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Streifzüge durch die Türkei - Wandern an der Schwarzmeerküste

Am letzten Abend endlich erzählt uns Ramazan Meydan die Sache mit den Bären. Wir sitzen auf der roh betonierten Terrasse vor seinem Haus, in einem Dorf hoch über dem Schwarzen Meer. Wir trinken Tee aus kleinen Gläsern, und die Sonne geht gerade unter. Da bindet uns Ramazan, wie wir zuerst vermuten, diesen Bären auf. Oder etwa doch nicht?
Die Geschichte jedenfalls geht so: Vor einiger Zeit stieg Ramazan, der ein großer Imker vor Allah, dem Allmächtigen, ist, hinauf in die Berge, um nach seinen Bienenstöcken zu sehen. Die hatte er in die Äste einer Hainbuche gehängt und deren Stamm, wie es die Imker hier im ostpontischen Gebirge tun, mit glattem, dünnen Blech ummantelt. Und trotzdem lagen jetzt zwei Bienenstöcke zerschmettert auf dem Waldboden, geplündert offenbar von Braunbären.

Wie, um alles in der Welt, waren die Viecher auf den Baum gekommen? Oder waren hier andere Vandalen am Werk gewesen? Böswillige Nachbarn gar? Ramazan hängte neue Bienenstöcke in den Baum und legte sich mit seiner Flinte auf die Lauer. Eine Nacht, zwei Nächte …
In der Morgendämmerung der vierten Nacht schließlich geschah das, was Ramazan, ein nüchterner Mann von 49 Jahren, bis heute selbst kaum glauben kann: Aus dem Unterholz trotten zwei Bären, einer steigt auf die Schultern des anderen, erreicht so die Bienenstöcke, holt genau zwei davon vom Baum, für jeden von ihnen einen, und genüsslich machen sich die beiden über den Honig her. Und Ramazan? Und sein Gewehr? „Die Bären waren wie Menschen“, sagt der Imker. „Die kann man doch nicht einfach erschießen!“ Dann gießt er uns frischen Tee ein.

Reisebericht_Schwarzmeer2014

Schwarzer Tee, Schusswaffen, Honig, Bären, Berge, Wälder, das Meer. Das sind die Motive, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, wenn man durch den Osten der türkischen Schwarzmeer-Region reist, den Landstrich zwischen Trabzon und der georgischen Grenze.
Wobei die Sache mit dem Meer schnell verhandelt ist: Ein Reisender wie der Tiroler (!) Orientalist und Privatgelehrte Jakob Philipp Fallmerayer konnte im Jahr 1840 noch übers Schwarze Meer ins „Land Trapezunt“ reisen, per Linien-Dampfer von Konstantinopel her, in zweieinhalb Tagen und drei Nächten. Heute dagegen steigt man am Atatürk-Flughafen von Istanbul in den Airbus der Turkish Airlines, und knapp zwei Stunden später setzt der auf der Landebahn von Trabzon auf, die der Länge nach gerade mal so Platz findet zwischen der Küstenautobahn und dem Wasser. Eine Fährverbindung gibt es längst nicht mehr, die Küstenlandschaft mit ihren Stränden und Buchten musste den wuchernden Städten und der – zugegebenermaßen – sehr komfortablen Schnellstraße weichen. Und aus dem Meer holt man höchstens noch Sardellen, die man hier winters gern isst, leicht in Maismehl gewendet und in reichlich Butter gebraten.

Reisebericht_Schwarzmeer2014

Auf den Speisekarten der ostpontischen Restaurants aber ist ein anderer Fisch viel präsenter: die Forelle. Sie kommt aus den Bächen, die vom Gebirge herunterrauschen – und natürlich auch aus den Fischfarmen, die wir in den Tälern allenthalben sehen. Dieses Gebirge, diese Täler, diese Bäche, diese Wasserfälle und Wälder aber sind es in Wahrheit, die noch die weiteste Reise bis in den äußersten Nordosten der Türkei lohnen.
„Bergkuppen solcher Formen begegnen uns in Europa nicht“, schreibt Fallmerayer in seinem Reisebericht „Fragmente aus dem Orient“.
Fast 4000 Meter hoch sind die Gipfel des ostpontischen Gebirges, und der höchste von ihnen, der Kaçkar, erhebt sich nur vierzig Kilometer von der Küste entfernt. Weshalb das Lexikon von „einer der steilsten Gebirgslandschaften der Erde“ sprechen kann und der Wanderer auch durchaus mal außer Atem kommen. Etwa auf dem Weg zum Felsenkloster Sumela im Altındere-Nationalpark südlich von Trabzon.

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Reisebericht_Schwarzmeer2014

Entwaffnung an der Klosterpforte

Fast senkrecht führt ein gewundener Pfad die 250 Höhenmeter vom Talboden hinauf zu einem schmalen Felsplateau, von dort sind es noch einmal 67 Stufen bis zur Klosterpforte. Und fast noch atemberaubender als dieser Aufstieg ist dann der Blick auf die Fresken in der Höhlenkirche der heiligen Maria vom schwarzen Berg: Szenen aus dem Alten Testament, Szenen aus dem Leben Marias, vom Leben, Leiden und der Auferstehung Jesu, über allem ein Christus Pantokrator, umgeben von geflügelten Wesen, in deren erwachsenen Männergesichtern sich offenbar die Mönche des 18. Jahrhunderts selbst verewigt haben. Ihre Nachfolger verließen das Kloster, wie es heißt, im Jahr 1923 nach einem verheerenden Brand. Erst in jüngster Zeit wurde der Bau wieder soweit instand gesetzt, dass er heute als Museum besucht werden kann.

Heute also reicht es, ein Eintrittsgeld von acht türkischen Lira zu entrichten, um Innenhof, Klosterküche, Novizenhaus, Refektorium und Fresken besichtigen zu können. Vor 173 Jahren benötigte Jakob Philipp Fallmerayer  noch „ein besonders warmes Empfehlungsschreiben“ eines hohen Beamten in Trapezunt „an die für tückisch geltenden Mönche“, und als er nach tagelangem Ritt vor der Klosterpforte am Ende der Treppe stand, öffnete sich diese „kaum eine Spanne breit und der Thürhüter rief halblaut und schüchtern heraus, wir möchten ihm zuerst die Waffen übergeben.“
Waffen also. Nicht nur der Klosterpförtner im 19. Jahrhundert hatte da seine Befürchtungen. Nein, auch heute noch erzählt man sich in der ganzen Türkei die tollsten Geschichten davon, was für ein Faible für Schießeisen aller Art die Menschen zwischen Küste und Kaç-kar-Massiv auszeichnet.

Oma hatte immer zwei Pistolen bei sich

„Meine Oma hatte immer zwei Pistolen bei sich“, erzählt Attila, der längst in Istanbul lebt und nur manchmal zu Besuch in sein heimatliches Dorf bei Çayeli kommt. Und es klingt nicht so, als hätte die gute Frau die Faustfeuerwaffen nicht auch hin und wieder benutzt. Eine andere Story ist die von dem alten Büchsenmacher, der herausfand, warum ein bestimmtes Browning-Modell nach einer bestimmten Zahl von Schüssen gern klemmt und erst abkühlen muss. Zuletzt sollen sogar die Hersteller der Originalwaffe in seiner Werkstatt aufgetaucht sein, um sich das erklären zu lassen. Und als nach dem Militärputsch von 1980 alle Waffen eingesammelt werden sollten, da gab auch tatsächlich fast jede Familie im Ostpontischen eine Knarre ab: ihre jeweils schlechteste. Man weiß ja nie!

Allein im Fırtına-Tal am Fuß des Kaçkar gibt es neben 136 Vogel- und 21 Reptilienarten dreißigerlei Säugetiere: Braunbären ohnehin, aber auch Wölfe, Schakale, Wildschweine, Hyänen. Möchte man denen irgendwann unbewaffnet gegenüberstehen?
Burgen wie Zil Kale, die „Glockenburg“ aus dem 14. Jahrhundert, die sich hoch über dem Fırtına-Tal erhebt, belegen zudem, wie gefährlich man in dieser Gegend einst lebte und reiste – nicht nur wegen der wilden Tiere.
Über die Pässe des Pontus-Gebirges und durch diese Schluchten und Täler zogen sich nämlich die Saumpfade der Seidenstraße von Mesopotamien nach Europa. Und spätestens bei Einbruch der Dunkelheit waren die Reisenden samt ihren Tragetieren und ihren kostbaren Waren nur noch hinter den zinnenbewehrten, dicken Mauern solcher Burgen sicher.

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Wir lassen Zil Kale hinter uns und fahren weiter hinein ins Fırtına-Tal. Die Kopfsteinpflasterstraße wird schmaler und schmaler, zwei-, dreimal müssen wir anhalten, um Steine und Feldbrocken aus dem Weg zu räumen, die der letzte Regen von den Hängen über uns gelöst hat. Die Straße wird steiler und steiler, und schließlich geht gar nichts mehr. So wandern wir zu Fuß weiter, um den Palovit-Wasserfall zu erreichen. Unterwegs sehen wir weder Bär, noch Wolf, noch Hyäne, aber wir erleben den ganzen Reichtum der Botanik: 537 verschiedene Pflanzenarten haben Wisssenschaftler allein im Unterholz dieser Wälder ausgemacht, dazu 116 endemische Pflanzen. Arten also, die es nur hier gibt.
Aber was ist solche Statistik gegen das Bild, das sich uns bietet? Hier, im ostpontischen Gebirge hätte der Maler Caspar David Friedrich in natura gefunden, was er sich in seinen romantisch überzeichneten Bildern nur erträumen konnte. Und hier erleben wir sie noch heute, die über und über bemoosten Felsen, aus denen steil aufragend kurznadelige Fichten wachsen. Von Moosen und Farnen und Flechten überzogen nicht nur Steine und Felsen, sondern auch die Stämme von Bäumen und Büschen, was ihnen sogar im Sonnenlicht etwas feenhaft Verwunschenes gibt.
Außer den Fichten noch schwarze Tannen, Kastanien, Birken, Ulmen. Und „der Buchs, bei uns ein verzwergter Zierbusch, schmückt als immergrüner Baum den Wald“. (Okay, das war jetzt Jakob Philipp Fallme-rayer …) Gewaltige Granitblöcke, die irgendwann mitten in den Bachlauf gedonnert sind und seither und in den nächsten paar tausend Jahren vom Wasser glattgeschliffen werden zu braunglänzenden Riesenmurmeln.

Ein Märchenwald wie aus Kindertagen

Soweit also alles bekannt. Oder erahnt. Ein Märchenwald wie aus Kindertagen, nur noch üppiger, noch geheimnisvoller, noch dunkler trotz der Sonnenstrahlen, die durch die Zweige brechen.
Doch: Irgend etwas ist anders. Irgendetwas passt nicht in den Mischwald, wie ich ihn kenne. Na klar! Es sind die Rhododendronbüsche, die Oleander und Azaleen zwischen den Fichten und den Birken. Sie tragen jetzt schon dicke Knospen über ihren glänzenden Blättern. Ich möchte im Mai oder im Juni wiederkommen, wenn sie blühen in allen Schattierungen von weiß bis purpur, „mit einer in Europa nicht geahnten Blüthenfülle“, von der der Reisende schon 1840 geschwärmt hat. „Ormangülü“ heißt der Rhododendron auf türkisch, „Waldrose“.

Und dann schwingt sich plötzlich ein Stahlseil aus dem Dickicht, vom Grund der  Schlucht kühn hinauf bis an ihre Kante. Dort steht wohl, nicht zu sehen von hier unten, ein Einödhof, und an diesem Seil zieht der Bauer und Imker seine honigschweren Bienenstöcke aus der Schlucht. Denn der pontische Rhododendrenhonig ist seit Xenophon berühmt und berüchtigt, wohlschmeckend und blutdrucksenkend in kleinsten Mengen, giftig und fatal jedoch für den, der zuviel von ihm nascht.

Materialseilbahnen aber scheinen – neben den Schusswaffen – das andere große Technikhobby der ostpontischen Gebirgsbe-wohner zu sein. Aus dem Wald hinauf zum Bienenhaus, vom Haselnusshain herunter zur Straße,  über einen Bach, ein ganzes Tal hinweg – überall und immer wieder sehen wir diese einfachen Seilkonstruktionen. Und auch, als wir schon bei Dunkelheit unser Hotel auf der Ayder-Alm erreichen, empfängt uns unser Wirt nicht an der Rezeption, sondern unten an der Dorfstraße, an der Materialseilbahn. Mit ihr befördert er unser Gepäck ins Haus, wir selbst stapfen im Mondschein auf einem schmalen Pfad über die Almwiese ins Quartier.
Alm? Almwiese? Korrekt! Nichts anderes als „Alm, Alpe, Bergweide“ bedeutet das türkische Wort „Yayla“, und auf der 1200 Meter hoch gelegenen Ayder-Yayla (und vielen anderen in diesem Gebirge) verbrachten und verbringen die ostpontischen Bauern mit ihren Rindviechern die Sommermonate. Hier geben die Kühe eine besonders aromatische Milch, aus ihr entstehen die Butter und der Käse, die in der ostpontischen Küche eine so gewaltige Rolle spielen.

Käsefondue und Maisbrot zum Frühstück

Sogar zum Frühstück essen die Schwarzmeertürken schon „Kuymak“: ihre Art eines Käsefondues mit viel, viel Butter und ein bisschen Maismehl. Dazu Weizen- und Maisbrot in rauhen Mengen, denn das Brot hier schmeckt besonders gut, und die Bäcker aus Trabzon und Rize sind in der ganzen Türkei berühmt.
Wie der Tee aus Rize. Hier, an der Schwarzmeerküste nämlich, hat man, nachdem die Türken beim Zerfall des osmanischen Reichs ihre Kaffeeanbaugebiete im Jemen verloren hatten, mit dem Teeanbau begonnen und den Schwarztee innerhalb weniger Jahre zum neuen, zum wahren Türkentrank gemacht.

Reisebericht_Schwarzmeer2014

Auch Ramazan Meydan, der Imker, baut auf seinem Hof hoch über dem Schwarzen Meer neben Haselnüssen und Kiwis auch Tee an. Dreimal im Jahr pflückt Fatma, seine Frau, die feinen Blatttriebe ab, und Ramazan bringt wieder ein paar Kilo in die Teefabrik. Wie runde, grüne Kissen stehen die Teesträucher zwischen der Terrasse und dem Bienenhaus. Inzwischen ist es fast ganz dunkel.

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Wir trinken noch ein Gläschen Tee, knacken Haselnüsse, Ramazan erzählt von den Bären und den Bienen und dem Honig. Da ruft der Muezzin von der Moschee weiter unten am Hang zum letzten Gebet des Tages, und in seinen Gesang mischt sich ein unheimliches Heulen. Schakale! Wenigstens gehört haben wir sie, wenn sie schon nicht gesehen haben.
Und keinen Bären.

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