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Ostpreußen – Besuch in der einstigen Heimat meiner Mutter

Beginn des Abenteuers an einem Freitag, 20.05., in der Mittagszeit mit dem Abflug von München nach Danzig. Seit eh und je von Flugangst geplagt, hatte ich schon Tage vor der Abreise die Wettermeldungen verfolgt. Nichts Auffälliges oder gar Verdächtiges wurde angesagt, so hoffte ich darauf, die anderthalb Stunden Flugzeit ohne größere Angstattacken zu überstehen. Genauso geschah es, und der im Flieger begonnene Artikel in P.M. History blieb größtenteils ungelesen. Die Abfertigungsformalitäten, Zoll, etc. verliefen rasch und formlos. Ein Herr mit einem Schild „Zeit Reisen“ begrüßte mich in der Ankunftshalle in Danzig und stellte sich als der Reiseleiter für das bevorstehende Unternehmen vor. Aus München kommend war ich der erste Ankömmling der Gruppe, die sich übrigens aus allen Himmelsrichtungen zusammensetzte. Der vor dem Flughafengebäude wartende Bus nahm uns auf und verfrachtete uns zu unserer Bleibe für die beiden folgenden Tage/Nächte. Die Fahrt ging quer durch Danzig zu einem der Vororte, Oliva. Sehr hübsch und ruhig gemütlich breitet sich diese Vorstadt an einem Hang entlang aus, und in einem ganz ruhigen Winkel erreichten wir schließlich unsere bestellte Bleibe, das Hotel der Brigittenschwestern. Die Tracht dieser Ordensdamen ist schmuck und adrett, mit einem ungewöhnlichen Reifen um den Kopf.
Die Anlage umfasste mehrere Häuser und wurde einmal in einem großzügigen Viereck um einen Brunnen verteilt. Original dienten sie den Schwestern als klösterliche Wohn- und Arbeitsstätte, wurden nach dem Krieg restauriert und zum Hotel umgerüstet. Beim Betreten der mir zugewiesenen Bleibe sah ich mich in einem gemütlichen kleinen Wohnzimmer, gefolgt von dem Zwischenbereich von Toilette und Bad und dann das klassische Einzelzimmer, also Schlafzimmer mit einem normalen Bett, das übrigens für meinen wählerischen Rücken gut passte. Eigentlich bewohnte ich eine bescheidene Suite. Da die Außentemperaturen so eben frühlingshaft waren, war ich über den geradezu unterkühlten Empfang der Räumlichkeit nicht wirklich überrascht. Mein erster Griff galt dem Fenster, um die letzten wärmenden Sonnenstrahlen einzufangen. Das gelang nur bedingt.
Das Abendessen nahmen wir im Hotel ein. Beim Essen machte man die ersten Beschnupperungsanläufe, bevor jeder sich einzeln vorstellte. Ein gemischtes Völkchen, ausschließlich weiblich, sowie zwei Ehepaare. Sie alle hatten die Lebensmitte bereits überschritten. Nach einem prüfenden Blick über die mich umgebenden Tische, konstatierte ich, dass ich in diesem Kreis wahrscheinlich die älteste war. Ziemlich müde verschwand ich für meine Verhältnisse früh in meinen Privatgemächern, und mitgebrachter Lesestoff blieb unberührt. Dem Abendsegen der musikbegabten Vogelschar in den Parkanlagen rund ums Haus lauschte ich jedoch noch eine Weile, aber dann forderte der ereignisreiche Tag seinen Tribut.
Mitten in der Nacht wurde ich wach, nicht unbedingt aus dem Grund, aus dem man gewöhnlich aus dem Schlaf gescheucht wird. Diesen Gang erledigte ich gleich mit, aber dann suchte ich nach meinen Ohrknöpfen und stellte mich ans offene Fenster, um dem Gesang zweier Piepmatzen zu lauschen. Nachtigallen? Bestimmen kann ich es nicht, aber welcher Vogel singt wohl zwischen zwei und drei Uhr morgens, wenn alles rundum noch dunkel und still ist? Die eine Nachtigall musste in einem unweit vom Haus stehenden alten Baum ihre Wohnung haben, die sie möglicherweise auch mit Hilfe ihres Gesangs verteidigte. Die zweite war etwas weiter weg und hatte vielleicht Lust auf ein Schwätzchen. Zum ersten und letzten Mal habe ich vor vielen Jahren Nachtigallen in Capalbio/Toskana gehört, übrigens auch um etwa diese Zeit im Jahr. In Capalbio begannen sie ihr Konzert allerdings meist schon so gegen Mitternacht. Nach dieser nächtlichen musikalischen Einlage schlief ich mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne nochmals ein. Ab ca. 6 Uhr war die Nacht dann allerdings wirklich vorbei, und dieser für mich total abwegige Tag/Nacht/Rhythmus änderte sich auch nicht bis zum Ende der Reise.
Für den zweiten Reisetag, den 21. Mai, stand nun ein zusammengestelltes Programm an. Den Vormittag über blieben wir in Oliva, besuchten das Palais und die Kathedrale von Oliva, die eine sehr schöne Orgel hat. Wie sie klingt, erfuhren wir auch, denn es gab ein ca. halbstündiges Konzert. Die Kirche, wieder aufgebaut nach dem Krieg, gehörte den Zisterziensern, was heute wohl auch noch so ist. Sie ist überreich geschmückt im Stil des Barock. Das muß Unsummen verschlungen haben, und das in einem armen Land wie Polen. Die Kirche war übrigens sehr gut besucht, was natürlich dem Orgelvortrag zuzurechnen ist. Vielleicht nicht durchweg, denn Polen ist schließlich erzkatholisch.
Der Nachmittag war der Stadt Danzig vorbehalten. Es begann mit einem Besuch in einer Bernsteinschleiferei. Eigentlich war es ein ziemlich exklusives Schmuck- und Bernsteingeschäft, wo eine Mitarbeiterin dafür abgestellt war, Besuchern zunächst zu erklären, was Bernstein ist, wie man ihn behandelt und was man alles damit machen kann. An diesem Nachmittag hatte uns unser Führer nur auf Tour geschickt, damit jeder für sich die Stadt erkunden konnte. Ich konnte den Rundgang in der vorgeschlagenen Form nicht umsetzen und wanderte stattdessen auf der belebten Uferpromenade am Ufer der Motlau entlang. Irgendwann entdeckte ich das Kranentor, das ich in näheren Augenschein nehmen konnte. Eine genauere Besichtigung war wegen der Öffnungszeiten an diesem späten Nachmittag nicht mehr möglich und der morgige Tag war bereits von anderen vorausgeplant worden. Schade. Dieses Wahrzeichen von Danzig fällt wirklich ins Auge, vor allem weil es größer wirkt, als es inmitten der umgebenden Bebauung tatsächlich ist. Dennoch, auf der Uferpromenade ist es ein unübersehbares Wahrzeichen, dessen Bedeutung ich auch an Ort und Stelle auf den Schrifttafeln nachgelesen habe. In Hamburg gab es ähnliche Einrichtungen zum Be- und Entladen der Schiffe.

Markt in Danzig (Ortrud Varenholz)
Markt in Danzig (Ortrud Varenholz)

Von der Uferpromenade führten alle paar Meter kleine und größere Nebenstraßen ins Innere der Stadt. Manchmal öffneten sich diese Straßen wie zu einer kleinen Flaniermeile, und dann sah man sich unversehens schon auf der Fußgängerzone. Diese ist ein langgestreckter recht weitläufiger Platz rechts und links von den wieder aufgebauten und restaurierten alten Bürgerhäusern gesäumt. Am gegenüberliegenden Ende ist der Platz begrenzt vom Rathaus und davor dem Neptunbrunnen. Ich hatte an diesem frühen Nachmittag einen freien Blick über das Areal und dabei fiel mir auf, daß die Eingänge in die Häuser etwa anderthalb Meter über dem Straßenniveau liegen. Die Vortreppen sind teilweise phantasievoll gestaltet, mit schmückenden Brüstungen an den Seiten. Da ich ja unmittelbar von der Wasserseite gekommen war, fand ich es sehr praktisch überlegt und umgesetzt, daß die Einwohner dank dieser Bauweise bei Hochwasser das feuchte Nass nicht sofort in der guten Stube hatten. Und Überflutungen der Stadt vor allem bei Sturmfluten hat es in Danzig immer wieder gegeben. Diese Treppenvorbauten tragen einen Namen. Man nennt sie Beischläge.
Danzig war eine alte Hafen- und Handelsstadt, die zur Hanse gehörte. Über Jahrhunderte blühten Handel und Gewerbe und natürlich der Schiffsbau im Hafen. Letzterer hat keine Bedeutung mehr, und so verkam nach dem Aufstand der Hafenarbeiter um Lech Walesa und die Solidarnosc auch die Werft zur Bedeutungslosigkeit. Warum überraschte mich diese Information nicht gar so sehr? Aus unserer Hamburger Zeit erinnerte ich das gleiche Schicksal verschiedener einstmals bedeutender Werften, von deren erfolgreichen Jahren nur noch ihre einst berühmten Namen überliefert wurden, wenn überhaupt. Ein Vergleich mit Hamburg geht dennoch daneben, denn Hamburgs Bedeutung als internationaler Hafen ist ja unangefochten.
Eine Führerin zeigte und erklärte uns die sogenannte Rechtsstadt von Danzig – anderswo nennt man das Altstadt. Als ich die Tafeln am Kranentor studierte, gab es daneben zwei Fotos von der Stadt unmittelbar nach den Bombenangriffen, als nur noch brennende und rauchende Ruinen in den Himmel ragten. Es ist ein Wunderwerk, was die Polen wieder aus dieser Stadt gemacht haben, die vor dem Krieg ein architektonisches Juwel gewesen sein muss. Ein Wiederaufbau 1 : 1 war anscheinend aus mancherlei Gründen nicht möglich, und deshalb entschloss man sich, wie ich in einer Schrift gelesen habe, „neu zu erschaffen“. Die alten Bauten wurden anhand von Bildern, Gemälden, Stichen, sicher auch einigen Fotos von den Architekten neu konzipiert und gemäß den Vorbildern nachempfunden. Schlendert man durch die „alten“ Gassen und Sträßchen, vergisst man wirklich, welches Bild die Stadt nach der Zerstörung bot. Die Illusion ist geradezu perfekt, sich in einer Stadt des 18. / beginnenden 19. Jahrhunderts zu befinden. Wenn man das gesehen hat, versteht man zugleich und noch besser, was die polnischen Baumeister in Dresden beim Wiederaufbau der Frauenkirche geleistet haben.
Vor der Rückkehr in unser Hotel machten wir noch eine Umwegfahrt, sozusagen entlang der linken Seite der Danziger Bucht in Richtung Zopot, dem einstigen berühmten und exklusiven Badeort. In dieser Hafenausfahrt liegt mittendrin die Westerplatte, heute eine dicht bewachsene Landzunge, die es zu trauriger Berühmtheit gebracht hat.
Zopot ist wieder d a s Seebad mit dem weißen Sandstrand und vielen Attributen eines mondänen Badeortes – Strandpromenade, Casino, etc. Außer uns tummelte sich dort eine bunt zusammen gewürfelte Schar, obwohl die Saison noch längst nicht begonnen hatte.
22. 05.
Die Marienburg: Man glaubt zu wissen, was einen erwartet. Umrisse dieser Festungsburg hatten sich mir aus zahlreichen Dokumentationen eingeprägt – ich war also nicht unvorbereitet. Der sich vor meinen Augen ausbreitende Koloss raubte mir allerdings den Atem. Wie konnte dieser Monumentalbau jemals innerhalb eines überschaubaren zeitlichen Rahmens fertig gebaut werden ohne all die Hilfsmittel moderner Bautechnik des 21. Jahrhunderts? Wie viele Millionen Ziegel hat der Bau verschlungen, wie viele Tonnen Mörtel und sonstige Füll- und Schmiermittel mussten angerührt und in Fugen gekleckert werden, um die Backsteine am ausgemessenen Platz zu halten? Wenn man den ersten Schock über die schiere Größe dieses penibel sortierten Steinhaufens überstanden hat, erfolgt der Griff nach der Kamera. Beim Blick durch den Sucher war schon klar, die Ausmaße der Burg sprengten buchstäblich den Rahmen der Kamera, denn einen Weitwinkel hat sie nicht. Mit einigen krummen Touren durch Standortveränderung, usw. schaffte ich die eine und andere Aufnahme.
Eine Führerin zeigte uns dann die Burg, bzw. verschiedene Teilbereiche, die nach Restaurierungsarbeiten zur Besichtigung wieder freigegeben worden waren. Von Rom erdacht als Standort in der Wüste der Ungläubigen, wurde die Marienburg vom Ritterorden gebaut. Die Ungläubigen bereiteten reichlich Ärger, weil sie offenbar mit ihrem Naturglauben ganz zufrieden waren. Der Ursprungsplan, hier eine Kirche samt Kloster hinzustellen, wurde sehr schnell in verschiedene Richtungen ergänzt. Eine Trutzburg musste her, die stark genug war, um sich der massiven Angriffe der ungläubigen Prussen zu erwehren. Wie so häufig wurde die Christianisierung mit Feuer und Schwert betrieben, und die Kommandozentrale mit all ihren untergeordneten Schaltstellen wurde hier untergebracht. Das klerikale Zentrum gab es sozusagen im entgegengesetzten Teil der Burganlage, ein Männerkloster. Die höchste Anzahl dieser mönchischen Brudergemeinschaft soll angeblich die 77 nie überschritten haben. Welch ein Aufwand für die paar Hanseln… Der nicht-klerikale Teil, also die Mannschaft um den Hochmeister, zählte hingegen um die 300 Personen. So war die Bruderschaft der Kreuzritter eigentlich eine staatliche Einrichtung, ausgestattet mit allen Insignien staatlicher Gewalt – mit anderen Worten der Staat im Staat.
Wir verließen dieses beeindruckende Weltkulturerbe der UNESCO in Richtung Elbing. Auch diese Stadt hat im Krieg stark gelitten, aber mit dem Wiederaufbau der Altstadt wurden inzwischen gute Fortschritte gemacht. An die alten Zeiten wird sie vielleicht nicht wieder anknüpfen können, Letztlich wird es an einer aktiven und einfallsreichen Stadtverwaltung liegen, was sie aus ihrer Stadt macht.
Einige Kilometer vor Elbing sah ich im Vorbeifahren einen Hinweis über einen Oberländischen Kanal. Was war das doch gleich?! Woher kenne ich diesen Begriff? Unser Reiseführer beantwortete meine Frage. Ich wusste von diesem technischen Kuriosum, hatte es allerdings völlig anders verortet. Wir mussten auf eine Besichtigung, gar ein Befahren verzichten; darüber wäre ein ganzer Tag hingegangen, und dergleichen war in der Tourplanung natürlich nicht vorgesehen. Diese Attraktion ist nach wie vor im Einsatz, wie ich mir habe sagen lassen. Wirtschaftlichen Nutzen, den die Erfindung einst brachte, erhält man nicht mehr – ausser, von den Touristen. Schließlich kann man nicht überall beobachten, wie ein ganzes Schiff über Land gezogen wird.
Das nächste Ziel dieses Tages war Quittainen, eines der Dönhoffschen Schlösser und gemessen an Friedrichstein, das wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen hatten, eher bescheiden. (Ich wusste auch nicht, daß Friedrichstein nach dem Krieg bewusst dem Erdboden gleichgemacht wurde.) Die uralten Bäume im Park könnten sicher so manche Geschichte erzählen. Zwischen 1938 bis zur Flucht aus Ostpreußen 1945 lebte die Gräfin Dönhoff zuweilen hier und kümmerte sich um die Verwaltung der Besitzungen. Es war auch ihr letzter Aufenthaltsort, von dem sie den Ritt nach Westen antrat.
Letzter Programmpunkt für diesen Tag: die nächste Bleibe unseres Aufenthalts, Heilige Linde oder Swieta Lipka, wie es auf polnisch heißt. Dass es hier eine sehr schöne Kirche gibt, war mir bekannt. Besichtigung, Führung durch die gesamte Anlage, etc. war für den nächsten Tag vorgesehen. Es ist nicht nur die Kirche, die so heißt, sondern auch die winzige Ortschaft dazu. Sie soll kaum mehr als tausend Einwohner haben, dafür ein Vielfaches jedes Jahr an Besuchern ihrer Hauptattraktion.

Die Kirche Heilige Linde (Ortrud Varenholz)
Die Kirche Heilige Linde (Ortrud Varenholz)

23. 05.
Der Vormittag war fast ausgefüllt mit dem Rundgang durch Heilige Linde. Ihre Entstehung verdankt die Kirche einer Legende, die, wie so oft der Jungfrau Maria zugeschrieben wird. Die darin bedeutsame Linde findet eine bauliche Abbildung in steinernem Geäst rund um die Kanzel. Sowohl von außen wie von innen ein Barockbau, der, wie so viele bedeutende bauliche und architektonische Kunstschätze, im Krieg zerstört und später wieder aufgebaut und liebevoll restauriert wurde. Noch ein sprechendes Beispiel für die Meisterschaft polnischer Bauleute.
Kontrastprogramm am Nachmittag. Das Ziel war die Wolfsschanze, besser gesagt die Reste, die davon übrig geblieben sind. Ich wusste, was dieses „Refugium“ für Hitler gewesen ist, allerdings stellte ich bei den ersten Bildern der liegen gebliebenen Relikte fest, dass meine Vorstellung nicht annähernd der Wirklichkeit entsprach. Es ist unfassbar, was ein kaputtes und krankes Hirn in seinem Wahn gebären und dann in die Realität umsetzen kann. Was sich dem Besucher bietet, sind verstreut umherliegende riesige, inzwischen von Moos und Flechten überwucherte Betonbrocken, die einmal zu einer Anlage von Wohn- und Versorgungsbunkern gehörten. Der Begriff „Wohnbunker“ ist nicht meine Wortschöpfung. Bei meinem Besuch dort, und noch heute, Wochen später, nachdem die Informationen gesackt sind, stellt sich mir immer wieder die Frage: Wohnbunker – wie konnte man den Begriff wohnen mit so einer Örtlichkeit in Verbindung bringen?
Es war ja nicht nur Hitler, der in seinem Führerbunker hin und wieder eine kurze Zeit zubrachte, auch seine Entourage unterhielt dort in unmittelbarer Nähe zum Quartier des Alleröbersten die eigenen entsprechend ausgestatteten und verbarrikadierten Etablissements. Und niemand, wirklich keiner der ihn umgebenden Nazigrößen und Nutznießer hat sich da seine Gedanken gemacht? …die es dennoch taten, bezahlten es mit ihrem Leben.
Wir fuhren weiter nach Dönhoffstätt. Der Besitz gehörte zu einer Seitenlinie der Familie Dönhoff bis 1816. Unweit von hier gab es eine andere alt eingesessene ostpreußische Adelsfamilie, die mit den Dönhoffs eng befreundet war, darüberhinaus durch verwandtschaftliche Bande verflochten. Das Anwesen liegt bei Steinort, und es ist der einst prächtige Adelssitz der Lehndorffs. Restaurierungsarbeiten wurden an dem fast dem Verfall preisgegebenen Bau in Angriff genommen, aber da die leidige Frage nach dem zu beschaffenden Geld allgegenwärtig ist, wird noch ziemlich viel Wasser den Pregel in Richtung Ostsee strömen, bevor dieser einstige Prachtbau wieder in altem Glanz strahlt und dann vielleicht auch wieder, wenn auch anderen Zwecken dienend, Verwendung finden mag.
Dieser Ausflugstag vermittelte bei den längeren Strecken über Land einen wirklichen Eindruck der Landschaft, also Masuren. In unserer Familie der Inbegriff für weite, grüne, abwechslungsreiche, aber dennoch ruhige, ja elegische, melancholische Landschaftsbilder, bunt vermischt aus bewirtschafteten Flächen, Weiden und Brachland, urwüchsigem Forst mit selbst vom Bus aus erkennbarem dichten Unterholz – und glitzernden Wasserflächen. Wir benutzten Landstraßen und meisst sogar von uralten Eichen gesäumte Alleen. Die erste Zeile der Ostpreußenhymne trifft zu: Land der dunklen Wälder und kristall‘nen Seen… Ich kenne das Lied, wie könnte es anders sein; dass ich die besungenen Bilder tatsächlich vorfinden würde, hätte ich nicht geglaubt.

Die Masuren (Ortrud Varenholz)
Die Masuren (Ortrud Varenholz)

Die Fahrt zurück zum Hotel zog sich hin. Ich hatte Zeit und Muße zum Nachdenken, beflügelt von den zahllosen Erinnerungen und Schilderungen über das Leben in Ostpreußen auf den Gütern. Von meinem Aussichtsposten im Bus unmittelbar hinter dem Fahrer und etwas erhöht hatte ich einen grandiosen Rundblick. Wie ein Film, eine der vielen Dokumentationen, die ich über Jahre im Fernsehen gesehen habe, glitt die Landschaft an mir vorbei. Ortsschilder tauchten auf und verschwanden wieder, und nicht immer schaute ich in der zweisprachig gestalteten Ostpreußenkarte nach der Übersetzung des ehemals deutschen Namens. So kam ich auch durch Lötzen. Nie zuvor hatte ich diese Landschaft gesehen. Was sie mir nahe gebracht hat, waren lediglich die Schilderungen und Erlebnisse anderer, die das Kennenlernen erleichterten. Wenn auch nicht selbst erlebt, knüpften die erzählten Bilder aus der Vergangenheit nun an die Betrachtung der draußen vorbeifliehenden Landschaft an. Und vor allem war es Masuren, das den tiefsten Eindruck hinterlassen hat. Ein Psychologe würde vielleicht Erklärungen dafür finden. Was bedeuten die Begriffe Familie, Heimat, Herkunft. Dass sie vielleicht einen tieferen Sinn haben könnten als ich bisher glaubte, hat mich auf dieser Reise noch oft bewegt und mir die eine und andere Einsicht vermittelt, welche Bedeutung die Wurzeln eines Menschen für dessen Entwicklung im Leben haben (können).
Der nächste Tag, 24. Mai, war nochmals Masuren vorbehalten, und das Ziel war Nikolaiken, auf dieser Reise auch der südlichste Punkt. Hier stand der Besuch einer Schule im Ort auf dem Programm, das Marion-Dönhoff-Gymnasium. Die Gräfin war an Gründung und Aufbau maßgeblich beteiligt und hat sich bis zum Ende ihres Lebens darum gekümmert. Nikolaiken ist ein freundlicher, vielleicht für den Tourismus am meissten erschlossener Ort. Den „norditalienischen Charme dieses masurischen Venedigs“, wie ich es in einem Reiseführer las, konnte ich im Vergleich mit mir bekannten Orten in Oberitalien nicht wirklich nachvollziehen. Wie dem auch sei, die Lage ist ansprechend und mit hohem Freizeitwert, sommers wie winters, denn in dieser Gegend findet ja doch noch ein Winter statt. In Berichten über die Winterfreuden dieser Gegend, damals wie heute, zählt vor allem das Schlittschuhlaufen. Meiner Mutter schwärmerische Berichte über Nachmittage auf Schlittschuhen über glitzerndes Eis auf den zahllosen Seen und den sie verbindenden Kanäle zu jagen, habe ich noch gut im Ohr. Das war die eher sportliche Variante. Es gab aber auch die künstlerisch gesellschaftliche, das war dann das Eis(kunst)laufen und Eistanz. Meine sportliche Mutter betrieb beides offenbar mit großer Begeisterung. Der Tanz auf dem Eis war anscheinend ihre bevorzugte Leidenschaft, denn das geschah mit Musikbegleitung, und dafür trug man ein besonderes Eiskostüm, für dessen Entwurf die entsprechenden Modelle des Balletts Pate gestanden hatten. Meine zierliche Mutter mit 153 cm Länge konnte ich mir darin gut vorstellen.
Nikolaiken liegt am äußersten südlichen Zipfel des Spirdingsees. Im Yachthafen werden allerlei Freizeitvergnügen angeboten, unter anderem auch Bootsfahrten. Für eine solche waren wir gebucht und schipperten gut anderthalb Stunden über den See bis hinauf zum Mauersee, den ich angesichts seiner Lage als eine Art Fortsetzung des Spirdingsees ansehen würde. Je weiter wir uns vom Ufer entfernten, umso deutlicher verspürte man die vom Wasser aufsteigende Kühle, aus dem vorher linden Lüftchen wurden ungewohnt frische Windböen. Die zusätzlich mitgenommene Jacke knöpfte ich dankbar zu. Außer unserer Gruppe gab es noch ein paar wenige Besucher, die sich auf dem Aussichtsdeck verteilt hatten. Rundum friedvolle Ruhe und ein endloser Blick in die Weite.

Nikolaiken am Spirdingsee
Nikolaiken am Spirdingsee

Nur das verhaltene Brummen des Schiffsmotors erinnerte daran, dass wir im lauten 21. Jahrhundert lebten. Allein stand ich an der Reling und blickte in die Ferne. Stille lag über der weiten Wasserfläche, eine paar Möwenschreie durchschnitten die Luft, vereinzelte schimmernde weiße Punkte kamen später als Segelboote näher. Das übliche Treiben auf einem See, wenn die Saison noch nicht angefangen hat. So präsentiert sich auch unser Bayerisches Meer, der Chiemsee. Die Schönheit der Landschaft rundum ist beiden gegeben, auch wenn sie sich sehr unterschiedlich darstellt. Hier, auf diesem angeblich größten der Masurischen Seen, endet der Blick irgendwie unscharf am Horizont, und darüber spannt sich das Himmelszelt. Der Chiemsee ist rundum eingefasst von allerlei Begrenzungen und Hindernissen, nicht zuletzt von den Bergen. Beide Gewässer umgibt außerdem ein mächtiger Schilfgürtel. In Ostpreußen überlässt man diesen heutzutage bewusst sich selbst, wie ich gelesen habe. Dass das wild wuchernde Röhricht schneller zur Verlandung der Seen führt, dürfte auch hier bekannt sein. Will man das ausdrücklich? Erklärtes Ziel der Polen ist es indes, die Ursprünglichkeit der Landschaft zu erhalten und überlässt sie deshalb sich selbst.
Vor unserer Schifferlfahrt über den See nahm die Gruppe noch an einem Informationsgespräch in der Dönhoff-Schule in Nikolaiken teil. Herr Dombrowski, einer der Deutschlehrer an dem Gymnasium, berichtete über seine Erfahrungen in den Jahren, die er nun schon in Polen lebte.
Einen weiteren, thematisch anders gearteten Bericht gab es von einer ehemaligen Journalistin, die als Mitarbeiterin der DPA auch umfänglich mit der ZEIT Redaktion zu tun hatte. Die Jahre, die den politischen Umbruch bedeuteten, waren da besonders erlebnisreich und spannend. Inzwischen ist die Dame längst im Ruhestand. Wie sie von sich aus berichtete,
hätte sie ohne weiteres nach Deutschland zurückkehren können. Verheiratet mit einem Polen hatte sie sich längst ihren Platz in diesem Umfeld und dieser Gesellschaft gefunden. Sie machte einen sehr zufriedenen Eindruck.
Nach einem ereignisreichen Tag, bis zum Rand gefüllt mit unterschiedlichsten Informationen, war ich nicht gerade enttäuscht, als wir gegen 19.00 Uhr unser Hotel erreichten. Es war unsere letzte Nacht in Heilige Linde. Für den nächsten Tag stand die Fahrt nach Königsberg an.
25. Mai.
Unser Herr Tycner hatte vorgewarnt, die Fahrt könne sich weniger wegen der Länge der Strecke, als vor allen Dingen wegen der behördlichen Zicken auf russischer Seite in die Länge ziehen. Unversehens sah ich mich mit unserer deutsch-deutschen Vergangenheit konfrontiert. In der Tat, der Kontrollmechanismus war identisch mit dem, was wir seinerzeit erlebt hatten. Sowohl bei der Einreise ins Kaliningrader Gebiet als auch bei dessen Verlassen verging der ganze Vormittag ab ca. 9.00 Uhr bis zur Mittagszeit.
In einer ausführlichen Stadtrundfahrt erhielten wir einen Einblick in die Stadt Kaliningrad. Was die Bomben und Brände des schlimmsten Angriffs in der Nacht des 26. auf den 27. August 1942 auf die Stadt nicht vernichtet hatten, besorgte die Sowjetarmee in den letzten Kriegstagen, mit anderen Worten, was tatsächlich, vielleicht angeschlagen und auch schwerer beschädigt, noch stehen geblieben war, wurde nun bewusst und gründlich zerstört. Die wenigen verbliebenen Deutschen wurden, wo man sie am Leben ließ, nach Sibirien verbracht. Anderen gelang noch die Flucht aus der Stadt vermeintlich heim ins Reich, um dann ihr Ende in der eisigen Ostsee zu finden oder auf den langen Märschen in Richtung Westen ohne entsprechende Kleidung und schon gar nicht Ernährung. Der Kriegswinter 1944/45 wird als einer der grausamsten erinnert.
Im Zuge der Gebietsneuverteilung des ehemaligen Ostpreußens zogen die Sowjets zwischen sich und Polen die Grenzen neu bzw. bestimmten sie. Das einstige nördliche Ostpreußen einschließlich der preußischen Hauptstadt Königsberg wurde zum Kalinigradskaja Oblasth, also Kaliningrader Gebiet. Diese künstliche Grenze ist heute so hermetisch geschlossen wie in dem Jahr, in dem sie gezogen wurde. Einen Einblick erhielten wir bei unserem Übertritt. Bei dieser Gelegenheit berichtete unser Reiseführer, dass es diesen Grenzübergang überhaupt erst seit wenigen Jahren gibt. Wer früher nach Kaliningrad reisen wollte, musste den Seeweg als einzige Alternative nehmen.
Was erwartete ich in Königsberg zu sehen? Zu finden? – Sicher gar nichts. Die Adresse, an der die Großeltern zuletzt gewohnt hatten, konnte es im Original nicht mehr geben. Den vernichtenden Angriff 1942 hat die Schubertstraße offenbar zumindest in Teilen noch überlebt. Die Großeltern und Mutter mit mir müssen dort bis zur Flucht aus Ostpreußen im Oktober 1944 noch gewohnt haben. Eine andere Adresse ist nie genannt worden.
Durch Kaliningrad führte uns eine sehr kenntnisreiche und geschichtskundige Führerin, Frau Irina. Mit ihr kam ich ins Gespräch. Am nächsten Tag zeigte sie mir einen Stadtplan von Königsberg aus den Nachkriegsjahren, in dem eine Schubertstraße verzeichnet war. Frau Irina berichtete aber gleichzeitig, dass die Straßenführung mit der Vorkriegszeit nicht identisch sein müsse, denn zwar wurde wieder aufgebaut, aber nicht nach den einstigen Stadtplänen. Nachdem zu Sowjetzeiten in den 50-iger Jahren verschiedene Teile neu errichtet worden waren, riss man das gesamte Gebiet, wenn ich ihre Worte richtig verstanden habe, in den 70-iger/80-iger Jahren wieder ab, um dann auf den platt gemachten Flächen einen neuen Stadtteil hochzuziehen, dessen Konzept weder mit dem vorangegangenen sowjetischer Machart noch weniger mit dem der Vorkriegszeit etwas gemein hatte. Angeblich hätte es anfänglich noch eine Schubertstrasse gegeben, die wurde dann aber in Tschaikowsky Straße umbenannt, und als solche ist sie in den heutigen Plänen verblieben.
Selbst wenn ich der Illusion nachgegangen wäre, unsere ehemalige Adresse und Umgebung zu finden, nach dieser Erfahrung hätte ich sie endgültig begraben. Mit den letzten Resten des Königsberger Schlosses hatte die Sowjetmacht genau das getan, was sie mit der gesamten Stadt gemacht hatte. Die gesamte Fläche planiert und etwas völlig anderes darauf gebaut. Bei der Stadtführung erfuhr ich doch tatsächlich, dass man sich nun jedoch in Kaliningrad überlegt, das ehemalige Schloss genau da wieder aufzubauen, wo es einst gestanden hat. Das wäre eine Wiederholung dessen, was mit dem Dom schon geschehen war. Auch der war fast völlig zerstört, und Ruinenreste rotteten über Jahrzehnte weiter vor sich hin. In den 90-iger Jahren hat man den Dom originalgetreu wieder aufgebaut. Und es ist noch nicht so lange her, dass man ihn nun auch wieder besichtigen kann. Er ist keine Kirche mehr. Im nach wie vor sowjetisch-atheistisch geprägten Russland fand ich es ohnehin höchst erstaunlich, dass ein sakrales Bauwerk – noch dazu des Erzfeindes – wieder aufgebaut wurde. Der Innenraum wird für diverse kulturorientierte Veranstaltungen genutzt.
Das berühmte Kant-Denkmal, eine Art geistiges Denkmal der Stadt, wurde schon von Gräfin Dönhoff hergerichtet und aufgestellt. Sie befand schon damals: Königsberg ohne Kant, das geht gar nicht, aber auch Kaliningrad ohne Kant, so befanden die Bürger, geht ebenfalls nicht. Geboren 1724 verbrachte der Forscher und Philosoph fast sein ganzes Leben in dieser Stadt und lehrte viele Jahre an der Albertus Universität. Er starb 1804 in dieser, seiner Geburtsstadt. Alles hätte ich in dieser Stadt erwartet, nicht jedoch die unverkennbare Deutschfreundlichkeit, wenn nicht gar Anerkennung und einen gewissen Stolz über das Erbe einer trotz allem bemerkenswerten Vergangenheit. Neben Englisch ist Deutsch die wichtigste Fremdsprache.
Kaliningrad ist natürlich auch wieder eine Universitätsstadt. Als Lehrinstitution ist sie in Russland sehr geschätzt und bei den Studenten sehr beliebt. Seit der 750- Jahrfeier vor einigen Jahren führt sie auch wieder den Stadtgründer, Herzog Albertus, in ihrem Namen. Wenn es nach der Studentenschaft ginge, würde die Stadt auch wieder ihren alten Namen, also Königsberg, tragen. Ich hatte mich ausdrücklich und bewusst darauf eingestellt, in meiner Geburtsstadt nicht nach der Hauptstadt des Königreichs Preußen und all dem, was für Preußen und seine Bedeutung in der deutschen Geschichte steht, zu suchen. Wer das tut, sucht vergeblich.
Die Stadtrundfahrt demonstrierte gewiss keine schöne Stadt. Man sah an allen Ecken, dass sie aus Notwendigkeit und Gründen der Zweckmäßigkeit ziemlich lieblos hochgezogen wurde. Nach dem Krieg wurde zunächst und vor allem Wohnraum benötigt. Künstlerische Vorstellungen über die Gestaltung desselben blieben dabei vollkommen auf der Strecke. Mit solch überflüssigem Gedankengut gab sich die sowjetische Führungsmacht ohnehin nicht ab. Die Hässlichkeit der 50-iger und 60-iger Jahre-Bauten ist kaum zu überbieten – und ihre Haltbarkeit und Beständigkeit lässt wohl auch zu wünschen übrig. Wie anders ließe es sich sonst erklären, dass zwei riesige bauliche Ungetüme, eins davon der einstige Kulturpalast, zu Bauruinen verkommen und mit bröselnden Wänden, eingeschlagenen und anderweitig geborstenen Fensterscheiben das ohnehin nicht schöne Stadtbild noch mehr verschandeln? Nach neusten Plänen der Stadtverwaltung soll wenigstens das eine restauriert werden. Wirkliche Überbleibsel aus dem Krieg, wie Trümmergrundstücke, findet man nicht mehr – ich habe zumindest keine gesehen. Es gibt neben den schon wieder renovierungsbedürftigen „Neubauten“ aus den 70-iger und 80-iger Jahren vereinzelt verfallene und vor sich hin rottende Häuser, deren Putz längst abgeblättert ist, die aber bewohnt sind. Wo die Altbauten aus dem roten Backstein gebaut wurden, lassen sich die nachträglich angewandten Erhaltungsmaßnahmen gut erkennen. Ausbesserung ist mit diesem Baumaterial deutlich einfacher als mit anderen – und bedingt preiswerter! – weil die Renovierung in Raten stattfinden kann, solange eben das Geld reicht.
Die Stadtrundfahrt führte auch an dem einen und anderen noch aus der Vorkriegszeit erhaltenen Gebäude vorbei. Da sind zunächst zwei Stadttore, original in Backstein wieder aufgebaut. So stehen sie auch wieder an ihrem angestammten Platz als Einlasstore der einstigen Stadtmauer. Leider habe ich nicht notiert, welche es sind. Desweiteren führte die Strecke am Nordbahnhof vorbei, der zu gegebener Zeit ein Verkehrsknotenpunkt gewesen sein muss, und einer Schule, eine Gewerbeschule – oder anders ausgedrückt, wie es unser Reiseführer später erklärte: Klops-Akademie. Die letztere Deutung für diese Art Lehrkörper kannte ich bis dato noch nicht, aber die Gewerbeschule ließ mich aufhorchen, zumal sie auf mich den Eindruck eines Überbleibsels aus den 30-iger Jahren machte. Ich fragte unseren Herrn Tycner, und er bestätigte, dass es die Schule schon ausgehend der 20-iger Jahre gegeben hätte. So fand ich wenigstens eine Spur von Mutter. Nach dem Lyzeum schickten die Eltern sie auf diese Schule, damit sie Haushaltsführung und Kochen lernte – unabdingbare Kenntnisse für eine spätere Ehefrau und Mutter.
Auch eine Zeitungsredaktion stand auf unserem Besuchsprogramm. Wir trafen dort einen Mitarbeiter und Übersetzer des Königsberger Express, eine regelmäßig in deutscher Sprache erscheinende Lokalzeitung. Ich fragte mich später und immer noch, wie diese Zeitung bei der Führung heute leben kann und dabei drei Menschen ernährt – die beiden Besitzer, die das Geschehen ausschließlich bestimmen, und der Übersetzer. Da es schon seit vielen Jahren auf diese Weise funktioniert, müssen die drei wohl den modus vivendi gefunden haben. Ein Weltblatt wird nicht mehr daraus werden.
Verzweifelt versuchte ich einige positive Aspekte über diese Stadt, in der ich in einer schlimmen Zeit geboren wurde, zu erkennen. Aus dem Strauß der Erinnerungen meiner Mutter nehme ich einen Gedanken auf: die Nähe zur Ostsee mit all den Freizeitfreuden, die sie den Menschen bot und erst recht heute wieder bietet. In den 20-iger und 30-iger Jahren bis in die Kriegszeit hinein verbrachte man die Ferienmonate an der See. Großvater mietete dafür jedes Jahr bei einer Fischerfamilie in Cranz ein Zimmer, nicht etwa eine Ferienwohnung. Drei Monate im Sommer waren das normalerweise. Mit dem Schulbeginn kehrte die Familie nach Königsberg zurück. Mutters Sommer spielte sich somit am Strand von Cranz ab. Aus ihren Erinnerungen und Erzählungen war vor meinem inneren Auge ein Traumbild jenes Städtchens Cranz entstanden. Ich gestehe, was sich mir heute bei der Zufahrt auf diesen für Polen so bedeutenden Ferienort bot, entsetzte mich. Eine Ansammlung sämtlicher geschmacklicher Verirrungen und fehlgesteuerter Baumaßnahmen aus den 60-iger/70-iger Jahren, wie sie von fast allen Stränden Europas bekannt sind. Hier findet man sie in geballter Ladung nochmals wieder. Dämliche Frage an mich selbst: wie konnte ich etwas anderes erwarten?!
26. 05.
Auf dem Weg zur Kurischen Nehrung folgten noch die anderen bekannten Seebäder, wie Rauschen, Rossiten, (Besuch und Führung durch die Vogelwarte war natürlich Programmpunkt und überaus interessant), Nidden. Welche Erleichterung – hier hatte die Tourismuskeule noch nicht angesetzt, und vor allem in Rauschen fand ich ein Traumziel vor. Zugegeben, der Ort blieb von der Zerstörung und sonstigen Verwüstungen des Krieges verschont und bietet nach wie vor das Bild eines Kurortes der gehobenen Klasse; alte Parkanlagen, uralter Baumbestand, Vorkriegsvillen, gepflegte Häuser mit noch gepflegteren Vorgärten. Idylle! Ich hatte das Gefühl, mich in einem anderen Film zu befinden; auf jeden Fall hatte ein Szenenwechsel stattgefunden. Jederzeit würde ich dort privat meine Sommerferien verbringen – vielleicht plane ich sie sogar kurzfristig.
Ziel dieses Ausflugs war natürlich die Nehrung, vor allem der Teil mit den Wanderdünen. Um diese Verselbstständigung des Sands zu vermeiden, hat ein kluger Mensch vor gut hundert Jahren damit begonnen, sie mit Strandhafer und allerlei anderen geeigneten Tiefwurzlern zu bepflanzen, damit sie am Ort bleiben. Das tun sie nun tatsächlich. Der Weg vom Parkplatz zum Wasser, etwa anderthalb Kilometer, führte durch lichten Nadelwald. Man merkte, daß das Nahrungsangebot, selbst für diese an karge Böden gewohnte Art, ziemlich armselig sein muss.
Wir waren auf der Kurischen Nehrung, also der nördlichen Hälfte dieser beiden Landschaftsphänomene. Diesmal waren es nicht Mutters Erinnerungen, die zurückkamen, sondern Vaters Erzählungen über seine ersten Erfahrungen als junger Förster in den 30-iger Jahren. Die Försterei befand sich in einem winzigen Ort am nördlichen Zipfel der Nehrung, (leider erinnere ich den Namen nicht mehr). Nachdem ich die nähere Umgebung kennenlernen durfte und nachdem ich, wenn auch nur einen sehr kurzen Augenblick, einen Blick in das Leben hier werfen konnte, lässt sich Vaters Schilderung fast 90 Jahre später doch stückweise nachvollziehen. Hier liegt auch heute noch der Hund begraben, und damals wie heute sagen sich Fuchs und Has‘ gute Nacht. Ende der Welt – Ende der Zivilisation. Selbst die Tatsache, dass Vater noch kurz vor Dienstantritt geheiratet hatte, machte das Leben nicht leichter, eher schlimmer, vor allem für seine Frau, eine gebürtige Berlinerin, die dort auch bis zu ihrer Verheiratung gelebt hatte. Sie langweilte sich zu Tode und lief nach noch nicht drei Jahren ihrem Mann davon. Vater hat sich nie mit der Nehrung angefreundet, selbst die Tatsache, dass er hier seinen ersten Elch erlegt hat, war dabei kein Trost. So traumhaft ich diese Gegend und Landschaft finde, Vater muss sie in seiner erster Anstellung als junger Spunt/Pardon Förster auf der ersten Stufe seiner Beamtenlaufbahn als Strafversetzung betrachtet haben. Lange währte seine Verpflichtung dort ohnehin nicht, denn auch er wurde 1940 oder 1941 eingezogen, nahm am Russlandfeldzug teil, geriet in russische Gefangenschaft und landete 1947 in Thüringen. Seine Heimat hat er nie mehr gesehen, wollte es auch nicht.
Für den Touristen, vielleicht tatsächlich auf der Suche nach einem ruhigen, beschaulichen Plätzchen oder gar Rückzugsort in traumhafter Landschaft, ist diese Gegend ein Volltreffer. Im Sommer, wenn also wirklich Ferienzeit ist, herrscht hier möglicherweise auch Getümmel. Jetzt im Mai war all das Natur pur, gemäßigte Temperaturen, eine auffrischende Brise, die Dünung der Ostsee mit vereinzelten weißen Schaumkrönchen, also Windstärke zwischen 5 und 6, Traumstrand für kilometerlange Spaziergänge barfuß am Wasser entlang, wo man bei jedem Schritt bis zu den Knöcheln im staubfeinen weißen Sand versinkt.
Die bepflanzten Dünen darf man nur über bestimmte Stege angehen. Der erste Blick in die Weite, wenn man die Oberkante erklommen hat, ist unvergesslich. Der einzige Haltepunkt für das Auge ist die Strandlinie, die Buchten, in der Ferne eine vorgeschobene, bewaldete Landzunge, die ins Meer ragt. Um diese Zeit im Jahr waren die Strände noch völlig menschenleer, ausgenommen den einen oder anderen Spaziergänger. Szenen mit ausgiebigem Strandvergnügen, Discos, die hinlängliche Volksbelustigung gängiger Ferienzentren, wie Travemünde zum Beispiel, erschienen geradezu abartig, ein Albtraum.
Vorletzter Tag, 27. 05.

Kurische Nehrung (Ortrud Varenholz)
Kurische Nehrung (Ortrud Varenholz)

Mit anderen Worten noch ein Tag mit Programm. Der Vormittag war Friedrichstein gewidmet. Eine inzwischen verwildernde Auffahrtsallee empfing uns. Daß es kein Schloss mehr gab, war bekannt. Man stand auf 500/600 Jahre altem geschichtsträchtigem Boden. Das letzte Zeugnis dieser Vergangenheit wurde ganz gezielt und bewusst dem Erdboden gleich gemacht. Noch vor dem Ende des Krieges hatte es einen Brand im Schloss gegeben, der große Teile vernichtete. Was danach noch übrig geblieben war, wurde gesprengt. Bis heute ist das Schlossareal eine leere Fläche, davor der Teich, und dann die Zufahrtsallee. Von den Nebengebäuden gibt es noch den Pferdestall, der privat bewohnt wird. Nach Quittainen hatte man zumindest eine Vorstellung, wie es hier einmal aussah. Wieder schaute ich um mich und fragte mich zum zigsten Mal: Und? Was haben all die Zerstörungen gebracht? Wem haben sie genützt? Und wenn es einen Nutzen gab, welcher Art war er? Müßige Fragen. Und, wie in allen Fällen zuvor, keine logisch verständliche und nachvollziehbare Antwort, keine Erklärung.
Keine Besichtigung, kein Programmpunkt dieser Reise hat mich so deprimiert wie dieser Besuch in Friedrichstein. Dabei waren es doch nicht meine Verluste, nicht meine persönliche Vergangenheit, nicht mein Lebenslauf. In sehr verkleinertem Maßstab gibt es Ähnlichkeiten
in den familiären Schicksalen Tausender von Menschen, deren Wurzeln einst im Osten lagen, nicht zuletzt auch in unserer Familie.
Am Nachmittag, wie es sich noch erweisen sollte, ein Highlight. Frauenburg und sein Dom. Eigentlich müsste man die Reihenfolge umdrehen – der Frauenburger Dom und seine Ortschaft. Die Marienburg in zweiter Auflage, in etwas verkleinertem Maßstab. Was für eine Überheblichkeit der Kirche, was für ein überzogenes Geltungsbedürfnis einer Handvoll Kirchenhäuptlinge, die sich hier Domherren nannten. Ihrem größten Sohn verlieh die Mini-Stadt ein ehrendes Andenken und bereitete ihm seine Grabstätte an seinem Arbeitsplatz, seiner eigentlichen Wirkungsstätte, dem Dom. Geboren in Thorn 1473 hat Nikolaus Kopernikus jahrelang in Frauenburg gewirkt und gearbeitet, viele seiner Schriften sind im Laufe von fünfzehn Jahren hier entstanden und verlegt worden, und in Frauenburg ist er 1543 gestorben. Bei aller größenwahnsinnigen Maßlosigkeit, der man sich beim Anblick dieses überdimensionalen Bauwerks fast ausgeliefert fühlt, ist dies dennoch ein architektonisch und künstlerisch schöner Bau, erstellt in dem traditionellen Baumaterial dieser Gegend, dem roten Backstein, und der Innenraum besticht durch seine Schlichtheit und Sparsamkeit, ja Kargheit. Was Nikolaus Kopernikus angeht, so genoss dieser schon zu Lebzeiten Achtung und Anerkennung. Zahllose Besucher pilgerten im Laufe der Jahrhunderte zu seinem Grab. Im Weltkrieg hat der Dom schwer gelitten und war fast völlig zerstört. Bei einem der Angriffe wurde das Kopernikusgrab verschüttet und blieb über Jahrzehnte unauffindbar, trotz umfangreicher Grabungsarbeiten.

Frauenburger Dom (Ortrud Varenholz)
Frauenburger Dom (Ortrud Varenholz)

In den 90-iger Jahren mussten erneut archäologische Grabungen angesetzt werden, und dabei stieß man auf menschliche Knochenfunde und auch einen Schädel. Mit den heute möglichen Rekonstruktionsmethoden erhielt der Schädel schließlich ein Gesicht, das Abbildungen des Wissenschaftlers glich. Als Beweis konnte man es nicht anerkennen. Eine DNA-Probe musste her.
Zu Lebzeiten von Kopernikus und auch noch danach waren die Schweden auf ausgedehnten Raubzügen im norddeutschen Raum unterwegs und ließen alles mitgehen, was nicht niet- und nagelfest war. So fielen auch die wissenschaftlichen Sammlungen einem solchen Raubzug zum Opfer. Die Wirkungsstätte in Frauenburg wurde ausgeräumt. Die Unterlagen landeten schließlich in der Universität von Upsala und wurden dort sachgerecht aufbewahrt. Bei einer Sichtung der Schriften und sonstiger Bücher in jüngerer Vergangenheit (um das Jahr 2005 herum) fand man zwischen den Seiten der Folianten Haare, auch noch mit Wurzeln, die nur von dem stammen konnten, der sich einmal, vielleicht als Einziger, mit diesem Schriftgut beschäftigt hatte. Die DNA -Probe bewies, dass es sich tatsächlich um Kopernikus handelte. Zum zweiten Mal wurde der große Wissenschaftler und Philosoph im Dom zu Frauenburg beigesetzt.
Zum Dom gehört auch ein Turm, von dessen Plattform sich – wenn man sie denn erklommen hat – ein herrlicher Rundblick bietet. Auch ich habe es bis da hinauf geschafft und genoss die Aussicht natürlich doppelt, nachdem ich in Königsberg so kläglich aufgeben musste. Es ist in der Tat ein Rundblick von 360 Grad. Ausgerechnet an diesem Tag war das Wetter etwas diesig, und so blieben sowohl Klarheit als auch Fernsicht ein wenig eingeschränkt. Dennoch das Panorama war überwältigend.
Die malerische Lage des Städtchens und der milde Abend luden zu einem Abendspaziergang am Frischen Haff. Unbeweglich lag die Ostsee zu unseren Füßen. Die einzige Bewegung um uns her ging von den Mücken aus. Ich hatte die Absicht, noch die Mole anzusteuern und bis zum Ende vorzugehen. Die war aber bis fast zur Hälfte ihrer Länge von Schilf umgeben. Da hier schon Mücken in der Umgebung von steinigem Pflaster waren, würden sie einen dort buchstäblich auffressen. Dieser Ausflug unterblieb. Den Sonnenuntergang konnte man auch vom jetzigen Standort genießen. Die knallrote Scheibe hing zwischen Wolkenpuffs, so dass das Tieferrutschen gut zu beobachten war. Etwa gegen 21.30 Uhr entzog sie sich dann endgültig unseren Blicken und versank in den himmlischen Wolkenkissen.

Sonnenuntergang am Frischen Haff (Ortrud Varenholz)
Sonnenuntergang am Frischen Haff (Ortrud Varenholz)

28. 05.
Noch ein verkürzter Abschiedsrundgang durch Danzig, nochmals der Blick in mehrere der zahllosen Bernsteingeschäfte – und auch diesmal heroisch widerstanden. Bis zum Flughafen! Im Duty Free Bereich traf ich doch tatsächlich auf den nunmehr wirklich letzten Bernsteinladen. Dies hier war ein Juweliergeschäft. Ich wurde natürlich beim Besichtigen der Auslagen angesprochen und ließ mich bequatschen und mir auch eine kleine Auswahl von Ringen zeigen. Die Nr. 2 war es dann! Nachträglich muss ich sagen: mein Einkauf freut mich heute fast noch mehr als an dem Tag, an dem ich ihn tätigte. Eine Erklärung? Habe ich nicht. Es ist der perfekte Entwurf, die ideale Verbindung von Stein und Fassung und entspricht genau der Wunschvorstellung – sofern ich eine solche überhaupt hatte. Und ja, eine sentimentale Erklärung gibt es wohl – ich habe mir eine Erinnerung an das Land meiner Väter mitgebracht, wo dieser „Stein“ Jahrmillionen in der Erde ruhte und wahrscheinlich vom Meer den allerersten „Schliff“ erhielt.
Eingedenk dieser Dimensionen ist die dokumentierte Anwesenheit unserer Familie (1863) in diesem Teil Europas „nicht wichtiger als die einer Auster“ (nach einer Äußerung von David Hume 1711 – 1776).
 
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