China – Land der tausend Gesichter

von Ulrike Hecker

»Was willst Du denn auf einer Gruppenreise? Du kennst doch China in- und auswendig!«, fragte meine Kollegin Claudia mit großen Augen, als ich verkündete, dass ich eine Rundreise durch China gebucht hatte. »Na klar«, sag ich, »Das gönne ich mir!« Und außerdem: »Die Reise enthält alles, was mich an China so fasziniert und begeistert: meine Lieblingsstadt Peking, die atemberaubende Terrakotta-Armee in Xi’an, Südchina, eine Yangtzeflusskreuzfahrt und die Metropole Shanghai! Dazu kommt ein kompetenter Reiseleiter, dem ich alle Fragen stellen kann.« Ich bin schon ganz gespannt und freue mich auf meine Rundreise, die mir im Gegensatz zu meinen früheren Rucksackreisen durch China alle Bequemlichkeiten einer organisierten Tour bietet.

Schließlich ist der große Tag gekommen: ich steige in den Flieger nach Peking. Unser Reiseleiter Bao holt uns ab und schon auf der Fahrt in die Stadt hat Bao uns Reiseteilnehmer in eine harmonische Gruppe gewandelt. da. Ich lasse mich tragen von der guten Stimmung, dem Gemeinschaftsgefühl und der professionellen Führung durch den Reiseleiter. China hat mich gleich wieder im Griff: der Gegensatz zwischen Alt und Neu, die alten Frauen in den Hutongs, die freundlich lächelnd am 10. Paar Socken für den kleinen Enkel stricken, das Mädchen, das im ultrakurzen Minirock seinen Burger bestellt. Hunde bevölkern die Gassen: nein, nicht die, die man essen kann (was übrigens immer mehr in Ungnade fällt), sondern liebevoll gebürstete, mit Schleifchen versehene und manchmal pink oder himmelblau gefärbte Schoßhündchen. Herrchen oder Frauchen präsentieren ihren Liebling freudig, wenn ich meine Kamera hebe.

Unter kundiger Führung begeben wir uns auf eine Entdeckungstour, die einen (für mich) neuen Aspekt Chinas zum Thema hat: die moderne Kunst! Das Künstlerviertel Factory 798 erschlägt mich fast mit seinen Eindrücken. Da sind gewaltige Statuen, die traditionelle Formen mit aktuellen Themen verbinden. In den alten Fabrikhallen hängen riesige Gemälde in leuchtenden Farben. Ich staune, wie offen Probleme wie Überbevölkerung und chinesische Prüderie thematisiert werden. In die feinen Tuschezeichnungen alter Gassen Pekings in einer der Galerien verliebe ich mich sofort.

Und weiter geht’s: Xi’an mit der berühmten Terrakotta-Armee. Ich habe sie schon mindestens dreimal gesehen und doch bin ich wieder hingerissen von den Ausmaßen der Halle und den faszinierenden Gesichtern der Tonkrieger. Xi’an ist für mich eine Stadt der Genüsse: ich genieße die berühmten Teigtaschen (Jiaozi) mit allerlei leckeren Füllungen, dann schlemme ich mich von Stand zu Stand, von Schaschlik zu Nudelsuppe im muslimischen Viertel. Ein besonderer Luxus für mich: Unser Reiseleiter erklärt geduldig die Zutaten und die Zubereitung.

An unserem freien Tag in Yangshuo kann ich mich schließlich den Erinnerungen an meine Backpacker-Zeit hingeben: Gemütlich in einem Restaurant in der West-Straße sitzen und die Touristen aus aller Welt an mir vorbeiziehen lassen. Im Hintergrund immer diese Traumlandschaft mit spitzen Karstbergen und grün leuchtenden Reisfeldern. China, wie man es sich schöner nicht vorstellen kann! Noch mehr Reisfelder in den unendlichen Reisterrassen von Longsheng. Die kenne ich noch nicht und ich bin froh, dass ich diesen Aufstieg durch die Felder und kleinen Dörfer erlebe, auch wenn es ein wenig regnet. Unser Reiseleiter sorgt dafür, dass niemand verloren geht, vermittelt beim Kauf von Regenschirmen mit den einheimischen Yao-Frauen und macht sich abends auch noch selbst an die Zubereitung eines tollen Abendessens. Die Stimmung in dem Gasthaus ist ausgelassen. Wir tanzen mit den einheimischen Frauen, lauschen ihren Geschichten und freuen uns über die lustigen Übersetzungen von Reiseleiter Bao.

Damit ich ein wenig zur Ruhe finde, kommt mir die Yangtze-Flusskreuzfahrt genau richtig. Ich liege auf meinem Bett in der Kabine und lasse die Landschaft der drei Schluchten langsam am Fenster vorbeiziehen. Auf dem Yangtze ist der Zwiespalt, in dem sich das aufstrebende China zwischen dem erhöhten Energiebedarf seiner Bevölkerung und der Notwendigkeit von Umweltverträglichkeit befindet, deutlich zu spüren. Aus dem herrschenden Dunst erheben sich die Hochhäuser neuer Städte, manchmal erkenne ich kleine leer stehende Bauernhöfe. Was geht in den Menschen vor, die umgesiedelt wurden? Eine Frage, die allenfalls mit einem begeisterten: »Wir haben jetzt so schöne, neue Wohnungen! Mit Heizung!«, beantwortet wird. Nur Reiseleiter Bao stellt sich auch mal kritischen Fragen.

Schließlich der Moloch Shanghai, eine Stadt, die mich eigentlich noch nie sonderlich interessiert hat. Und trotzdem bin ich bei jedem Besuch neu überrascht und überwältigt von dem Gesicht der Stadt, das sich ständig verändert. Brillante Architektur, Hochhäuser, die wie Pilze aus dem Boden schießen: immer höher, immer spektakulärer! Dann wieder schmale Gassen in den wenigen gebliebenen Altstadtvierteln, wo die frisch gewaschenen Bettlaken auf der Leine hängen und die Kinder mit ihren Bällen spielen. Hinter der nächsten Ecke dann liebevoll renovierte Häuser, moderne Galerien und grüne Parkanlagen. Ich bin ein typischer Stadtmensch, schlendere von Straße zu Straße, immer reizt es mich zu schauen, was hinter der nächsten Ecke auf mich wartet. Galerien und schicke Boutiquen scheinen mich und auch andere Reiseteilnehmer magisch anzuziehen. In einem Café sitzen und Cappuccino trinken und dabei in meinem neu erworbenen Buch über moderne chinesische Kunst blättern: Das nenne ich Urlaub.

Mit ein wenig Wehmut verabschiede ich mich am letzten Tag von Bao und meinen Mitreisenden. Wir werden alle mit tollen Fotos und vielen Erinnerungen an die Tausend Gesichter Chinas nach Hause fliegen. Und wir werden wieder kommen, denn  noch haben wir bei Weitem nicht alle Gesichter Chinas kennengelernt.

»Und? Wie war’s?« fragt mich Claudia, als ich wieder im Büro bin. »Die faszinierendsten drei Wochen in diesem Jahr!«, antworte ich fast atemlos. Die Kollegen kennen das schon: Da geht mal wieder die Passion für China mit mir durch. Doch dazu stehe ich, das ist so und das wird sich nicht ändern.

Erleben auch Sie die Höhepunkte vielfältiger Kultur und lernen Sie das Land der tausend Gesichter kennen – auf unserer ZEIT-Reise nach China.