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InSight BALTIKUM

Ja, wir haben Einsicht gewonnen, und zwar dank perfekter Organisation, ungetrübter Wetterbedingungen und eines absolut begeisterten und begeisternden Reiseleiters. Die 11-tägige ZEIT-Erlebnisreise 3-Länder 3-Kulturen übertraf alle Erwartungen. Oder haben Sie schon mal einen Reiseleiter erlebt, der vom Frühstück bis zum Nachtmahl (ja —mahl!) jeden Tag und die halbe Nacht, d.h. 14 Stunden Leiter, Lehrer und Betreuer für 16 Mitreisende über 1 1/2 Wochen sorgt und alle Fragen unermüdlich, eingehend und begeisternd beantwortet?

Dabei ging es um breite Themenkreise aus Historie, Kultur, Politik, Wirtschaft, Sprache, Mentalität 3er Jung-Europäischer Länder mit mindestens 6 Ethnien. Dieser Mann heißt Aleksej Burov, dem Namen nach ethnischer Russe, sprachlich mindestens 6-fach begabt, fachlich versiert in allen oben genannten Bereichen und rhetorisch nie ermüdend sondern bis zu 11 Stunden belebend.

WORÜBER ER NIE SPRACH, WAS ABER BESONDERS AUFFIEL:

In den drei Baltenstaaten springt zumindest jedem deutschen Großstädter die umfassende Sauberkeit in allen Städten und Orten des Baltikums auf: Da liegen und fliegen keine Zigarettenkippen, kein Pappbecher, kein Plastikbeutel, -wickler, -behältnisse herum, die Gehsteige und Hauseingänge sind nicht von Kaugummiresten verunziert, es fliegen und kollern keine Kunststoffflaschen herum, öffentliche Abfall- und Papierkörbe quellen nicht über, keine mit Abfall gefüllten Tüten stehen oder liegen an solchen Orten herum und es flattern keine Papiere, keine Zeitungen und Folien herum. Die Straßenränder sind blitzsauber und öffentliche Rasenflächen ebenfalls und sind zudem stets gemäht. Man sieht keine herumlungernden, ungepflegt wirkenden und öffentlich trinkenden Menschen, weder auf öffentlichen Plätzen noch in Nebengassen. Auch geht niemand provokant abgerissen oder grell dürftig bekleidet als Tattoos zeigender Outsider herum. Dabei haben die Balten kaum mehr als ein Drittel unseres Durchschnittseinkommens.

Ob es damit zusammenhängt, dass es in diesen Staaten – mangels Staatseinkommens – nur 6 Monate lang Geld bei Arbeitslosigkeit gibt und so jeder gezwungen ist danach irgendeine Arbeit anzunehmen – auch “unterwertige” wie öffentliche Reinigungsarbeiten.

Tagesproduktion eines Schindelmachers in Litauen (Waltraut Mayer)
Tagesproduktion eines Schindelmachers in Litauen (Waltraut Mayer)

In Estland stand uns gar ein Superminister (3 Amtsbereiche wie Verteidigung, Inneres und Finanzen!) über 2 Stunden lang für alle Fragen – auch sensible wie die nach der russischen Einflussnahme und Minderheitenpolitik – zur Verfügung. Der Mann sprach bzw. verstand außer Estnisch auch Russisch, Englisch und Deutsch. Am Schluss erklärte er uns, dass die Regierung auch bei sich selbst harte Sparmaßnahmen ergriffen habe, um den Staatshaushalt ausgeglichen zu halten – als Beispiel nannte er, dass er ein weiteres Ministerium übernehmen müsse und die Regierung halbiert werde. In der sitzen übrigens wie im Parlament Vertreter jeder ethnischen Minderheit – also auch Russen.

In allen 3 Ländern fiel uns auf, wie sehr sich die Politik um den Erhalt und die Nutzung ihres geschichtlichen Kulturerbes kümmert, gleichgültig, ob es aus polnischer, deutscher, russischer oder schwedischer Fremdherrschaft stammt. Das schließt Musik, Literatur, Architektur und wirtschaftliche sowie landwirtschaftliche Strukturen und Besitze ein.

Jedes dieser Länder versucht erfolgreich, sich eine spezielle Nische in der europäischen bzw. sogar Weltwirtschaft zu erarbeiten. So führt Lettland in der internationalen Zahlungsverkehr-Informatik, ein anderes Baltenland in der Lasertechnik und Glasfaseroptik. Allen gemeinsam ist ein außerordentliches Bemühen und staunenswerter Standard für den Fremdenverkehr, wozu auch solche beispielhaften Fremdenführer gehörten, wie wir erlebten. Das alles wirkt im Grunde schlicht aber gediegen, skandinavisch designed aber praktisch, kulturell vielfältig aber eigenständig, politisch bescheiden aber geschickt. Jeder arbeitet an einem “Alleinstellungsmerkmal”:
Litauen mit der Hafenstadt Klaipeda als Logistikzentrum des Ostens, Riga mit seinem Weltkulturerbe, dem absolut eindrucksvollen, liebevoll restaurierten Jugendstilviertel,
Estland mit seinen einzigartigen stimmungsvollen Naturparks und Baudenkmälern aus dreifacher militärischer, kultureller und religiöser Vergangenheit und Vielfalt.

Beispiel für die Prakmatik, mit der die Esten ihre einzigartige Sprache an Begriffe anpassen. (Waltraut Mayer)
Beispiel für die Pragmatik, mit der die Esten ihre einzigartige Sprache an Begriffe anpassen. (Waltraut Mayer)

 

Wenn man bedenkt, dass alle drei Baltenstaaten miteinander keine sprachlichen Verwandtschaften haben und erst in jüngster Zeit – mit Ausnahme Litauens – ihre Eigenstaatlichkeit errangen, dazu mindestens dreimal in ihrer Geschichte unter Fremdherrschaften von Deutschen, Schweden und Russen standen und somit sprachlich, religiös, kulturell und wirtschaftlich dominiert wurden, ist ihr heutiger Status an Eigenständigkeit mehr als erstaunlich. Dabei sind allerdings die Litauer ein besonderer Fall, denn sie haben immerhin in der spätmittelalterlichen Vergangenheit ein Großreich über Polen und Weißrussland geführt und sind sowohl das flächen- als auch bevölkerungsreichste Land im Baltikum. Außerdem haben sie die seltenste Berufsart – nämlich den Bernsteinfischer. (Während die Russen auf der Kurischen Nehrung den Meeresboden aufbaggern, stehen die Litauer auf der Nehrung bei stürmischer Brandung im Ostseerand und fischen mit Netzschwung die aufgewirbelten Harzbrocken ein.).

Ich bin glücklich, diesmal nicht in den Süden, sondern in den Norden gereist zu sein.

~ Jürgen Diercks

Die ZEIT-Reisen ins wunderschöne Baltikum finden Sie hier

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