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Iran – Auf den Spuren der Geschichte

Etwas skeptisch war ich als überzeugter Individualreisender noch bezüglich der Reiseorganisation. Nach 10 Jahren war es erst die zweite Gruppenreise für mich.

Die Reise sollte über mehrere Tage von Shiraz im Süden u. a. über Persepolis und Isfahan bis in den Norden nach Teheran führen. Gemäß unseres Reiseleiters Herrn Walter Weiss spiegelte diese Route die geschichtliche Entwicklung des Landes gut wider. Er und sein Kollege Mohammed, ein junger Iraner, der in Deutschland die Universität besuchte, aber auch beinahe alle Mitreisenden sorgten dafür, dass meine Skepsis sehr schnell verflog. Alle waren sehr herzlich und sympathisch.

Die Reisetage begannen bereits äußerst angenehm, wenn Herr Weiss mit einem täglichen Vers, oder “Wers”, wie er auf wienerisch zu sagen pflegte, eines persischen Dichters uns freundlich, wie beispielsweise nachfolgend im Bus begrüßte:

Ein freier Mann ist der, den die Beleidigungen der Menschen nicht schmerzen,
und ein Held ist der, welcher den Beleidigung Verdienenden nicht beleidigt.
Hafis Muhammad Schams ad-Din (1320-1390)

Da ich geschichtlich schon immer sehr interessiert war, erlebte ich die Busreisen als äußerst kurzweilig. Unser Reiseleiter Herr Weiss erläuterte uns während der Transfers zu den einzelnen Reisezielen spannend die historische Entwicklung Persiens bzw. des Irans. Vom Altertum, abfahrend in Shiraz, bis zur Neuzeit, ankommend in Teheran.

Ich hatte mich natürlich etwas in die Geschichte der Region und des Islams vorab eingelesen, aber erst seine Erläuterungen rundeten mein Verständnis ab. Viel deutlicher begriff ich jetzt die Gegensätze, die seit Jahrhunderten zwischen Sunniten und Schiiten bestanden. Der Ausgangspunkt hierfür war die in 680 n. Chr. stattgefundene Schlacht von Kerbela. Die Nachfolge des Religionsgründers Mohammed war nicht eindeutig geregelt, sodass es bereits früh in der Entstehungsgeschichte des Islams zu erbitterten Streitigkeiten unterschiedlicher Glaubensrichtungen kam. In der besagten Schlacht wurden Hussein, der Enkel des Propheten und seine Mitstreiter durch eine extrem große gegnerische Übermacht niedergemetzelt. Grob skizziert sieht die schiitische Glaubensinterpretation Hussein als einen der ihren an. Die beschriebene Übermacht entstand im Wesentlichen dadurch, dass Hussein von einem großen Teil seiner Anhänger im Stich gelassen wurde. Noch heute geißeln sich am Aschura-Tag zahlreiche Schiiten für die aus ihrer Sicht unermessliche Feigheit und Schande ihrer Vorfahren. Die teilweise für uns Westler sehr abschreckenden Bilder solcher Geißelungen lassen sich vor diesem sehr vereinfacht geschilderten Kontext, ein klein wenig besser einordnen, ohne sie jedoch gänzlich zu begreifen.

Auch woher der extreme Hass gegen Amerika kam, erschloss sich mir nach den Bus-Erläuterungen von Herrn Weiss etwas eingehender. Die USA, die insbesondere durch die Unterstützung des korrupten und verschwenderischen Schah-Regimes sich selbst in Misskredit bei der größtenteils verarmten Bevölkerung brachten, erbten zusätzlich stellvertretend die Wut, die ursprünglich die ehemaligen Kolonialmächte Großbritannien und Russland als Vorgänger Amerikas in der Rolle als Hegemonialmacht, provoziert hatten. Zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts genierten sich die beiden damaligen Großmächte nicht, den Iran wie einen Selbstbedienungsladen zu begreifen.

Neben der wirtschaftlichen Ausbeutung wurde den USA in den Jahren vor der Revolution noch zusätzlich die Verantwortung für die vollkommene Entartung der Sitten in einem mehrheitlich sehr frommen Land angelastet. Insbesondere der Betrieb von amerikanischen Sex Kinos in den Großstädten zog den extremen Hass vieler Strenggläubiger auf sich.

Herr Weiss war bei seinen Erzählungen im Bus, die geschichtliche, politische sowie kulturelle Aspekte beinhalteten, mit Leib und Seele dabei. Obwohl ich in Folge der Eindrücke bei den Besichtigungen oftmals bereits etwas müde zum Bus zurückkehrte, schaffte er es mit seiner spannenden Erzählweise immer wieder, dass ich lieber seinen Ausführungen zuhörte, anstatt mir ein kleines Nickerchen zu gönnen. Er zeigte auch keine Scheu, sich ab und zu selber ein wenig auf den Arm zu nehmen. In Teheran, dem Zielort unserer Reise, erreichte er mit seinen Erzählungen die Neuzeit. Wir hatten die Stadtgrenze bereits erreicht, als er sich plötzlich sehr mit seinen Darlegungen beeilte, was überhaupt nicht zu seiner ansonsten gemütlichen wienerischen Art passte. Etwa 10 Minuten vor Erreichen des Hotels kam er zum Abschluss. Dann erläuterte uns Herr Weiss, dass er diesmal deutlich vor dem Erreichen des Hotels fertig werden wollte. Bei einer vorherigen Reise beendete er seine Erzählungen nämlich erst mit dem Erreichen der Hotel-Auffahrt, woraufhin ihn der iranischen Busfahrer mit dem endlos redenden religiösen Führer Ali Khamenei verglich und ihn nur noch kopfschüttelnd bedauerte.

Bereits zu Anfang der Reise nahm ich auch selbst direkt wahr, dass sich der Iran in der Realität sehr deutlich von der westlichen Vorstellungswelt unterschied. Als ich durch die Straßen von Shiraz joggte, fiel mir u.a. die Sauberkeit der Umgebung auf. Außerdem sah ich nicht eine einzige Frau in einer Burka. Später in Isfahan kleideten sich die Frauen sogar dezent figurbetont und waren zum Teil geschminkt. Sicher, alle Frauen folgten in der Öffentlichkeit der Vorschrift ein Kopftuch zu tragen. Es war jedoch vereinzelt so lässig um den Kopf drapiert, dass es beinahe als modisches Accessoire angesehen werden konnte.

Der Unterschied der Lebensweisen und -verhältnisse im Vergleich zu einer demokratischen Gesellschaft wie in Deutschland ist weiterhin groß. Jedoch nicht so riesig wie in Saudi-Arabien, dem nach Israel „besten Freund“ des Westens im Nahen Osten. Dort haben sich beispielsweise die Frauen immer noch gänzlich zu verhüllen und sollten sie dies nicht vorschriftsgemäß tun oder sich gar figurbetont gekleidet und geschminkt in der Öffentlichkeit bewegen, erwarten sie extrem harte Strafen. Tiefer in die Verbotsliste einzusteigen, die sicher auch im Iran noch unfassbare Tatbestände umfasst und deren Bewertungen, steht mir als Nicht-Journalist jedoch kaum zu.

Bezüglich der Sehenswürdigkeiten beeindruckte besonders Isfahan! Als wir dort den riesigen Imam-Platz besichtigten, der nach dem Tian’anmen von Peking, der zweitgrößte Platz der Welt ist, war ich vor Begeisterung sprachlos.

Der rechteckige Platz war umsäumt von einer gepflasterten Straße, auf der Kutscher mit ihren einspännigen Gefährten analog den Wiener Fiakern ihre Transportdienste anboten. Die Pferde und die schwarzen Kutschen mit ihren roten Speichenrädern waren genauso gepflegt wie in der österreichischen Hauptstadt. In der Mitte des Platzes befand sich ein großes Wasserbassin mit Fontäne und die zahlreichen satt grünen Rasenflächen, bunten Blumenbeete und ordentlich geschnittenen Bäume sorgten beinahe für eine aristokratische Stimmung wie in einem mitteleuropäischen Schlossgarten.

Die orientalische Note des Platzes wurde durch den Basar und die Teehäuser geprägt, die sich in den Arkadengängen rund um den Platz befanden sowie natürlich durch die Moscheen.
Im städtischen Zentrum von Isfahan war die Bogenbrücke Si-o-se Pol, die den leider oftmals ausgetrockneten Fluss Zayandeh Rud überspannt, eine ausführliche Würdigung wert. Das besondere an der Steinbrücke war, dass sie einen direkten Zugang durch die Bögen bis an den Rand und folglich einen uneingeschränkten Blick erlaubte. Es existierten weder Geländer noch andersartige Absperrungen. Ein deutscher Beamter vom Ordnungsamt hätte bei einem solchen Anblick auf einer deutschen Brücke wahrscheinlich eine Rolle Flatterband aus seinem Dienstwagen geholt und großzügig für eine Sicherung der Brücke gesorgt.

Am 29. April 2015 führte der Fluss ausreichend Wasser und die Bewohner der Stadt nutzten den sonnenüberstrahlten Nachmittag, um auf der Brücke zu flanieren. Insbesondere eine Vielzahl modisch gekleideter junger Frauen kicherte und lachte an diesem Tag so unbeschwert, dass man sich beinahe an der Düsseldorfer Rheinpromenade mit ihren ausgelassenen jugendlichen Altstadttouristen wähnte. Ein Ereignis, das in Saudi-Arabien wohl noch in 50 Jahren kaum vorstellbar ist.

Unser anderer Reiseführer, Mohammed, begeisterte immer wieder die Damen der Reisegruppe mit seinem Charme und seiner Hilfsbereitschaft. Als er jedoch eine sehr persönliche Geschichte per Mikrofon der Busgemeinde mitteilte, erwarb er sich auch meinen uneingeschränkten Respekt.

Es begann mit der Erläuterung, dass es sich um eine Liebesgeschichte handele. In einem bestimmten Fach einer iranischen Universität war er Mitglied einer Arbeitsgruppe von 5 weiteren Männern und 30 Frauen. Diese große Gruppe wurde zur Bearbeitung eines Spezialthemas in 6 kleinere geschlechtlich gemischte Gruppen aufgeteilt. Auf einem Mann kamen folglich 5 Frauen. Und er, Mohammed, erwischte die Gruppe mit den seiner Ansicht nach schwierigsten Studentinnen. Insbesondere eine Teilnehmerin seiner Gruppe war dafür bekannt, dass sie „immer nur Ärger“ machen würde. Zudem sah sie auch nicht wirklich gut aus. Im Verlauf der Geschichte erwähnte Mohammed diesen Tatbestand immer wieder.

Nach einigen Tagen ergab es sich, dass die besagte Studentin in einen Buchladen musste, um für die Universität Lektüre zu besorgen. Mohammed bekam dies mit und fragte sie nett, ob sie ihm denn nicht ein bestimmtes Buch, das er unbedingt benötigen würde, mitbringen könne. Sie freute sich, dass sie ihm einen Gefallen erweisen konnte und Mohammed gab ihr ausreichend Geld im Voraus mit. Am nächsten Tag traf sich die Arbeitsgruppe wieder. Die Studentinnen saßen bereits an den Tischen. Mohammed kam als letzter in den Übungsraum und bemerkte, dass auf seinem Platz eine rote Rose lag. Dieser Anblick war ihm sehr unangenehm, da unter den Studentinnen ein albernes Getuschel und Gekicher losging. Er ließ die Rose ohne großen Aufhebens verschwinden und widmete sich sogleich dem Arbeitsthema. Am Ende der Übungsstunde ging die „schwierige und hässliche Studentin“ auf Mohammed zu und übergab ihm sein Buch sowie das Wechselgeld. Er bedankte sich höflich, bemerkte aber nach wenigen Augenblicken, dass die Studentin sich beim rückerstatteten Betrag verrechnet hatte und wie sie darauf hin. Die Studentin teilte ihm daraufhin wie selbstverständlich mit, dass sie ein Teil des Geldes doch für die Rose, die sie ihm geschenkt habe, ausgeben musste.

~ Klaus Schüßler, November 2015

Hier finden Sie die von Herrn Weiss begleitete ZEIT-Reise in den Iran >

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