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Born to be wild – Ostpreußen kann ganz anders sein

Ich bin bestimmt nicht sentimental. Doch bei dieser Reise – von Vilnius in Litauen über Kaliningrad in Russland nach Danzig in Polen – gab es immer wieder Momente, Stimmungen, Eindrücke, die mich nicht kalt gelassen haben, die mich sehr berührt haben. Unter ganz unterschiedlichen Aspekten.

Dabei spielte auch eine Rolle, dass wir nicht mit Auto oder Bus durchgebraust sind, sondern mit dem Rad unterwegs waren. Bei dieser Art zu reisen ist man mittendrin, sieht, riecht, hört und fühlt. Man erlebt – und lässt nicht nur einen Film ablaufen.

Memelland

Ostpreußen war für mich immer ein Landstrich, der eigentlich gar nicht mehr existierte, der irgendwie von den Karten dieser Welt getilgt war, mehr blasse Erinnerung in den Köpfen alter Leute als Realität. Wer von Ostpreußen träumte und der verlorenen Heimat nachtrauerte, galt als verschroben, altmodisch, gestrig. Doch das Gebiet ist lebendig, es heißt nur nicht mehr Ostpreußen, und es wird nicht mehr von Deutschen bewohnt. Aber den Wäldern, den Wiesen, den stillen Seen und verträumten Flüssen, den Wellen, die an die weiten sonnigen Strände schlagen, ist das egal …. Und wer weiß: wäre Ostpreußen ein Teil des heutigen Deutschlands, dann würde es dort sicher ganz anders aussehen. Beton, Reklame, Autoflut, Asphaltbänder ohne Ende. Doch so, wie es ist, hat zumindest der russische Teil Ostpreußens, oder sagen wir besser das Kaliningrader Gebiet, die Kaliningradskaja oblast’, viel von seiner Natürlichkeit bewahrt, von seiner landschaftlichen Schönheit, von seiner Unschuld. Und so erscheint uns ein Besuch dort wie eine Reise zurück in eine andere Zeit.

Dabei ist das aktuelle Ostpreußen überhaupt nicht altmodisch oder verblasst. Es ist ein Ort, an dem sich Deutschland und Russland ganz nahe sind. Deutschland und Russland, diese guten alten Freundinnen, die es sich dann so entsetzlich schwer gemacht haben miteinander. Und als die russische Stadtführerin, die uns das moderne Kaliningrad und die Reste des alten Königsbergs zeigt, am Ende der Tour sagt „Lasst uns Freunde bleiben“, da ist das mehr als eine Abschiedsfloskel. Viel mehr.

Überhaupt Kaliningrad, die lange Zeit unerreichbare Stadt. Sie ist für mich der Höhepunkt der Reise – und eine große Überraschung. Von Königsberg sei nicht viel übriggeblieben, hieß es zuvor. Das trifft auf den alten Kern auch zu. Da ist zwar der Dom wieder aufgebaut, wenn er auch nicht mehr als Kirche fungiert, und auch einige wenige andere Bauwerke wie das Königstor oder die Bastion Grolman existieren noch, teilweise sorgsam restauriert. Es sind Solitäre, die alten Bauten bilden kein Ensemble mehr. In den Außenbezirken jedoch sind sogar noch erstaunlich viele schöne Häuser aus deutscher Zeit erhalten.
Das neue Kaliningrad sei furchtbar hässlich, hieß es zuvor. Finde ich nicht. Sogar manche der viel geschmähten Plattenbauten weisen interessante architektonische Details auf, und einige der ganz neu errichteten Gebäude am Fluss Pregel könnten genausogut in den USA stehen. Kaliningrad ist eine sehr grüne Stadt, mit vielen Parks, mit den architektonischen Einsprengseln der deutschen Vergangenheit, und macht ebenso wie die Umgebung den Eindruck, zu prosperieren. Städtebaulich gelungen, finde ich, ist das neu erbaute „Fischdorf“ am Pregel, ein Ensemble von Häusern, die mit unterschiedlichen Baustilen die Vergangenheit nachahmen.

Unser Eintrittstor zu Russland ist Tilsit, wenig einfallsreich „Sovetsk“ genannt. Wir kommen aus Litauen, radeln auf die kleine doch berühmte Luisenbrücke zu, die die Memel überspannt und die Grenze markiert. Die Memel, diesen deutsch-verklärten Fluss, der doch einfach nur schön und naturbelassen ist. Wir kommen aus der EU und gehen nach Russland. Vor 1918 hätten wir hier Russland im Rücken gehabt. So ändern sich die Zeiten, immer wieder …

Das kleine Tilsit, ein unaufgeregtes, liebenswertes Städtchen, pflegt mittlerweile die deutsche Vergangenheit, aber auch die sowjetische. Der Name macht Wortspiele möglich. An der Post steht „sovetskij potschtamt“ – das kann man mit Postamt der Stadt Sovetsk übersetzen, aber auch mit „sowjetisches Postamt“. Und das Hotel „Rossija“ ist analog dazu in der Namensergänzung „sovetskij“. Das passt. Zu den Gestaltungselementen im Innern gehört beispielsweise eine Fototapete, die einen freundlich blickenden Leonid Breschnew zeigt, den früheren sowjetischen Staatschef. Vor dem Hotel erstreckt sich der Leninplatz mit dem Standbild des Gründers der Sowjetunion – aber auch mit einem erst kürzlich aufgestellten Straßenbahnwagen aus deutscher Zeit. Der zeigt in seinen Fenstern eine Kollektion alter und neuerer Fotos. Aus dem deutschen Tilsit, dem sowjetischen Sovetsk, dem nachsowjetischen Sovetsk. Alles ist da.

Auch Gustav übrigens, ein paar Meter weiter. Gustav ist ein riesiger Elch aus Bronze, 1928 aufgestellt. Nach dem Krieg wurde er nach Kaliningrad transportiert und dort im Zoo abgestellt, 2006 kehrte er zurück nach Tilsit, wenn auch nicht ganz genau an seinen alten Standort.

Lenin hat so einiges im Blick, beispielsweise einen erst kürzlich auf „seinem“ Platz aufgestellten Wegweiser, der die deutschen und die russischen Namen der Straßen zeigt, die hier zusammenliefen. Und so erfährt der Besucher, dass die große Einkaufsstraße „Ulitsa pobedy“ mit den vielen schönen alten Häusern früher Tilsits „Hohe Straße“ war.

Übrigens: John Kay ist in Tilsit geboren, 1944. John Kay? Klar: Sänger der legendären Band „Steppenwolf“, die 1968 das Lied aufnahm, das zur Identitäts-Hymne einer ganzen Generation wurde: Born to be wild. Was wäre der Kultfilm Easy Rider ohne diese Musik? An eine solche Zukunft hatte Elsbeth Krauledat nicht gedacht, als sie sich mit ihrem Baby Joachim Fritz aus Tilsit auf die Flucht nach Westen begab.

Ostpreußens Landschaft ist nicht nur geprägt von „dunklen Wäldern und kristall’nen Seen“, wie es die Heimatvertriebenen in ihrer Hymne besingen, sondern unter vielem anderen auch von der Kurischen Nehrung, diesem schmalen Landstreifen zwischen Haff und Ostsee. Auch wer viele Strände dieser Welt kennt, ist beeindruckt, wie schön und wie schön südlich die Ostsee sein kann. Einfach nur ein Traum von Sonne, Sand und Wasser, von der Leichtigkeit des Lebens. Oder ein bisschen „Easy Rider“.

Kurische Nehrung

Wir haben Glück auf unserer Reise in diesem August, bei der sich das vage Bild vom alten Ostpreußen immer mehr verändert. Das Land wirkt jung, es wirkt strahlend – nicht nur wegen der gleißenden Sonne und der flirrenden Hitze. Was wir sehen, passt nicht so recht zu den alten Fotos, die die Tristesse des Krieges und der Flucht zeigen. Aber irgendwie doch.

Hier geht es zur Reise “Ostpreußisches Bilderbuch”.

 

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