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Winter ist's - im Ultental

Die Eiskristalle glitzern in unzähligen Farben, Eiszapfen hängen von den alten Bauernhöfen. Wenn’s draußen im Etschtal bereits zu grünen beginnt, ist im hintersten Ultental noch tiefster Winter. Wer wieder einmal richtig Lust auf Schnee hat, der ist hier genau richtig. Je weiter wir ins Tal kommen umso weißer und winterlicher wird es. Schon beim Ankommen in St. Walburg staunen wir nicht schlecht, welche Unterschiede zwischen dem Tal drinnen und draußen herrschen.

Die Luft ist klar und klirrend kalt. Was gibt es schöneres, als sich warm einzupacken und in die Natur raus zu gehen. So wie es früher einmal war, tiefster Winter mit Schnee und Eis. Für viele oft nur noch eine Erinnerung aus ihrer Kindheit. Im Ultental die Realität – jedes Jahr aufs Neue – stehen die Chancen gut, dass der Winter pünktlich zum Saisonstart, eine dicke Schneedecke übers Tal legt.

Alte Zeitzeugen

Mächtig recken sie ihre knorrigen Äste in den Himmel und scheinen dabei Wind und Wetter zu trotzen. Wenn wir unter ihnen stehen, dann erst spüren wir ihre Kraft, die von ihnen ausgeht. Dicke Seile stützen die mächtigen Giganten, denn das Holz ist alt und teils schon morsch.

Schon bei unserer ersten Wanderung lernen wir zwei typische Ultner Erscheinungen kennen: Die alten Bauernhöfe, mit ihren schwindelerregenden steilen Leitn (Wiesen) und die alten, knorrigen Urlärchen. Die ältesten Höfe im Tal gehen zum Teil bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die typische Bauweise dieser sogenannten Erbhöfe sind die holzgedeckten Schindeldächer, die großen, ausladenden Balkone und die schönen.

Bauerngärten, die man im Winter nur erahnen kann. Ein Hof darf sich dann Erbhof nennen, wenn er mindestens 200 Jahre durchgehend in derselben Familie ist und auch von dieser bewohnt und bewirtschaftet wird. Bei unserer Höfewanderung starten wir direkt vom Hotel und gehen taleinwärts über verschneite Wiesen und durch den Wald mit herrlichen Ausblicken auf das Tal. Vorbei geht’s an unzähligen alten, prächtigen Bauernhöfe bis ganz zurück nach St. Gertraud, wo die Urlärchen stehen. Bei einer Untersuchung der Uni Innsbruck, hat eine Biologin versucht das Alter der Bäume zu erforschen. Da meistens der Kern der Stämme verfault ist, mussten die fehlenden Jahresringe geschätzt werden. So kam sie ungefähr auf ein Alter von 850 Jahren, obwohl die Ultner es immer noch nicht ganz glauben wollen und das Alter der Bäume mit fast 2000 Jahren angeben.

Im Nationalpark Stilfserjoch
Vorbei gehts an uralten Bergbauernh+Âfen

Heute lernen wir die Biologin kennen, die das wirkliche Alter der Ultner Urlärchen erforscht hat. Die Birgit arbeitet nebenher als Wanderführerin für den Nationalpark Stilfserjoch und geht mit Gruppen raus in die Natur. Mit ihrem umfangreichen Wissen erzählt sie voller Freude und Begeisterung über den Nationalpark, über die Tiere die dort leben und den Pflanzen. Wir gehen gemeinsam auf Spurensuche, was hier im Nationalpark meistens sehr ergiebig ist. Besonders im Winter zeigen sich im Schnee unzählige Spuren von Füchsen, Hasen, Hirschen, Gämsen und Rehen. Selten kriegen wir die Tiere zu Gesicht, denn sie sind scheu und wir auf ruhigen Sohlen stören sie kaum. Auch hier im Nationalpark gibt es einige sehr viele Erbhöfe, die wie uns die Birgit erklärt, zu den ältesten im Tal gehören. Die Wiesen sind steil und schwierig zum Bewirtschaften. Hier hinten können wir ahnen, wie hart das Leben auf diesen abgeschiedenen Höfen ist.

Weiter geht’s in eines der Hochtäler oberhalb von St. Gertraud. Fast eben verläuft das Flatschbergtal bis am Ende die 3000der steil in den Himmel ragen. Der Ausblick, oder besser der Einblick in das Tal, ist atemberaubend schön. Ein Reich für sich, das im Winter in schier endloser Ruhe versinkt.

Wir aber haben bald unser Ziel, die Vordere Flatschbergalm (1905 m), erreicht, wo wir eine sehr alte und traditionelle Speise aus Südtirol, das sogenannte “Muas” kennenlernen. Dieses aus Weizenmehl und Wasser (heute meist mit Milch) gekochtes Mahl wurde auf den Höfen für die Bauersleut, für die Magd und den Knecht serviert. Man traf sich zu Mittag und hat gemeinsam aus einer großen Pfanne das “Muas” gelöffelt. Auch wir sitzen rund um den Tisch, jeder mit einem großen Löffel bewaffnet und löffeln mit zunehmender Begeisterung. Die Wirtin, die extra den Ofen für uns angeschürt hat, erzählt uns vom letzten Sommer, von den vielen Besuchern, der vielen Arbeit und natürlich wie schön es bei ihr ist. Wir verabschieden uns herzlich von der Wirtin und versprechen ihr einmal im Sommer wiederzukommen.

Italienische und Südtiroler Almen
Mit Schneeschuhen hoch hinauf

Im Grenzgebiet zwischen Südtirol und dem Trentino, hoch auf dem Hofmahdjoch, gibt’s heute eine Einführung zum Schneeschuhgehen. Das Gelände ist ideal dafür: leicht hügelig und nicht zu steil. Welch ein Spaß das macht, wenn man durch unberührten Tiefschnee stapft, ohne dabei bis über die Knie zu versinken. Die Schneeschuhe ermöglichen uns das Gehen abseits von ausgewalzten Wanderwegen. Am Anfang, wenn man diesen Riesentellern noch nicht ganz traut, sind die ersten Schritte zögerlich und tastend. Aber schon bald kriegen wir das Vertrauen, dass sie einen tragen und der weiche, wollige Schnee dämpft unsere Schritte. Vorbei an alten, teilweise auch im Winter bewirtschafteten Almen geht’s durch den Wald und über ausgedehnte Almwiesen.

Die Kulisse ist perfekt, eingerahmt von hohen Bergen – der Hochwart, der Kornigel, die Laugenspitz und mittendrin wir. Der Blick weitet sich, je höher wir steigen. Nach ein paar Stunden im Schnee wollen wir unbedingt noch eine italienischen Alm kennenlernen. Schon beim Eintreten beschlagen die Brillengläser, eine wohlige Hitze geht vom Kachelofen aus. Ein geschäftiges Treiben herrscht hier drinnen, obwohl gar nicht einmal so viel los ist. Fröhliches Stimmengewirr, eine Familie die sich lautstartk unterhält. An der Bar bestellen wir den typischen Cappuccino mit einem “Strudel di mele”. Wer es deftiger möchte, der isst hier oben das traditionell Polenta con formaggio – mit Käse überbackene Polenta. Wir lassen uns mitreißen von der Fröhlichkeit der quirligen Hütte und wollen gar nicht mehr aufbrechen. Zum Verdauen nochmals einen kleinen Grappa, denn obwohl wir uns fest vorgenommen haben, vor der Bäckereiführung nicht zu viel zu essen, haben wir doch wieder einiges Neues probieren wollen.

Auf direkten Weg lassen wir uns von unseren Busfahrer nach St. Gertraud bringen, wo die Bäckersfamilie vom Ultner Brot schon auf uns wartet. Der Hannes kann es kaum erwarten uns voller Stolz seinen Betrieb zu zeigen. Für ihn und seinem Vater Richard ist es immer wieder eine Freude ihr Lebenswerk zu präsentieren. Sind sie doch einer der größten Arbeitgeber im Ultental, wo noch altes, traditionelles Schüttelbrot “geschüttelt” wird.

3 Generationen von B+ñckern zeigen uns das Sch++ttelbrot machen

Woher kommt denn dieser Name eigentlich, haben wir uns vor der Führung gefragt. Denn wer kennt es nicht das “berühmte” Südtiroler Schüttelbrot? “Ganz einfach: der Roggenteig wird auf ein rundes Brett gelegt und so lange in die Luft geworfen, geschüttelt und mit dem Brett aufgefangen, bis ein rundes dünnes Brot entsteht”, erzählt uns der Richard und streicht liebevoll über den glatten Teig. Regelmäßig treffen sich die Bäckersleut am frühen Morgen, zum gemeinsamen Schütteln. Natürlich werden dann auch die Neuigkeiten des Dorfes erzählt und gemeinsam gelacht. Jeder von uns kriegt nun vom Hannes ein Brettl in die Hand gedrückt, der Richard klatscht mit einem verschmitzten Lächeln den Klumpen Teig darauf und schon sollen wir es ihm gleichtun. Erst wenn der Teig zum X-ten Mal vom Brett “gesprungen” ist und auf dem Boden landet, dann weiß man den Wert vom handgeschüttelten Brot erst so richtig zu schätzen.

Auch heute lacht die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel. Wir sind schon aufgeregt, was dieser Tag heute alles bringen wird. Nach einem ausgiebigen Frühstück am Buffet bringt uns unser Hausherr, der Paul, ein Stück den Berg hinauf, damit wir gleich im Schnee losstapfen können.

Auf die Alm zum Knödelmachen

Unser erstes Ziel ist St. Moritz (1635 m), mit der vermutlich ältesten Kirche im Tal. Wir haben Glück, eine alte Frau mit einem großen Schlüssel kommt des Weges und sperrt uns die Kirche auf. Modergeruch schlägt uns entgegen – aber wen wundert’s, die Kirche ist schon über 700 Jahre alt. Wir sind beeindruckt von den alten, gut erhaltenen Fresken, die die Wände schmücken. Draußen vor der Kirche, dort wo die Sonne die Kirchenbank wärmt, machen wir eine kurze spontane Pause. Die Frau mit dem großen Schlüssel kommt wieder vorbei und erzählt uns von ihrer “Kirche” und dass früher oftmals Pilger aus dem Vinschgau vorbei kamen, die auf dem Weg nach Rom hier oben Rast machten.

Weiter geht’s auf einem sehr schönen Winterwanderweg auf relativ gleicher Höhe bis zur Steinrastalm (1723 m), wo die Chefin uns das Knödelmachen lernt. Südtirol ist ja für seine “Knödelkultur” bekannt und diese Tradition wird von den Einheimischen und von den Gästen sehr geschätzt. Bevor wir uns aber an die Arbeit machen, lassen wir uns noch von dem selbstgebackenen Schwarzplentenen (Buchweizen) Kuchen verführen. In der Zwischenzeit wird die Gaststube sozusagen für unsren Kurs umgestaltet.

Überall stehen riesige Bottiche mit Knödelbrot, die nur darauf warten von uns angerichtet zu werden. “Eigentlich wurde der Knödel nur zufällig erfunden”, erzählt uns lachend die Seniorchefin. “Natürlich war das ein Tiroler”! Wie könnte es denn auch anders sein. Unzählige Knödelarten werden hier oben geformt, sämtliche Gemüsesorten werden sozusagen “verknödelt”, von den roten Rüben, bis zum Kürbis und Spinat. Natürlich dürfen die traditionellen Käsenocken und Speckknödel auch nicht fehlen. Nach dem Knödeldrehen geht’s nochmals ins Gelände, denn oben im Hochtal der Steinrastalm kehrt schön langsam Ruhe ein.

Abendrot bei der Steinrastalm

Wenn der Tag zu Ende geht, der Himmel sich rosa färbt, packen wir nochmals unsere Schneeschuhe und gehen ein bisschen an die frische Luft. Es ist erstaunlich, wie ruhig es hier oben ist, weit weg vom Straßenlärm hören wir nur unseren gleichmäßigen Atem und das Knirschen des Schnees. Mit etwas Glück leuchtet uns der Mond den Weg, die Sterne beginnen zu funkeln. Nach der Tour, wenn’s draußen so richtig kalt wird, kehren wir zur wohlig warmen Hütte zurück, wo wir uns am Kachelofen wärmen und den heißen Hauspunsch kosten. In der Zwischenzeit werden unsere Knödel ins Wasser geworfen und der Tisch schön gedeckt. Jetzt wo Ruhe auf der Alm eingekehrt ist, hat auch die Juniorchefin Zeit sich zu uns zu gesellen. Wir sind stolz auf unsere Knödel und nehmen uns fest vor, dieses Rezept auch zuhause einmal auszuprobieren. Nach dem vorzüglichen Abendessen lassen wir unsere Runde noch gemütlich auf der Alm ausklingen – das Taxi mit dem Paul bringt uns dann sicher wieder ins Tal.

Die Riemerbergl Alm

Der “Martl”, einer von den “Alten”, steht schon am frühen Morgen an der Bar und rührt in seinem Espresso. Er plaudert mit dem Wirt und tauscht den neuesten Dorfklatsch aus. Mit einem fröhlichen “Guatn Moargn, seids olle fit?” lässt er gleich mal einen Schwall im tiefsten Südtirolerisch auf uns niederprasseln. Der Höflichkeit halber fragt er uns: “Verstets mi eh olle, odr muaß i Hochdeitsch redn?” Ein lautes, glockenhelles Gelächter, schallt durch die Hotelhalle, denn der Martl genießt es immer, in die ratlosen Gesichter seiner Gäste zu blicken. Natürlich lassen wir ihn im Glauben, dass wir eh sowieso alles verstehen, denn immerhin sind wir schon eine Weile im Tale und haben uns schon etwas an den Dialekt gewöhnt. Ein Urgestein sozusagen zeigt uns heute ein bisschen mehr von seinem Ulten.

Auch heute lassen wir uns wieder ein Stück nach oben bringen, denn dort wo der Schnee noch unberührter ist, dort wollen wir hin. Schon beim Raufgehen erzählt uns der Martl so allerlei Wissenswertes über die Ultner und deren Besonderheiten. Er spricht von der Entwicklung der Dörfer wo sie jetzt stehen und wo sie gemeinsam hinwollen. Auch erfahren wir wo bei den Ultnern immer noch der Schuh etwas drückt. Denn das Südtiroler Tal wurde schon früh von den Italienern für die Stromerzeugung zwangsenteignet. Ohne Ausgleichzahlungen und ohne vorher zu fragen, wurden unzählige Grundstücke einfach “versetzt”. Guter, nährstoffreicher Ackerboden musste dem Speicherbecken vom Zoggler Stausee weichen. Dass die Bewohner auch heute noch nicht so gut auf Italien zu sprechen sind, das spürt man im Tale immer noch, besonders bei denen, die den Bau und die Vorgehensweise der Italiener am eigenen Leibe erfahren haben.

Das Riemerbergl_hier steht die +ñlteste Alm vom Tal

Hoch hinaus

Der Gipfel der “Drei Mandler”, auf 2411 m ist heute unser Ziel. Bequem lassen wir uns mit der Gondelbahn der Schwemmalm auf Luftige Höhen bringen. Bereits von der Bergstation tut sich eine Kulisse auf, atemberaubend. Wir schnallen unsere Schneeschuhe an, queren noch die Piste und steigen dann durch tiefen Schnee bis zum breiten, steinigen Grat auf. Schon nach ein paar Aufstiegsmetern merken wir, dass wir hoch oben sind, die Luft ist dünner.

Immer wieder staunen wir, wie der Wind hier oben pfeift und den Schnee zu Skulpturen verformt hat. Durch die Kraft des Windes hat sich hier ein Lebensraum geformt, der den Tieren im Winter die Möglichkeit zum Überleben gibt. Die sogenannten Windkanten sind früher schneefrei und die köstlichen Flechten und Kräuter werden freigelegt. Hier finden wir auch die Rentierflechten und das bekannte Isländische Moos. Die Spuren sind klar zu sehen – riesige Tatzen vom Schneehasen und die Abdrücke der paarigen Hufe der Gämsen.

Das Wetterkreuz oberhalb der Inneren Schwemmalm soll die Blitze abhalten

Direkt unterm Grat, an einem abgeschiedenen Nordhang, sehen wir weitere Spuren und ein Stück weiter unten sehen wir sie das erste Mal: Gämsen. Friedlich steht dort ein Rudel von 4 – 5 Tieren die versuchen köstliche Kräuter unter der Schneedecke mit den Hufen freizuschaufeln. Wir sind ganz still und schauen ihnen voller Freude zu. Sie sind scheu und suchen sich unter Tags gerne Plätze, wo sie ungestört äsen können. Wahrscheinlich haben sie uns nicht bemerkt. Erst bei Dämmerung, wenn auf der Schwemmalm Ruhe einkehrt, dann kommen sie vermehrt aus ihren sicheren Verstecken und suchen die Futterstellen auf.

Am kleinen Vorgipfel des Muteggs angekommen, lassen wir unseren Blick schweifen. Wir fragen uns, wie der Gipfel wohl zu seinem Namen kam? Aber auch die anderen Gipfel, wie das Hasenörl und der Hohe Dieb tragen seltsam klingende Namen. Am Gipfel selber gibt es einen riesengroßen Reisighaufen, der wahrscheinlich zu Herz Jesu im Juni angezündet wird. Hier gedenkt der Tiroler an den Heiligen Schwur, wo sie das Herz Jesu um den göttlichen Schutz in Kriegszeiten erbeten haben. Direkt vom Gipfel stapfen wir querfeldein zu einem riesengroßen Wetterkreuz, das sich mächtig gegen den Himmel reckt. Direkt unterhalb, sehen wir schon bald die Fahne der Inneren Schwemmalm (2093 m), wo wir unseren letzten Wandertag auf einer herzlich geführten Alm ausklingen lassen. Bis wir aber in die warme Stube kommen, heißt es noch einen tief verschneiten Hang zu durchstapfen, was uns jetzt als Schneeschuhprofi nur noch Freude bereitet.

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