickt und besuchen von dort aus kulturelle Hotspots. Die erwartete meditative Ruhe wurde daher ersetzt durch lautes Geschnatter von unzähligen Schülergruppen und wildem gegenseitigen Fotografieren – eine ebenso schöne Erfahrung!

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Überfüllter Tempelaufgang
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SchülerInnen im Konfuzius-Tempel

Rainer klärte uns im Bus über die Grundlagen des Konfuzianismus auf. Vor allem handelt es sich nicht um eine Religion, denn wesentliche Elemente einer Religion fehlen. Konfuzius als historische Figur lebte im 5/6. Jh. v.Chr. in Qufu. Er lehrte seine Schüler Folgsamkeit, Respekt und Loyalität gegenüber den Eltern, Ahnen und Vorgesetzten. Daraus ergibt sich eine hierarchische Gesellschaftsordnung, deren wesentliches Element auch die Fürsorge und die Verantwortung für die jeweils Untergebenen ist.

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Werbetafel an der Strasse

Seine Schüler haben die Texte aufgeschrieben und dieses Gesellschaftsmodell wurde nach anfänglichem Widerstand von den chinesischen Kaisern übernommen.

Der Konfuzius-Tempel bestand anfänglich nur aus einem Haus mit drei Zimmern und wurde sukzessive bis auf die heutigen mehr als 300 Zimmer, vier Höfe, eine Bibliothek und die riesige Dacheng-Halle erweitert. Die Säulen der Halle sind besonders ausgearbeitet und sollen die Schönheit der Säulen des Kaiserpalastes in Beijing übertreffen, deshalb wurden sie bei Besuchen des Kaisers mit roter Seide verhängt. Trotz der drangvollen Enge beten einige Besucher inbrünstig, stilgemäß sind die Räucherstäbchen in Form eines Pinsels.

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Verehrung
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Räucherstäbchen

Die Konfuzius-Familie Kong, die später in einem luxuriösen Anwesen mit wunderschönem Garten neben dem Tempel lebten, ist die am besten dokumentierte Familie Chinas. Aus jeder Generation erhielt ein Nachkomme den Ehrentitel, diese Tradition war jedoch mit der 78. Generation 2008 zu Ende, weil die Nachkommen nicht mehr in China leben.
Konfuzius selbst und über 100.000 seiner Nachfahren sind im Konfuzius-Hain begraben.

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Grab im Konfuzius Hain mit Wächterfiguren
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Grabstelen im Konfuzius-Hain

~ Annette Boeddinghaus, ZEIT-Reisende

Tag 4

Shanghai - Lianyungang

Der erste Eindruck von Shanghai fiel leider etwas wässrig aus. Niesel- bis Starkregen trübte den ersten Besichtigungstag. Heute geht es nun endlich los! Zum ersten Mal Kofferladen vor dem Grand Kempinski Hotel in Pudong. Dann das Betreten des modernen Reisebusses und das Auffinden seines Sitzplatzes bzw. seines Sitzmoduls. Normalerweise ist der Bus für 56 Sitzplätze ausgerichtet. Doch diese Reise ist keine normale Reise. 21 Reisegäste plus Reiseleitungen und Experten finden hier Platz. Beinfreiheit und ein Höchstmaß an Bequemlichkeit sind somit garantiert. Der Bus wird uns ja auch noch über 50 Tage durch Ostchina, quer durch die Mongolei, weite Strecken durch Russland, d.h. durch Sibirien, über das Ural-Gebirge nach Moskau und St. Petersburg sowie durch die drei baltischen Statten via Polen nach Hamburg bringen. So ein Bisschen kommt das Gefühl auf, der Bus wird in den folgenden 7 ½ Wochen unser zu Hause sein, auch wenn wir unterwegs in guten Hotels oder landestypischen Unterkünften übernachten werden. Man identifiziert sich schon mit dem auffälligen, schwarzen Bus. Doch Halt: Unser Bus ist nicht schwarz! Er ist der Sonderfarbe Dunkelbraun lackiert, wie uns unser Fahrer Ruven freundlich korrigiert. Ordnung muss schließlich sein. Auf jedem Platz steht bereits eine Kaffeetasse mit dem Streckenverlauf und dem jeweiligen Namen des Reisenden. Auch ein kleiner Pandabär signalisiert, dass wir aus dem Reiche der Mitte aufbrechen und als Kulturbotschaften nach Hamburg zurückkehren werden. – Es braucht alles noch ein wenig Zeit. Das Check-out im Hotel, die ganzen Abläufe im Bus, das Sich-Kennenlernen und das Sich-Zurechtfinden werden sich in den nächsten Tagen schnell einspielen.
Es regnet heute zwar nicht mehr, aber die Wolken hängen sehr tief. Die markanten Wolkenkratzer im Stadtteil Pudong kratzen nicht nur an den Wolken, sondern sie verschwinden bis über die obere Hälfte in dem einheitlichen Grau. Dennoch wollen wir uns das Erlebnis nicht nehmen lassen, das höchste Gebäude Chinas, den Shanghai Tower, und gleichzeitig das zweithöchste Gebäude der Welt mit dem Express-Aufzug zu erklimmen.

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Shanghai Tower

Schön-Wetter-Fotografien im Eingangsbereich des futuristisch anmutenden Hochhauses aus Glas und Stahl versprechen einen Top-Rundblick von der 118. Etaqe in luftiger 546 m Höhe. Na, das wird wohl heute Nichts mit dem 360°-Rundblick. Der schnellste Aufzug der Welt befördert uns fast geräuschlos mit einer Geschwindigkeit von 18 Höhenmetern pro Sekunde in nur 55 Sekunden zur Aussichtsplattform. Oben angekommen: Kein Ausblick, wir befinden uns mitten in der dichten Wolkendecke. Für unsere Augen eine undurchdringbare, graue Masse. Zahlreiche Besucher stehen fast schon apathisch an der rundum verglasten Frontseite des Observatory Desk. Die fest montierten Fernrohre mit Münzeinwurf bleiben heute ungenutzt. Dann kommt plötzlich Bewegung in die Besuchergruppen. Tatsächlich kann man einige Hochhäuser zu Füßen des Shanghai Towers sehen, nein besser: ganz schwach erahnen. Man drängt sich nun an die Scheiben. In weniger als 15 Minuten steigt die dichte Wolkendecke immer höher hinauf. Im diffusen Licht liegt jetzt der Stadtteil Pudong mit der ausgeprägten Flussschleife des Huangpu River unter uns. Ein erhabener Anblick!

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Blick vom Shanghai Tower auf Pudong mit Huangpu Fluss

Die vielen Büro- und Hotelhochhäuser wirken plötzlich so klein. Wir schauen sogar auf den imposanten Oriental Pearl TV Tower hinab. Ein Stückchen weiter blickt man aus der Vogelperspektive auf die Spitze des pagodenartigen Jin Mao Tower. Daneben liegt der auffällige Büroturm des Shanghai World Financial Center. Das allgemein als »Flaschenöffner« bekannte, schlanke Gebäude ist noch deutlich niedriger als die Aussichtsplattform, auf der wir stehen. Und über uns ragen noch weitere 86 m in den grauen Himmel. 632 m ist der Shanghai Tower hoch.

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Shanghai World Financial Center
(»Flaschenöffner«)

Einige Länder, u.a. auch China, planen bereits neue Hochhäuser, die noch gigantischer und höher werden sollen. Ein nie endender Wettlauf um Ruhm, Ehre und architektonischen Spitzenleistungen. Wir freuen uns aber auf Platz Zwei in der derzeitigen Weltrangliste zu stehen, zumal die Sicht sogar noch ein klein wenig besser wird.
Wieder unter beim Bus angekommen, beginnt nun unwiderruflich unsere Fahrt. Wir fahren im dichten Verkehr stadtauswärts über breit angelegte Ausfallstraßen an schier unendlichen Häuserblocks unterschiedlichen Alters vorbei. Am Stadtrand angelangt, passieren wir die erste Mautstelle für die Autobahnbenutzung. Durch weites, flaches Schwemmland, immer wieder begleitet von Fischteichen, Lotosfeldern, kleineren Reisterrassen und anderen ackerbaulich genutzten Feldeinheiten sowie den auffälligen Unter-Plastik-Kulturen, erreichen wir an späten Nachmittag unseren Übernachtungsstandort Lianyungang. Mit an Bord war auch unser ZEIT-Experte Oliver Harms. Als Direktor für China & Mongolei bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau KFW, vermittelte er uns unterwegs in einem kleinen Bericht einen ersten Einblick in den Wirtschaftsraum China. Auch seine ganz privaten Erlebnisse wie und wann es ihn nach China gezogen hat, stießen auf großes Interesse bei allen Mitreisenden, da sich hier besonders der persönliche Bezug zur Bevölkerung, der Lebensweise der Menschen in der Stadt und auf dem Land sowie das Alltagsleben widerspiegelte. Ein klein wenig des täglichen Alltags konnten auch wir bereits auf halber Strecke erleben. Mittagsrast an einer Autobahnraststätte. Natürlich wurde unser Bus begutachtet. Auch wir standen plötzlich im Mittelpunkt. Im Restaurant wurden wir dann mit der Esskultur der Chinesen, des klassischen Durchschnittsbürgers, konfrontiert. Auch wir »bezwangen« unser Essen mit Stäbchen. Ich möchte nicht sagen, dass es perfekt ging, aber am Abend beim Abendessen im Hotel fühlten wir uns schon merklich sicherer.

~ Wolfgang Pohl, ZEIT-Reisebegleiter

Tag 3

Shanghai

So, jetzt kommen wir zum ersten gemeinsamen Tag, dem Samstag in Shanghai.

Aufgrund der Wettersituation mit Regen, hoher Luftfeuchtigkeit und vor allen Dingen der schlechten Sichtverhältnisse empfiehlt unser nationaler Reiseleiter Kun den Besuch des Shanghai Towers auf Sonntag zu verschieben und fährt mit uns zunächst ins Ausstellungszentrum für Stadtentwicklung und somit ins Trockene.
Dies ist eines der besten Museen der Stadt und dokumentiert die interessante Denkweise der Stadtplaner. Kun erläutert uns anschaulich das Modell der Stadt mit Ausmaßen, die nur in wenigen Ländern wie China existieren können.

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Modell der Stadt Shanghai

Nach diesem fortschrittlichen Ansatz geht es zu einem Kontrastprogramm, einer traditionellen Seidenfabrik, wo wir den Entstehungsprozess von Seide erläutert bekommen, um anschließend auch möglichst viel im angrenzenden Shop davon einzukaufen.
Tatsächlich ist das Angebot für einige Reisende so verlockend und die Yuan’s und die Seide wechseln den Besitzer.

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In der Seidenfabrik

Anschließend genießen wir das erste Essen in freier Wildbahn außerhalb eines 5-Sternehotels und sind zufrieden.

Zack zack geht es weiter mit dem nächsten Programmpunkt und einem kurzen Besuch der berühmten Uferpromenade am Bund, wo sich um diese Zeit wohl halb Shanghai trifft.

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Mittagszeit am Bund

Aber so richtig voll wird es erst im Yu Yuan, dem Jadegarten, einem klassischen chinesischen Garten mit Brücken, Teichen, Pfaden und Felsen, wo wir so richtig live erleben können, was es bedeutet, am Wochenende eine chinesische Sehenswürdigkeit zu besuchen. Aber es lohnt sich und die Atmosphäre hat ihren besonderen Reiz.

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Yugarten

Diese Stadt ist in einem Tag natürlich nicht zu erkunden, aber wir sind ja fit, frisch und munter. Also ab ziemlich flott zum Abendessen (zuhause würden wir sagen: beim Chinesen), wieder in den Bus zur Nanjing West Road und hinein in ein modernes Theatergebäude und 90 Minuten feinste chinesische Artistik zum Abschluss eines vollen abwechslungsreichen Tagesprogramms.

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Im Theater

Morgen früh werden wir Shanghai verlassen, denn hinterm Horizont geht’s weiter…

~ Thomas Peters, ZEIT-Reisender

Tag 2

Shanghai

On the road again…

Als im Sommer 2017 die neue Reiseroute seitens Zeitreisen veröffentlicht wurde, da gab es kein Halten mehr und der Entschluss stand fest: Hinterm Horizont geht’s weiter und die 2016 erstmals durchgeführte Busreise auf der neuen Seidenstraße wird eine perfekte Rückreiseroute durch die Mongolei und Sibirien finden.

Somit besteht jetzt die Möglichkeit einer Rundreise von Hamburg nach Shanghai und wieder zurück auf insgesamt fast 30.000 Buskilometern und damit definitiv die längste Busreise der Welt.

Und jetzt ist es soweit.

Die seit gut einem Jahr bestehende Vorfreude löst sich auf und wir sitzen im Flugzeug nach Shanghai.

Die Gedanken kreisen rund um die Erinnerungen an die erste Busreise vor 2 Jahren. Wird es ähnlich, genauso, anders sein? Wieder so ereignisreich und unvergesslich?
Vieles ist jetzt schon vertraut. Der Reiseleiter, der Bus, die Abläufe – aber wir fahren wieder eine komplett neue Strecke, die uns noch kein anderes Reiseunternehmen angeboten hat.

Ein großes Wiedersehen erwartet uns in Shanghai, denn mehr als die Hälfte unseres Busses kennt sich bereits von der Jungfernfahrt 2016 nach Shanghai und das zeigt ja wohl eindrucksvoll die Zufriedenheit, ja ich würde sagen das Glücksgefühl der bisherigen Reiseteilnehmer dieser außergewöhnlichen Busfahrt.
Ergänzt wird diese Gruppe durch 6 ganz besondere Teilnehmer, die so fasziniert von diesem Angebot waren und direkt Hamburg – Shanghai – Hamburg für 16 Wochen hin und zurück gebucht haben sowie zwei weitere Teilnehmer, die ebenfalls schon die Seidenstrassenroute mitgemacht haben.
Last but not least haben wir auch einige Newbies in unserem Shanghaibusteam, die nicht nur zum ersten Mal in China sind, sondern auch zum ersten Mal in diesem Bus sitzen.
Also auf gut deutsch ein bunt zusammengewürfeltes Team, was sich gemeinsam auf 8 spannende Wochen freut.

Da ich persönlich vor zwei Jahren u.a. auch über den letzten Tag in Shanghai im Blog geschrieben habe, bin ich jetzt sozusagen auch wieder das Bindeglied für den neuen Blog und beginne dort, wo wir damals aufgehört haben, nämlich beim Abschiedsdrink in der legendären Bar Rouge am Bund mit dem fantastischen Blick auf die Skyline von Pudong, wo wir uns im kleinen Kreis bereits am Vorabend getroffen haben.

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Blick aus der Bar Rouge am Bund in Shanghai

Der eigentliche Ankunftstag, der Freitag wurde dann schon von einigen Reisenden genutzt, um sich wieder mit der besonderen Atmosphäre in Shanghai vertraut zu machen bevor es am Abend zur offiziellen Begrüßung im Kempinski Hotel ging.

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Unser Hotel in Shanghai

Da war eine große Wiedersehensfreude bei den sogenannten Repeatern, die wir ja aber alle eigentlich nicht sind, denn wir fahren ja eine neue Route.

Nach einigen Flaschen Mineralwasser – oder was es auch sonst immer gegeben haben mag – war es schon so als wären wir nicht zwei Jahre lang ohne unseren Bus gewesen.

Muss mich erst einmal wieder warm schreiben und freue mich jetzt einfach auf die kommenden Wochen oder darf man sogar Monate sagen?

~ Thomas Peters, ZEIT-Reisender

Tag 1

Anreise

Als im Sommer 2017 die neue Reiseroute seitens Zeitreisen veröffentlicht wurde, da gab es kein Halten mehr und der Entschluss stand fest: Hinterm Horizont geht’s weiter und die 2016 erstmals durchgeführte Busreise auf der neuen Seidenstraße wird eine perfekte Rückreiseroute durch die Mongolei und Sibirien finden.

Somit besteht jetzt die Möglichkeit einer Rundreise von Hamburg nach Shanghai und wieder zurück auf insgesamt fast 30.000 Buskilometern und damit definitiv die längste Busreise der Welt.

Und jetzt ist es soweit.

Die seit gut einem Jahr bestehende Vorfreude löst sich auf und wir sitzen im Flugzeug nach Shanghai.

Die Gedanken kreisen rund um die Erinnerungen an die erste Busreise vor 2 Jahren. Wird es ähnlich, genauso, anders sein? Wieder so ereignisreich und unvergesslich?
Vieles ist jetzt schon vertraut. Der Reiseleiter, der Bus, die Abläufe – aber wir fahren wieder eine komplett neue Strecke, die uns noch kein anderes Reiseunternehmen angeboten hat.

~ Thomas Peters, ZEIT-Reisender

Reiseprogramm : Tag 1 - 21

CHINA | MONGOLAI

Shanghai – Sukhbaatar

1. Tag | Do. 5.7.2018 |
Shanghai
Individuelle Ankunft in Shanghai

2. Tag | Fr. 6.7.2018 | Ruhetag
Shanghai
Empfang der Teilnehmer im Hotel und Auftaktabendessen

3. Tag | Sa. 7.7.2018 |
Shanghai
Stadtbesichtigung in Shanghai mit Altstadt, dem Bund, Yu-Garten und dem Jinmao-Tower

4. Tag | So. 8.7.2018 |  475 km
Shanghai – Lianyungang
Start des großen Abenteuers, Fahrt in die Stadt Lianyungang am Gelben Meer

5. Tag | Mo. 9.7.2018 | 289 km
Lianyungang – Qufu
Auf den Spuren des Konfuzius, Besuch seines Geburts- und Sterbeortes Qufu

6. Tag | Di. 10.7.2018 | 72 km
Aufu – Tai’an
Ausflug heiliger Berg Tai Shan, taoisitischer Dai-Miao-Tempel

7. Tag | Mi. 5.7.2018 | 331 km
Tai’an – Qingdao
Fahrt in die Hafenstadt Qingdao (ehemalige deutsche Kolonie)

8. Tag | Do. 6.7.2018 | Ruhetag
Qingdao
Landungsbrücke, das Wahrzeichen von Qingdao, Christuskirche, Brauereibesuch

9. Tag | Fr. 13.7.2018 | 535 km
Qingdao – Tianjin
Fahrt in die Hafenstadt Tianjin

10. Tag | Sa. 14.7.2018 | 132 km
Tianjin – Peking
Kleine Stadtrundfahrt in Tiajin, Weiterfahrt nach Peking, Besuch des Himmelstempels

11. Tag | So. 15.7.2018  | Ruhetag
Peking
Besichtigung in Peking: Tianamen-Platz, Verbotene Stadt/ Kaiserpalast, Kohlehügel, Hutongs und Sommerpalast

12. Tag | Mo. 16.7.2018 | Ruhetag
Peking
Zeit für eigene Erkundungen, wir empfehlen das Künstlerviertel 798 oder Wangfujing

13. Tag | Di. 17.7.2018 | 351 km
Peking – Datong
Besuch der Großen Mauer bei Badaling, Weiterfahrt nach Datong

14. Tag | Mi. 18.7.2018 | Ruhetag
Datong
Besuch der Yungang-Grotten und des Huayan-Kloster in Datong

15. Tag | Do. 19.7.2018 | 456 km
Datong – Erenhot
Fahrt in die Innere Mongolei, Ankunft am Grenzort Erenhot

16. Tag | Fr. 20.7.2018 | 218 km
Erenhot – Sainschand
Grenzübertritt in die Mongolei, Fahrt durch Wüste Gobi bis Sainschand, Übernachtung im Jurten-Camp

17. Tag | Sa. 21.7.2018 | 450 km
Sainschand – Ulaanbaatar
Fahrt in die Hauptstadt, Ulaanbaatar

18. Tag | So. 22.7.2018 | Ruhetag
Ulaanbaatar
Stadtbesichtigung Ulaanbaatar: Suchebaator-Platz und Gandan-Kloster

19. Tag | Mo. 23.7.2018 | 69 km
Ulaanbaatar – Gorkhi – Terelj
Ausflug in den Nationalpark Gorkhi-Terelj, lokale mongolische Spezialität Hammet in der Milchkanne (Chorchog)

20. Tag | Di. 24.7.2018 | 402 km
Gorkhi – Terelj – Sukhbaatar
Fahrt an die russische Grenze, Vorbereitung Grenzübertritt Folgetag

21. Tag | Mi. 25.7.2018 | 246 km
Sukhbaatar – Ulan-Ude
Grenzübertritt nach Russland, Fahrt nach Ulan-Ude

Reiseprogramm: Tag 22 - 49

RUSSLAND

Ulan-Ude – Russland

22. Tag | Do. 26.7.2018 |
Ulan-Ude – Baikalsk
Erster Kontak mit Baikalsee, Übernachtung in Baikalsk am Südufer des Sees

23. Tag | Fr. 27.7.2018 | 412 km
Baikalsk – Listwjanka
Fahrt an den Baikalsee nach Khadarta

24. Tag | Sa. 28.7.2018 | Ruhetag
Listwjanka
Zeit in wunderschöner Natur, Seele baumeln lassen, erfrischendes Bad oder russische Sauna (Banja) gönnen

25. Tag | So. 29.7.2018 | 265 km
Listwjanka – Irkutsk
Fahrt entlang Baikalsee, kleine Stadtbesichtigung in Irkutsk

26. Tag | Mo. 30.7.2018 | 520 km
Irkutsk – Nischneudinsk
Fahrt durch sibirien, Kleinstadt Nischneudinsk

27. Tag | Di. 31.7.2018 | 548 km
Nischneudinsk – Krasnojarsk
Fahrt über die R255 Sibir nach Krasnojarsk

28. Tag | Mi. 1.8.2018 | Ruhetag
Krasnojarsk
Stadtbesichtigung in Krasnojarsk: Kapelle Paraskewa-Pjatniza, Brücke über den Jenissej, Bahnhof von Krasnojarsk

29. Tag | Do. 2.8.2018 | 534 km
Krasnojarsk – Kemerowo
Weiterfahrt nach Kemerowo über 534 km

30. Tag | Fr. 3.8.2018 | 258 km
Kemerowo – Nowosibirsk
Fahrt ins Neue Sibirien

31. Tag | Sa. 4.8.2018 | Ruhetag
Nowosibirsk
Stadtbesichtigung in Nowosibirsk: Opernhaus, monumentale Lenin-Statue-Statue, Rathaus und Bahnhof von Nowosibirsk

32. Tag | So. 5.8.2018 | 656 km
Nowosibirsk – Omsk
Weiterfahrt nach Omsk, hier verbringen Sie zwei Nächte

33. Tag | Mo. 6.8.2018 | Ruhetag
Omsk
Stadtbesichtigung in Omsk: Altstadt und Nikolaus-Kathedrale

34. Tag | Di. 7.8.2018 | 635 km
Omsk – Tjumen
Fahrt über die Europastraße E22 nach Tjumen, Ankunft am Abend

35. Tag | Mi. 8.8.2018 | 327 km
Tjumen – Jekaterinburg
Weiterfahrt in die Millionenstadt Jekaterinburg

36. Tag | Do. 9.8.2017 | Ruhetag
Jekaterinburg
Stadtführung in Jekaterinburg unter anderem mit Besuch der »Kathedrale auf dem Blut«

37. Tag | Fr. 10.8.2018 | 509 km
Jekaterinburg – Ufa
Überquerung der geografischen Grenze Asien/ Europa, Ural

38. Tag | Sa. 11.8.2018 | 527 km
Ufa – Kasan
Fahrt nach Kasan, Hauptstadt der Republik Tatarstan

39. Tag | So. 12.8.2018 | Ruhetag
Kasan
Stadtbesichtigung in Kasan: Kul-Scharif-Moschee, Kasaner Kreml, Palast des Gouverneurs, mit Blick auf die Wolga

40. Tag | Mo. 13.8.2018 | 395 km
Kasan – Nischni Nowgorod
Weiterfahrt nach Nischni Nowgorod

41 . Tag | Di. 14.8.2018 | Ruhetag
Nischi Nowgorod
Stadtbesichtigung in Astrachan, Kreml,
Bootsfahrt auf der Wolga

42. Tag | Mi. 15.8.2018 | 420 km
Nischi Nowgorod – Moskau
Fahrt in die Hauptstadt Russlands, 3 Nächte Aufenthalt

43. Tag | Do. 16.8.2018 | Ruhetag
Moskau
Stadtbesichtigung in Moskau: Besuch des Roten Platzes und des Kremls

44. Tag | Fr. 17.8.2018 | Ruhetag
Moskau
Moskau auf eigene Faust, wir empfehlen Bummel durch Stadtviertel Arbat oder Fahrt mit Metro

45. Tag | Sa. 18.8.2018 | 398 km
Moskau – Waldai
Fahrt nach Waldai an den See Uschin, Klosterbesuch, Übernachtung in Holzhäuschen

46. Tag | So. 19.8.2018 | 315 km
Waldai – St. Petersburg
Fahrt nach St. Petersburg an der Newa, Ankunft am Nachmittag

47. Tag | Mo. 20.8.2018 | Ruhetag
St. Petersburg
Stadtrundfahrt durch St. Petersburg, Brücken und Kanäle, malerisches Stadtbild

48. Tag | Di. 21.8.2018 | Ruhetag
St. Petersburg
Zeit zur freien Verfügung, schlendern Sie über den Newski-Prospekt

49. Tag | Mi. 22.8.2018 | 367 km
St. Peterburg – Tallinn
Grenzübertritt nach estland, Fahrt in die estnische Hauptstadt Tallinn, Willkommen im Baltikum

Reiseprogramm: Tag 50 - 56

EUROPA

Tallinn – Hamburg

50. Tag | Do. 23.8.2018 | 307 km
Tallinn – Riga
Stadtrundfahrt in Tallinn, Grenzübertritt nach Lettland und Weiterfahrt nach Riga

51. Tag | Fr. 24.8.2018 | Ruhetag
Riga
Stadtbesichtigung in Riga, Unesco-Weltkulturerbe

52. Tag | Sa. 25.8.2018 | 290 km
Riga – Vilnius
Grenzübertritt nach Litauen, Fahrt nach Vilnius, Stadtrundfahrt

53. Tag | So. 26.8.2018 | 545 km
Vilnius – Danzig
Grenzübertritt nach Polen, Fahrt zum Tagesziel Danzig

54. Tag | So. 27.8.2018 | 495 km
Danzig – Berlin
Vormittags Stadtführung in Danzig, dann Weiterfahrt nach Berlin mit Grenzübertritt nach Deutschland

55. Tag | So. 28.8.2018 | 285 km
Berlin – Hamburg
Ende einer wundervollen Reise! Feierlicher Empfang in Hamburg an der Alster

56. Tag | Di. 29.8.2018 | Ruhetag
Hamburg
Individuelle Abreise

WIR STELLEN VOR

Ihre Reisebegleitung

Auf der Kultuexpedition begleiten Sie fachkundige Reiseleiter und ZEIT-Köpfe, die Ihnen Wissenwertes über die Destinationen berichten und neue Perspektiven eröffnen.

Rainer Schelp

Rainer Schelp

Rainer Schelp hat Sinologie, Ethnologie und Vorgeschichte in Deutschland und China studiert. Er begleitet unsere ZEIT-Reisenden auf der gesamten Reise und hat im letzten Jahr bereits mit seinem Wissen und seinem Witz begeistert.

»Seit meinem 17. Lebensjahr, damals noch »per Daumen«, treibt mich die Neugier um die Welt – und die spielt sich für mich östlich Deutschlands ab. China ist längst meine zweite Heimat und das ist sicher nicht nur akademisch begründet. Kaum ein Land hat so mit Klischees und Vorurteilen zu kämpfen – und beinahe nirgendwo sind diese vergleichbar falsch.«

Wolfgang Pohl

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Wolfgang Pohl hat Geografie, Botanik, Kartografie sowie Ur- und Frühgeschichte in Bochum studiert. Seit über 30 Jahren bereist er mit Gruppen alle fünf Kontinente. Er begleitet unsere ZEIT-Reisenden auf der gesamten Reise von Hamburg nach Shanghai.

»Der Weg ist das Ziel. Reisen heißt für mich sich mit allen Sinnen dem Neuen zu öffnen.«

Johannes Voswinkel

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»Reisen bedeutet für mich mehr zu erfahren über die Welt – und mich selbst. Die Neugier nicht zu verlieren, manch Fremdes anzunehmen und manch Bekanntes mehr zu schätzen.«
Johannes Voswinkel

An der Universität hat er zwei Studienfächer belegt, die ihn automatisch in fremde Länder zogen – Romanistik und Slawistik. Und auch in den Semesterferien zog es ihn als Barmann in die Bretagne oder als Reiseleiter nach Leningrad. Nach dem Examen und der Ausbildung an der Hamburger Henri-Nannen-Journalistenschule ging er 1998 als Korrespondent des STERNs nach Moskau. Von 2002 bis 2015 berichtete er für die ZEIT aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Seit Anfang 2016 leitet er die Niederlassung der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau.

Michael Thumann

Michael Thumann

Als Außenpolitischer Korrespondent arbeitet Herr Thumann seit 1992 bei der ZEIT und berichtet unter anderem aus Moskau und Istanbul. Der zentralasiatischen Region gilt sein besonderes Interesse. Herr Thumann ist von Woronesch (Russland) bis Astrachan (Russland) an Bord des ZEIT REISEN-Busses.

»Reisen bedeutet für mich im sonnigen Vordergarten von Konferenzräumen, Büros und Bibliotheken spazieren zu gehen. Ich lerne weiter, während ich Pause mache.«

Alice Bota

Seit Anfang November berichtet Alice Bota, 35, als Auslandskorrespondentin der ZEIT über Russland und die Nachbarländer. Sie leitet das Moskauer Redaktionsbüro der ZEIT, das 1988 gegründet und seit Juli 2013 kommissarisch von ZEIT-Redakteur Michael Thumann geführt wurde.

Alice Bota arbeitet seit 2007 als Redakteurin im Politikressort der ZEIT. Sie war bisher für Ostmitteleuropa zuständig und hat in den vergangenen zwei Jahren vor allem aus der Ukraine berichtet. Zuvor studierte sie Politikwissenschaft, Soziologie und Neuere Deutsche Literatur in Kiel, Berlin, Potsdam und Posen und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München.

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