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Abenteuer Spitzbergen

Das ist eine Reise schwer zu überbietender Höhepunkte:
Kaum sind wir in unser neues Domizil, dem Expeditionsschiff PLANCIUS, und seine Bordgeflogenheiten eingewiesen, beginnt mit der ersten Zodiac-Fahrt das pure Erleben. Gut, die eigentlich geplante Anlandung bei der Texas Hütte fällt aus, etwas „Bärenförmiges“ ist in der Nähe gesehen worden. Und höchst wahrscheinlich hätte diese 1927 errichtete Trapperhütte auch unseren, durch den Namen geweckten Phantasien nicht ganz entsprochen. Doch, Bären wollen wir ja sehen. Also folgen die 10 Zodiacs dem zu vermutenden Weg der Tiere das Ufer entlang. Auf einem kleinen Küstenvorsprung ist dann der „Bär los“. Oder besser: dort ruht er, wenig auffällig, lang gestreckt auf Geröll, in der warmen Sonne. Plötzlich lugt hinter dem großen Körper ein kleiner Kopf hervor. Hier halten also Mutter und halbwüchsiges Kind gemeinsam Mittagsschlaf und lassen sich von 10 Booten, deren 116 Insassen und Kameraverschlussgerassel wenig beeindrucken. Lediglich die Köpfe heben die beiden gelegentlich prüfend, um sich dann in eine noch bequemere Schlafposition zu räkeln. Weit über eine Stunde präsentieren sich diese Könige der Arktis hier von friedfertigster Seite unserer Bildergier.

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Und die Steigerung der ersten Faszination: Die langsam dahin ziehenden lockeren Felder skurril geformter und knisternder Eisbrocken aller Größen, durch die wir anschließend quasi in Tuchfühlung und auf Augenhöhe fahren. Das Eis stammt vom Monacobreen, der samt gut 50 bis 80 m hoher Abbruchkante in einiger Entfernung gleißt und nun den Tageshöhepunkt verstärkt. Denn wieder aufgenommen an Bord der PLANCIUS, manövriert uns der Kapitän in die dichten Eisfelder, soweit die Seekarte und der notwendige Sicherheitsabstand zum Eisschild es zulassen, in eine bemerkenswerte Welt aus unterschiedlichstem vielfältigen Weiß, Blau und Grünlich. Die unendlich vielen Eisbrockenindividuen treiben auf türkismilchigem Wasser. Dazu das Schrammen und Knistern des Eises sowie das mehr oder weniger laute Ge-knalle und Gepolter der neuen Eisabbrüche, die besonders Glückliche auch erkennen.

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Das Beobachten von Eisbären ist das primäre Ziel der Expedition. Dass aber ein Bär uns schier unglaubliche Szenen vorführt, ist ein außerordentlicher Glücksfall.
Phippsøya, eine der Sieben Inseln im Nordosten der Inselgruppe. Wenn möglich, soll auch hier angelandet werden. Doch zwei Bären werden gesichtet. Alles in die Boote. Ein Bär verschwindet aus dieser Perspektive hinter den Strandwällen. Der zweite bewegt sich zumindest, sein Rücken taucht gelegentlich hinter den Geröllwällen auf, in ungleichmäßigen Abständen Richtung links verlagernd. Sollten wir ihn doch aus den Augen verlieren, böten die in größerer Entfernung in dieser Richtung am Ufer liegende große Walrossgruppe einen wahrhaft massigen Ersatz für Beobachtungen. Also folgen alle Boote vor der Uferlinie langsam der Bärenbewegungsrichtung. Toll, der Bär kommt sogar dem Ufer näher, trödelnd, wohl absolut unentschlossen über den weiteren Weg. Er inspiziert den Tangstreifen des Spülsaums, behält die Richtung bei und nähert sich der ruhenden Walrossherde von wohl 100 Tieren, noch wenig zielorientiert. Unsere Pulszahl steigt. Wenige Zig Meter vor den Dickhäutern trabt er an und stürmt auf die Herde los. Davon beeindruckt stürzen die wohl noch jüngeren Tiere hastig ins Wasser. Dicht vor und bald direkt zwischen unseren Gummibooten machen sie in sicherer Distanz dicke Backen und versuchen durch Weisen die kräftigen Hauer dem Eindringling zu imponieren. Derweil ruhen die massigen Körper der alten Tiere nahezu unbewegt wenig Meter vom Bär entfernt auf dem hohen Strand.

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Ob dieser Missachtung und der Unerreichbarkeit der Teilherde im Wasser setzt sich der Bär erst einmal hin und überdenkt die Lage. Wir allerdings wissen nicht, was wir zuerst fotografieren sollen: die unruhigen, aber uns gegenüber Gott sei Dank friedlichen weit über 50 Walrosse um und zwischen uns, in wahrhaft greifbarer Nähe – und mit strengem Mundgeruch. Oder den über seine künftige (Fang-) Strategie grübelnden, die Wassertiere versonnen anschauenden, sitzenden Bären. Patt-Situation. Walrosse drängen wieder Richtung Strand. Bär steht auf und erhebt die Vorderpfote. Walrosse wieder zurück ins Wasser. Bär setzt sich wieder. Das Spiel wiederholt sich etliche Male, Erfolg ist auf keiner Seite zu verbuchen. „Das ist Kalter Krieg schlechthin“ bemerkt Josef, der Bootsführer. Recht hat er. Hat das der Bär gehört? Erkennend, dass vorerst kein Happen – sprich Jungtier aus der Walrossherde – zu erhalten ist, schlendert unser Filmstar lässig wieder wenige 10 m in die Richtung, aus der er kam, legt sich in den Tang mit dem Steiß zur Wal-rossherde, sucht nicht ganz entspannt dort nach Fressbarem und überdenkt seine Situation. Wir fahren, gut abgekühlt, aber schwerst begeistert zum Schiff zurück.

Die an Erlebnissen kaum zu überbietende Reise nähert sich ihrem Ende. Kurs Süd vor den spitzen Bergen der Nordwestküste im Abendsonnenschein, Traumkulisse. Beim Dessert ent-steht im Restaurant Unruhe: draußen seien Wale. Schräg voraus werden Scharen von Seevögeln in der Luft und auf dem Wasser ausgemacht. Und dann etliche Blas von großen Walen. Schon sind auch Delfine zu erkennen, die aus dem Wasser springen. Offenbar an einer riesigen Plankton- und zugehöriger Fischansammlung weiden etliche Zig Weißschnauzendelfine, mindestens ein halbes Hundert Finnwale und ein Buckelwal. Ihre Fresszüge bringen das eiskalte Wasser förmlich zum Kochen. Und wir, dank des Geschicks des Kapitäns, mitten im Geschehen treibend! Die Bartenwale stört der Schiffskörper nicht, sie tauchen einfach drunter durch. Von Deck aus sehen wir ihre doppelten Blaslöcher, aus denen die ausgeatmete Luft zu den überall stehenden Fontänen wird. Die massig-eleganten Rücken mit den charakteristi-schen Finnen sind greifbar nahe. Nicht in Worte zu fassen, dieses grandiose Schauspiel vor der optimal ausgeleuchteten Kulisse Spitzbergens. Unvergessliches in natürlicher Perfektion.
Dass wir zwischen diesen Höhepunkten in Nebel und Packeis mit 82°08,1’ N mit nur noch 872,3 km Distanz vom Nordpol unser aller bisher nördlichsten Punkt auf dieser Erdkugel erreichten – und auch den des Schiffes; dass ein Kaltluftausbruch vom Hauptgletscher des Nordostlandes in Null-Komma-Nix einen eisigen Sturm entstehen ließ und uns in der Albertini Buch zum schnellen Ankerlichten und Abdampfen zwang; dass wir uns grandiose Einblicke in die Fauna, Flora, Geologie, Wolkenbildung und die Geschichte der Inselgruppe bei Landausflügen im wahrsten Sinne des Wortes erwanderten, gesichert und gut geführt, das sei hier abschließend vermerkt.

~ Eine ZEIT-Reisende im Frühjahr, 2015

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