Zurück nach Morgen – Skiabfahrt vom Everest

von Hans Kammerlander

Am 24. Mai 1996 um 9.40 Uhr steht der Südtiroler Extrembergsteiger und -skifahrer Hans Kammerlander nach einem Alleingang in Rekordtempo auf dem höchsten Berg der Welt. Auf den Mount Everest hatten es vor ihm bereits viele andere Bergsteiger gschafft. Aber seit vielen Jahren treiben ihn zwei große Leidenschaften: Das Bergsteigen und das Skifahren – beides in möglichst extremen Geländen. Jetzt hat er die Möglichkeit, sich einen Traum zu erfüllen. Was nun geschieht, hat vor ihm noch kein anderer Mensch versucht:

»...Nach gut einer halben Stunde auf dem Gipfel musste ich mich entscheiden. Sollte ich diesen Traumerfolg auf dem sichersten Weg, also zu Fuß, hinunter ins Tal bringen? Immerhin hatte ich fünf Stunden weniger bis zum Gipfel gebraucht als je ein Mensch zuvor. Oder sollte ich dem Ganzen noch den letzten Tupfer aufsetzen und vom Gipfel aus mit Ski diesen gewaltigen Berg hinunterfahren? Das hätte meinem Plan entsprochen, und mit diesem Gedanken war ich schließlich vor über zweieinhalb Monaten in Südtirol gestartet. Die Ski waren für mich fast das geworden, was für andere ein Talisman in der Hosentasche ist. Stundenlang hatte ich sie hinter mir her bis auf den Gipfel gezogen. Ohne die Bretter, glaubte ich, würde ich mir irgendwie ärmer vorgekommen. Sie vermittelten mir jedoch vor allem das Gefühl von Schnelligkeit. Nach dem blitzschnellen Aufstieg könnte ich, mit den Ski unter den Füßen, auch rasch wieder unten sein. Ich wusste nicht, wie viel Zeit ich so sparen könnte, aber in jedem Fall würde ich nicht so lange unterwegs sein wie ohne.

Mein Blick schweifte hinunter. Was von unten betrachtet so felsig und für eine Ski-Abfahrt eigentlich ungeeignet ausgesehen hatte, zeigte von oben ein ganz anderes Gesicht. Ich sah nun schneebedeckte Bänder und Flanken, die vom Basislager nicht auszumachen gewesen waren. Ich suchte eine Linie nach unten, versuchte Teilstücke miteinander zu verbinden, und begann im Geist eine durchgehende Perlenschnur zu knüpfen. Dann öffnete ich den kleinen Karabiner an meinem Gurt, nahm die Ski ab, legte sie vorsichtig auf den Boden, stieg in die Bindung und wollte sie schließen. Der Schreck fuhr mir in die Glieder, denn ich musste feststellen, dass die Bretter vor der Auslieferung frisch gewachst worden waren. Wunderbares Rennwachs offenbar. Doch was ich jetzt am wenigsten brauchen konnte, war ein schneller und rasanter Ski. Nachdem ich ohne allzu großen Erfolg auf dem Belag herumgekratzt hatte, schloss ich die Bindung und schaute wieder mit bangem Blick hinunter in die 2.500 Meter hohe Nordwand, aus der mir inzwischen ein bitterkalter Wind entgegenpfiff. Ich stellte die Ski quer zur Talrichtung und begann ganz vorsichtig hinauszurutschen, in den gähnenden Abgrund.

Ich versuchte den Knoten in meinem Kopf zu lösen. Es gab ein paar Dinge, deren ich mir durchaus bewusst war, Dinge, die über mein Leben entscheiden würden. Ich wusste um meine Müdigkeit und die dadurch stark verlangsamte Reaktionsfähigkeit. Ich wusste, dass ich mir keinen Fahrfehler, und schon überhaupt keinen Sturz leisten konnte. Der erste Ausrutscher würde auch der letzte sein. Und ich wusste aber auch, dass ich in diesem Gelände fahren konnte, dass mir die Steilheit vertraut war, dass ich das immer und immer wieder trainiert hatte. Doch die Ski in Bewegung zu setzen, erforderte eine größere Überwindung, als ich geglaubt hatte. Einerseits fühlte ich mich stark, weil bis zum Gipfel alles relativ problemlos verlaufen war, andererseits blockierte etwas in mir, weil ich mir an diesem großen Berg so klein und allein vorkam. Ich rutschte ein Stück hinunter, stellte die Kanten auf, blieb stehen und beugte mich über die Stöcke. Ein Glück für mich, dass auf den ersten Metern niemand meine tapsigen, ungelenken und angsterfüllten Versuche beobachten konnte. Doch schon ein Stück unter dem Gipfel war ich erleichtert. Ich war die ersten Meter abgefahren. Ich fühlte mich ein wenig sicherer und wusste, es würde weitergehen – irgendwie würde es schon weitergehen.

Was ich da machte, war natürlich kein Skifahren im eigentlichen Sinn. Das war vielmehr ein extremes Abrutschen, ein Kratzen mit den messerscharfen Stahlkanten in einem sehr steilen Gelände, und ein gefährliches Umspringen. Schulter und Hüfte gerieten immer wieder bedrohlich nahe an den Firnhang. Der vom Sturm zusammengepresste, steinharte, aber nicht vereiste Schnee forderte meine ganze Konzentration. Ich musste im richtigen Moment anhalten und völlig zum Stehen kommen, ehe ich mich neu darauf konzentrierte, vorsichtig, aber dennoch mit ausreichend Kraft aus den Knien heraus umzuspringen und sofort wieder auf der Kante das drohende Tempo abzubremsen. Steilwandabfahrten, ganz gleich, ob in den Alpen oder im Himalaya, sind gefahrvoll und risikoreich, auch wenn man die Technik des Umspringens noch so oft trainiert hat. Am Everest war ich überhaupt nicht in der Lage, am Anfang mehr als einen Sprung zu machen, so sehr strengte mich das alles an.

150 Höhenmeter unterhalb des Gipfels traf ich auf Yuri und Hector, die beiden Mexikaner. Schwer unter ihren Sauerstoffmasken atmend, gratulierten sie mir kurz und reckten in ihren dicken Handschuhen anerkennend die Daumen. Dann stapften sie weiter. Sie schienen sehr müde zu sein. Aber auch sie würden noch an diesem Tag den Gipfel erreichen. Einen Moment lang schaute ich ihnen noch nach, dann setzte ich meine wenig elegante Rutschpartie in Richtung Great Couloir fort. Meinen ursprünglichen Plan, diese Rinne hinunter bis an den Wandfuß abzufahren, hatte ich schon im Basislager verworfen, denn dort lag tatsächlich viel zu wenig Schnee. Ich musste eine andere Möglichkeit finden. Vorerst jedoch versperrten mir riesige schwarze und vereiste Platten den Weiterweg. Ich musste fast vierhundert Meter weit auf schmalen Schneebändern in 40 Grad steilem Gelände zu Steilstufen nach rechts hinüberqueren.

In dieser Flanke kam ich zwar weiter bis zu einer felsigen Stufe, aber dort war meine Fahrt beendet. Vor mir hing ein ausgebleichtes Fixseil, dessen Alter ich jedoch nicht genau einschätzen konnte. Es spannte sich als Geländerseil über eine sehr steile Felsplatte und war die geschickte Lösung einer früheren Expedition, die sich so die Querung ermöglicht hatte. Meine Lage als Alleingänger erlaubte mir keine Experimente, mir musste fast jedes Mittel recht sein, denn es ging längst nicht mehr um einen Schönheitspreis. Ich schnallte die Ski ab, hängte sie mit dem Karabiner an den Klettergurt, packte das Plastikseil und begann die vereiste Platte zu queren. Ich kam nicht einmal vier Meter weit, dann rutschte ich mit dem rechten Fuß ab. Während ich seitlich wegkippte, belastete mein Gewicht ruckartig das Seil. Bruchteile von Sekunden lähmte mich die Angst, in den gähnenden Abgrund unter mir zu stürzen. Gleichzeitig brach am anderen Ende des Quergangs der als Verankerung für das Fixseil dienende Felshaken, ich verlor endgültig den Halt, fiel und pendelte zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war.

Mit dem glatten Daunenhandschuh war ich nicht in der Lage, mich am Seil festzuhalten, und rutschte daran in die Tiefe. Ich weiß nicht mehr, ob das schnell oder langsam ging, jedenfalls umschlang ich in einem Anflug von Geistesgegenwart mit einem Bein das Seil, wie wir es als Kinder getan hatten, wenn wir uns an einem Strick von einem Heuboden hinunterließen. Trotz der aufsteigenden Panik gelang es mir, das Seil so zu verklemmen, dass ich aufhörte zu rutschen. Mit den Zähnen befreite ich mich von einem Handschuh, klemmte ihn mit der Hand unter den Arm, packte das Fixseil fest an und hangelte mich hinauf bis zu dem Punkt, von dem ich hergekommen war. Oben angelangt, wurde mir schwarz vor Augen. Ich musste mich setzen. Wieder hatte ich einen Teil meiner Kraft verloren. Der Blick hinüber zum Ende des Quergangs verhieß nichts Gutes. Ich war genauso weit wie noch vor ein paar Minuten, nur mit dem erheblichen Unterschied, dass sich jetzt kein Seil mehr über die eisige Platte spannte. Resigniert hockte ich da und redete mit mir selbst: »Du schaffst diese Querung nie.« Ich blickte hinunter in die Tiefe und murmelte: »Da gibt es auch keine Chance.« Dann wendete ich den Kopf nach oben: »Da kommst du nie wieder rauf, dazu bist du zu viel zu müde.«

Ich saß in der Falle. Und doch verspürte ich keine wirkliche Angst. Mein Gehirn weigerte sich strikt, weiterhin Achterbahn zu fahren. Ich dachte an überhaupt nichts mehr und stierte dumpf vor mich hin. Als ich den Kopf ein wenig zur Seite wandte, fiel mein Blick – wohl mehr durch Zufall – auf die Steigeisen, die ich seitlich am Klettergurt trug. In den Alpen oder an einem kleineren Berg wäre das mein erster Gedanke überhaupt gewesen, Steigeisen anlegen und die vereiste Platte ganz vorsichtig queren. Doch was in geringen Höhen reine Routine war, dauerte am Everest minutenlang, und die Lösung entsprang auch keiner logischen Überlegung mehr, sondern vielmehr dem Zufall. Nun teilte ich strenge Befehle aus. Steigeisen nehmen. Vorsichtig sein, dass sie nicht hinunterfallen. Steigeisen anlegen. Erst links. Dann rechts. Den Riemen am Kipphebel festziehen. Aufstehen. Aufstehen, nicht sitzen bleiben! Zum Fels drehen. Langsam hinüberqueren. Es funktionierte fast nichts mehr von selbst, ich musste mir die Handlungen vorsagen. Als ich endlich drüben ankam, war ich erleichtert. Ich starrte auf meine Hand, und wieder dauerte es, bis ich begriff. Bei dieser nervenaufreibenden Aktion hatte ich einen Handschuh verloren und es nicht einmal bemerkt. Doch ohne diesen Handschuh hatte ich keine Chance, unversehrt ins Tal zu kommen. Ganz schnell würde meine Hand erfrieren, zuerst die Fingerspitzen, und dann fräße sich die Kälte immer weiter hinauf. Am Ende könnte ich die ganze Hand verlieren. Es blies inzwischen ein eiskalter Wind, und die Temperaturen betrugen wenigstens 25 Grad unter Null.

Mein Kopf begann wieder zu arbeiten. Etwa hundert Meter tiefer lag der tote Inder, den ich an der zweiten Felsstufe gefunden hatte. Und er trug ein Paar blaue Handschuhe. Ich versteckte meine kalte Hand im Ärmel, stieg vorsichtig über Felsgelände hinunter und fuhr ein paar schmale Schneebänder mit Ski ab. Als ich bei dem toten Inder ankam, lag er unverändert auf der Stufe, und ich hatte nur den einen Gedanken: Seine Handschuhe sind meine Rettung. Ich nahm den linken und streifte ihn über meine eiskalten Finger. Dann öffnete ich seinen Rucksack und suchte nach Dokumenten. Ich wollte sie nach meiner Rückkehr irgendjemandem, vielleicht den Behörden, übergeben. In dem Rucksack fand ich nichts dergleichen, nur viele, für meine Begriffe überflüssige Dinge. Jede Menge Proviant, ein langes Seil, eine zweite Stirnlampe, eine Reserve-Sauerstoffmaske und ein schweres Funkgerät. Lauter Ballast, der Sicherheit vorgaukelte, aber keine war. Ich versuchte, Kontakt mit dem Basislager und der Expedition des Inders zu bekommen. Doch der Akku des Funkgerätes war leer. Ich steckte es in meinen Rucksack und setzte die Abfahrt fort. Mit häufigen Unterbrechungen gelangte ich über Felsstufen, Schneebänder und Rinnen, gehend und abfahrend bis unter 8.000 Meter.

Nun endlich stieß ich auf eine geschlossene Schneedecke bis ins Tal. Das ersparte mir das lästige An- und Abschnallen der Ski. Ich kam am Zelt der Sherpa vorbei, wo mir Saila und Lakpa wieder reichlich Tee gekocht hatten. Ich zog ein Paar Reservehandschuhe an und ließ den Handschuh des Toten zurück. Ich gelangte schließlich zu meinen Freunden vom Kamerateam, die mich von weit oben bis hierher zum Nordcol mit ihrem großen Objektiv verfolgt hatten. Dort waren auch ein Paar festere Tourenstiefel und längere Ski deponiert. Dieses Material sollte mir die weitere Abfahrt erleichtern, denn das erste Paar Ski hatte ich im felsigen Gipfelgelände längst arg ramponiert. Nun bauten wir das Zelt ab und fuhren mit ein paar kurzen Unterbrechungen für Filmarbeiten bis hinunter ins Basislager zu unseren Zelten. Dort kam uns der Koch entgegengeeilt, in der Hand eine große Thermoskanne mit frischem Tee. Ich öffnete die Bindung der Ski und hockte mich auf einen Felsbrocken. Meine Konzentrationsfähigkeit war restlos aufgebraucht. Ich war wieder dort angekommen, wo ich losgegangen war, und mich befiel eine unendliche Müdigkeit. Mein Körper war völlig ausgelaugt, und im Spiegel wollte ich mich lieber nicht anschauen. Ich blickte auf die Uhr. Es war 16.30 Uhr.

Genau dreiundzwanzigeinhalb Stunden waren vergangen, seit ich diesen Platz, mein Zelt im Basislager, verlassen hatte. Heini rechnete mir vor: In 16 Stunden und vierzig Minuten war ich auf den Gipfel hinaufgestiegen, fünf Stunden schneller als jemals ein anderer zuvor. In sechs Stunden und fünfzig Minuten war ich danach überwiegend auf Ski vom Mount Everest abgefahren. Hatte ich Grund, stolz zu sein auf eine eigentlich sinnlose Leistung, die niemandem nutzte außer mir selbst? Egal. Viel wichtiger war mir, dass ich den Berg bestiegt hatte, der mir seit meiner Kindheit im Kopf herumgegeistert war, den Berg, den ich mir sehnlicher als alle anderen gewünscht hatte.
Es war der 24.Mai. Ich schlüpfte in mein Zelt und fiel augenblicklich in einen tiefen, bleiernen Schlaf. Doch er war nur von kurzer Dauer, und schon nach einer halben Stunde begann ich immer wieder aus wüsten Träumen hochzuschrecken. Ich sah mich ziellos auf schmalen Bändern absteigen und in steilen Flanken umherirren, ich sah Tote und suchte nach Wegen ins Tal. Und in meinem Kopf hämmerte immer nur der eine Gedanke: Du darfst nicht einschlafen, du darfst nicht einschlafen. Doch erleichtert stellte ich jedes Mal fest, dass ich jetzt endlich schlafen durfte.«