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Der Körper denkt mit

Auf dem Château d’Orion im Südwesten Frankreichs veranstaltet eine deutsche Schlossherrin Denkwochen. Dabei kommen philosophisch aufgelegte Gäste stilvoll und zwanglos ins Gespräch

Im Südwesten Frankreichs, im acquitanischen Hinterland der Pyrenäen, zwischen Pau, der Hauptstadt Navarras und der Atlantikküste von Biarritz, steht auf einem Hügel seit 500 Jahren ein Herrenhaus. Château d’Orion heißt das dreistöckige robuste Gebäude aus hellen Steinquadern, zum Schloss hat es sein Name geadelt.

Und jetzt kann man »Denkwochen« buchen. Denken im Schloss? Die einschlägigen Dienstleistungen fürs Wohlbefinden sind hier nicht zu haben, Fortbildung im üblichen Sinne findet nicht statt, politische Belehrung fällt aus, ökologische Nachhilfe wird nicht erteilt, Naturerkundung mit Anleitung ist nicht das Thema, mit Esoterik wird anderswo Geld verdient. Fernseher gibt’s gar nicht.

Hier will überhaupt niemand den Angereisten für sein Geld pädagogisch beglücken, hier wird einem der Luxus nicht angedient. Und doch kommt man mit der Erfahrung von Luxus zurück. Die Natur, die Kunst, die Politik, die Geschichte, die stilsichere Schönheit des Hauses, eine königliche Küche, die Ruhe und die anderen Menschen haben das ihre dazu beigetragen: alles in allem un coup de chance, das klingt nicht süßlich wie Glück.

Nichts ist hier süßlich. In der Ferne zeichnen die Pyrenäen ihre Silhouette in den Horizont, die menschenarme Gegend davor gewinnt ihre Struktur durch Weinberge, Wälder, Weideland, einzelne Gehöfte, wenige Wege, oft hängt Nebel über dem rauen Land. Unter der gewaltigen Plantane vorm Schloss sitzt bei einer Karaffe Wasser die Erfinderin des heutigen Château d’Orion am Tisch und zieht immer mehr staubige Manuskripte aus alten Kisten, während sie erzählt und erzählt, was sie hierhin verschlagen hat.

Elke Jeanrond ist, und das scheint sie immer noch zu überraschen, heute die Schlossherrin von Château d’Orion, das sie im Zustand des Verfalls kaufte, um es aufzuarbeiten, mit den eigenen Händen, denen der Familie, vieler Leute aus der Gegend: damit »wir die Welt bis zur Kenntlichkeit verändern, wie Ernst Bloch sagt«.

Sie hat fast nichts dazugekauft, fast nichts weggeworfen, sie hat nur Stück für Stück das im Schloss Vorfindliche entdeckt und instand gesetzt. Jedes der großzügigen Zimmer trägt eine eigene Handschrift. Elke Jeanronds Ressource ist einerseits eine seit 27 Jahren glückliche Ehe samt Kindern, die mithelfen, und andererseits ein Batzen Geld, der ihr durch das Familienerbe ihres Mannes in die Hände fiel. Ihr Mann überließ ihr das Geld, um ein Schloss anzuschaffen, das zum Spielraum für eine Region werden könnte, die Belebung, Arbeit, Perspektive dringend braucht – nur einen Business-Plan, meinte er, solle sie aufstellen, und das hat die gelernte Geisteswissenschaftlerin Jeanrond, deren intellektueller Ziehvater der große Soziologe Pierre Bourdieu, der Theoretiker sozialer Ungleichheit, ist, dann mit zusammengebissenen Zähnen und viel Expertise von Dritten getan.

Bis sich der Traum irgendwie zu rechnen versprach. Zahlende Gäste könnten kommen, um das Schloss samt seiner Idee künftig am Leben zu halten. »Denkwochen« würden sie buchen, Wochen, in denen eine Gruppe von Leuten aller Generationen, Berufe und Herkünfte miteinander ein Thema und die Gegend erschließen, angeleitet durch namhafte Kenner der Materie, bewirtet nach den Finessen der einheimischen französischen Kochkunst, gesprochen würde Deutsch. Eine Studentin müsste dabei sein, die, statt ihre »Denkwoche« zu bezahlen, eine Woche hier arbeiten würde. Nachbarn aus der Gegend kämen dazu. Und daraus würden sich vielleicht neue Perspektiven, Metamorphosen ergeben, wer weiß.

In der Ferne, an der Grenze zu Spanien, liegt Roncevalles, der Ort, an dem der sagenhaft allzu stolze Roland den Kampf gegen die Sarazenen mit seinem Heldenleben bezahlte, als das Heer Karls des Großen umkehrte und die so genannten Heiden zurückschlug. Hier, am Schloss entlang, läuft auch der Jakobsweg, der die Pilger seit tausend Jahren durch den Staub, an Feigenbäumen vorbei, über die Pyrenäen nach Santiago de Compostela führt.

Geschichte, Geschichten, und die Scheune des Schlosses quillt über von Dokumenten. Eine Bibliothek müsse dort entstehen, sagt der Dachdecker Martin Becbeider, der hier mit seiner Frau, einer Biologin, das Dach instand gesetzt hat und gerade den Kamin repariert. Eine Bibliothek für die ganze Region: »Eigentum kaufen und abschließen, das kann jeder, der Geld hat. Aber hier wird das Eigentum nützlich gemacht. Das ist die Kunst.«

Résistance und Kollaboration, Katholizismus und Protestantismus, Christentum und Islam, Reich und Arm, Spanien und Frankreich, Gebirge und Meer, Kunst und Politik, Handwerk, Bildung und Landwirtschaft: An diesem Ort verbinden und trennen sich Linien, deren Erkundung Wochen, Monate, Jahre brauchte und die sich in der Geschichte der Schlossbewohner spiegeln.

In eine unvermeidliche Werbung für dieses Château hat jemand geschrieben, hier gäbe es »Urlaub, der inspiriert«, da möchte man aber gern einen anderen Vorschlag machen: Hier gibt es Wald, darin zahllose Steinpilze, und wer sie findet, hat sie vielleicht gar nicht gesucht, sondern ist nur in den Wald aufgebrochen. Es sind aber erstaunlicherweise genug da für alle.

~ Elisabeth von Thadden | 2005

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