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Von der Magie des Weges

Von: Bernd Loppow

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Schon der Beginn der Reise bleibt nicht nur uns Hamburgern unvergesslich und steckt voller magischer Momente: Im letzten Licht eines herrlichen Sommertages, eskortiert von Dutzenden, mit »Sehleuten« beladenen Booten und Barkassen, schiebt sich die »Queen Mary 2« vorbei an Elbphilharmonie, Landungsbrücken und Fischmarkt elbabwärts, das Wort majestätisch sei hier ausnahmsweise mal erlaubt. Über uns der Sternenhimmel, links und rechts die blinkenden Lichter des Hamburger Hafens, der Restaurants und edlen Villen überm Elbstrand.
Wir stehen auf Deck 8 am Heck, die Arme auf die Reling gelehnt und den Blick auf den im Abendlicht immer kleiner werdenden Hafen gerichtet. Das Schiff gleitet fast in Augenhöhe des feinen Hotels Louis C. Jacob am Elbhang vorbei. Zu den Klängen von »God save the Queen« schwenken Gäste und Angestellte zum Abschied weiße Betttücher – und wären jetzt wohl gern selbst an Bord dabei. Plötzlich ertönt aus einer alten Kanone der Salutschuss. Ja, wir sind gemeint: Auf Wiedersehen, Hamburg! New York, wir kommen! Bis dahin sind es jetzt noch 3314 Seemeilen, 6137 Kilometer und zehn Tage – die viel schneller vergehen sollen, als uns lieb ist.
Um es gleich mal vorweg zu sagen: Eine Transatlantikpassage auf der »Queen Mary 2« von Hamburg nach New York ist eine Reise voller beeindruckender neuer Erfahrungen, die uns alle bereichert hat: unsere Leser ebenso wie die ZEIT-Crew an Bord – den ZEIT-Herausgeber Dr. Josef Joffe mit seiner Frau Christine, Martin Klingst, bis 2014 sieben Jahre lang ZEIT-Korrespondent in Washington, unseren Geschäftsführer Rainer Esser und auch mich, der seit über 
25 Jahren für die ZEIT die Welt bereist.
Es ist wohl diese Mischung aus traditionellem Ocean Liner, schwimmendem Ballsaal und Gourmetrestaurant, der Weite des Atlantiks als unser Gastgeber und als Hort der Entschleunigung, die uns alle schnell verzaubert hat. Und, last, but not least, die Begegnung mit der ZEIT und ihren Lesern in einer inspirierenden Gemeinschaft interessanter Menschen. In einer Zeit, in der dem Reisen mittels fast überschallschneller Flugzeuge praktisch der Weg abhandengekommen ist, haben wir uns auf eine Reise begeben, die fast ausschließlich aus Weg besteht. Der Weg ist das Ziel – selten hat dieses Klischee so gestimmt wie auf dieser Überfahrt! Auf diese Route, die in früheren Zeiten Millionen von Auswanderern, Geschäftsleute und Reisende höherer Stände in die Neue Welt vor uns unternommen haben, möchten wir Sie auch 2016 gerne mitnehmen!

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An Bord ein Gespräch mit Helmut Schmidt

Dem ZEIT-Team hat es so gut gefallen, dass wir beschlossen haben, alle erneut mit an Bord zu sein, wenn es am 15. Juli 2016 wieder heißt: »Leinen los« zu unserer Jubiläumsreise, auf der wir auch den 70. Geburtstag der ZEIT gebührend feiern werden. Ein erster Höhepunkt erwartet Sie gleich am Abfahrtstag im Queens Room: Dann beabsichtigt unser Herausgeber Helmut Schmidt, ein ZEIT-Gespräch an Bord zu führen. Und vielleicht begleitet er Sie sogar ein Stück Richtung New York!
Bald nach dem Auslaufen folgt der nächste jener magischen Momente, die in den folgenden Tagen einfach so passieren sollen: Hinten am Heck hat sich eine Gruppe ZEIT-Reisender um den Holzbildhauer Hans Panschar versammelt. Wir haben ihn eingeladen, während der Fahrt ein Kunstwerk zu schaffen: Aus einem Stück Holz soll eine »hölzerne Queen Mary« entstehen, und die Mitreisenden dürfen dem Künstler dabei über die Schulter schauen. Zehn Miniaturen seiner Kunstwerke hat er in kleinen Glasflaschen versenkt, inklusive Beschreibung unseres Projekts und seiner Adresse. Heute Abend geht kurz hinter Blankenese die erste über Bord. An jedem Reisetag wird eine weitere folgen.
Erster Abend im Britannia Restaurant, das sich über zwei Ebenen erstreckt, die eine breite, geschwungene Freitreppe verbindet. An den Tischen haben bis zu acht ZEIT-Reisende Platz genommen, wer lieber für sich bleiben möchte, kann auch an einem Zweiertisch speisen. Fein eingedeckt, mit weißem Tischtuch und poliertem Tafelsilber, gediegen, edel, »very British« eben. Heute lautet das Motto »Informal«. Nur an drei Abenden, wenn Kapitän Kevin M. Oprey vor dem Dinner zum Kapitänsempfang bittet, sind Smoking oder dunkler Anzug und Krawatte für die Herren, Cocktailkleid oder Abendrobe für die Damen verbindlich.
Das Menü jedenfalls ist schon heute exzellent und wird es auch alle kommenden Abende bleiben. So wie die anregenden Tischgespräche, die sich zwischen den ZEIT-Reisenden vom ersten Abend an ergeben. Wem nicht nach Etikette zumute ist, der findet im Buffetrestaurant Kings Court auf Deck 7 zu allen Tageszeiten eine große Auswahl an internationalen Speisen, Obst, Salaten und Erfrischungsgetränken. Und zum Frühstück natürlich auch ein »English breakfast«, mit Spiegeleiern, Speck und »baked beans«. Der erste Seetag lädt zum Erkunden der »Queen« ein. Viele der Mitreisenden aus aller Welt kommen aus den USA, Kanada und Großbritannien, mehr als 40 Nationalitäten sind an Bord vertreten. Gut jeder fünfte stammt aus Deutschland. Auf den 13 Decks gibt es für jeden Passagier eine Menge Spannendes zu entdecken. Und jeder findet irgendwann unweigerlich seinen Lieblingsplatz.
Davon gibt es viele: zum Beispiel frühmorgens im Deckchair auf Deck 7. Dann, wenn der Tag erwacht, die Morgensonne glitzernd über dem Wasser steht, das Meer rauscht und der Blick weit über den Ozean geht. Dann ist es schon am zweiten Reisetag plötzlich da: dieses Gefühl der Freiheit, der Ferne von daheim und der Unendlichkeit. Spätestens dann, wenn die »Queen Mary 2« nach dem Stopp in Southampton endgültig Kurs nimmt auf New York, wenn noch sechs volle Tage auf See vor einem liegen, kein Landgang für Ablenkung sorgt, hat auch die Seele abgelegt und sich das Gefühl der Entschleunigung eingestellt, der Besinnung auf sich selbst und die Rückgewinnung der Hoheit über die eigene Zeit. Apropos Zeit: Ein besonders angenehmer Nebeneffekt entsteht, wenn man von Deutschland nach Amerika über den Atlantik fährt. An sechs Abenden kann man vor dem Schlafengehen die Zeit eine Stunde zurückstellen. Ein wunderbarer Komfort nicht nur für Nachtschwärmer …

Jeder findet seinen Lieblingsplatz

Jogger, Walker und Spaziergänger brauchen an Bord nicht auf Bewegung zu verzichten: Von acht Uhr früh an ist das Promenadendeck für die Frühsportler geöffnet, so von halb elf an, nach dem Frühstück, beginnt die Zeit der Spaziergänger. Je nach Wind und Wetter leicht bekleidet oder in Windbreaker, Fleecepullis oder Anoraks gehüllt, lassen sie die Gedanken kreisen oder sind in Gespräche vertieft. Einmal, viermal, zehnmal umrunden sie das Schiff, vom Bug zum Heck und auf der anderen Seite wieder zurück, jede Runde misst gut einen halben Kilometer. Sobald die Sonne auftaucht, treibt es jeden nach draußen, auf den drei Ebenen am Heck und seitlings des Schiffs stehen genügend Liegestühle bereit. Die einen lesen ein Buch, andere unterhalten sich mit ihrem Nachbarn oder lassen nur den Blick schweifen auf den Ozean, auf die breite Spur aus weißer Gischt, die die »Queen« bis zum Horizont hinterlässt. Auch in den Outdoor-Pools auf den Oberdecks ist meistens ein Plätzchen im warmen Wasser frei – mit Gratisblick über den Atlantik.
Und jeden Tag um 12 Uhr mittags, wenn der Kapitän die aktuelle Position auf dem Atlantik über Lautsprecher bekannt gibt, wird am Heck von einem Reiseteilnehmer die nächste Flaschenpost dem Meer übergeben – ein Ort und Ritual der Kommunikation, zu dem sich Tag für Tag mehr ZEIT-Reisende einfinden.

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Doch auch im Innern der »Queen« lässt sich bestens flanieren. Hier gibt es genauso viele Lieblingsplätze zu entdecken wie an der frischen Luft: etwa auf Deck 8 am Bug des Schiffes in der Bibliothek mit den großen Panoramafenstern. Hier herrscht kontemplative Stille, die sich auf die schweren Ledersessel, bequemen Stühle, auf die weichen Fauteuils und über die Gänge mit den stimmungsvoll beleuchteten Bücherregalen legt. Ein besonderer Ort ist auch das Planetarium, mit spannenden Vorträgen und cineastischen Leckerbissen aus der Filmgeschichte. Wer sich für die glorreiche Vergangenheit der Ocean Liner interessiert, wird immer wieder zur Fotogalerie auf Deck 2 am Bug zurückkehren. Hier dokumentieren großformatige Schwarz-Weiß-Bilder von Politik- und Filmlegenden wie Winston Churchill oder Cary Grant, Walt Disney, Burt Lancaster oder Laureen Hutton Eleganz und Stil vergangener Epochen. Zurück in die Zeiten des Empires können die Passagiere jeden Nachmittag reisen, wenn im Queens Room zur »tea time« geladen wird. In den bequemen Fauteuils des größten Ballsaals auf See servieren livrierte Kellner Sandwiches und Scones, Erdbeertörtchen mit Vanillecreme und Tee aus silbernen Kannen zu den Weisen eines Streichquartetts oder einer Harfespielerin. »Very British« und keinesfalls zu versäumen! Jeden Abend verwandelt sich der elegante Teeraum dann in einen Ballsaal, wenn hier das Queens Room Orchestra aufspielt – mit Standards und lateinamerikanischer Tanzmusik.

Hohe Politik mit dem ZEIT-Kollegium

Im Herzen der »Queen Mary 2« liegt das Royal Court Theatre. Hier erleben die Gäste nicht nur das Showprogramm internationaler Künstler, hier geht es für die ZEIT-Reisenden auch um hohe Politik und instruktive Konversation: Die ZEIT-Kollegen Josef Joffe, Martin Klingst und Jochen Bittner referieren über die Außenpolitik der USA, die transatlantischen Beziehungen und die Zukunft der Vereinigten Staaten und diskutieren leidenschaftlich die Fragen der Reiseteilnehmer. Bei anderer Gelegenheit berichten die ZEIT-Begleiter Spannendes aus der ZEIT-Geschichte, über die aktuelle Situation unserer Zeitung und ihre Zukunft in der sich wandelnden Medienwelt. Jeden Tag gibt es eine ZEIT-Veranstaltung – auch als Begegnungsstätte für die ZEIT-Reisenden. Denn schnell haben wir gelernt: Die Teilnehmer suchen besonders den Kontakt untereinander und mit den Vertretern der ZEIT.

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Den gibt es zuhauf, vielerorts und gern auch informell. Man trifft sich und seine neuen Bekannten nicht nur beim Dinner, auf den ZEIT-Veranstaltungen und bei der täglichen Flaschenpostzeremonie: etwa zum Plaudern beim Cappuccino im Café Sir Samuels, auf einen Drink an der Bar, zum Apéro im Chart Room oder im Golden Lion Pub vor dem Britannia Restaurant. Oder man lässt mit der ZEIT-Crew beim »nightcap« an der Bar des Commodore Club beim Gin Tonic den Tag Revue passieren.

Der Zauber der »Queen« hat jeden erfasst

Unaufhaltsam steuert die »Queen Mary 2« ihrem Ziel New York entgegen. Selbst mitten auf dem Atlantik sorgen, falls nötig, vier Stabilisatoren am Rumpf des Schiffes für ruhige Fahrt, auch wenn es, weit entfernt von seiner Höchstgeschwindigkeit, mit 20 Knoten im Schnitt den Ozean durchpflügt. Unausweichlich hat der Zauber der »Queen« schon nach wenigen Tagen jeden Reisenden erfasst. Gelassenheit, Entspannung und Erholung sind bei den Mitreisenden fast zu greifen.
Trotz der geschenkten Stunden vergehen besonders die letzten Tage wie im Flug. Das Kunstwerk von Hans Panschar hat filigrane Formen angenommen, als es auf der letzten ZEIT-Veranstaltung versteigert wird: Der Erlös von 10.400 Euro kommt zwei Kinderprojekten auf beiden Seiten des Atlantiks zugute: dem Kinderhospiz Sternenbrücke in Hamburg und Neighbours Together in Brooklyn.
Und dann ist es so weit: Frühmorgens am zehnten Tag unserer Passage schimmern die Lichter New Yorks am Horizont. Die »Queen Mary 2« schlüpft zwischen den gewaltigen Pylonen der Verrazano Bridge hindurch, und das überwältigende Panorama der Upper Bay wird von den Passagieren mit einem digitalen Blitzlichtgewitter willkommen geheißen. Was sich vor unseren Augen abspielt, kann kein Foto wiedergeben. Zum Abschiedsfoto versammeln wir uns noch einmal an der Reling von Deck 8. Anschließend wird die letzte Flaschenpost den Fluten übergeben. Und dann liegt sie vor uns, die Skyline Manhattans mit New Yorks neuer »landmark« – dem Freedom Tower.

Ein langer Weg liegt hinter uns. Eines aber haben wir irgendwo auf dem Atlantik längst begriffen: Das eigentliche Ziel der Reise hatten wir schon angesteuert, als wir in Hamburg an Bord gegangen sind. Good morning, New York, auf Wiedersehen, »Queen Mary 2« – am 15. Juli 2016!

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