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Der Zauber der Schweizer Bergwelt

Superlative machen neugierig und wecken hohe Erwartungen. „Die schönste Bahnreise der Welt“ verspricht der Schweizer Glacier-Express. Der Bernina-Express wirbt mit „einer der spektakulärsten Alpenüberquerungen“. Die Gornergratbahn in Zermatt, im 19. Jahrhundert die erste voll elektrifizierte Zahnradbahn der Welt und heute die zweithöchste Bergbahn Europas, führt hinauf in eines der großartigsten Bergpanoramen der Welt – mit Blick auf 29 Viertausender, unter anderem das Matterhorn. All diese Erlebnisse der Spitzenklasse und noch viel mehr will die sechstägige ZEIT-Reise „Eisenbahnromantik pur“ bieten. Ich buche diese Reise mit Beginn am 1. Oktober 2015, wohlwissend, dass atemberaubende Ausblicke auf die Natur einen mächtigen Verbündeten brauchen: das Wetter!

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Donnerstagmorgen, 9 Uhr, Flughafen Zürich: Reiseleiter Urs von der Crone erwartet seine Gruppe, die aus allen Teilen Deutschlands einfliegt. Zügig geht es los im komfortablen Reisebus, souverän gelenkt vom stets hilfsbereiten Busfahrer Fritz. In Montreux am Genfer See scheint die Sonne aus einem fast wolkenlosen Himmel, während der Mittagspause am Seeufer keimt Hoffnung auf für das Wetter der nächsten Tage. Noch in der Nachmittagssonne erreichen wir das autofreie Zermatt. Der klare Blick auf das unverhüllte Matterhorn entschädigt allemal für das frühe Aufstehen am Anreisetag und die lange Busfahrt. Jeder von uns weiß es zu schätzen, dass die Koffer mit dem (Elektro-)Taxi ins Hotel transportiert werden, weil der Bus an der Bahnstation Tisch zurückbleiben muss. Das Viersterne-Hotel Christiana bietet erstklassigen Service, einen Luxus-Wellness-Bereich und gute Schweizer Küche.

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Freitagmorgen – das Wetter ist besser als angekündigt, zumindest trocken. Mit der Gornergrat-Zahnradbahn geht es hinauf auf mehr als 3000 m Höhe, auf den Gornergrat. Unser Reiseleiter erklärt uns die einzelnen Gletscher, die wie Riesenzungen die bereits leicht eingeschneiten Berghänge bedecken. Der Matterhorngipfel ist von Wolken umweht, die die charakteristische Spitze mal zu einem Viertel, mal zur Hälfte, mal zu einem Dreiviertel verdecken. Auch die vielen angekündigten anderen Viertausender verstecken sich mehr oder weniger. Das großartige Panorama lässt sich erahnen. Noch hundert Meter höher, die sich über eine Treppe erklimmen lassen, gibt es eine 360-Grad-Aussichtsplattform. Wir sind bescheiden: Wenigstens bläst kein eiskalter Wind pfeift und die Fernsicht ist zumindest teilweise möglich. Schließlich haben wir Herbst. Und schönes Wetter lässt sich eben nicht mitbuchen.
Auf der Rückfahrt vom Gornergrat bietet Reiseleiter Urs von der Station Findelbach aus eine kleine Wanderung an. Doch erstmal haben wir uns eine Einkehr verdient. Das Bergrestaurant „Hofü“ serviert große Pfannen mit Rösti, Steinpilzgerichte, Zwetschgenkuchen – gekrönt von einem milden Williamsgeist – da lässt selbst der einsetzende Regen die Stimmung nicht sinken.

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Samstagmorgen – wieder ein kleiner Lichtblick. Kein Regen mehr. Im Bahnhof Zermatt wartet der berühmte Glacier-Express mit seinen modernen Panoramawagen. Unsere reservierten Plätze sind schnell gefunden und schon geht es los mit der „schönsten Bahnreise der Welt“. Ab Visp wird die Bahnstrecke begleitet vom jungen Rhonefluss, der im Rhonegletscher im Kanton Wallis entspringt und zunächst von Nordost in Richtung Südwest fließt. Der nächste Ort im Rhonetal ist Brig, Ausgangspunkt ins Gebiet des großen Aletschgletschers, der zum UNESCO-Welterbe gehört. Die Gletscher gaben dem Zug auch seinen Namen: „Glacier“. Durch den mehr als 15 km langen Furkatunnel, dem höchsten Tunnel der Alpen, gelangt die Bahn schließlich auf eine der schönsten Teilstrecken in Richtung Andermatt. Jetzt wird im Zug das Mittagessen serviert – dazu ein Glas „Johannisberg“, ein Schweizer Weißwein. So gut versorgt lässt sich die Fahrt genießen, auch wenn der Zug inzwischen bis auf den letzten Platz besetzt ist, größtenteils von asiatischen Reisegruppen, und der Geräuschpegel nicht gerade niedrig ist. Wir passieren den Oberalppass, den höchsten Punkt unserer Reise. In Dissentis, berühmt durch sein Benediktiner Kloster, das auch von der Bahnstrecke aus zu sehen ist, dürfen wir aussteigen und uns die Beine vertreten. Der Grund: Die Lok wird ausgewechselt. Weiter geht’s danach durch die Rheinschlucht, extrem eindrucksvoll schlängelt sich das türkisfarbene Wasser unter den hellgrauen, steilen Felswänden hindurch. Bei Reichenau fließen Oberrhein und Unterrhein zusammen – der richtige Zeitpunkt für einen Schnaps, vom Servicepersonal in hohem Schwung und sehr treffsicher ausgeschenkt. In Chur ein nochmaliger Lokwechsel, bei blauem Himmel und Sonnenschein. Es naht ein weiterer Höhepunkt der Bahnstecke: das Landwasserviadukt. Diese aus dunklem Kalkstein erbaute Eisenbahnbrücke ist 65 m hoch und 136 m lang. Sie gilt als Wahrzeichen der Rhätischen Bahn und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Obwohl es schwer ist, durch die Glasscheiben des Panoramawagens spiegelfrei zu fotografieren, steht jeder mit seiner Kamera bereit und versucht ein spektakuläres Bild zu schießen. Danach folgt wieder ein berühmter Streckenabschnitt, ebenfalls auf der UNESCO-Liste: die Albulalinie. Zwischen Bergün und Preda passiert der Zug sechs hohe Viadukte, drei Spiral- und zwei Kehrtunnels, um gut 400 Meter Höhendifferenz zu überwinden. Durch den Albulatunnel, dem zweithöchsten Alpendurchstich nach dem Furkatunnel, gelangen wir schließlich vom Kanton Graubünden ins Engadin-Hochtal.
Immer wieder aufs Neue werden wir überwältigt von abwechslungsreichen Ausblicken auf atemberaubende Schluchten, steile und sanfte Berge, in der Herbstsonne leuchtende bunte Wälder, sattgrüne Weiden mit glockenbehängten Kühen, Ziegen und Schafen sowie hübsche Dörfer und Ortschaften. Am späten Nachmittag, nach ca. 8 Stunden Fahrt, erreicht der Zug seine Endstation im mondänen St. Moritz. Hier bläst uns ein eiskalter Ostwind entgegen. Wie gut, dass Busfahrer Fritz am Bahnhof mit Bus und Koffern auf uns wartet und uns zu unserem Hotel bringt. Das Drei-Sterne-Hotel Soldanella ist eine echte Überraschung und ich bedaure, dort nur eine Nacht zu verbringen. Das Abendessen im Speisesaal mit eindrucksvoller Fernsicht durch riesige Fenster ist ebenso schmackhaft wie das Frühstück am nächsten Morgen. Zwischendurch hat man Zeit, die gemütliche Bar zu genießen oder die Hotelräumlichkeiten zu besichtigen, die liebevoll mit Antiquitäten ausgestattet sind und einem Museum gleichen. Ich bleibe an einem Bildband über Giovanni Segantini und seinen Gemälden hängen. Das Buch tröstet mich darüber hinweg, dass keine Zeit bleibt für den Besuch des Segantini-Museums in St. Moritz.

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Sonntagmorgen in St. Moritz. Es regnet, schüttet, gießt. Mit dem Bus fahren wir nach Pontresina und checken in den Bernina-Express ein. Die modernen Panoramawagen geben den Blick frei auf – Wolken und Regen. Wenigstens hat unsere Gruppe einen ganzen Wagen für sich, wir müssen nicht teilen und können von Platz zu Platz wandern. Immer in der Hoffnung auf klare Sicht. Die bleibt uns heute verwehrt. So sehen wir weder Gletscher noch Berge. An der höchst gelegenen Station der Rhätischen Bahn, 2091 m über dem Meeresspiegel, hält der Zug 15 Minuten. Wir sehen: Wolken und grau. Später und einige hundert Meter tiefer lässt sich allerdings der 2,5 km lange Lago di Poschiavo sowie das imposante Kreisviadukt bei Brusio bestaunen. Bei strömendem Regen kommen wir im italienischen Tirano an. Ein Mittagessen wärmt uns von innen. Der Bus steht bereit und fährt uns auf schnurgerader Straße zum Lago di Como. In Lecco, dem Hauptort, am Ostufer des Sees gelegen, scheint endlich wieder die Sonne. Während einer kurzen Pause spazieren wir auf der Seepromenade, Zeit für einen Kaffee oder ein Eis.
Wir haben noch weitere Stunden Busfahrt vor uns, bis wir am frühen Abend in Baveno am Lago Maggiore eintreffen. Das Grand Hotel „Dino“ besticht durch seine fantastische Lage direkt am See. Mein Zimmer hat einen kleinen Balkon und Seeblick – Genuss pur! Das Abendessen im großen Speisesaal erfreut mit einer Auswahl zwischen Fleisch und Fisch – nach den stark fleischlastigen Mahlzeiten an den Tagen zuvor bietet der Fisch eine willkommene Abwechslung für den Gaumen.

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Montagmorgen in Baveno: Mit einem Privatboot setzen wir über auf die Isola Madre, die größte der Borromäischen Inseln im Lago Maggiore. Die Inseln haben ihren Namen von der Familie Borromeo, die die Inseln seit Jahrhunderten besitzen. Erfreulich: Es ist warm und die Sonne scheint! Der See glitzert. Der Park auf der Insel ist im englischen Stil angelegt und erfreut mit seiner Blütenpracht, uralten Baumbestand, exotischen Pflanzen, stolzen Pfauen und Goldfasanen, Eidechsen auf Steinmauern und Fröschen im Seerosenteich. Der unbewohnte Palast ist mit kostbaren Möbeln und Dekorationen ausgestattet, man kann durch ihn hindurchlaufen. Eine riesige Kaschmir-Zypresse vor dem Palast, durch Stahlseile stabilisiert, beeindruckt durch ihre Geschichte: Von einem Sturm entwurzelt und umgeworfen wurde sie mit einem Hubschrauber wieder aufgerichtet, fixiert und neu eingepflanzt. Das Experiment ist gelungen!
Auf der Isola dei Pescatori befindet sich ein Fischerdorf, es gibt Geschäfte und Restaurants. Wir essen im Garten (Sonne!) eine köstliche Pasta als Vorspeise, danach delikaten Fisch und ein feines Apfel-Blätterteig-Dessert. Mit dem Schiff fahren wir vorbei an der Isola Bella mit ihrem Sommerpalast und einem ungewöhnlichen Garten, der auf einem pyramidenartigen System von zehn Terrassen errichtet wurde und heute eine Touristenattraktion ist.
Unser heutiger Ausflug mit Reiseleiter Urs endet am Nachmittag in Stresa, dem Nachbarort von Baveno. Stresa ist bekannt für seine Grand Hotels mit Blick zum See. Wer in Baveno nächtigt, darf auch nicht versäumen, das Ensemble aus Kirche, Baptisterium und Säulenhalle zu bewundern. Am ältesten ist das Baptisterium, das aus dem 11. Jahrhundert stammt.

Dienstagmorgen, Abfahrt aus Baveno. Am Lago Maggiore entlang fährt der Bus ins schweizerische Ascona, wo wir Zeit haben für einen Stadtrundgang und einen Kaffee. Die Fahrt geht weiter nach Luzern am Vierwaldstätter. Wieder schüttet es wie aus Kübeln, die Mittagspause fällt wegen einer zeitlichen Verzögerung sehr kurz aus. Während der Busfahrt ist Zeit für ein Resümee: Wir haben die schweizerische Bergwelt durchquert und die oberitalienischen Seen genossen. Als Verkehrsmittel dienten für die Anreise das Flugzeug, dann kamen der Reisebus, an drei Tagen hintereinander verschiedene Bahnen und am Schluss noch das Schiff. „Eisenbahnromantik pur“ – ja, wenn man sich von voll ausgebuchten Zügen nicht abschrecken lässt und das Wetter so nimmt, wie es eben kommt. Die „schönste Bahnreise der Welt“? Bei meiner Recherche im Internet habe ich noch andere tolle Bahnstrecken entdeckt – persönlich kenne ich sie (noch) nicht. Die Schweizer Bergwelt und ihre abwechslungsreichen Landschaften vom komfortablen Panoramawagen der Bahn mit einem Getränk, einem Glas Wein, in netter Gesellschaft zu erleben – das ist ein erfüllendes und bereicherndes Erlebnis. „Das Leben ist schön“ – das möchte man jeden Moment immer wieder aufs Neue rufen. Ich musste mich hin und wieder kneifen. So viele bewegende Eindrücke – und nichts davon habe ich geträumt.

Wenn man bedenkt, dass die Schweiz eines der teuersten Reiseländer überhaupt ist, bietet die ZEIT-Reise ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis. Reiseleiter Urs von der Crone und sein eindrucksvolles Wissen haben jeden Tag aufs Neue überzeugt – ebenso die hervorragende Reiseorganisation, das durchdachte Programm, die kulinarischen Genüsse. Technikbegeisterte kommen auch auf ihre Kosten, denn selbstverständlich gibt es immer wieder kompetente Informationen über die hinter den Bergbahnen, Zügen, Brücken und Tunnels stehende Ingenieursleistung. Nur das Wetter, das ist eben noch nicht buchbar. Und so wird jede Reise wieder aufs Neue individuell, einzigartig und besonders.

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