Aus der Welt der Zeit

Von Peter Kümmel

Der Wanderer ist am besten durch sein Gegenteil zu definieren: den Passagier. Der Passagier liefert sich Gleisnetzen, Meeren und Lüften aus und hofft, dass ihm unterwegs nichts passiert. Er sitzt auf Rädern wie der Affe auf dem Schleifstein. Er lässt sich von Maschinen an sein Ziel ziehen, schieben oder fliegen. Eigentlich ist er nicht viel mehr als ein lebendes Paket. Während der Passagier betäubt an vorbestimmten Orten ankommt – Bahnhöfen, Häfen, Flughäfen –, ist der echte Wanderer nicht unterwegs zu einem Ziel, sondern einem Zustand: zu der guten Erschöpfung, die nur der Unschuldige, der stolze Besitzlose kennt. Am Anfang von Eichendorffs Novelle Aus dem
Leben eines Taugenichts steht ein Abschied; Taugenichts nimmt seine Geige von der Wand, erhält von seinem Vater ein paar Groschen für unterwegs und verlässt das Dorf seiner Heimat: »Ich hatte recht meine heimliche Freude, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah, während ich so in die freie Welt hinausstrich. « Das ist der Übermut, vielleicht sogar der Hochmut des Wanderers, wenn er aufbricht und die alten Gesichter zurücklässt: Nichts soll für ihn so bleiben, wie es gestern und vorgestern und immerdar war. Das Wandern ist mit anderen Gangarten nicht zu vergleichen. Der Spaziergänger beispielsweise weiß schon, wenn er losgeht, dass er in einer Stunde wieder das heimische Sofa erreichen und den Fernseher einschalten wird. Auch der Passant oder Flaneur, der durch die Straßen geht, um ganz allein doch in Gesellschaft zu sein und, während er sogenannte Besorgungen erledigt, mit allen Sinnen kleinste erotische Signale aufzufangen, zerrt nur an der langen Leine seiner Sesshaftigkeit. Der Wanderer hingegen ist sich, zumindest in den verheißungsvollen Momenten des Aufbruchs, gar nicht schlüssig, ob er je zurückkehren will. Er lässt sein Tagwerk stehen und liegen. In Zeiten, als es das Mobiltelefon noch nicht gab, hat so ein Schritt bedeutet, von nun an unerreichbar zu sein. Der Wanderer geht nicht los, um unter Menschen zu kommen, sondern um Abstand zu gewinnen – und zwar mehr als den empfohlenen 1,5-Meter-Abstand zum Nebenmann, nämlich einen grundsätzlichen Abstand, der täglich wächst. Das Wandern ist keine Flucht, aber es kommt ihr nahe. Warum würde man sonst losziehen? Peter Handke hat ein ganzes Theaterstück dem Wandern gewidmet, es heißt Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße. Darin heißt es: »Hier an der Landstraße, auf ihr, neben ihr, fühle ich mich weniger sterblich. Noch keinmal habe ich im Landstraßenwind den Totenschädel an mir gespürt, im Gegenteil.« Handke unterscheidet zwischen zwei Gehweisen, dem Dramatischen Schritt – dem duellhaften, konfrontativen, aggressiven Jemandem-entgegen-Gehen – und dem Epischen Schritt, dem Gang eines Erzählers. »Der Epische Schritt läßt gelten, was kommt, und wie’s auch kommt, unberührbar berührbar, ungerührt durchschauert. Der Dramatische Schritt: Läßt gelten eines auf Kosten und zu Lasten eines anderen. Im Epischen Schritt leuchte ich aus der Hüfte, während du aus ihr feuerst.« Der Wanderer schießt nicht, sondern er leuchtet aus der Hüfte. Nicht bedrohliche Präsenz, sondern Schutzlosigkeit macht ihn aus und beweist seinen Mut: Er mutet sich den langen Weg zu. Unter echten Wanderern ist es verpönt, auf demselben Weg, den man beim Aufbruch genommen hat, heimzukehren. Eigentlich muss einer, der aus dem Haus trat und nach Westen davonging, von Osten her zurückkommen: als hätte er die Welt umrundet. »Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.« Eine seltsam wackelige, wie im Gehen entstandene Formulierung: Vielleicht von hinten irgendwo werden wir wieder nach Hause kommen. Heinrich von Kleist hat das geschrieben. Sein Satz trifft die Sehnsucht jedes Wanderers. Aber damit sie sich erfüllt, muss man erst einmal aufbrechen.

Peter Kümmel ist Redakteur im Feuilleton der ZEIT.