Prolog

Auf der neuen Seidenstraße

Als Kulturbotschafter der ZEIT auf Expedition im Bus von Shanghai nach Hamburg

Am 29. Juni 2017 ist unsere einmalige Kulturexpedition mit der individuellen Anreise der ZEIT Reisenden gestartet. Denn es ist endlich wieder soweit, die große Reise auf der neuen Seidenstraße kann nun endlich beginnen!

Das Reiseziel nach über 13.000 Kilometern, 52 Tagen und 37 Etappen ist Hamburg, Deutschlands weltoffene Hansestadt. Maximal 26 ZEIT-Reisende fahren in einem modernen und großräumigen 5-Sterne-Luxusbus mit allem Komfort über Kirgisistan, Usbekistan, Kasachstan, Russland, Weißrussland auf der neuen Seidenstraße bis nach Hamburg.

In der Blütezeit der Seidenstraße vor über tausend Jahren wurden Seide, Porzellan und Gewürze global gehandelt. Nach Jahrhunderten der Vergessenheit wird die Seidenstraße von China wiederbelebt und steht erneut im Fokus globaler Aufmerksamkeit. Wo früher Kamelkarawanen jahrelange und beschwerliche Reisen zwischen Europa und Asien auf sich nahmen, entstehen heute neue Autobahnen, Pipelines und Eisenbahnnetze für die modernsten Hochgeschwindigkeitszüge der Welt. Sie werden Zeitzeuge auch dieser Entwicklung. Die Teilnehmer übernachten in ausgesuchten 4- bis 5-Sternehotels und werden auf der gesamten Strecke von einer Reiseleitung der ZEIT und unseres Partnerveranstalters China Tours begleitet. Langjährige Korrespondenten und Redakteure der ZEIT wie Johannes Voswinkel und Alexander Sambuk, der Asien-Spezialist Walter Weiss sowie weitere Experten vermitteln Ihnen in Vorträgen und Gesprächen auf wichtigen Teilstrecken ihr Wissen über Geschichte und aktuelle Entwicklungen. Vielerorts werden unserer Kulturexpedition unterwegs hochkarätige Empfänge durch unsere Gastgeber bereitet.

Begleiten Sie uns hier im Blog auf ein einzigartiges Abenteuer: Die neue Seidenstraße!

PS: Bereits am 29. Juni haben die ZEIT-Reisenden auf dem Hinweg von Hamburg nach Shanghai begeistert und unversehrt den Endpunkt ihres großen Abenteuers erreicht. Ihre Eindrücke und Erlebnisse haben Sie ebenfalls in Ihrem Reiseblog festgehalten. Lesen Sie hier mehr dazu!

Route
Image
Tag 53

Hamburg

Empfang in Hamburg, Hotel Atlantic

„Liebe Mitreisende,
lieber Holger, lieber Jens und lieber Daniel als Chauffeure,
lieber Walter als ständiger Reiseleiter,
sehr geehrte anwesende Damen und Herren!

Da sind wir wieder! Eine Gruppe von 25
– Reiselustigen
– am Zeitgeschehen Interessierten
– Zukunfts- und Neu-gierigen
– Kulturinteressierten;
– Personen unterschiedlichster Herkunft.

Zurück von einer Busreise über 53 Tage von Shanghai nach Hamburg auf der Neuen Seidenstraße, auf der Alten Seidenstraße und auf der Trasse für eine eventuell zukünftige Seidenstraße.

Ungefähr die Hälfte der Reise führte uns durch China
– mit Megastädten
– mit Straßen in bis zu sechs Etagen übereinander, wie z.B. an unserem Startort in Shanghai,
– mit Autobahnen in bestem Zustand, vier- und sechsspurig vom äußersten Osten unserer Tour in China, auch durch Wüstenlandschaften, z.B. die Taklamakan-Wüste, bis zum westlichsten Teil im Uiguren-Land mit Kashgar als Endpunkt in China.

Dann wunderschöne Landschaften in Kirgistan mit über 7.000m hohem Gebirge, z.B. dem Peak Lenin mit 7.134m.

In Usbekistan unbefestigte Straßen über hunderte Kilometer – unterbrochen von weltweit einzigarten Kulturdenkmälern in Buchara, Samarkand, Khiva mit ihren Medresen, Moscheen, Palästen, aber auch Märkten und Bazaren.

Süd- und Westkasachstan mit weiten flachen Wüsten und Steppen. Grüne und flussdurchzogene Landschaften in Russland, Weißrussland und Polen.

Überall haben wir offene, wissbegierige sehr nette Menschen getroffen, mit denen viele von uns ins Gespräch gekommen sind.

Resümee: Wir Menschen verstehen uns eigentlich immer besser, als es uns die Politik und Regierende der Länder und deren Vorgaben präsentieren.

Wir haben die Essgewohnheiten und Landesspezialitäten kennen und lieben gelernt.

Die gesamte Zeit hatten wir nicht nur Sommer mit nahezu keinem Regen, sondern fast durchweg Tagestemperaturen zwischen 35 und 43°C. Nicht nur wir Mitreisende, sondern auch unsere lokalen Reisebegleiter und Experten und Gastgeber wurden immer wieder in Schweiß gebadet.

Dass unsere Fahrer uns bei diesen Temperaturen und Straßenbedingungen so souverän über 13.782km sicher und ohne Blessuren nach Hamburg zurückgebracht haben, verdient ein großes Dankeschön und einen extra großen Sonderapplaus!

Weil die Neue Seidenstraße, anders als in China, in den mittelasiatischen und europäischen Ländern noch ein zukünftiges Projekt ist, gibt es teilweise noch unkonkrete und lückenhafte Informationen darüber, die aber von den Experten, die uns begleiteten, mit aktuellen politischen, wirtschaftlichen und historischen Informationen über China, Kirgistan, Usbekistan, Kasachstan, Russland, Weißrussland und Polen ausgefüllt worden sind. Hierfür und für die detaillierten Berichte und Informationen über den Islam und Buddhismus sowie die anderen Religionen der Regionen danken wir Felix Lee, Hans-Wilm Schütte, Birgit Brauer, Johannes Voswinkel, Alexander Sambuk und an vorderster Stelle Walter Weiss.

An die Leitung und Mitarbeiter des Organisations-Teams unserer „Once-in-a-life-time“-Busreise von China über die Länder von 1001 Nacht sowie Russland, Weißrussland, Polen und Deutschland:

Für die herausragende Organisation von
– Grenzübertritten
– Vor-Ort-Programmen
– Beköstigungs-
– Unterhaltungs-
– und Informations-Arrangements
bedanken wir uns ebenfalls herzlich.

So eine Reise wird für immer in unserer Erinnerung bleiben.“

~ Fritz-Rüdiger Kiesel – ZEIT-Reisender

Tag 52

Berlin - Hamburg

Auf uns warten nur noch die Abschiedsfeierlichkeiten im Hotel Atlantic.

Hinterm Horizont geht’s weiter… immer weiter; ein neuer Tag beginnt nach der Nacht im Atlantic.

Nach 52 Tagen von Shanghai nach Hamburg endet der letzte 53. an der eigenen Haustür.

Alle emotionalen Begegnungen ergänzt und erweitert durch Fotos, Videos, Blogs, alles Neue, … Lachen, Teilen, … wird ab morgen vom Alltag abgelöst, eingeholt. Und was kommt dann? Wie lange noch werden die 1.000 Reisegedanken kreiseln, im Geiste hin- und herpendeln, bis sie verschwunden sein werden? Wie, mit wem, wie oft werden noch Anknüpfungspunkte aufrecht erhalten bleiben? Wird es vielleicht neue gemeinsame „ZEIT-Reise-Aktivitäten“ geben?

Ich werde noch viele Wochen und Monate an meinem Reisetagebuch feilen; es mit den Fotos von Ilona und Günter schmücken.

Dann kommt der ZEIT-Reise-Katalog 2018 und die Sucht sucht nach weiterer Befriedigung. Reisen macht süchtig!

~ Thomas Birkelbach, ZEIT Reisender

Tag 51

Posen - Berlin

Die Musik war verstummt. Die zwei Paare der Polish Folk Group „Polskilan“ in ihren bunten Trachten hat ihre traditionellen folkloristischen Tanzdarbietungen beendet. Wir haben sie dafür mit donnerndem Applaus verabschiedet.

Als Walter werbend an unseren Tisch trat und sagte, dass die vorjährige Rückreisetruppe gegen Ende so zerstritten war, dass sie ihr Blog-Schreiben eingestellt hätte: Wer wird die letzten Tage unserer Tour zu Ende schreiben? Ilona entschied sich schnell, für freitags Tag 50 Warschau-Posen zu übernehmen.

Dann mache ich die Tür zu mit den beiden Tagen 51 Posen-Berlin und 52 Berlin-Hamburg. Renée wird nochmals dankenswerterweise meine Texte ins Laptop tippen.

Hiermit wird das häufige Klischee vom Weg, der das Ziel sei, bestätigt. Die 37 Etappen von China durch Kirgistan, Usbekistan, Kasachstan, Russland und Weißrussland über Polen zurück nach Deutschland wird wohl für die meisten von uns ob ihrer unendlich vielen unterschiedlichen Ereignissen von uns unvergesslich bleiben.

Die individuelle Bewertung muss jetzt jeder Mitreisende selbst vornehmen. Ob es sogar die Reise unseres Lebens geworden ist ¬¬wie im – Vorwort des Roadbooks vom ZEIT-Reise-Team prognostiziert wird –, bleibt offen. Zumindest ist es mein Bemühen, vor allem die Daheimgebliebenen Anteil nehmen zu lassen an diesem unvergleichlichen Reiseabenteuer.

Wenn sich die jeweiligen Blog-Schreiber als Multiplikatoren verstehen, die den Blog-Lesern Abenteuerlust vermitteln würden – damit sie jetzt schon mit dem Ansparen für 2018 begännen! –, dann wäre diese Reise schnell ausgebucht! Ich gehe davon aus, dass zumindest die Vielfach-Blog-Schreiber Botschaften vermittelt haben, die überwiegend animierend, mitfiebernd, begeisternd geklungen haben. Klar, dass kritische Töne nicht fehlen dürfen, z.B. ob es eine inspirierende Gruppe interessanter Menschen war, die sich diesen einmaligen, einprägsamen, strapaziösen Herausforderungen gestellt hat.

Von den einzigartigen „Ich-bin-ein-wichtiger-Mensch“ gab es auch hier auf dieser Tour einige. Denn schließlich weiß ja nur jeder selbst, was für ihn das Beste im Hier und Jetzt ist. Und sie lassen sich nicht stören von den langsamen, bedächtigen Dauernörglern. Sie gehen immer ihren Weg „I did it my way“, oftmals entgegen mancher Absprachen! So das Motto der Individualisten.

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.“ Rilke

Die Fahrt wird kurz, 270 km, der Abend lang, davon gehe ich aus. Die schmutzigen Wäschebündel stapeln sich im Koffer. Nur fürs Treffen mit Chris im Swissôtel in Berlin werden die letzten sauberen Klamotten ausgepackt bzw. duftend parfümiert.

Ab 9:30 Uhr referiert Sascha Sambruk über liberales Denken in den EU-Staaten aus seinem ganz persönlichen Blickwinkel und der damit verbundenen kritisch distanzierten Analyse sowie seiner dazu gehörigen Bewertung. Im Mittelpunkt seiner Gedanken stehen die Regierungsansichten
und ¬-praktiken der aktuellen Kaczynski-Regierung und ihrer PIS-Partei. Er kritisiert massiv die revanchistischen Gedanken der konservativen Partei, die in ihrer politischen Haltung und Diktion immer noch die letzte erfolgreiche Schlacht „mit Deutschland nicht geschlagen hat“. In deren Folgerungen immer noch Reparationsleistungen der Bundesrepublik Deutschland zu erbringen seien!

Europäische Friedenspolitik basiert auf dem Potsdamer, dem Londoner Abkommen sowie den Versailler Verträgen, die allesamt den jeweiligen Status Quo respektieren. Letztlich sind sich die europäischen Partnerländer einig darüber, die Grenzen so zu akzeptieren, wie sie momentan bestehen und diese aktuellen Vertragswerke können erst in einem gesamteuropäischen Friedensvertrag verändert werden.

Es wäre zu hoffen, dass der Beitritt Polens zur EU und zur NATO, dem 18 Millionen zugestimmt haben, dauerhaft zum Frieden führt und alle revanchistischen Parteienzwistigkeiten im innerpolnischen „Europa-Streit“ beendet werden und damit zur Erhaltung des Friedens beitragen.

Um 12:45 Uhr schänken Claudia und Günter im Bus den Grenzschluck aus!
Eine Stunde später steht auf einem Einladungsplakat für Hungrige am Straßenrand:
Weest‘de watt? Hier wirst‘de satt! Wir sind mittlerweile in Berlin-Mariendorf angekommen.

Im Swissôtel treffen wir Chris gegen 14:15 Uhr. Mit ihm gibt’s bei ein paar Gläschen ein freudiges Wiedersehen. Sein Segeltörn auf einem Familienboot rund um Sardinien mit den zwei Kindern beginnt übermorgen! Tschüs und gute Erholung!

Die Dinnerkarte verheißt ein Exklusiv-Menü! Die Küche hätte heute geschlossen, zaubert aber für uns ein Drei-Gang-Menü der Extraklasse auf unsere Teller; es bedient der junge Restaurant-Chef. Er gibt anschließend sein Bestes, um uns mit zauberhaften Kartentricks ins Staunen zu versetzen.

Gute Nacht!

~ Thomas Birkelbach, ZEIT Reisender

Tag 50

Posen

Der Tag beginnt grau. Der Himmel ist bedeckt und Regentropfen begleiten uns auf dem Weg zum Bus. Der erste Regen nach sieben Wochen!!! Leichtes Frösteln bei 17 Grad, die Regenjacken werden ausgepackt. Grau ist auch die Stimmung. Irgendwie steht das Ende der Reise uns allen bevor.

Heute fahren wir nach Posen. Viel erwarten wir nicht mehr.
Morgen Berlin und dann Hamburg – – – so schnell sind acht – 8 – Wochen vorbei!!!

Auf tollen Europa-Straßen gleitet unser Bus dahin. Noch 300km bis Posen.

Sascha will die Zeit nutzen und uns die besondere Bedeutung der Stadt Posen für die demokratische Entwicklung in Polen vor Augen führen:

Nach dem 2. Weltkrieg schaltete die kommunistische Partei der Sowjets Schritt für Schritt die demokratischen Kräfte in Polen aus. Dennoch war die kommunistische Ausprägung in Polen nie besonders konsequent. Dies war sicher auch auf die besondere Freiheitsliebe der Polen zurückzuführen.

Erste Freiheitsbestrebungen begannen zu keimen. Im Sommer 1955 vermittelte das Weltjugendfestival in Warschau nicht nur den Jugendlichen eine Ahnung von freiheitlichem Leben und Denken. Die Folgen hatte die Parteiführung sicher nicht vorhergesehen.
Die gärende Unzufriedenheit der Bevölkerung über die politische und wirtschaftliche Entwicklung machte sich dann im Juni 1956 in Posen Luft. Bei Massendemonstrationen, die mit einem Aufgebot von 400 Panzern brutal niedergeschlagen wurden, gab es 70 Tote, viele Verletzte und Verhaftete. Die polnische Bevölkerung war geschockt, zum ersten Mal schossen polnische Soldaten auf polnische Arbeiter.

Die Parteiführung war ratlos. Dies war die Stunde für Wladyslaw Gomulka, wieder politisch wirksam zu werden. Er hielt eine Rede, die bei der Bevölkerung auf großen Anklang stieß. Am 20. Oktober 1956 wurde er zum Parteichef gewählt. Gomulka kündigte eine Abkehr von der starren Planwirtschaft an, eine Erweiterung der Arbeiterselbstverwaltung und materielle Anreize für die Arbeiter.

All diese Ereignisse bildeten den Grundstein für die Entwicklungen, die 1989 zum Fall des Kommunismus und zur Einführung der Marktwirtschaft führten.

Um 13 Uhr treffen wir in Posen ein. Bei unserem Hotel wartet Barbara auf uns. Sie wird uns ihre Heimatstadt so lebendig und fröhlich anpreisen, dass wir alle bedauern, nur einen Nachmittag hier zu sein.


Posen liegt an der Warthe und hat über 550 000 Einwohner. Die Entstehung der Stadt liegt im 10. Jahrhundert. Schon früh entwickelte sie sich zu einem bedeutenden Handwerker- und Handelszentrum, viele Jahre unter Preußischer Herrschaft.
Heute ist Posen Messestadt (Partnerstadt zu Hannover), Universitätsstadt (hier kann man in Englisch studieren und das wesentlich billiger als in den USA) und Industriestadt.
Einen besonderen Schub bekam die Modernisierung von Posen 2012 im Zuge der Europa-Meisterschaft. Es gab einen neuen Hauptbahnhof, eine Erweiterung des Flughafens, den Ausbau der Autobahn nach Berlin und eine neue Straßenbahn.

So langsam begreifen wir, dass Posen mehr zu bieten hat, als wir vermutet hatten.
Es gibt 99 Kirchen, von denen wir allerdings nur eine besuchen werden, und das Bier „Lech“.
„Lech muss wech“! So entlässt uns Barbara zu unserer Mittagspause mit der typischen sauren Mehlsuppe „Jurek“.

Danach treffen wir uns am Alten Markt. Der Platz gehört zu den größten und schönsten Marktplätzen Polens. Hier wurden die prachtvollsten Bürger- und Patrizierhäuser errichtet. Nach der Zerstörung im Krieg wurden sie in den 50er Jahren des 20.Jahrhunderts wiederaufgebaut.

Das Wahrzeichen der Stadt ist das gotische Rathaus aus dem 16. Jahrhundert. Barbara erzählt die Legende von den zwei Ziegenböcken, die täglich um 12 Uhr auf dem Turm 12 Mal ihre Dick-Köpfe gegeneinanderstoßen.

Und weiter führt sie uns – vorbei an dem Café mit dem leckersten Käsekuchen – zur Pfarrkirche St. Stanislaus, der monumentalsten Barockkirche Polens. Hier befindet sich die berühmte Ladegast-Orgel, die immer mittags um 12:15 Uhr erklingt. Zu spät für uns.

Noch schnell einen Wunsch erfüllen, auf den beiden Ziegenböcken …

… und dann entlässt uns Barbara, bei der wir uns herzlich bedanken.
Jetzt haben wir Zeit, ein Martinshörnchen zu genießen oder den angepriesenen Käsekuchen. Beide Empfehlungen halten, was versprochen wurde. Die Polen wissen, was schmeckt!!!

Am Abend klingt der Tag auf dem Alten Markt aus. Wir sitzen umgeben von den wunderschön beleuchteten bunten Giebelhäusern gegenüber dem Rathaus und folgen wieder Barbaras Rat: “Lech muss wech!“

Leider müssen wir morgen früh auch wech!

~ Günter und Ilona Haß, ZEIT-Reisende

Tag 49

Warschau

Noch ist Polen nicht verloren – solange wir noch leben

Die wechselvolle und dramatische Geschichte Polens führte zu dieser Nationalhymne. Sie spiegelt den Überlebenswillen der Polen als Nation deutlich wider: immer wieder haben die Polen es geschafft, zu ihrer Identität zu stehen. In der Geschichte wurden sie immer wieder auf der Landkarte hin und her geschoben bis hin zur völligen Auslöschung als politischer Staat.

Im kollektiven Gedächtnis der Polen sind zwei Ereignisse fest verankert: zum einen ist es das Zusatz-Geheimabkommen im Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 über die Festlegung von Interessenssphären der beiden Mächte, die wieder einmal als Ziel das Verschwinden des polnischen Staates hatte. Das andere Ereignis ist das Massaker von Katyn im April und Mai 1940, das während der kommunistischen Zeit als Gräueltat der deutschen Wehrmacht dargestellt wurde. Erst im Jahr 1990 räumte Gorbatschow die Verantwortung der Sowjetunion ein. Die Versöhnung zwischen Russland und Polen wurde nach dem Absturz einer polnischen Maschine am 10. April 2010 mit 96 hochrangigen Politikern wieder in Frage gestellt, da die Aufarbeitung der Unfallursachen zu neuen Unstimmigkeiten führte.

Warschau existiert seit ca. 700 Jahren, zunächst Anfang des 14. Jh. als hölzerne Stadt. Ende des 16. Jh. wurde Warschau die dritte Hauptstadt Polens, als König Sigismund III. Vasa den Sitz des Königs von Krakau hierhin verlegte. Im Laufe der Geschichte wurde Polen dreimal zwischen den Nachbarn Preußen, Russland und Österreich aufgeteilt, so dass Polen über 100 Jahre lang nicht mehr als Staat existierte. Die sozialistische Zeit nach dem 2. Weltkrieg wurde dementsprechend auch als Besatzung gesehen. Der engagierte möglichst originalgetreue Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg galt daher auch als Zeichen des Widerstandes gegen die sowjetische Macht. Polen konnte sich auch unter der kommunistischen Herrschaft immer als katholisches und westlich orientiertes Land behaupten (95% der Polen gehören der römisch-katholischen Religion an).

Um 9:30 Uhr stößt unsere Warschauer Stadtführerin Margareta im Hotel zu uns. Wir beginnen unsere Tour im „Sozialistischen Zentrum“. Das größte Symbol des Sozialismus liegt unmittelbar vor unserem Hotel in Form des Palastes der Kultur und Wissenschaft, der als Geschenk der Sowjetunion zunächst einmal „Stalinpalast“ hieß. Dieser Koloss ist nach wie vor äußerst umstritten, aber inzwischen wohl als Denkmal der Geschichte geduldet. Der Turm ist 234m hoch mit 38 Etagen und 3.300 Räumen. Von der 30. Etage bietet sich ein grandioser Blick auf die Stadt und die Umgebung an.

Wir fahren über den Königsweg in Richtung Altstadt an zahlreichen historischen Gebäuden vorbei. Allerdings sind diese historischen Gebäude zum allergrößten Teil originalgetreue Wiederaufbauten der ursprünglichen Bebauung, die im 2. Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht zu 90% zerstört wurde. Mit großem Engagement und vielen Spenden der Bevölkerung wurde die Stadt zwischen 1949 und 1963 rekonstruiert.

Wir kommen vorbei am Denkmal von Charles de Gaulle, der durch großzügige Kredite beim Wiederaufbau half.
Vorbei an der Heilig-Kreuz-Kirche mit dem eingemauerten Herzen von Frédéric Chopin, dem Bristol-Hotel, der Universität, dem Präsidentenpalast erreichen wir den Schlossplatz mit der Sigismund-Säule, die eines der Wahrzeichen der polnischen Hauptstadt ist. Die barocke Säule wurde im Jahr 1644 von König Wladyslaw IV. Vasa zur Erinnerung an seinen Vater erbaut. Die Säule wurde 1944 von den Deutschen zerstört, aber bereits fünf Jahre später an alter Stelle wiedererrichtet.

Wir besichtigen das wieder aufgebaute Königsschloss, das bereits am 1.9.1939 um 11:15 Uhr bombardiert und beim Abzug der deutschen Wehrmacht Ende 1944 endgültig gesprengt wurde. Auf einer historischen Uhr in einer der Säle ist symbolträchtig das Laufwerk mit obiger Zeit angehalten worden.

Bis ins Detail wurden die Säle des Königs (Ballsaal, Marmorsaal, Rittersaal, Thronsaal, Audienzsaal bis hin zum Schlafzimmer) wiederhergestellt. In einem Saal sind zahlreiche Bilder Warschaus von Canaletto, der 13 Jahre in Warschau lebte, ausgestellt. Ein großer Teil der Rekonstruktionen in Warschau wurde übrigens nach seinen Bildern vorgenommen.

Im Senatorensaal wird der ersten polnischen Verfassung vom 3.5.1791 gedacht. Auf diese Verfassung wurde in der Johannes-Kathedrale, die wir anschließend besichtigen, der Treueid geleistet. Die Kathedrale wurde ebenfalls im Kriege zerstört und zum Teil mit Originalziegelsteinen wiederaufgebaut.

Das wichtigste Zentrum der Altstadt ist der Marktplatz (Rynek). Der Bau der Häuser rings um den Markplatz unterlag strikten Regeln: Handwerker hatten das Recht auf Häuser mit der Breite von zwei Fenstern, Bürger mit der Breite von drei Fenstern und dem Adel waren vier Fenster erlaubt. Der Platz war ein internationales Handelszentrum, auf dem sogar die Fugger aus Augsburg ein Haus besaßen.

Nach einem Spaziergang durch die Altstadt und an der Barbakane (dem Tor einer Stadtmauer vorgelagertes Verteidigungswerk) gibt es zum Mittagessen landestypisch Tomatensuppe und Piroggen (gefüllte Teigtaschen).

Nachdem einige einem Orgelkonzert in der Johannes-Kathedrale zugehört haben, setzen wir die Stadtbesichtigung im Eiltempo mit dem Bus fort. Der Kniefall von Willy Brandt am 7. Dezember 1970 am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos hat einen dauerhaften Eindruck bei der Bevölkerung Polens hinterlassen. Ihm wurden ein Denkmal und eine Grünanlage gewidmet, die an dieses Ereignis erinnern.

Entlang dem Königsweg in Richtung Süden bewegen wir uns in Richtung der „Grünen Lunge“ von Warschau. Zahlreiche Botschaften säumen den Weg bis zum Lazienki(= Badezimmer)-Park. Dieser Park war die Sommerresidenz von Stanislaus August Poniatowski. Das „Palais auf der Insel“, das Freilichttheater und ein Jagdschloss sowie der schön angelegte Park boten sicher einen angenehmen Rahmen für königlich-sommerliche Erholung.

Als Abschluss unseres Aufenthaltes in Warschau wird uns am Abend neben einem vorzüglichen Essen eine Folklore-Vorstellung einer Tanzgruppe geboten. Sowohl bei den Tänzen als auch bei kurzweiligen Wettbewerben (wer kann mit einer Peitsche am lautesten knallen, wer kann Perlenketten am schnellsten einfädeln, wer kann die meisten Eier aus einer Ente herausschütteln?) wurden die Mitglieder unserer Gruppe gefordert.

Heute noch einmal ein regenloser sonnenreicher Tag, der sich in die endlose Serie von Sonnentagen seit Shanghai einreiht. Für morgen ist Regen angesagt.

~ Klaus-Jürgen Wilhelm, ZEIT Reisender

Tag 48

Brest - Warschau

Frühe Abfahrt um 8:00 Uhr.

Wir verabschieden Alla, Vladimir und Artur. Alla lädt uns ein, uns auf der Russlandreise nächstes Jahr von ZEIT-Reisen mit ihrem Team wieder zu betreuen.

Die Grenze ist sehr nah, um 8:30 Uhr haben wir sie erreicht. Es wurde uns eine kurze Abfertigung in Aussicht gestellt. Nach der Passkontrolle müssen wir jedoch noch gut 2 Stunden auf die Busse warten, heute allerdings nicht in der Hitze schmorend. Es ist angenehm sommerlich warm. Außerdem können wir uns die Zeit mit Stöbern in den mindestens fünf verschiedenen Duty Free Shops vertreiben. Es werden auch reichlich Spirituosen eingekauft.

Heute ist Mariä Himmelfahrt, ein Feiertag im katholischen Polen. Vielleicht warten deshalb an der Grenze nur wenige PKW und drei oder vier weitere Reisebusse auf Abfertigung.

Für die Einreise in die EU hätten wir allerdings wegen der bekannten ausführlichen Kontrollen an den EU-Außengrenzen mit einer längeren Dauer gerechnet. Es sieht zuerst auch danach aus, denn wir müssen die Koffer aus dem Laderaum holen und mitnehmen zur Passkontrolle. Das Schicksal will, dass Arleta als erste zur Kofferöffnung aufgefordert wird. Sie stimmt mit einem perfekt polnisch geführten Small Talk den Zöllner wohlgesonnen und bleibt die einzige.
So sind wir doch nach insgesamt 3 Stunden durch.

Wir stellen die Uhren 1 Stunde zurück auf die heimatliche Zeit. Die Pässe werden tief in die Taschen versenkt. Es lebe die Reisefreiheit in der EU! Darauf stoßen wir bei 12.740 zurückgelegten Kilometern mit Sekt an.

Hoch die Tassen! Wie viele Liter Kaffee und Tee haben wir wohl seit der Abfahrt in Shanghai daraus getrunken?

Es ist jetzt nicht mehr so aufregend, aus dem Fenster zu schauen. Allerdings bietet die Tierwelt noch etwas Besonderes, Störche nämlich, die in Weißrussland und Polen heimisch sind.


Alexander Sambuk gibt einen Überblick über die Gebietsverschiebungen nach der Neugründung des Staates Polen 1918, unter denen besonders die Bevölkerung im östlichen Teil zwischen Warschau und Kiew zu leiden hatte. Er wird das später noch an Hand von Kartenmaterial vertiefen.

In Warschau kommen wir am Nachmittag an. Unser Begleitbus wird – nach Umpacken der zahlreichen darin verstauten Souvenirs – nun vom Eigentümer Christian direkt an seinen Heimatstandort zurück gefahren.

Morgen wird es eine Stadtführung geben. Heute Nachmittag können wir zur individuellen Erkundung der Stadt ausschwärmen. Von unserem Hotel im Sozialistischen Stadtviertel ist es nicht weit zum Königsweg in der Krakauer Vorstadt, wo sich manche aus unserer Gruppe zu einem Bummel vorbei an den herrschaftlichen Häusern eingefunden haben. Heute am Feiertag sind viele Leute unterwegs. Auf dem Königsweg nahe der Heilig-Kreuz-Kirche findet eine Demonstration statt. Polizisten tragen Gegendemonstranten von der Straße, damit ein vermutlich angemeldeter Marsch durchgeführt werden kann.

Im berühmten Hotel Bristol, wo sich auch schon viele andere wichtige Persönlichkeiten aufgehalten haben, nehmen wir einen Drink.

Beim Abendessen im Hotel stoßen wir mit Sekt auf Thomas‘ Geburtstag an. Damit hat sich die statistische Wahrscheinlichkeit bestätigt, dass bei 25 Teilnehmern in 53 Tagen vier Leute Geburtstag haben müssten.

~ Renée Wilhelm, ZEIT Reisende

Tag 47

Homel - Brest

Ein weißrussisches Sprichwort besagt:
„Was das Herz nicht sieht, wird das Auge auch nicht sehen.“

Dieses Motto begleitet uns, seit wir immer wieder auf Schritt und Tritt auf unserem Weg gen Westen mit den Geschehnissen des 2. Weltkrieges konfrontiert sind.Die heutige Stadt (1142 gegründet, 500 000 Einwohner) möchte ich am frühen Morgen gerne ein wenig zu Fuß erkunden und marschiere im Eilschritt durch den gepflegten alten Stadtpark Homels – ab 9 Uhr will die Karawane schließlich weiterziehen.
Kurz bevor ich umkehren möchte, höre ich in der Ferne wohltönende Gesangesfetzen. Magisch angezogen folge ich und sehe zwischen den alten dichten grünbelaubten Bäumen eine großzügige Kirche stehen. Mit mir strömen unzählige junge und alte Frauen mit Kräuterbuschen in der Hand zum Eingangstor, binden ihre Kopftücher nochmals fest und betreten, sich ehrfürchtig bekreuzigend, den Eingang – der allerdings schon bis zu den Treppenstufen hinaus überfüllt ist.

Kräuterbuschen binden
(Claudia Kennel)

Kirchengesang erklingt durch die offene Türe bis weit nach draußen. Spontan fällt mir dazu die Kräuterweihe ein, die wir speziell in Süddeutschland zu Maria Himmelfahrt am 15. August feiern. Auf Nachfrage erfahre ich von Sascha Sambuk, dass die orthodoxe Kirche diesen heutigen 14. August seit alten Zeiten als Honig-Erlöser- oder Honig-Heiland-Tag feiert.

Honig-Erlöser-Tag
(Claudia Kennel)

Da die Zeit mal wieder knapp wird, muss ich diesen Ort verlassen, bevor ich mehr erleben kann. Wir sind Sascha bereits am Abend zuvor als einem von seiner Sache sehr überzeugten sympathischen Kenner Weißrusslands begegnet und mit dem gleichen Engagement lenkt er uns von unserer langen, mal wieder etwas holperigen Strecke Richtung östlicher Landesgrenze mit seinem Sachverstand über den „Weißen Flecken“ Europas ab.
Der Name der Republik Belarus (Weiß-Russland) hängt historisch gesehen mit den Tributverpflichtungen an die Goldenen Horden, den spätmittelalterlichen mongolischen Großmächten des osteuropäischen Gebietes, zusammen. Die westlichen russischen Gebiete, die grundsätzlich von Tributzahlungen befreit waren, wurden in „weiße Erde“ unterteilt, alle anderen unter dem Joch stehenden Länder in „schwarze Erde“. Verblieben ist das „weiße“ Russland.
Während abgeerntete Felder mit unzähligen riesigen Strohballen an uns vorbeirauschen, erwähnt Sascha die aktuelle Anweisung des verehrten Batka („Vater“) Lukaschenko, dass die diesjährige Getreideernte bis zum 20.8. eingebracht sein müsse. Hier im Süden scheint dieser Stichtag erfüllbar zu sein, in anderen Landesteilen wird dies aufgrund der gegenwärtigen Vegetationsperiode eher knapp werden. Da man sich hier jedoch durch den Einsatz von ausgeliehenen Maschinen (Mähdrescher etc.) gegenseitig „hilft“ (immer noch verbliebener sowjetischer Sprachgebrauch), wird auch dies wohl pünktlich gelingen.
Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde Weißrussland 1991 als eine der 15 Teilrepubliken unabhängig. Die Menschen des Landes haben den Wechsel als Chance offenbar nicht ergriffen. Sambuk bezeichnet sie als „Homo Sowjeticus“ mit noch wenig Eigenidentität, immer noch dem Gehorsam verschrieben, mit wenig Eigeninitiative und ansonsten politisch eher passiv. Nach wie vor finden sie sich mit den angeordneten Gegebenheiten ab. Die Ursache hängt seiner Meinung nach sicherlich an den Machtverhältnissen und vor allem an der Person des gegenwärtigen Präsidenten.

1994 kam Aljaksandr Lukaschenko an die Macht. Bereits ab 1996 griff dann das Referendum, welches den Staat in eine Präsidialrepublik umwandelte. Die Politik ist komplett auf den Machthaber zugeschnitten. Sein demagogischer Führungsstil ist durch starke Medienpräsenz gekennzeichnet, wo er sich als allwissenden Landesvater gibt und sowohl innen- als auch außenpolitisch zu glänzen versucht. Lukaschenko gilt als letzter Dikatator Europas. Nach wie vor ist seine Politik planwirtschaftlich ausgerichtet, wobei 60% des Außenhandelsvolumens an den Nachbarstaat Russland gehen.

Aktuell hebt die Weltbank das internationale Investitionsmanagement insbesondere in Belarus mit 35% Steigerungsraten hervor. Sambuk hinterfragt dies; wo sind diese Investoren sichtbar? Er bringt Beispiele. Mitte der 90er Jahre bemühte sich Ford sehr stark um Etablierung im Land. Die allgegenwärtige Bürokratie bewirkte letztendlich, dass das Unternehmen alles stoppte, was bereits aufgebaut worden war und nach St. Petersburg auswanderte. Ausländische Unternehmen riskieren hier, Sambuks Erfahrung nach, nichts. Die Wirtschaft liegt überwiegend in staatlicher Hand und lässt privatwirtschaftliches Engagement kaum zu. Dies erscheint auch wenig rentabel, da die Währung schwach ist und es auch kaum Absatzmärkte im Ausland gibt. Wer etwas wagen, etwas unternehmen will, geht bevorzugt nach Russland – so, wie es z.B. die 500 000 Wanderarbeiter tun, die sich im Nachbarland verdingen, um ihre Familien zu ernähren.
Offiziell gibt es keine Arbeitslosigkeit; man geht jedoch von einer tatsächlichen verdeckten Arbeitslosigkeit von ca. 20% aus.

Durch die Finanzkrise in Russland leidet aufgrund der Verflochtenheit und Abhängigkeiten auch Belarus; daher werden neue Quellen für den Staatshaushalt gesucht. Lukaschenko kam auf die Idee, eine Schmarotzersteuer für nicht registrierte Arbeitslose (die z.B. in der Schattenwirtschaft arbeiten) einzuführen (200 Dollar/Jahr). Erstmalig entstanden Proteste auf der Straße, worauf es schnellstens zu einer Revidierung der Idee kam. Dies zeigt, wie akut die Lage im Lande ist. Während der letzten 10 Jahre gab es massive Subventionen aus Russland (geschätzte 100 Milliarden Dollar). Eine Form der russischen Subvention ist auch die Gewährung von geringst gehaltenen Öl- und Gaspreisen.

Weißrussland ist nach wie vor und aus Warschauer Pakt Zeiten ein stark militarisiertes Land. Einheiten der Sowjetarmee waren hier stationiert und bis heute sind viele Stützpunkte und Armeeinheiten geblieben; für Lukaschenko ein gewichtiger Faktor. Er hat die Annexion der Krim sehr kritisch verfolgt und Russland angedroht, das eingefrorene Verhältnis zu Europa zu verbessern. Konkret aber sucht er außenpolitisch Kontakt zu China, um sich einen potentiellen Verbündeten zu sichern. Im September hat Russland ein Manöver angekündigt: „Sapad 2017“. Das macht hier sehr nervös.

Samuk bespricht nun ein Thema, welches ihm aus ganz persönlichen Gründen ein Anliegen ist: Der Mythos des großen vaterländischen Krieges. Belarus versteht sich als Partisanenrepublik. Es gab laut offiziellen Statistiken 80.000 sowjetische Partisanen, wovon sich 70% auf weißrussischem Territorium aufhielten. Der Mythos, auf dem laut Sambuk die gesamte Politik Belarus fußt, besagt, dass jeder 4. Weißrusse in der Zeit des Partisanenkrieges 1941 ums Leben kam. 2009 schrieb Bogdan Musiol, ein deutsch-polnischer Historiker, ein Buch über die Partisanenbewegung in Weißrussland (Sowjetische Partisanen 1941–1944. Mythos und Wirklichkeit). Darin entzaubert er viele statistische “Interpretationen” und relativiert Zahlen sehr deutlich.

Funktionen in Regierung/Parteien waren durchgängig von ehemaligen Partisanen besetzt, daher war und ist es wichtig, dass die Erfolge der Bewegung sehr hoch gehalten werden. Für die Staatsideologie spielt die Partisanenbewegung daher mit ihren Heldenkämpfen für die nationale Identität eine ausgesprochen wichtige Rolle (als Helden und als Opfer). Sambuk empfiehlt, folgende Schriftsteller zu lesen, sollte man sich weiter mit dem Leben und Leiden der Menschen in Kriegszeiten beschäftigen wollen:
Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch (Nobelpreisträgerin 2015), welche auf Augenhöhe die Menschen und Erlebnisse aus dem Alltag während des Krieges schildert und
Wasil Bykow (Autor, Die Toten haben keine Schmerzen), der nach dem Leitspruch arbeitete: Man muss sich immer entscheiden: wird man zum Verräter oder geht man einen anderen Weg; man hat immer eine moralische Wahl.

In Brest(-Litowsk) angekommen werde ich dann doch noch intensiv mit den Geschehnissen des 2. Weltkrieges konfrontiert. Wir besuchen die Festung, die keine kriegsrelevante Bedeutung gehabt hat, aber dennoch zum wichtigsten Mahnmal Weißrusslands avancierte. Eindrucksvoll und majestätisch liegt die Inselanlage vor uns, in der ca. 6000 Menschen ihr Leben lassen mussten.

Mahnmal der Festung Brest-Litowsk
(Claudia Kennel)
Eingang zur Festung Brest
(Claudia Kennel)
A. Sambuk erklärt die Festung
(Claudia Kennel)

Während uns Sascha von den Ereignissen erzählt, ertönt aus dem Hintergrund „Die Träumerei“ von Robert Schumann. Ich erinnere mich sofort an die Wirkung, die mich dabei in Wolgograd (Stalingrad) erfasste. Und erinnere mich wieder an das eingangs zitierte weißrussiche Wort: „Was das Herz nicht sieht, wird das Auge auch nicht sehen.“

~ Claudia Kennel, ZEIT Reisende

Tag 46

Orjol - Homel

Noch 2.000 km bis nach Hamburg, 400 davon heute

Doch bevor es losgeht hat die Skulptur vor unserem Hotel, heute Morgen bei Licht betrachtet, nochmal Beachtung verdient.

Vladimir ergänzt seine Erklärung von gestern. Die Skulptur heißt der Bürokrat und der Unternehmer, wobei der drahtige Schlanke den Unternehmer zeigt. Beide stehen sich auf Augenhöhe gegenüber, allerdings ohne sich anzusehen. Zwischen beiden Köpfen läuft die Zeit, … offensichtlich nicht im gleichen Maße, wie der Text am Boden zeigt. Ein Zitat ist von Shakespeare: “Für unterschiedliche Personen läuft die Zeit in unterschiedlichem Tempo.” Das andere Zitat ist von Konfuzius: “Wenn man in den Grundsätzen nicht übereinstimmt, kann man einander keine Ratschläge geben.”
Sehr schön, soviel sanfte, subtile Sozialkritik und das in Russland. Und über eine differenzierte Bedeutung darf noch spekuliert werden. 😉

Entspannt rollen wir aus Orjol, nur 400km und ein Grenzübergang für diesen Tag. Zur Abwechslung säumen heute Wiesen mit Goldruten, Maisfelder und Wälder den Weg.

Entlang kleiner Ortschaften entzücken immer wieder kleine russische Holzhäuschen, die ihre besten Jahre wohl hinter sich haben.

Zur Mittagspause werden wir in einer idyllischen Gartenlaube bewirtet.

Wir rollen weiter Richtung Grenze und es darf gedöst werden.
Auf besonderen Wunsch legt Walter Musik auf und vorbei ist es mit dem Nachmittagsschläfchen. Die schwermütigen Klänge eines russisch orthodoxen Männerchores sind zwar passend zu Russland und der Weite der Landschaft gewählt, aber leider überlagern die rumpelnden Fahrgeräusche unseres Busses den ohnehin nicht ganz perfekten Sound der Lautsprecheranlage. Schade, denn so wird man weder der Musik noch einigen sensiblen, musikverwöhnten Ohren gerecht.
Vielleicht wäre es eine gute Idee, für die nächsten Reisenden einen Kopfhöreranschluss zu installieren, wie in Flugzeugen und im ICE üblich?

Kurz vor der Grenze möchte uns Walter noch (aus dem Buch: Zu Fuß von Berlin nach Moskau) mit der Beschreibung von Wolfgang Büschers Einreise nach Weißrussland unterhalten. Dieser kam zwar aus Polen, aber das Einreiseland ist identisch. Stunden um Stunden vergehen für Büscher, weil ein Zollbeamter vergeblich auf Backschisch wartet. Was genau bedeutet das für uns? Walter lächelt und beschwichtigt, alles kein Problem, in 10 Minuten sind wir durch! Wirklich? Hatte die Gruppe auf der Hinfahrt nach Shanghai nicht sogar einen Umweg über die Ukraine nehmen müssen und dabei mehrere Stunden zusätzlichen Grenzaufenthalt gehabt? Wir sind gespannt.
Angekommen an der Grenze bekommen wir von Vladimir noch die Anweisung, den Bus nicht zu verlassen. Im Bus ist es mucksmäuschenstill, es scheint als ob alle die Luft anhalten – und tatsächlich, 10 Minuten später rollt Holger vorwärts, es geht weiter. Wir sind plötzlich in Weißrussland und man hat nicht mal unsere Pässe sehen wollen. Verstehe einer dieses Land!

Beim Abendessen stellt sich Herr Alexander Sambuk vor, russisch/weißrussischer Journalist aus Moskau und unser Experte bis Berlin. Herr Sambuk findet auch gleich deutliche Worte zu Weißrussland, das weckt unsere Neugierde. Da kommen bestimmt noch interessante und hochkarätige Beiträge in den nächsten Tagen.


Die von Walter gestern und heute vorgelesenen Kapitel aus Büschers Reise nach Moskau, zeichneten ein ziemlich düsteres Bild von Weißrussland. Unser erster Eindruck spiegelt dieses Bild zum Glück nicht wieder. Wenn wir die kommenden zwei Tage durch Weißrussland fahren und weitere Informationen von unserem Experten erhalten wird unser Gesamtbild sicher klarer.

Heute Abend erleben wir feierfreudige Menschen. Nach einem kleinen und feinem Buffet startet ein hochkarätiges Unterhaltungsprogramm, bei dem der Vodka nicht fehlen darf.

Die Stepptänzer spielen mit Attrappen von Maschinengewehren, typisch weißrussisch?

Später im Hotel spielt Rainer noch den Kulturbotschafter, es gibt einen herzlichen Kontakt mit einem bärigen Russen und nach vielem Kauderwelsch und dicken Umarmungen haben wir eine Einladung nach Sibirien in der Tasche.

Bestens gelaunt wollen wir jetzt nicht schlafen gehen und schlendern zum Tagesausklang noch zu zweit durch den angrenzenden Vergnügungspark und sind uns sicher, dieser Start in Weißrussland ist geglückt.

~ Hanne Tannhäuser, ZEIT Reisende

Tag 45

Woronesch - Orjol

Alle Straßen endlos ...

Ein reiner Fahrtag liegt heute vor uns, nicht so lang wie gestern aber abgesehen von den beiden Tagen in Astrachan und Wolgograd spielt sich unser Alltag seit Nukus (da waren wir vor 12 Tagen) im Wesentlichen im Bus ab. Wahrscheinlich um uns thematisch aufzumuntern hat Walter heute ein Gedicht von Michail Lermontow parat:

Das Segel
Wo Meer und Himmel sich vereinen,
Erglänzt ein Segel, weiß und weit –
Was trieb es aus dem Land der Seinen?
Was sucht es in der Einsamkeit?

Es pfeift der Wind. Die Wellen drohen.
Es knarrt der Mast. Das Segel schwebt.
Nicht vor dem Glück ist es geflohen.
Es ist nicht Glück, wonach es strebt.

Strahlt auch in Gold der Himmelsbogen,
Und glänzt auch noch so blau das Meer –
Das Segel lechzt nach Sturm und Wogen,
Als ob in Stürmen Ruhe wär.

Ach ja, eigentlich ist unser Meer abwechslungsreicher geworden.
Weizenfelder auf der rechten Seite

und Sonnenblumenfelder auf der linken Seite, soweit das Auge reicht. Und manchmal auch umgekehrt. 😉

Gegen Mittag erreichen wir Jelez, ein kleines Städtchen auf dem Weg, wo wir unsere Mittagspause verbringen. Wir haben sogar ein wenig Zeit vor dem Mittagessen, um uns das eine oder andere Kleinod dieser Stadt anzusehen. Laut Vladimir besitzt Jelez an die zweihundert davon. Die einen entscheiden sich für Kaviar und werden sogar fündig und andere besuchen die prächtige Himmelfahrts-Kathedrale des berühmten russischen Architekten Konstantin Thon.

Leider wird aus dem angekündigten Verdauungsspaziergang nach dem Mittagessen nichts, denn es liegen noch gut vier Stunden Fahrt vor uns. Also gleich wieder zum Bus. Trotzdem schafft es Ingrid auf dem Weg dorthin noch einen kleinen Laden aufzustöbern und ein besticktes Deckchen zu ergattern.

Da uns Herr Johannes Voswinkel, der Experte für Russland, bereits heute Morgen verlassen hat, trägt nun Walter zur Unterhaltung bei. Er liest uns jetzt aus dem literarisch eindrucksvollen Reisebericht von Wolfgang Büscher vor, der zu Fuß von Berlin nach Moskau gelaufen ist. Und da wir morgen Weißrussland erreichen, hören wir das Kapitel: Das komplizierteste Land der Welt. Ein “müdes Land” laut Büscher, müde und arm, gefangen in einer komplizierten Geschichte.
Morgen, wenn wir die Grenze überwunden haben und in Homel sind, werden wir mehr über dieses Land erfahren. Dann stößt Herr Alexander Sambuk zu uns, der Experte für Weißrussland.

Auch Vladimir hat noch etwas für uns: das Rentensystem in Russland. Es besteht aus einem Grundbetrag für alle, dazu kommt der Anteil aus eingezahlten Beiträgen und des Weiteren muss man noch eine private Vorsorge treffen. Trotzdem reicht das Geld nicht und so müssen sich die Menschen zur Rente noch etwas dazuverdienen. Dafür gehen die Frauen bereits mit 55 und die Männer mit 60 Jahren in Rente.

Unser heutiges Tagesziel Oriol ist am frühen Abend erreicht, der weitere Ablauf ist bereits Routine: Koffer greifen, Zimmerkarte entgegennehmen, Wlan-Code erfragen, Zimmer beziehen, … und zur verabredeten Zeit wieder auftauchen.

Das Abendessen ist heute besonders lecker, aber auch besonders mächtig. Nach all den Gewichtsverlusten, in China durch die kalorienarme und in Usbekistan durch die ungewohnte und nicht für jeden verdaubare Kost, kommt jetzt in Russland endlich wieder was auf die Rippen.

Auf dem Heimweg vom Abendessen fällt mir auf, dass die Läden noch immer geöffnet haben. Auf meine Nachfrage erklärt mir Vladimir, dass man bis mindestens 10 Uhr abends einkaufen gehen kann. Manche Läden hätten sogar bis Mitternacht auf. Man ist gewohnt viel und lange zu arbeiten. Passend zu dem Thema Arbeit steht eine nette Statue vor unserem Hotel:

Dazu die Erklärung von Vladimir: die Arbeit stiehlt die Lebenszeit!

~ Hanne Tannhäuser, ZEIT Reisende

Tag 44

Wolgograd - Woronesch

Überlandfahrt nach Woronesch

Um 9 Uhr treten wir unsere für heute geplante 580 km lange Fahrt an. Es gehen wieder zwei Busse auf Fahrt, denn gestern Abend traf Herr Peschke mit dem zweiten Bus in Wolgograd ein.

Rechts und links der Straße gibt es intensive Landwirtschaft. Wir fahren an riesigen goldenen Getreidefeldern vorbei, die z.T. schon abgeerntet sind. Manchmal werden sie abgelöst von Obstplantagen oder Gewächshäusern.

Während der dichte Verkehr rollt, erzählt uns unser Russland-Experte Johannes Voswinkel, welche Anstrengungen er unternehmen musste, um seine Tochter in einem bestimmten Kindergarten in Moskau unter zu bringen.
Es begann damit, dass er und seine Frau zwar in Moskau registriert sind, aber dort nicht ihren Erstwohnsitz haben. Das bedeutet, dass sie auf jeder Warteliste immer weiter nach hinten rutschen, sobald Erstwohnsitz-Inhaber sich anmelden.
Das Ehepaar Voswinkel tat sich um und fand einen Kindergarten in einem Neubau – die Altbauten weckten in Frau Voswinkel unangenehme Erinnerungen an ihre Schulzeit – und mit relativ jungem Personal – ältere Kindergartenleiterinnen können etwas sehr streng Militärisches haben.
Dieser von ihnen favorisierte Kindergarten hatte allerdings erheblich mehr Interessenten als Plätze.

Das Ehepaar entschied, dass Herr Voswinkel die Leiterin aufsuchen sollte, um anzufragen, was der Kindergarten denn so bräuchte und was man denn tun könne, um den Kindergarten zu unterstützen. Diese Anfragen verfehlten allerdings ihren Zweck. Die Leiterin gab dann den Rat, es könne hilfreich sein, wenn die Arbeitgeber beider Elternteile ein Schreiben an die obere Kindergartenbehörde richten und darlegen, dass und wieso es für den Arbeitgeber wichtig sei, dass das Kind seines Arbeitnehmers eben diesen Kindergarten besucht.
Es wurden solche Scheiben angefertigt und mit großen, in diesem Land so wichtigen Stempeln versehen — Und tatsächlich wurde die Tochter aufgenommen.

Auch in diesem modernen und aufgeschlossenen Kindergarten wurde das Thema „Unser großer Vaterländischer Krieg“ (Die Schlacht um Stalingrad) ausgiebig behandelt. Es gehört zur Erziehung in Russland, die Kinder sehr früh an dieses bedeutende Ereignis heran zu führen.
So wird z.B. Kriegsgerät aus Knete geformt, im Museum auf Panzern herum geklettert. Jedes der Kinder muss einen Vortrag zu diesem Thema halten.
Das Wissen um diesen Krieg gehört zum russischen Kulturgut und in dem Bemühen, eine russische Identität zu schaffen, werden alle Russen schon von Kindheit an damit vertraut gemacht. Als wir das bedeutende Panorama-Kriegsmuseum in Wolgograd besuchen, wundern wir uns jetzt nicht mehr über die vielen Familien mit kleinen und kleinsten Kindern.

Als die Kindergartenzeit vorüber ist, steht für Voswinkels die Schulwahl an.
Es gibt viele Privatschulen, die vor allem teuer sind, was aber nichts über die Qualität aussagt. Also melden Voswinkels ihre Tochter in einer normalen russischen Grundschule an. Dort herrscht eine nüchterne Atmosphäre. Die Bänke sind in Reihen zur Tafel ausgerichtet, es wird im Frontalunterricht gearbeitet und, obwohl es offiziell keine Hausaufgaben gibt, müssen die Kinder zu Hause sehr viel auswendig lernen.
In der russischen Schule herrscht viel Wettbewerb: in der Klasse unter den Kindern und zwischen den Schulen. Es ist für einen Lehrer sehr erstrebenswert und fördert sein Ansehen, wenn bei diesen Olympiaden seine Schüler vertreten sind. Also gilt sein Hauptaugenmerk den leistungsstarken Kindern. Schwächere Schüler bekommen oft nicht die erforderliche Förderung.

Alle diese Punkte führten dazu, dass Voswinkels ihre Tochter nach dem ersten Jahr in der deutschen Schule anmeldeten.
Bereits die ersten Eindrücke in der neuen Schule zeugten von einem anderen Geist: Die Kinder sitzen an Gruppentischen, der Klassenraum und die Schule sind mit Schülerarbeiten dekoriert, es gibt im Klassenraum eine Bücherei und eine Kuschelecke. Bei der Einschulung konnte man locker mit dem Schulleiter plaudern, und bereits nach kurzer Zeit konnte der Klassenlehrer – wohlbemerkt ein männliches Wesen! – den Eltern erzählen, wie er ihre Tochter einschätzt. Voswinkels sind mit ihrer Entscheidung sehr zufrieden.

Dann streift Herr Voswinkel noch kurz die Situation der Wissenschaftler an den Universitäten. Die Arbeit an den Universitäten wird nicht besonders gut bezahlt, so dass Wissenschaftler, wenn sie die Möglichkeit haben, in andere, besser bezahlte Bereiche abwandern. Es gibt kein vorgeschriebenes Pensionsalter, d.h. Professoren bleiben lange auf ihrem Posten sitzen und blockieren ihn damit, so dass jüngere Leute keine Chancen haben.
Die Arbeitsbedingungen sind oft veraltet. Das System ist verkarstet und die Bürokratie erschwert jede Neuerung. Das ist ein Hauptgrund, warum Wissenschaftler ins Ausland gehen.
Wer fünf Jahre im Ausland gearbeitet hat, kommt selten zurück.
Die besten Arbeitsmöglichkeiten gibt es noch in den Fächern Mathematik und Physik.

Nach diesem intensiven Vortrag stärkt unser Referent sich beim nächsten Halt erst einmal an unserer „Kaffee-Bar“.

Die Fahrt geht weiter. Jetzt kommen wir an Millionen von Sonnenblumen vorbei. Wir freuen uns an den schönen Bildern.

Da taucht die Frage auf, wieso die Russen zu uns Deutschen – nach dem „Großen vaterländischen Krieg“ – überhaupt noch ein positives Verhältnis entwickeln konnten. Herr Voswinkel meint, dass es da viele Gründe gibt. Einer davon ist die Einstellung, dass wir Deutsche sozusagen von dem Bösen überrollt worden sind und – genau wie die Russen – ja auch darunter gelitten haben. So gesehen sind wir ein bisschen wie ein Brudervolk.
Das allerdings hat in der Krim-Angelegenheit zu Verstimmung geführt, denn eigentlich hätten wir Deutschen – nach Meinung der Russen – mehr Verständnis für sie haben und zeigen müssen. Die Annektierung der Krim war aus Sicht der Russen eine Schutz- und Sicherungsmaßnahme gegen die Bedrohung durch die Nato.
Russland sucht weiterhin den Zusammenschluss und die Zusammenarbeit mit Deutschland.
Es ist erforderlich, Wege zu finden, aus den Sanktionen auszusteigen, ohne dass eine Seite das Gesicht verliert.

Unsere Mittagsrast findet in einem finsteren Lokal statt. Vielleicht haben die Angestellten zu lange auf uns warten müssen, jedenfalls schauen sie sehr grimmig.
Wir nehmen unser Essen ein. Als wir zum Bus zurückkommen, haben wir alle dicke Klumpen unter den Füßen. Es klebt wie Teer und ist nur schwer bis gar nicht ab zu machen. Wir ziehen teilweise die Schuhe aus, um den Dreck nicht im Bus zu verteilen.

Nach einer kleinen Schlummerpause klärt uns Herr Voswinkel über seine Arbeit auf.
Er ist Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau. Dort gibt es Büros von sechs politischen Stiftungen, die zwar jeweils einer politischen Partei nahestehen, aber unabhängig arbeiten. Das ist z.B. ein Prinzip, was in Russland schwer zu vermitteln ist. Hier gilt „Wer zahlt, bestimmt die Musik.“
Die Heinrich-Böll-Stiftung, die den GRÜNEN nahesteht, ist der russischen Regierung besonders suspekt, weil sie mit der Zivil-Gesellschaft, mit Nicht-Regierungs-Organisationen zusammenarbeitet.
Ihre Themen sind: Ökologie (Atom- und Klima-Politik), Demokratie-Förderung und Geschlechter-Gerechtigkeit. Das alles sind in Russland schwierige Themen.
Die Stiftung bietet Dokumentarfilme, Vorträge und Seminare an. Sie veranstaltet Schülerwettbewerbe und führt Austauschprogramme durch. Mit Publikationen und Studien versucht sie zu den Themen „individuelle Geschichte“ und „die Rolle von Frau und Mann in der Gesellschaft“ Einstellungsänderungen zu bewirken.
Bisher macht man der Stiftung direkt keine Schwierigkeiten. Die bekommen eher die Gruppen, die mit der Stiftung zusammenarbeiten und die Informationen liefern. So wird die Arbeit dann doch erschwert oder sogar unmöglich gemacht.

Das letzte Thema, das Johannes Voswinkel ausführlich darstellt, beginnt er mit einer Geschichte:

Nach einem langen Arbeitstag kommt er nach Hause und klagt, wieviel er den ganzen Tag zu tun hatte. Die deutsche Freundin kommentiert nur kurz: Selber schuld! Die russische Freundin setzt sich neben ihn, streichelt zärtlich seinen Kopf und bedauert ihn: Armer, armer kleiner Johannes, dass du so viel arbeiten musst!
In Russland stellt sich das Bild nach außen so dar: Der Mann ist das Oberhaupt der Familie, er ist der Geldverdiener und der, der der Frau Schutz und Anlehnung bietet.
Die Bestimmung der Frau ist die Geburt und Aufzucht der Kinder und die Sorge für das leibliche Wohl des Mannes. „Das Wichtigste ist es, den Mann rechtzeitig zu füttern.“
Russische Männer haben ein starkes Bedürfnis, dieses Männerbild nach außen zu leben und zu verteidigen. So vergnügen sie sich in ihrer Freizeit gerne unter Männern beim Angeln und Jagen – uns allen kommt sofort das Bild von Putin mit nacktem Oberkörper auf dem Pferd reitend in den Sinn.

Bei einer negativen Ausrichtung dieses Bildes gehören körperliche Gewaltanwendungen mit zu dieser Demonstration des Männlichen. Unter männlichen Jugendlichen ein starkes Element.
Pauschal kann man sagen, dass dieses konservative Rollenbild auf dem Land stärker vertreten ist und sich in der Stadt langsam ein bisschen ändert. Es wird allerdings durch den stärkeren Einfluss der Kirche wieder verstärkt.

Neben dieser Präsentation nach außen gibt es nach innen ein sehr starkes Matriarchat. In ihrem Bereich, der Familie, bestimmen ausschließlich sie, die Frauen, was passiert. Deshalb sind sie auch nicht interessiert daran, dem Mann Pflichten im Haus zu übergeben, das würde ihm auch Rechte verschaffen und ihnen ihre alleinige Vorherrschaft nehmen.
In solchen Fällen leiden Frauen stark unter der Doppelbelastung von Beruf und Familie. Sie sind strapaziert und ausgelaugt. Zum Glück sind unter den jungen Leuten immer mehr, die diese Rollenvorstellung überwinden wollen.

Festhalten möchte ich den Hinweis von J. Voswinkel: „Russische Frauen wissen, dass sie ihren Mann loben müssen und tun das auch.“

~ Ilona Haß, ZEIT Reisende

Tag 43

Wolgograd

Die Schicksalsstadt

Die heutige Heimat von knapp 2 Millionen Menschen erhielt im Jahre 1961 ihren heutigen Namen Wolgograd. Gegründet wurde sie 1589 am Zusammenfluss von Wolga und dem Flüsschen Zariza als eine Festung, ein bedeutender stets sich ausbreitender Handels- und Warenumschlagplatz, der damals den Namen Zarizyn trug. Speziell der Kohleabbau ließ die kleine Stadt im 19. Jh. sprunghaft anwachsen auf geschätzte 200.000 Einwohner. Daraus erwuchsen für Tausende Menschen, besonders die arbeitenden, erschwerte verelendende Lebensumstände.

1925 wurde Zarizyn in Stalingrad umbenannt, nachdem besonders die Rotarmisten unter Stalin im russischen Bürgerkrieg die „Weißen Truppen“ aus der Stadt zurückgedrängt hatten.

Die Stadtführung beginnt für uns an der bedeutendsten Gedenkstätte des 2. Weltkrieges, der schwer umkämpften 102m hohen Erhebung, dem Mamaj-Hügel.

Auf dem Gipfel steht die Statue „Mutter Heimat“, die den Nationalstolz der heutigen Sowjetunion zum Ausdruck bringt, der unauslöschlich mit dem Sieg über Hitler-Deutschland verbunden ist. Mit der 85m hohen Statue wird dies überdeutlich repräsentiert. Ich möchte hier vermeiden, mit historischer Faktenfülle und Opferzahlen zu hantieren, weil ich keine wirklich verlässliche Quelle zur Verfügung habe; zumal alle Zahlenangaben ohnehin unter Vorbehalt gelesen werden müssen.

Allerdings wird von der kompetenten jungen Dame, die uns im Kriegsmuseum, MAWKOBA, führte, viel faktisch Belegbares glaubhaft vermittelt. Als zerfetztes Symbol des Krieges steht die alte Mühle nebenan.

Es beginnt mit dem Panoramablick über das Kriegsgeschehen um Stalingrad im 2. Weltkrieg, der immer als „Großer Vaterländischer Krieg“ bezeichnet wird.

Auf beeindruckende Weise wird in sieben Räumen das gesamte Kriegsgeschehen dokumentiert, das sich aus sowjetischer Sicht speziell im Kampf um Stalingrad vom Sommer 1942 bis Februar 1943 als eine der verheerendsten Schlachten gezeigt hat, die letztendlich die Wende des Krieges brachte.

Bereits die verlustreiche Schlacht um Moskau hatte den Anfang vom Ende der deutschen Kriegserfolge an der Ostfront markiert. Nach den erbitterten Kampfhandlungen um Stalingrad, in denen um einzelne Fabrikgelände, Straßen und Häuser gerungen wurde, glich die Stadt nach wenigen Wochen einem einzigen Trümmerfeld. Erst als die russische Gegenoffensive einsetzte und die deutschen Truppen unter Generalfeldmarschall Paulus eingekesselt waren – Hitler befahl durchzuhalten – kapitulierten Paulus und sein Generalstab und gingen in Gefangenschaft.

In nicht vorstellbarem Ausmaße konfrontierte dieser 2. Weltkrieg Hinterbliebene und Historiker mit dem „Verlust der Leiche“; meint, als Personen nicht mehr zähl- und identifizierbare Opfer.

Nach dem Krieg wurde Wolgograd als sowjetische „Heldenstadt“ komplett neu aufgebaut. Diesem Neuaufbau lag ein Generalplan zu Grunde, der die Idealvorstellungen einer sozialistischen Stadt- und Staatsarchitektur entsprach. In 75km Länge erstreckt sich heute diese Stadt am rechten Ufer der Wolga und bildet in weiten Teilen ein graues, trauriges Bild aus rechteckigen Fertigplatten-Wohnkästen. Moderne sieht anders aus.

Eine kleine Festivität mit Gästen aus der Vereinigung der deutsch-russischen Minderheit, die sich mittels deutschem Liedgut ihrer alten Heimat verbunden wissen, klingt der Abend aus.

~ Thomas Birkelbach, ZEIT Reisender
~ Foto: Renée Wilhelm

Tag 42

Astrachen - Wolgograd

Von Astrachan am Kaspischen Meer nach Wolgograd

9:20 Uhr: stadtauswärts fahren, links über die Wolgabrücke bis zur kilometerlangen Zementfabrik. Die städtischen Grünflächen begleiten „Mütterchen Wolga“, sie sind mit Strommasten-Spargel verschönert.

9:40 Uhr: die letzte Tankstelle vor der Landstraße Richtung Wolgograd, unserem Tagesziel; ca. 460 km – immer weiter flussaufwärts. Das Landschaftsbild ändert sich kaum, „Kalmücken-steppenartig“. Dazu die moderne Lebensvariante, das grün-braune buschige Gestrüpp ist garniert mit silbrig glänzenden Plastikflaschen.

10:10 Uhr: Walter hat sich den Sitz wieder in Liegeposition eingerichtet und ist hörbar ins Traumland abgetaucht. Luise hält Wacht, dass ja nichts passiert.

Tafelanzeige:nur noch 1363 km bis Moskau!

Heute sind keine Knallerstationen zu erwarten. Bekanntermaßen bewegt sich unsere 480-PS-Maschine auch wieder auf russischem Schüttel-Teer-Parkett. Rechts und links sind die winzigen Flachbauten teilweise nur durch ihre farbigen Wellblechdächer voneinander unterscheidbar. Bei den 15-stöckigen Beton-Wohnburgen dagegen sind die grünen oder blauen Fassadenfarbanstriche sogar schon wieder abgeblättert; bei vielen Häusern scheint die Farbzuteilung nicht ausgereicht zu haben.

10:40 Uhr die eintönige grün-braune Wiese rahmt uns wieder ein, die dämmernde Truppe wird langsam vorwärts geschüttelt.

Seit der gestrigen Bootstour begleitet uns der langjährige ZEIT-Auslandskorrespondent in Moskau, Johannes Voswinkel vom 08. bis 12.08.2017 zwischen Astrachan bis Woronesch. Leider zu kurz für diesen lebendigen, informatorischen Knaller!!!

Schon gestern Nachmittag auf der Rückkehr vom Bootssteg gab er einen prächtigen Einstand über seinen persönlichen, sehr wechselhaften Lebensweg bis zur aktuellen Leitung der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau. Seine politische Sachkompetenz, gepaart mit feuilletonistischen Klöpsen ergeben die richtige Melange, um seinen Ausführungen aufmerksam schmunzelnd zu folgen! Seine Erfahrungen im Umgang mit Behörden, deren Mitarbeitern, mit Nähe und Distanz im persönlichen Verhältnis zu „Offiziellen“ formuliert er (fast) wie Dieter Nuhr in Nachtkabarett-Hochform. (Es geht ums Thema eins „Schwarzer Kaviar, das Gold der Region“!

Sein zweiter Themenkomplex: Wirtschaft. Über die Ölpreisentwicklung als Motor des russischen Staatshaushalts, den Zusammenhang zwischen Rubel- und Dollarbewegungen u.a.m. referiert er detailliert und kompetent. Auch für Putin – den „regierenden Monarchen“ – findet er die passenden Etiketten.

Über die „richtigen, erfolgreichen“ Berufsaussichten, -chancen für Jugendliche weiß er zu berichten; ebenso wie über die Tee-Kartoffel-Brot-Lebenssituationen des ärmlichen Rentnerlebens. Die Themen „Neue Reiche“, das „System Putin“, dessen „unersetzbare Rolle, dem Ruhm und der Ehre Russlands zu dienen“, findet er nach meiner Einschätzung die stimmigen Argumente.

Wenn auch kurzfristig die Augen zufallen, seine Schilderungen rütteln immer wieder auf, zeigen einen differenzierten Blick auf historische und aktuelle Ereignisse der russischen Führungen von Gorbatschow über Medwedjew bis zur Putin-Aktualität. Wie schön, mit solch einem lebendigen zweibeinigen Lexikon, das angefüllt ist mit pointierten Lebensweisheiten, unterwegs zu sein. Genussvoll und informativ, einfach: ZEIT-Reisen-Qualität!

~ Thomas Birkelbach, ZEIT Reisender
~ Foto: Renée Wilhelm

Tag 41

Astrachan - Wolga-Delta

Beim Aufstehen schnell einen Blick in die Whatsapp-Gruppe und erleichtertes Aufatmen: Jens und Daniel sind wieder sicher im Hotel in Atyrau angekommen. Wir werden uns in Weißrussland wiedersehen!!!

Um 8 Uhr warten in der Halle auf uns: Alla, Vladimir, Peter und Irena. Wer soll oder wird denn heute unser Reiseleiter sein?!? Wir fühlen uns direkt überversorgt. Gleichzeitig stellt Walter uns den neuen ZEIT-Experten Johannes Voswinkel vor, der erst in der Nacht angereist ist. Er wird uns bis zum 12.08. begleiten. Wir freuen uns darauf, Russland durch seine Kommentare näher kennen zu lernen.

Als erstes besuchen wir den Kreml von Astrachan.

Diese Hauptsehenswürdigkeit der Stadt wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts erbaut. Die umgebende Mauer ist etwa 1500m lang und war durch viele Wachtürme und Wehrgänge verstärkt. So bot sie ausreichend Schutz gegen Angriffe und Überfälle. Wir betreten das Gelände durch den Glockenturm. Neben dem Glockenturm befindet sich das mit ca. 70m Höhe mächtigste Gebäude der Anlage. Es ist die Uspenskij-Kathedrale, in der sich unter den fünf Kuppeln zwei Kirchen befinden, eine obere und eine untere. Wir können nur die untere besuchen.
Als wir eintreten, wird gerade ein Gottesdienst gefeiert. Geblendet von den gold glänzenden Verzierungen und Ikonen bleiben wir im Eingang stehen und stellen verwundert fest, dass die Gläubigen nur wenig von der Zeremonie mitbekommen können. Alles findet hinter einer Abtrennung statt.

Dann hören wir aber wunderschönen Chorgesang und wollen nur noch den Klängen lauschen, die in dieser vergoldeten Umgebung besonders eindringlich wirken.

Die nächste Station ist das Nikolaus-Tor mit der Nikolaus-Kapelle. Wir klettern eine steile Stiege hoch und sehen vom Balkon auf die Stadt. Wo heute eine Straße verläuft, floss früher die Wolga und schützte so die Anlage vor Angreifern.

In der Nikolaus-Kapelle gibt es zwei bemerkenswerte Ikonen: eine moderne Ikone des Heiligen Nikolaus mit Glasperlen gestickt und eine antike, die – man glaubt es kaum – bei Zahnschmerzen helfen soll.

Beim Rückweg können wir an der Cyrill-Kapelle noch einmal den Choral-Gesängen einer kleinen Gruppe lauschen und nehmen diese Klänge mit in den Tag.

Bevor wir weiterfahren können, muss für zwei Mitreisende ein Taxi zum Hotel bestellt werden. In Russland darf man kein Taxi auf der Straße anhalten. Um das illegale Transportwesen zu unterbinden, muss ein Taxi bei der Zentrale bestellt werden.

Unsere Fahrt geht weiter ins Wolga-Delta.Das Wolga-Delta ist ca. 200 km breit und 150 km lang. Bereits 1919 wurde hier ein Naturschutz-Reservat eingerichtet. Das Delta ist ein landwirtschaftlich gut genutztes Gebiet. Besonders Tomaten und Melonen werden angebaut und erreichen eine gute Qualität. Ein weiterer Wirtschaftszweig ist der Tourismus. Angler und Jäger können hier gute Beute machen.

Unser Ziel ist eine Ferienanlage.
Dort essen wir zunächst Mittag. Danach besteigen wir schmale grüne Motorboote – jeweils sechs Personen in ein Boot, Schwimmwesten anlegen, und die Fahrt geht los!?!

Lange gleiten wir dahin. Die Sonne brennt auf uns herab, einige spannen zum Schutz den Regenschirm auf. Ein leichter Wind verschafft ein wenig Abkühlung. Wir sehen immer wieder Reiher aufsteigen, Schwäne vorbeiziehen und Adler wegfliegen. Jetzt müsste nur noch ein Krokodil auftauchen!!!

Nach etwa einer Stunde kommen die Boote zusammen. Irena erzählt uns von Wasserkastanien, Lotusblüten und dem versprochenen Bad. In das bräunlich trübe Wasser schauend sind wir sehr skeptisch, ob das ein Vergnügen sein kann. Plötzlich kommen wir zu einem riesigen Lotusblumen-Feld. Wir fahren mitten hinein zwischen die großen Blätter und die rosafarbenen Blüten. So etwas haben wir bisher noch nicht gesehen. Die Kameras klicken und die Gesichter strahlen.

Dann fahren wir weiter zwischen Schilffeldern hindurch. Schilf dient der Wasserreinigung, das hat Irena uns erzählt. Und sieht das Wasser nicht schon sauberer aus???
Jetzt kann man tatsächlich schon den Grund sehen! Als dann die Fahrer die Anker herausholen und der erste Bootsmann sich auszieht, ist klar: hier kann gebadet werden.

Zuerst schauen wir noch zweifelnd, aber bald lassen sich die ersten ins Wasser plumpsen. Dann nutzen viele die angenehme Erfrischung. Das Wasser ist klar, sauber, weich und warm. Es tut sooooo gut, darin zu schwimmen. Mit einer Leiter und freundlicher Schiebehilfe kommen alle wieder zurück ins Boot. Abtrocknen kann man sich sparen, das erledigt die Sonne. So tuckern wir zufrieden zurück, dankbar für diesen erholsamen Ausflug.

Im Bus greift Johannes Voswinkel zum Mikrofon: Er stellt sich vor als Journalist, der seit 1998 in Russland lebt und heute die Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau leitet. Verheiratet mit einer Russin und Vater zweier Kinder, die beide Nationalitäten haben, kann er uns sehr authentisch vom Leben in diesem Land berichten.

Seine ersten Themen sind die Bedeutung der Kirche und die Wohnsituation.
Schmunzeln müssen wir über seine Antwort auf die Frage, ob man hier abgehört wird. Es kann nämlich passieren, dass plötzlich ein Gas-Klempner vor der Tür steht, den man gar nicht gerufen hat, oder dass ein Wunsch erfüllt wird, indem ein namenloser Brief ins Haus flattert. Dabei hat man nur in seinen Räumen über diesen Wunsch oder das Problem gesprochen. Und keiner weiß, wie jemand das wissen konnte!!!

Als wir nach diesem befriedigenden Tag noch in einem Festsaal unter Kronleuchtern das Abendessen verspeisen, bleiben keine Wünsche offen.

~ Günter und Ilona Haß, ZEIT Reisende

Tag 40

Atyrau - Astrachan

Wir müssen früh aufstehen und um 5 Uhr sitzen wir im Bus, da wir die Grenze zu Russland mittags erreichen wollen.
Nur ein Reisepass fehlt! Er findet sich in der Kopiermaschine des Hotels.
Mit gleichzeitigem Monduntergang erhebt sich die Sonne blutrot über der Steppe. Da sieht man die Schlaglöcher erst noch nicht auf der Straße. Aber man fühlt sie und sie werden immer schlimmer. Holger umschifft alle mit Bravour, oft im Zick Zack – wie die anderen Verkehrsteilnehmer auch. Große Leistung!
Heute zeigt der Kilometerzähler die 10.000 km Marke seit unserer Abfahrt von Shanghai.
Der Wodka musste jedoch lange auf den letzten Metern warten, da wir jetzt fast nur im Schritttempo vorwärtskommen. Außerdem war das Risiko, den Schnaps nicht zu verschütten bei dem ständigen Schütteln und Rütteln, eine Herausforderung.

Auch mussten wir auf den Kaviar zum Wodka als Beilage verzichten, nachdem Walter uns geschildert hatte ,wie die Stör-Bestände durch Raubfischerei drastisch gemindert wurden. Erst heute wird durch Zucht des Störs und durch die neue Methode des Melkens der Störweibchen, langsam die Verfügbarkeit des Kaviars wieder etwas verbessert. Kaviar bleibt aber das teuerste Lebensmittel der Welt, was die Begehrlichkeit der Geschäftemacher auf den illegalen Verkauf weiterhin hochhält.

Endlich tauchen die Gebäude der Grenzabfertigung am Horizont auf und relativ zügig können wir Kasachstan hinter uns lassen.
Mit uns nehmen wir die Enttäuschung über zwei Tage in diesem Land.
Als Erinnerung bleiben die ärmlichen, ungepflegten Siedlungen und Straßen, die diesen Namen nicht verdienen und eine weitgehend eintönige, monotone Steppenlandschaft.
Wir selbst, die durch unseren langjährigen Aufenthalt in diesem Land einen weitaus vielfältigeren Eindruck von der Landschaft erlebt hatten und die Großzügigkeit der Kasachen als Gastgeber erfahren durften, fühlen die Enttäuschung doppelt.

Die Passkontrolle auf russischer Seite zog sich in die Länge, da nur ein Schalter in der Abfertigungshalle besetzt war. Die anderen Grenzgänger waren auf unsere Vorzugsbehandlung sicher neidisch, da wir an der Warteschlange vorbeigeschleust wurden und erst nach unserer Abfertigung die Grenze für die anderen Reisenden wieder geöffnet wurde. Als wir endlich losfuhren, merkten wir, dass der zweite Bus mit Jens und Daniel im Niemandsland zurückblieb. Visa Probleme sprengten unser erfolgreiches Team der letzten 40 Tage. Auf deutlich besseren Straßen erreichten wir zügig unser Etappenziel, das 5 Star Hotel Al Pash.

~ Sigrid und Johannes Sittard

Tag 39

Kul`Sary - Atyrau

Von 1995 bis 2012 war ich beruflich eng mit Kasachstan verbunden und wir hatten dort viele Städte und Regionen besucht.
Unsere Erwartungen waren daher hoch auf diese Reise durch den Süd-Westen Kasachstans, einem uns unbekannten Gebiet mit den beiden Oblasts, Mengistau und Atyrau.
Leider war der Grenzübergang und die ersten Kilometer eine einzige Enttäuschung nach den traumhaften 1001 Nächten in Usbekistan – in Wirklichkeit nur 10 Tage! Berge von Plastikmüll und eine Straße, die unsere Reisegeschwindigkeit unter 30 km/h drückte, war keine Empfehlung für das wirtschaftlich stärkste Land.

So erreichten wir erst nach mehr als 15 Stunden unser Hotel Bakai in Kul’ Sary. Nach dem Abendessen ließen uns unsere “Einsiedler” (Einzelpersonen) zurück zu dem dumpfen Beat der Musik einer Hochzeitsgesellschaft und zogen ins Hotel Shanghai, wo sie wahrscheinlich von China träumten.
Wir widerstanden der Versuchung, den Show Girls zu folgen und trafen uns morgens pünktlich und wohl ausgeruht zur Weiterfahrt.
Unser erster Stop des Tages war gleich hinter dem Ortsschild der Dorffriedhof mit teilweise bombastischen Grabstellen.

Besonders das Grab eines ehemaligen Pressesprechers des Präsidenten Nazarbaev ragte heraus. Im Gegensatz dazu werden ja zur Zeit die Sprecher des amerikanischen Präsidenten Trump in die Wüste gejagt, was hier zumindest landschaftlich gestimmt hätte.
Eine Gruppe von Angehörigen und Freunden war nebenan dabei, am 7. Tag nach der Beerdigung eine neue Umgrenzung zu bauen, ganz im Sinn der alten Traditionen.

Während der Weiterfahrt verkürzte uns Birgit Brauer, unsere Zentralasien-Expertin an Bord, die Fahrt durch die recht eintönige Steppenlandschaft mit Informationen zu Kasachstan, dem flächenmäßig neuntgrößten Staat der Erde. So haben die nur 18 Millionen Einwohner reichlich Platz. Ihr erster Schwerpunkt war die Ölindustrie des Landes. Wir kamen durch den Ort Dossor.

Hier begann 1911 die Ölförderung, nachdem Öl in Kasachstan bereits 1899 entdeckt worden war. Zu Sowjetzeiten verharrte die Produktion bei etwa 20 Millionen Tonnen. Die langen Transportwege und hohen Produktionskosten begünstigten den Ausbau anderer Lagerstätten in Russland. Dies änderte sich jedoch mit der Unabhängigkeit Kasachstans. Für den neuen Staat war es lebenswichtig, Devisen zu erhalten und wirtschaftlich von Russland unabhängig zu werden. Der Rohstoffreichtum Kasachstans mit Öl und Gas an erster Stelle spielten dabei die entscheidende Rolle.
Ich durfte diese Zeit, in der westliches Kapital und Know How in das Land geholt wurden, ab 1995 miterleben. Eine Zeit, die ich gerne als den “Wilden Westen im Osten” beschreibe.
Mit der Entdeckung des riesigen Tengiz Feldes, dem Kronjuwel Kasachstans und dem Einstieg des Öl-Multis Chevron, avancierte Kasachstan schnell zu einem wichtigen Öl-Lieferanten unter den 20 größten Produzenten weltweit. Die Entdeckung zusätzlicher Reserven, meist Offshore im Kaspischen Meer, ließen die Erwartungen in Kasachstan auf künftigen Reichtum ins Unermessliche steigen. Vor allem mit dem gigantischen Kaschagan Feld sollte die Ölproduktion von 80 Millionen auf 150 Millionen Tonnen gesteigert werden.
Der Verfall des Öl Preises, steigende Produktionskosten verursacht durch die große Tiefe der Lagerstätte mit mehr als 8000 Metern, sowie hohe Schwefelgehalte des Rohöles ließen diese Träume aber schnell platzen. So müssen bereits heute täglich etwa 4500 Tonnen Schwefel aus dem Öl des Tengiz Feldes abgetrennt und gelagert werden.
Neben den Schwierigkeiten der Erdölförderung sind die riesigen Entfernungen zu den Märkten ohne direkten Zugang zu Seewegen eine der größten Herausforderungen. Das Öl wetteiferte mit den anderen Rohstoffen wie Eisenerz, Stahl, Bauxit um das Nadelöhr Eisenbahntransport. An dem einzig bestehenden Übergang nach China, dem neuen bedeutenden Markt mit direkter Grenze, stauten sich die Güter, Tage und Wochen lang. Eine Ursache liegt in der unterschiedlichen Spurweite beider Schienennetze.
Der Kampf und Wettstreit um die Streckenführung neuer Pipelines für den Gas- und Öl-Transport wurde zu dem neuen “Great Game” zwischen Russland, USA und Europa. Es lag im Interesse Russlands, dass weiterhin das Öl durch das eigene Pipeline System gegen den Westen floss, während der Westen neue Transportwege, die russisches Territorium vermeiden, bevorzugte.
Nutznießer dieser Auseinandersetzungen war China, das die Anbindung Kasachstans mit dem Bau von Pipelines für Gas und Öl schnell realisiert, ebenso den Bau zusätzlicher Eisenbahnlinien. Damit wurden die Warenströme auf einer neuen Seidenstraße deutlich ausgeweitet.

Ein anderes Problem für die neue Republik war das Erbe mit dem Atomtest Gebiet um Semey, im Osten des Landes. In Kasachstan wurden zwischen 1949 und 1991 von mehr als 450 Atomtests etwa 1/3 oberirdisch durchgeführt. Die Zivilbevölkerung wurde darüber im Unklaren gelassen und die einzige Empfehlung sich zu schützen, war der Hinweis, man sollte nicht in den Atompilz schauen. Massive gesundheitliche Schäden, vor allem erhöhte Krebsraten für die gesamte Bevölkerung der Region waren die Folge. Noch heute liegt die Radioaktivität dort hundertfach über den international gültigen Grenzwerten.
Mitarbeiter der Europäischen Entwicklungsbank (EBRD) mussten bei Reisen nach Kasachstan ein Dosimeter tragen und durften bei Überschreitung eines Grenzwertes für eine Zeitlang nicht wieder einreisen. Unsere Mitarbeiter aus Europa und Indien waren dadurch so verunsichert, dass wir einen Geigerzähler zum Testen von Lebensmitteln, vor allem für Babynahrung, anschaffen mussten.

Ein ganz anderer Aspekt der Geschichte Kasachstans war die Bevölkerungsentwicklung nach der Unabhängigkeit. In Deutschland rückte Kasachstan ins öffentliche Bewusstsein in den 90er Jahren, als plötzlich mehr als eine Million der sogenannten Kasachen-Deutschen nach Deutschland einwanderten.
Wolga-Deutsche von Stalin in den 40er Jahren nach Kasachstan umgesiedelt oder besser gesagt ausgesetzt, nutzten die Möglichkeit, dem Niedergang der kasachischen Wirtschaft nach der Unabhängigkeit zu entkommen, mit Ihrem Recht auf die deutsche Staatsbürgerschaft.
Heute leben noch etwa 150.000 Deutschstämmige in Kasachstan. Schmerzlicher für die Entwicklung Kasachstans war aber der Aderlass durch die Abwanderung vieler russischer Experten. Hunderttausende kehrten Kasachstan den Rücken und gingen zurück nach Russland.
Schuld neben der schlechten Wirtschaftslage war auch das Bestreben des Präsidenten Nazarbaev die Eigenständigkeit des Landes mit Förderung und Bevorzugung der kasachischen Bevölkerung zu betonen. Mir wurde angedeutet, ja keinen Kasachen zu entlassen.
Ein sichtbares Zeichen den russischen Einfluss zurückzudrängen, insbesondere im Norden des Landes, war die Verlagerung der Hauptstadt von Almaty nach Astana, vom Rand mehr in die Mitte des Landes. Eine einsame Entscheidung des Präsidenten, die seine überragende, unangefochtene Machtstellung im Land zeigt.

Die Präsidentschaft, die Nazarbaev jetzt schon fast seit 30 Jahren innehat, wird wohl bis an sein Lebensende andauern. Damit bleibt auch noch genügend Zeit, dem großen Sport in Kasachstan, “Kaffeesatz lesen” zu frönen: Wer tritt das Erbe von Nazarbaev an?
Über die Jahre wurden endlose Favoriten genannt und wieder verworfen: Von den eigenen Töchtern über die verschiedenen Schwiegersöhne bis hin zu verdienten Akims von Almaty und Astana wurden Namen genannt, die so schnell sie auftauchten auch wieder verschwanden. Man weiß es einfach nicht.

Mit diesen Ausführungen und Diskussionen wurde uns die Zeit nicht lang bei der Fahrt durch die endlose braune Fläche der Steppe, nur ab und zu unterbrochen von den weißen Flächen der ausgetrockneten Salzseen.
Ein Stop an einem See und der Versuch, die Salzfläche zu betreten, war wenig erfolgreich, da sich unter der Salzschicht zäher, schwarzer Schlamm versteckte.

Ansonsten waren die einzigen Abwechslungen auf der Strecke große Herden von Pferden, einem wichtigen Fleischlieferanten, sowie zahlreiche Kamele. Von den Ölförder-Anlagen selbst waren mit Ausnahme von historischen Förderpumpen an Ortseingängen nichts zu sehen.

Gegen Mittag hielten wir Einzug in Atyrau mit einem tollen Ausschnitt der CD “Karavan” vom Cronus Quartett, New York.
Kristina erklärt uns, dass der Name Atyrau Mündung oder Flussdelta bedeutet und seit der Gründung durch russische Kaufleute im Jahr 1640 sich zu einer bedeutenden Hafenstadt am Ural entwickelt hat.
Heute ist Atyrau Zentrum der Erdölindustrie Kasachstans mit vielen neuen Bürogebäuden für die vielen in- und ausländischen Firmen, die sich hier angesiedelt haben, nicht zu vergessen die zahlreichen Banken mit ihren dominanten Gebäuden.
Alle wollen teilhaben am neuen Reichtum der Region.
Auf unserem kurzen Stadtrundgang bei glühender Mittagshitze schleppten wir uns über die Brücke des Flusses Ural, der die Grenze zwischen Asien und Europa bildet.

Im europäischen Teil der Stadt erreichten wir unser ukrainisches Restaurant, wo Spezialitäten auf uns warteten, von der ganz in rot gekleideten Besitzerin zubereitet, wie sie uns versicherte: Bortsch und Beschbarmak mit Fleisch und Fisch. Wir feierten nach 39 Tagen unsere Rückkehr nach Europa.
Für unser nächstes Hotel Chagala, wohin wir uns zur Mittagsruhe zurückzogen und erst zum Abendessen wieder auftauchten, ging es jedoch für die letzte Nacht zurück nach Asien.
Hier verabschieden wir uns von Birgit Brauer, die am nächsten Tag abreist und uns so viel über Kasachstan erzählt hat. Mit dem Lied “Am Brunnen vor dem Tore“, dargebracht von unserem Vorsänger Walter Bonert sagten wir auf Wiedersehen bis Berlin.

Auch Kristina wurde bei der Gelegenheit musikalisch verabschiedet. Sie wird uns nur noch am nächsten Tag zur russischen Grenze begleiten.

~ Sigrid und Johannes Sittard

Tag 38

Jazliq - Kul’Sary

Die Sonne geht um kurz vor 6:00 Uhr auf. Der Himmel ist strahlend blau, es ist angenehm kühl. Hoffentlich ist all dies dazu angetan, den einen oder anderen über die nicht optimal erquickende Nachtruhe hinweg zu trösten.

Geduldig steht dieses Kamel an der Toilette für Durchreisende an.

Kamel steht wartend vor der Toilette an

Um 7:15 Uhr sitzen alle etwas übernächtigt im Bus in Erwartung einer erneuten anstrengenden Tagestour durch die Wüste Kyzylkum (Roter Sand). Diese Wüste hat eine Ausdehnung von 260.000 qkm, was mehr als zwei Drittel der Fläche der Bundesrepublik entspricht. Die Straße ist wieder einmal schnurgerade, abgesehen von kleinen Schlenkern, die Daniel slalomähnlich ausführt, um den Schlaglöchern auszuweichen. Ab und zu kommen uns völlig überladene Fahrzeuge mit hoch aufgetürmten Koffern, Taschen und Geräten auf dem Dach entgegen. Bei vielen liegen ganz obenauf noch zwei Fahrräder (als Pannenfahrzeuge?).

Völlig überladenes Fahrzeuge mit hoch aufgetürmten Koffern, Taschen und Geräten

In der Ferne sieht man zuweilen die Umrisse von Oasen.

Umrisse von Oasen

Die Wüste ist keine Sandwüste im eigentlichen Sinne. Spärlicher Grasbewuchs und kleine Büsche sind ausreichend als Nahrung für die herumstreunenden Kamele, die nun immer zahlreicher werden. Die Tierwelt ist trotz der schwierigen Lebensverhältnisse noch erstaunlich umfangreich. Ganze Kolonien von Wüstenspringmäusen säumen die Straße und springen entsetzt weg, sobald sich unsere Buskarawane nähert.

 Erdmännchen

Wir beobachten einen Fuchs, einen Steppenadler, Lerchen und Erdmännchen, abgesehen von den Fliegen, die seit geraumer Zeit in unserem Bus Zuflucht gefunden haben.

Birgit trägt noch Informationen über Khiva nach, insbesondere den Sklavenhandel ab den 1830er Jahren bis 1920. Wohl wegen des größeren wirtschaftlichen Nutzens von Russen waren diese deutlich teurer als persische Sklaven. Räuberische Banden überfielen Reisende in einsamen Gegenden und verschleppten sie zum Markt in Khiva, wo die Herrscher durchaus am Geschäft beteiligt waren in Form einer „Sklavensteuer“ in Höhe von 20% des Umsatzes.

Auf der einen Seite der Straße ist der Verlauf einer Gasleitung markiert, auf der anderen Seite, in gebührendem Abstand, der einer Kabelleitung.

Um 11:30 Uhr erreichen wir die usbekisch-kasachische Grenze, nach gut 1,5 Stunden das Niemandsland. Nun beginnt die Einreiseprozedur nach Kasachstan. Um 15:00 Uhr haben wir das gesamte Vefahren hinter uns gebracht. Nach einer kurzen Wartezeit in der prallen Sonne (gefühlt eine kleine Ewigkeit) können wir wieder in unseren Bus einsteigen.

Zur Abwechslung besteht nun die Straße nicht mehr aus Asphalt mit Schlaglöchern, sondern aus einer Wellblechsandpiste, die aber auch kein schnelleres Fahren erlaubt. Wir fiebern der versprochenen Straße in bestem Zustand (siehe Roadbook) ab Beineu entgegen. Für die letzten 2 km in der Stadt über kreuz und quer auseinanderklaffende Betonplatten braucht Daniel noch einmal fast eine halbe Stunde. Die Straße ist danach tatsächlich in einem hervorragenden neuen Zustand!

Da es nun im Bus deutlich ruhiger geworden ist, erzählt Birgit noch einmal interessante Aspekte über das Leben in Kasachstan. So erläutert sie die nationalen Feiertage. Ganz wichtig wie in allen ehemaligen Ostblockstaaten ist der internationale Frauentag am 8. März sowie der 9. Mai, der wohl eher als Tag des Friedens und nicht wie in Moskau martialisch als Tag des Sieges gefeiert wird.

Eine charakteristische Angewohnheit der Kasachen ist laut Birgit, bei zahlreichen Gelegenheiten gemeinsam zu singen. Ebenfalls berichtet sie über die Schwierigkeit bei der Wiedereinführung der kasachischen Sprache, die als Abgrenzungsversuch gegenüber der bis dato beherrschenden russischen Sprache galt. Die Schwierigkeit bestand in dem bestehenden Unterschied zwischen der auf privater Ebene bewahrten Alltagssprache und einer eher „literarischen“ Sprache. Darüber hinaus mussten viele moderne, z.B. technische Begriffe erfunden werden, die sich mehr oder weniger durchsetzen konnten. Ein weiteres Problem besteht in der Einführung der lateinischen Schrift, die eher Verwirrung stiftete bei einem Teil der Bevölkerung (Nomaden), der vor nicht allzu langer Zeit von Analphabetismus in die kyrillische Schrift gezwungen wurde. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, und entsprechend sieht man Beschriftungen sowohl in kyrillischer als auch in lateinischer Schrift.

Nach einem mehr als 15-stündigen „Arbeitstag“ erreichen wir um 22:30 Uhr Kul’Sary. Wir bedanken uns bei Daniel für seine bravouröse Leistung mit einem herzlichen Beifall. Im Hotel erwartet uns noch ein opulentes Abendessen, das wir zu dieser späten Stunde leider nicht mehr so recht genießen können.

~ Klaus-Jürgen Wilhelm, ZEIT Reisender

Tag 37

Nukus - Jazliq

Frühstück heute an zwei liebevoll gedeckten Tafeln im Innenhof des Hotels. Kleine Schalen mit Salaten, verschiedene Gebäckstücke, Obstteller, Wurst- und Käseplatten, Brot, Kannen mit Kaffee, Saft – alles steht schon bereit.

Die heutige Besichtigung in Nukus führt uns wieder zu großer Kunst. Aber keine Medresen mehr, keine Moscheen, keine Paläste, sondern ein Museum mit moderner Malerei. In dieser Einöde???

Igor Sawitzkij, selbst Künstler, gründete 1966 ein Heimatmuseum der Karakalpaken. Unter diesem „Deckmantel“ war es ihm möglich, überall in der Sowjetunion Gemälde von Künstlern von Anfang des 20. Jh. aufzukaufen, die es nicht in die großen Museen geschafft hatten oder die verfolgt wurden und ihre Werke verstecken mussten. Bei seinem Tod 1984 vermachte er seine Sammlung von 90.000 Kunstwerken der Stadt Nukus.

Sawitzkij selbst ist ein Raum gewidmet. Hier sind seine eigenen Gemälde – Szenen und Landschaften aus Usbekistan -, seine Auszeichnungen, persönliche Dokumente und Gegenstände ausgestellt.

Hier finden sich auch einige Presseberichte aus dem westlichen Ausland. In einem Artikel der FAZ von 2002 wird über den unvollendeten Museumsbau sowie die fatalen Bedingungen berichtet, die für die Bevölkerung durch die Versalzung des Aral-Sees entstanden waren. In der Schule lernten wir noch, dass es sich um den viertgrößten See der Welt handele. Anfang der 60er Jahre wurden die ihn speisenden Flüsse Amu Darja und Syr Darja exzessiv zum Baumwollanbau ausgenutzt und teilweise umgeleitet, z.B. auch ins Fergana-Tal. Salz des früheren Meeresbodens und Staub aus dem vertrockneten See werden vom Wind viele hundert Kilometer weit transportiert. Nukus gehört zu den von der Austrocknung am stärksten betroffenen Regionen. Hier ist keine Landwirtschaft möglich.

Dies hatte auch Auswirkungen auf die Sammlung. Laut FAZ wären die Gemälde in einem beklagenswerten Zustand und dringend restaurationsbedürftig, wofür das nötige Material fehlte. Mit wassergefüllten Gefäßen würde versucht, die nötige Raumfeuchte zu liefern.
Mit einer Schau auf der documenta in Kassel sollte nach Sponsoren gesucht werden.
Inzwischen wissen wir, dass das Museum gerettet wurde. Es hat seinen Weg in die Öffentlichkeit und Reiseführer gefunden als zweitgrößte Sammlung russischer Avantgarde nach St. Petersburg.
In einem modernen Neubau wird heute eine großartige Sammlung präsentiert.
Im 1. Stock das Heimatmuseum mit Teppichen, Kleidung, Geschirr, Schmuck, Holzschnitzereien, Keramik … Ebenfalls hier befindet sich auch eine – eigentlich noch nicht zugängliche – Abteilung mit Gemälden vom Anfang der 2000er Jahre, die noch nicht beschriftet sind. Es geht also weiter.

Der 2. Stock ist angefüllt von den Gemälden der Avantgarde russischer Maler. Wir stehen und staunen.

Nach dem Mittagessen sind ca. 270 km zu bewältigen.

Die Landschaft unverändert: Büsche, einzelne Bäume, Baumwollfelder, ein paar Kühe, kleine Ortschaften. Auch hier hat die Regierung die typischen Reihenhäuschen bauen lassen, die man lt. Kristina für ca. 30.000 Dollar kaufen kann.

Im stetig karger werdenden Gelände taucht plötzlich ein Friedhof auf. Die Toten werden in Tücher gehüllt und unter einer Strohabdeckung in die Grube gelegt, obenauf die Bahre aus Holz. Dieser Brauch ist typisch für Karalpakistan und ähnelt bereits mehr den kasachischen Gepflogenheiten als den usbekischen. Wir fragen uns, von woher die Toten herangebracht werden, denn wir können weit und breit keine Ansiedlung ausmachen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man festgefahrene Wege, die sicherlich zu von der Straße nicht sichtbaren Oasendörfern führen.

Eine gute Stunde müssen wir mit 20 km/h auf einer schlechten Piste durch die Wüste zuckeln. Kristina nutzt die Zeit, uns ausführlich über Festtage in Usbekistan zu informieren.

Außer den auch in Nachbarländern gefeierten Neujahr am 21. März, dem Ende des 2. Weltkriegs am 9. Mai und diversen Ehrentagen für verschiedene Berufsstände wird in Usbekistan der Unabhängigkeitstag am 1. September und der Verfassungstag der Republik Usbekistan am 8 .12. gefeiert.

Neben der bei Muslimen üblichen Beschneidung der Jungen gelten als persönliche Feiertage im Kindesalter der 7. Tag nach der Geburt, wenn die bedauernswerten Säuglinge für die nächsten Monate in die Wiege (Beschik) gewickelt werden, sowie das 12. Lebensjahr.

Was mich sehr erstaunt: in einem Teil der ehemaligen Sowjetunion, wo die Frauen schon sehr früh gleichberechtigt waren, ist immer noch der Brauch verbreitet, dass Ehen von den Eltern arrangiert werden, was Kristina uns ausführlich erläutert.

Wir übernachten heute in einem „Teehaus“. Vier Wochen China haben meine Vorstellungen von einem solchen so einseitig gefestigt, dass ich mich doch einer gewissen Enttäuschung nicht erwehren kann. Genau genommen handelt es sich bei der Unterkunft um eine Mischung aus Motel und Jugendherberge mit Mehrbettzimmern. Immerhin gibt es pro Zimmer eine Toilette mit Dusche. Es ist auf dieser Strecke die einzige Übernachtungsmöglichkeit.

Die Nomaden, die für uns eine Überraschung bereiten sollten, sind leider in den Weiten der Wüste verschwunden.

Mit einem Schlummertrunk und dem Blick in den Sternenhimmel stimmen wir uns auf die Nachtruhe ein.

~ Renée Wilhelm, ZEIT Reisende
~ Fotos Claudia Kennel

Tag 36

Khiva - Nukus

Khiva also, die Sagenumwobene. Nachdem einige von uns den lauen Vorabend genutzt hat, um die historische Festungsstadt gleich nach der Ankunft aus Buchara schon mal auf eigene Faust zu durchstreifen, und auch frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, ein paar Unentwegte durch deren noch menschenleeren Straßen gewandert sind, starten wir, wie immer von Kristina kundig geführt, um neun Uhr zum „offiziellen“ Stadtrundgang.

Blick auf die Festungsmauer (Walter Weiss)
Blick auf die Festungsmauer
(Walter Weiss)

Die Oasensiedlung am Ufer des Amu Dariya stellt sowohl in historischer als auch architektonischer Hinsicht, ein Kuriosum dar. Einen Großteil ihrer 2500-jährigen Vergangenheit fristete sie als eher unbedeutende Station an der Seidenstraße, von der die Händler südwärts Richtung Merv und Iran, und nordwärts nach Astrachan am Kaspischen Meer weiterzogen. Erst im Jahr 1592 löste sie das zerstörte Kunja-Urgentsch als Residenz der Chane von Choresm, der geschichtsträchtigen Oasenregion südlich des Aralsees, ab.

Ihre eigentliche Blüte erlebte sie gar erst Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem sie von dem persischen Eroberer Nadir Schah zwischenzeitlich fast vollständig zerstört worden war.
Der späte (und relativ kurz währende) Reichtum rührte von einem alles andere als edlen Geschäft: dem exzessiven Handel mit Sklaven. Allein aus Persien wanderte damals in wenigen Jahrzehnten rund eine Million über Khiva in die – vornehmlich russische – Gefangenschaft. Ungefähr 60 000 von ihnen zwang der Chan, ihm seine Festungsstadt mit monumentalen Bauwerken zu verschönern.

In diesen Jahren galt Khiva unter Europäern als einer der gefährlichsten Orte der Welt. „Wer diese Stadt einmal betreten hat, verliert alle Hoffnung, so wie sie verliert, wer die Hölle betritt. Ihr Kerker ist von pfadlosen Wüsten umgeben, deren einzige Bewohner die Menschenhändler sind.“ Der so stöhnte, war der englische Captain James Abbott, der 1839 hierher gesandt worden war, um den bedrohlich nahe rückenden Russen Paroli zu bieten. Sein harsches Urteil ist kaum verwunderlich: Tausende Ausländer vegetierten damals in den örtlichen Verliesen dahin. Und zahlreiche Reisende hatten ihre arglose Neugier bereits mit dem Tod bezahlt. Noch 1863 musste Arminius Vambery, ein ungarischer Orientalist, der sich als Derwisch verkleidet nach Khiva gewagt hatte, mit ansehen, wie Gefangenen bei lebendigem Leib die Augen herausgeschnitten wurden und „ihr Folterer sein blutiges Messer an ihren Bärten reinigte“. Und sogar noch um die Jahrhundertwende verspürte ein gewisser Robert Jefferson, der die zehntausend Kilometer von London mit eigener Muskelkraft auf dem Fahrrad angereist war, nichts, als „das dringende Bedürfnis, diesen Ort so rasch wie möglich wieder zu verlassen“.

Als Khiva schließlich 1924 in die UDSSR eingegliedert und zur Sperrzone erklärt wurde, verschwand es hinter einem Vorhang des Vergessens. Das Staunen war allerdings groß, als dieser sich 1968 wieder hob. Die angrenzende Neustadt (Dischan Kala) war zwar, so zeigte sich, in der Zwischenzeit teilweise niedergerissen und im Moskauer Betonplattenstil wieder aufgebaut worden. Das historische, 30 Hektar große Festungsareal Itschan Kala jedoch präsentierte sich ausländischen Gästen des staatlichen Sowjet-Reisebüros Intourist als Stein gewordenes Märchen aus 1001 Nacht – als vollständig konservierte Feudalstadt aus dem islamischen Mittelalter. Es ist dies bis heute geblieben.

Khivas Festungsmauer von außen (Walter Weiss)
Khivas Festungsmauer von außen
(Walter Weiss)

Kristina geleitet uns, immer wieder historische Zusammenhänge erläuternd und spannende Anekdoten erzählend, durch die beiden weitläufigen, akkurat restaurierten Palastkomplexe Tasch-hauli und Kunja Ark.

Reiseleiterin Kristina in ihrem Element (Walter Weiss)
Reiseleiterin Kristina in ihrem Element
(Walter Weiss)

Wir nehmen diversen Mausoleen und Medressen die Parade ab, besichtigen unter anderem die Amin Chan- und die Muhammed Rahim Khan-Schule mit ihren typischen floralen, blauen und erdfarbenen Majoliken. Einen Höhepunkt stellt die Freitagsmoschee mit ihren über 200, teilweise mehr als 1000 Jahre alten Holzsäulen dar, den wohl berühmtesten Zeugnissen choresmischer Schnitzkunst. Eine Augenweide sind auch die prächtig verzierten Minarette Kalta-Minar und Islam Chodscha.

Trachtenpaar in der Freitagsmoschee (Walter Weiss)
Trachtenpaar in der Freitagsmoschee
(Walter Weiss)
Das reich verzierte Kalta Minar (Walter Weiss)
Das reich verzierte Kalta Minar
(Walter Weiss)

Nach einem Mittagessen, während dem uns als Überraschung ein örtliches Folkloreensemble mit einer musikalischen Darbietung unterhält und einige von uns sogar ein flottes Tänzchen wagen, geht es in mehrstündiger Fahrt, vorbei an schier endlosen Baumwollfeldern, weiter in Usbekistans äußersten Nordwesten; genauer: in die autonome Republik Karakalpakstan, noch
genauer: in deren Hauptstadt Nukus.

~ Walter Weiss, Reiseleiter

Tag 35

Burchara - Khiva

Sonnig, 34 – 42 Grad

Wir verlassen das wunderschöne Buchara und reisen weiter in Richtung Westen. Unser Tagesziel ist das 465 km entfernte Khiva, wo uns eine weitere bizarre Stadt aus 1001 Nacht erwartet.

Jens Blohm
Endlose Piste
(Jens Blohm)

Unsere Fahrt führte heute größten Teils immer geradeaus durch die Wüste. Der fast ockerfarbene Sand stand im Kontrast zu dem grünen dürren Gebüsch. Eigentlich könnte die Strecke an einem halben Tag als erledigt gelten, jedoch nicht bei dem zum Teil erheblich schlechten Straßenverhältnissen. Zunächst rüttelte ich auf gefühlten 100 Kilometer meine Fahrgäste bei durchschnittlich 20 bis 40 km/h ordentlich durch. Einen großen Respekt den Bussen. Bisher ohne größere Komplikationen. Plötzlich wurde der Verkehr auf eine noch intensivere Rüttelpiste umgeleitet – es stellte sich heraus, dass es sich dabei um eine Baustelle handelte. Wir mussten einen Bahnübergang queren, auf dem es jede Menge Sand zu schaufeln gab. Unmittelbar neben uns fragten wir uns über eine Betonkonstruktion über den Bahngleisen nach dem Sinn. Mein erster Gedanke war, dass es ein Tunnel wird und der Berg später drum herum gebaut wird. Aber die Erkenntnis stellte sich bald ein und wir erklärten eine zukünftige Straße, die später einmal über das Gleis führen sollte als sinnvoller. Ein in der Nähe stehender Zug schien auch zu warten, bis das Gleis vom Sand befreit wurde.

Weiter ging es die endlose schnurgerade Piste durch die Wüste. Zum Glück wurden wir auf eine relativ neue Betonpiste geleitet und wir konnten mal an Fahrt zunehmen. Ich schwankte zwischen dem Gefühl der langen Weile und der Begeisterung für diese Landschaft. Immerhin querte eine Springmaus vor uns die Straße und ein Erdmännchen grüßte vom Straßenrand. Kristina meint, dass es auch Schildkröten gibt.

Harmoniepause in der Wüste (Jens Blohm)
Harmoniepause in der Wüste
(Jens Blohm)

Für unsere erforderliche Pause zur Befriedigung der inneren Harmonie suchten unsere Lotsen eine Stelle, in der es zumindest im Ansatz mal etwas hügeliger war und unser Konvoi blieb einfach am Straßenrand stehen. Nicht ganz ungefährlich, denn der übrige Verkehr versuchte erst gar nicht, wegen uns die Geschwindigkeiten etwas zu drosseln. Es gibt doch Hupen.

Rast in der Wüste (Jens Blohm)
Rast in der Wüste
(Jens Blohm)

Irgendwann gegen späten Mittag erreichten wir eine kleine Oase in der tatsächlich so etwas wie eine Raststätte eingerichtet war. Sogar eine Gruppe durchgerüttelter Japaner hat sich mit ihrem Bus hierher verirrt. Je weiter wir nach Westen kommen, umso größer die Chance, dass man auf andere Touristen trifft. Kristina hatte für uns schon vorbestellt. Es gab endlich mal wieder Suppe und Fleischspieße, die ich hier jedoch sehr lecker fand. Die Hallen der Harmonie habe ich hier aber lieber nicht genutzt, eher die Weite der Wüste.

Weiter fuhren wir in Richtung Khiva, noch einmal Hitze, Trockenheit und ewig lange schnurrgerade Kilometer. Sand weht über die Straßen. Wie mühsam muss das Leben der Karawanen entlang der Seidenstraße gewesen sein. In meiner Fantasie war ich auch schon zu Fuß unterwegs. Und dann tauchte der Fluss Amudarja auf, der den Chash-Kala-See durchfließt. Leider durften wir wegen der Grenznähe nicht für einen Fotostopp halten.

Endlich erreichten wir die ersten Häuser von Khiva. Eine weitere prächtige Stätte mit bewegter Historie.

Altstadt von Khiva (Jens Blohm)
Altstadt von Khiva
(Jens Blohm)

Nach dem Einchecken im Khiva Bek Hotel, dem Abendessen und mit dem Sonnenuntergang bot sich die Gelegenheit, die historische Altstadt auf eigener Faust zu erkunden. Ein orientalisches Flair in märchenhafter Kulisse. Ich sage nur ZEIT-Reisen.

~Jens Blohm (Busfahrer)

Tag 34

Buchara

Heute ist Schweizer Nationalfeiertag! Wieso ich das erwähne? Dazu komme ich später…
Zuerst aber bereiten wir uns auf einen besonderen Spaziergang vor. Unser Hotel liegt ja im Herzen der Altstadt Buchara (UNESCO Weltkulturerbe) und so haben wir nur wenige Schritte, um uns mit dem Ort und vor allem den traditionellen Handwerkskünsten vertraut zu machen.

Bevor sich die Temperaturen erneut der 40° C Marke nähern, nutzen wir die schattenspendenden Sträßchen und Kuppelgebäude rund um ältesten Platz Bucharas mit seinem kleinen zentralen Teichplatz. Wir erfahren, dass man in früheren Zeiten dessen Wasser regelmäßig in der Stadt verteilte, um so die Trinkwasserversorgung zu gewährleisten. Trink-Wasser ist jedoch übertrieben, denn es war so verschmutzt, dass 90% der Einwohner unter schwersten Wurmerkrankungen litt. Die meterlangen Tierchen wurden von Barbieren mühsam aus dem Körper gezogen. Erst ab 1890 wurde der Teich ausgetrocknet und neu befüllt. Trinkwasser kommt nun aus anderen Quellen. Schaurige Geschichte.

Nun aber wandern wir zu den kleinen Schatzkästlein dieser sonnengelben Lehmstadt. Als erstes besuchen wir die Miniatur-Werkstatt eines Puppenmachers.

Puppenwerkstatt (Claudia Kennel)
Puppenwerkstatt
(Claudia Kennel)

Puppenspieler wanderten in frühen Zeiten durch die Lande, um die Menschen zu unterhalten. Damit die Puppen während der Reise nicht zu schwer wurden, arbeitete man mit Pappmaché. In vielen kleinen Prozessen entsteht so ein kleines Wesen, um Groß und Klein zu in Märchenwelten zu entführen.
Auf dem Weg bewundern wir die Arbeit eines Koran-Buchstützenmachers, der aus einem einzigen Stück Holz ein aufklappbares Gesamtkunstgewerk schafft, welches in bis zu 10 unterschiedlichen Weisen aufgeklappt und aufgestellt werden kann. So lassen sich kostbare große und kleine Bücher aufs Wunderbarste präsentieren.

Buchstütze aus einem Stück (Claudia Kennel)
Buchstütze aus einem Stück
(Claudia Kennel)

Ein Meister seines Faches!

Danach eine weitere Filigran-Werkstatt: wir bewundern die Arbeiten, die in allerfeinster Pinselfertigkeit die Welt der Schrift und des Bildes repräsentieren. Es werden die Geschichten, die dargestellt werden, in einem kleinen Vortrag lebendig geschildert.

Filigrane Malerei (Claudia Kennel)
Filigrane Malerei
(Claudia Kennel)

Nun besuchen wir einen Messerschmied, der in der 7. Generation bis hin zu feinstem Damaszenerstahl alles fertigt, was zum Schneiden benötigt wird. Ob es die Storchenschnabelschere mit dem bucharischen Phönixmuster für die berühmte heimische Goldstickerei ist oder das Jagdmesser mit dem afghanischen Kirschholzgriff.
Es geht weiter zu den 3 Handelszentren der Stadt, die von den 20 früheren noch übriggeblieben sind. Es handelt sich hier um Verkaufsgewölbe mit hohen Kuppeln, in deren seitlichen Nischen die Handwerker ihre Ware verkaufen. Traditionell wurden in der Hutmacherkuppel Mützen hergestellt und verkauft, in der Goldschmiedekuppe Schmuck. Dies hat sich heute jedoch mit anderen Gewerken durchmischt.

Beim Gang durch die Altstadt stehen wir plötzlich auf dem Kalon Platz, auf dem die älteste Freitagsmoschee der Stadt steht, aber auch ein Kugelgebäude (Mausoleum), die wunderschöne Miri Arab Medresse, die noch heute genutzt wird und in der kaukasische, russische und usbekische Studenten fleißig arbeiten und zuletzt auch das 47 m hohe Minarett, welches schaurige Berühmtheit erlangte, da es üblich war, Gefangene in einen Sack zu stecken und von oben auf den Platz fallen zu lassen, wo sie dann zu Tode kamen.

Den freien Nachmittag nutzen einige von uns zum Besuch der jüdischen Synagoge nur wenige Schritte entfernt. Buchara war ein traditionell jüdisches Zentrum, das sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auflöste und viele bucharische Juden entweder nach Israel oder New York auswanderten. Heute sind nur noch ca. 340 Juden hier ansässig.
Ich freue mich auf den Besuch des ältesten Hammom in Buchara. Wer hat schon unter uralten kleinen Kuppeln im Dampf gestanden und sich auf historischem Boden einseifen und massieren lassen? Ich jetzt schon. 🙂

Hammam (Claudia Kennel)
Hammam
(Claudia Kennel)

Walter bietet nun im schönen Gartenambiente des Hotels einen Vortrag über Sufismus an, der von einigen gerne genutzt wird, bevor es dann zum Abendessen wieder in die Stadt geht.

Rund um einen kühlen Innenhof sitzend umgarnen uns tanzende junge Frauen und Männer mit Musik und Tanz. Dann werden plötzlich halbe Tomaten mit einem weißen Mayonnaise-Kreuz aufgetragen, dazu ein Glas Rotwein mit einem aufgesteckten Stückchen weißen Käses. Wir stutzen; bis die Schweizerin Silvia aufsteht, ihr Glas erhebt und auf den Schweizer Nationalfeiertag mit uns anstößt – wir suchen auf dieser Reise ja immer einen Grund, um miteinander zu feiern!

~ Claudia Kennel, ZEIT Reisende

Tag 33

Samarkand - Buchara

Heute sind wir schon früh unterwegs, weil wir uns nach der langen, holprigen Fahrt an unserem Zielort Buchara nicht ausruhen, sondern die ersten Sehenswürdigkeiten besuchen wollen. Die Landschaft, durch die wir fahren, ist keineswegs steppenartig, sondern fruchtbar und sorgfältig mit Spalierobst, Gemüse aller Art und vor allem mit unendlich weiten Baumwollfeldern bebaut. Wir halten bei einem solchen sogar an, um die Pflanzen, die jetzt in ihrer dritten Wachstumsphase sind, näher zu betrachten. Die Baumwolle ist eine einjährige Pflanze, das heißt, sie muss jedes Frühjahr neu gesät werden. Bis im Juli entwickelt sie buschartig mehrere verschiedenartige, malvenfarbige Blüten, von hellgelb bis dunkelrosa.

Baumwollpflanzen – das „Weiße Gold“ Usbekistans (Hanne Tannhäuser)
Baumwollpflanzen – das „Weiße Gold“ Usbekistans
(Hanne Tannhäuser)

Im August entwickelt sich aus dem Fruchtknoten die Frucht, eine Art Kapsel, die, eingebettet in die sich bildende Baumwolle, die neuen Samen enthält. Wenn die Kapsel im September aufplatzt, sieht das Baumwollfeld aus, als läge eine Decke Schnee darüber. Dann steht im ganzen Land Usbekistan die Baumwollernte an, für die auch noch der hinterletzte Helfer benötigt wird – sogar Kinder. Sofort entspinnt sich im Bus eine rege Diskussion über Kinderarbeit, die unsere Reiseleiterin Kristina insofern entschärft, als die Regierung seit einigen Jahren das Problem „Ernte versus Schule“ zu organisieren versucht.

Während wir weiter durch die grüne, unendliche Ebene holpern, was dem Bus natürlich laute, scheppernde Geräusche entlockt, strengen wir unsere Ohren an, um den hoch interessanten Ausführungen von Birgit Brauer über den hier immer noch üblichen Brautklau zu folgen. Wir sind entsetzt! Aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich aber, um der Brautfamilie den üblichen, traditionellen Preis für die Tochter nicht bezahlen zu müssen, wird die Angebetete irgendwo abgepasst, zum Beispiel an der Bushaltestelle, um sie mit Hilfe eines Freundes ins Haus der „Schwiegermutter“ zu schleppen, wo sie mit reich gedecktem Tisch und Geschenken schon erwartet wird. Oft geht der Raub mit einer Vergewaltigung einher, was es dem Mädchen verunmöglicht, nach Hause zurückzukehren, weil das Schande für die Eltern bedeuten würde. Birgit schildert einige krasse Fälle aus ihrem Bekanntenkreis. Sie räumt aber ein, dass der Brautklau vor allem in Kirgistan und Kasachstan noch üblich ist, in Usbekistan nur noch im Norden.

Bevor wir um 13 Uhr in Buchara ankommen, erläutert uns Walter, wie es zum Siegeszug des Islam von Arabien immer weiter nach Osten kam, er dabei von einer „arabischen“ zu einer auch für nicht-arabische Völker akzeptablen, universalisierten Religion wurde, und, welche herausragende Rolle Buchara zur Zeit der Herrschaft der Samaniden, im 10. Jahrhundert, als Zentrum der sogenannten „persischen Renaissance“ spielte, als hier viele Geistesgrößen wie etwa al-Biruni, Avicenna und viele andere wirkten.

Buchara, das wie Samarkand eine Märchenstadt genannt wird, ist die lebendige Verkörperung von 2500-jähriger Geschichte – eine wahrhaftige Chronik in Stein. Entsprechend seiner wechselhaften Biografie war es lange Zeit Schmelztiegel einer geistigen Elite von Gelehrten, Künstlern, Schriftstellern, die ihren Beitrag zur Entwicklung der Weltkultur geleistet haben – so zum Beispiel der Arzt Abu Ali Ibn Sina, den wir unter dem Namen Avicenna kennen. So heißt die Stadt auch Buchara-i-Sharif: „die Edle“. Die Altstadt ist Unesco-Weltkulturerbestätte.

Für den heutigen Besuch haben wir uns drei Gebäude vorgenommen, zu denen wir bei 40° mehr schlurfen als gehen. Zuerst schauen wir uns das Ismail Samoniy-Mausoleum an. Ismail Samoniy ist der Begründer der Samaniden-Dynastie, die 150 Jahre lang, von Anfang des 10. Jhs. bis Mitte des 11. Jhs. regiert hat. Alle Herrscher dieser Dynastie sind in diesem Mausoleum beerdigt. Das Gebäude stellt einen idealen, fast vollkommenen Ziegelkubus dar, bei dem selbst die Ornamente aus Ziegelst einen geformt sind. Man kann 18 verschiedene Muster ausmachen – ein Meisterwerk architektonischer Kunst.

Ismail Samanij Mausoleum (Claudia Kennel)
Ismail Samanij Mausoleum
(Claudia Kennel)

In der Nähe liegt das „Tschaschma Ayiub“, was übersetzt „die heilige Quelle des biblischen Hiob“ heißt. Der Legende nach hat Hiob hier mit einer Wünschelrute Wasser gefunden und das alte Buchara vor einer Dürre gerettet. Bis heute halten die Gläubigen das Wasser für heilkräftig und pilgern dafür hierher. Im Inneren des Quellhauses wird den Besuchern in Vitrinen zum Bewusstsein gebracht, welche Folgen das 60 Jahre alte Bewässerungssystem, das aus zwei Flüssen im Umland abgezweigt wird, zeitigt: Der Aralsee ist als solcher kaum mehr zu erkennen und trocknet langsam aus – eine menschengemachte Naturkatastrophe. Seine Umgebung verwandelt sich in eine Salzwüste.

Dann spazieren wir ganz gemächlich, immer dem Schatten nach, zum Ark hinüber, dem archäologisch ältesten Baudenkmal der Stadt. Ark bedeutet „Zitadelle“, ist Burg und Festung, im Kern 200 vor Christus erbaut – eine „Stadt in der Stadt“ und Residenz für alle Herrscher, die jemals hier regierten. Neben dem Herrscher und seiner Entourage lebten cirka 3000 Menschen im Ark. Es gab eine kleine Moschee, ein Gefängnis, den Emir-Palast mit Arsenal, Pferdestall, Wohnräumen für die Verwalter usw. Seit 1930 dient das riesige Bauwerk als Heimatmuseum.

Ark Festung (Claudia Kennel)
Ark Festung
(Claudia Kennel)

Als letztes Gebäude besichtigen wir die Bolo-Hauz-Moschee, was „Moschee über dem Wasserbecken“ bedeutet. Es ist ein Komplex aus einem Wasserbassin, einem kleinen, dicken Minarett und einer 1712 erbauten Wintermoschee sowie der Sommermoschee vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

Bolo Hauz Moschee (Claudia Kennel)
Bolo Hauz Moschee
(Claudia Kennel)

Letztere hat eine traditionelle offene Vorhalle mit bemalter Decke und 20 hohen Holzsäulen, die mit Stalaktiten-Kapitellen die Bogen des Vordaches tragen.
Zum Abendessen sind wir von einem Miniaturmaler und seiner Familie eingeladen. Natürlich bietet er seine Werke zum Verkauf. Zugegebenermaßen sind sie sehr schön und akkurat gemalt, und ich muss mich sehr zurückhalten, habe ich doch soeben eine Miniatur an einem Straßenrand für 20 US-Dollar erstanden – eine zweitklassige.

Und morgen? Schweizer Nationalfeiertag!

~ Silvie Briggen, ZEIT-Reisende

Tage 32

Samarkand

Samarkand is called …
The Mirror of the World
The Beauty of Sublunary Lands
Rome oft the East …

Samarkand sei eine Stadt unzähliger Legenden. Man sagt, dass hier jeder Stein, jede Schlucht und jedes Wasserbecken Zeugnisse einer stets pulsierenden Metropole repräsentieren, die aus ihrer Vergangenheit immer wieder neu schöpft und ihre eigenen Legenden sorgsam pflegt. All diese Empfindungen sind tagtäglich in den Herzen der Samarkander spürbar. Auch wir Touris werden nicht unberührt bleiben.

Dann also los! Es beginnt die Überprüfung der „Knaller“-Tour.
Ab 9:10 Uhr knallt zuerst mal die Sonne auf unser dunkelbraunes Gefährt herab. Drinnen herrschen gefühlte 34 Grad. Bevor sie dann draußen auf die eigenen behüteten Köpfe knallt, noch einige wenige Daten zur Stadt selbst.

Samarkand (Samer = fruchtbar, kand = Ansiedlung) gibt es seit mehr als 2.750 Jahren. Sie gehört damit zu den ältesten Städten und Kulturzentren der Welt. Ihr bewegtes Auf und Nieder füllt dicke Geschichtsbücher. Wenige neuzeitliche Daten:
1868 wurde die Stadt dem russischen Reich einverleibt; 1917 Teil der aufstrebenden Sowjetmacht. Von 1924 bis 1930 war sie Hauptstadt der usbekischen SSR, seit 1991 ist sie administratives Zentrum des Gebietes Samarkand der Unabhängigen Republik Usbekistan.

Bekannterweise zogen auf der alten Seidenstraße Karawanen nicht nur in verschiedene Richtungen, sondern es fand auch ein Austausch von kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften, geistigen Werten und religiösen Ideen statt. Diese Route wurde Jahrhunderte lang von Gelehrten, Forschern, Abenteurern, Wanderern, manchmal auch von riesigen Heeren genutzt.

Damit soll es jetzt genug sein. Ich will mich jetzt den Tagesknallern zuwenden. Unser Motto lautet: auf der neuen Seidenstraße unterwegs zu sein.

An Amir Timur (1336-1405) kommt hier niemand vorbei. Schon in seinen jungen Jahren zeichnete er sich auf der politischen Bühne staatsmännisch und militärisch aus. Er stellte riesige schlagkräftige Heere zusammen und leitete dutzende Feldzüge. Er vergrößerte nach seiner Thronbesteigung sein Reich, das bald vom Wolgafluss im Norden bis nach Indien im Westen reichte, Reichsmitte blieb immer Zentralasien. Sein bedeutsames Lebenswerk zeichnet sich noch durch Initiativen und Entwicklungen in Kunst und Kultur, auch als Stifter vieler Monumentalbauten aus, die zur Blüte seines Reiches beigetragen haben. Er starb 70-jährig auf einem Feldzug nach China.

Ohne die Timur-Dynastie ging hier über die Jahrhunderte gar nichts. Unsere Begegnung mit den Timur-Dynastie-Erben und ihren historischen Taten beginnt auf dem Registan (Sandplatz) = Knaller 2. So viel zur Sonnenseite von Timurs Tugenden, denn seine Schattenseiten mussten seine Widersacher spüren. Er unterjochte Bewohner seiner „geliebten“ Stadt, bemächtigte sich deren Grund und Boden, um in der Stadtmitte ein Handels- und Handwerkerzentrum zu errichten. Seine Relaisstation zwischen Orient und Okzident.

Mirza Ulugbek, Timurs Enkel, legte in wenigen Jahren den besagten Platz an (60x70m), auf dem nicht nur Paraden stattfanden, sondern auch Gesetze verkündet wurden, Hinrichtungen erfolgten und abgeschlagene Köpfe auf hohen Stangen der Volksmenge zur Schau gezeigt wurden.

Wir betreten den Registan-Platz, das Herzstück (1) der Stadt, der von drei mächtigen Gebäudeensembles umrahmt wird, den drei Medressen (2) Ulugbeg (1417-1420), (3) Sherdor (1619-1636) gegenüber und (4) Tella-Kari (1646-1660).

Medressen sind muslimische Bildungsanstalten, wo die Geistlichen und Verwaltungsbeamten sowie Lehrkräfte ausgebildet werden. Das gesamte Ensemble aus den drei Medressen stellt ein grandioses Musterbild der Städtebaukunst des 17 Jh. dar. Die Touri-Anforderung lautet: Man muss den Registan-Platz mindestens 2x besuchen, einmal bei Tageslicht, und wegen der Beleuchtung auch bei Dunkelheit.

Darauf habe ich verzichtet, um diesen Blog zu schreiben: reine Opferung = Knaller 3.

Zur östlichen Medresse (2): Die ursprüngliche Lehranstalt für Geisteswissenschaften war mit Wohnzellen für über 100 Studierende gebaut.

Zur westlichen Medresse (3):
Fast spiegelbildlich erbaut, ebenso mit Zellen und Vorhallen und zwei Unterrichtsräumen dazu. Die beiden Minarette mit ihren dekorativen Kompositionen weisen Ornamente als symbolischer „Baum des Lebens“ auf.

Zur mittleren Medresse (4):
Neben diese Medressen wurde eine Freitagsmoschee hinzugebaut. Die geistige Auseinandersetzung mit so viel orientalischer Baukunst hinterlässt körperliche Defizite – rein energetisch betrachtet.

Mit monumentaler, dekorativer Baukunst geht es nachmittags weiter.
15:10 Uhr: Kurztrip Blick in Ulugbeks Observatorium, das am Stadtrand von Kuchak (1428-1429) gebaut wurde, was damals weltweite Einzigartigkeit darstellte = Knaller 4. In der Sternwarte befand sich ein riesiger Sextant, mit dessen Hilfe die Bewegungen durchs Meridian beobachtet sowie Koordinaten von Sonne, Mond und anderen Himmelskörpern gemessen werden konnten.

Der Nekropolen-Komplex Schahi-Zinda darf mit Berechtigung als Collier der Meisterwerke hervorgehoben werden = Knaller 5. Das memoriale Ensemble entstand im 11. Jh. an den südlichen Mauern von Afrosiab. Die zahlreichen Bauten verschiedener Epochen stehen beispielhaft für die Meisterschaft der Mausoleenbaukunst Samarkands.

Zur Gräberstatt Schah-e-Sende = Knaller 6.
Einzigartig ist der Friedhofshügel am Abhang der Kleinstadt Afrasiab, eine Nekropole, eine Stadt der Toten. Heute bilden die Grabanlagen, die Mausoleen und Moscheen aus der Timuridenzeit eine architektonische Einheit mit ganz besonderer Atmosphäre.

Legendenstory muss jetzt sein: Kusam, ein Vetter des Propheten Mohammed, kämpfte für seinen Glauben und musste flüchten. Er verbarg sich in einer Höhle hier am Berg, bis er von Allah eine unterirdische Höhle zugewiesen bekam. Dort lebt er heute noch betend und fastend.

Timur ließ die Begräbnisstätte für seine Angehörigen und treusten Freunde herrichten als ein Heiligengrab, die Pforte zum ewigen Paradies. Zweifellos ist dieses architektonische Museum ein Ziel von Pilgern, um das verheißene Paradies zu erreichen. Diese Gräberstadt kann als Zeugnis für die Vielfalt und Schönheit timurischer Baukunst betrachtet werden. Auf den meisten Grabsteinen sind die Bilder der Verstorbenen in einem Laser-Technik-Steindruck-Verfahren verewigt. So bleiben die Toten stets bildhaft in Erinnerung.

Um 17:30 Uhr stehen wir vor Knaller 7, der Bibi-Khanum-Moschee, der größten in der islamischen Welt, um 1400 erbaut. Viele Baumeister und Handwerker haben ihre Erfahrungen, Traditionen und Künste hier in die Tat umsetzen können. Was vom Erdbeben von 1897 übrig blieb, wurde bis ins Jahr 2003 größtenteils renoviert. Heute ist die erneuerte Gestalt der Moschee der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.

~Thomas Birkelbach, ZEIT Reisender
~ Fotos von Ilona und Günter Haß

Tag 31

Tashkent - Samarkand

Nach staubigem 10-stündigem Taxitransfer über die Rüttelpisten Usbekistans sind wir müde im *****Ambiente Hyatt Regency Tashkent eingetroffen.

Luxus ist, wenn auf dem riesigen Flachbildschirm im Zimmer die persönliche Begrüßung aufblinkt. Auf der Dachterrasse cocktailt sich der Abend aus.

Der 31. Tag am 29.07.17 beginnt mit einer Stadtrundfahrt durch die grüne Parklunge der usbekischen Hauptstadt. Im dünn besiedelten Steppenambiente schleicht sich unsere Neoplankatze nachmittags zu einer der Perlen der Seidenstraße, nach Samarkand.

Jetzt schnuppern wir erst mal Lokalkolorit in der Stadt, die am 26.04.1966 durch ein schweres Erdbeben in wesentlichen Teilen stark zerstört wurde. Auch die Altstadt wurde damals stark verwüstet. Nach einem jahrzehntealten Generalbebauungsplan konnte schnell mit dem Wiederaufbau begonnen werden. Dieser sukzessive planvolle Wiederaufbau führte zum Neubau des alten Stadtzentrums und weiterer Satelliten-Stadtbezirke. Die heutige Stadt „im Grünen“ mit ihren Springbrunnen, Blumenrabatten und weitläufigen Alleenanlagen lädt zum Bummeln und Verweilen ein.
Das gilt aber nicht für uns, es zieht, treibt, wirft uns mitten ins Häusergewirr zum religiösen Zentrum von Tashkent, der Hochschule Imam al Buchari. Nach einem siebenjährigen Grundstudium wird hier vier Jahre weiter gelehrt in den islamischen Wissenschaften.

Im Mittelpunkt des Besuches stand das Zentrum eines „heiligen Ortes“ – einem wahren Symbol des usbekischen Volkes in der Entwicklung zur islamischen Zivilisation, des komplett restaurierten Moscheekomplexes Hasrati Imam. Zwei markante türkisblaue Kuppeln schmücken dieses Moschee-Ensemble. Sie sind eingerahmt von zwei auffallenden Minaretten. Insgesamt finden über 2.500 Menschen darin Platz.

In einem der dazu gehörigen Bibliotheksräume wird ein kalligrafischer Schatz beherbergt, ein Mini-Koran-Exemplar des 3. Kalifen, von 656 n.Chr.

Ich sitze im Innenhof der Medresse, gegenüber den Studentenzimmern und beobachte das farbige Treiben vor den einzelnen Verkaufsständen. Hier am Ort des Koranstudiums, der Textarbeit, des stillen Kommunizierens der Koranverse ist nichts mehr zu spüren von geistiger Durchdringung, von der Suche nach der einzigen Wahrheit. Rund um die Verkaufsnischen wird gehandelt, gefeilscht, gestikuliert und … verpackt. Es geht auch hier primär ums Geschäft, was denn sonst! Die 5.000er-Scheine sitzen locker und müssen in bunte Souvenirs verwandelt werden. Hätte der Prophet daran seine Freude? Die Händler und ihre Kunden sind gelöst. Letztere tragen ihre neuesten Mitbringsel in Tüten und Taschen freudig davon. „… denn nur was du besitzt, aber nicht brauchst (?) kannst Du getrost nach Hause tragen“, frei nach Goethe.

Die Gruppe hat sich am Ausgang der Medresse versammelt und Walter ergreift das Wort, um die sich „kreuzenden Kanäle“ im Innenhof als Flussnachbildung des paradiesischen Garten Edens zu interpretieren. Die gelegentlich anzutreffende Schildkröte symbolisiert die Ewigkeit.

Um 14.15 Uhr treffen wir Frau Birgit Brauer. Die Journalistin und Zentralasien-Expertin ergänzt ab jetzt das Experten-Team. Die nächsten sechs Stunden in Richtung Tagesziel Samarkand werden besonders für die Busfederung und unsere Rückenmuskulatur zum Test und zur Belastung. Es fühlt sich so an, als hätten die Straßenbauer ein paar steinige Lückenfüller in den lehmigen Untergrund der ehemals sandig-staubigen Feld- und Wanderwege geschüttet, darüber eine dünne schwarze Teerhülle gespritzt! Die Rüttel- und Schütteltour wird nur von den (Harmonie-)Kurzpausen unterbrochen.

Bis plötzlich zum Bergfest bei Kilometer 7.429 gerufen wurde = Halbzeit! Mit gekühltem Gerstensaft im Krug und Schaum auf den Lippen lässt sich‘s angenehm in die untergehende Sonne blicken.

Umswitchen – erst Abendessen, dann ins Hotel. Mittlerweile ist es sehr spät geworden, als wir das Gepäck für zwei Nächte ins Orient Star Hotel schieben. Gute Nacht!

~ Thomas Birkelbach, ZEIT Reisender
~ Fotos von Claudia Kennel

Tag 30

Fergana - Tashkent

Heute ist ein besonderer Tag:
Wir sollen umsteigen: 9 PKWs stehen vor der Tür. Mit denen sollen wir heute fahren. Unser Gepäck bleibt in den Bussen und wir müssen uns von Holger, Jens und Daniel verabschieden. So ist es Vorschrift, keiner weiß wirklich warum.

Unsere erste Station ist Kokand. Kokand ist eine alte Stadt, erstmalig erwähnt im 10. Jahrhundert, früher Hauptstadt eines Khanats. Heute ist Kokand eine Großstadt von ca. 210 000 Einwohnern mit bedeutender Industrie.

Wir besuchen die Dschuma-Moschee von 1812, wo in dem weiten Innenhof bis zu 10.000 Gläubige Platz fanden. Besonders eindrucksvoll ist der farbig gefasste Iwan mit seinen 99 hoch aufragenden, teilweise reichverzierten Holzsäulen.

Danach erkunden wir den Palast von Kokand. Das Bauwerk wurde 1871 vollendet und gehört zu den letzten Großbauten des Islam. Eindrucksvoll wirkt die 70 m lange Fassade mit dem Reichtum an Ornamenten. Auch im Inneren gibt es viel zu bewundern.

Nachdem wir die reich verzierten Räume ausgiebig bestaunt haben, stoßen wir im Museum auf eine Kinderwiege: eine Beschick.
Kristina erzählt uns, wie diese Wiege in Usbekistan benutzt wurde und z.T. auch heute noch benutzt wird:

Schon wenige Tage nach der Geburt wird das Kind in der Wiege festgebunden,
Oberkörper bekleidet, Unterkörper nackt. Unter der Wiege ist ein Loch mit einem Nachttopf, der das „große Geschäft“ auffangen kann. Zwischen die Beine wird ein speziell geformtes Holzstück – unterschiedlich für Junge oder Mädchen – geklemmt, durch das der Urin abgeleitet wird. Beine und Arme werden fest eingebunden, das Kind ist zur Bewegungslosigkeit verurteilt.
In dieser Wiege wurden /werden die Kinder bis zu einem Jahr befestigt.

Wir können kaum glauben, was wir da hören und denken an die verkümmernden Muskeln und Seelen der Kinder. Aber Kristina ist überzeugt, dass in ländlichen Gegenden Usbekistans auch heute noch usbekische Mütter ihre Kinder so behandeln. Eine Folge dieser Methode ist es z.B., dass usbekische Menschen einen sehr platten Hinterkopf haben.

Beim folgenden Mittagessen wird dieses Thema noch heiß erörtert. Uns tun die Kinder entsetzlich leid, und wir fragen uns, welche Auswirkungen das auf die Psyche der Menschen haben mag.

Weiter geht die Fahrt über den Kamchik-Pass an der Grenze zu Tadschikistan. Nachdem wir zwei kurze Tunnel durchfahren haben, in denen wir auf keinen Fall fotografieren dürfen – wozu keiner von uns Lust verspürte – geht es wieder bergab.

Eine Polizeikontrolle überstehen wir mit Kristinas Charme recht zügig.
Gegen Ende der fünfstündigen Fahrzeit fragen wir uns wieder, wieso wir diese Fahrt nicht in unserem Bus machen durften. Die Spekulationen sind breit gestreut und reichen vom Sieg der Taxi-Maffia bis hin zu befürchteten Anschlägen seitens der Islamisten. Wir wissen es nicht, aber freuen uns, morgen wieder im Bus sitzen zu dürfen.

Als wir endlich in Taschkent ankommen gibt es eine freudige Überraschung: Wir übernachten im Hyatt. **** Luxus pur!

Nach dem Abendessen genießen wir die laue Sommernacht auf der Dachterrasse, bevor wir uns endgültig von Barbara verabschieden müssen, die morgen bereits ihre Rückreise antritt.

Auf Wiedersehen Barbara in Berlin!

~ Günter und Ilona Haß, ZEIT-Reisende

Tag 29

Fergana

Gut ausgeruht nach den Strapazen des Grenzübergangs nehmen wir unser erstes usbekisches Frühstück ein. Es ist abwechslungsreich und schmackhaft, und wir genießen es bei 34 Grad auf der überdachten Terrasse im Schatten unseren Kaffee zu trinken.
Heute haben wir einen gemütlichen Tag vor uns: Wir fahren durch die größte und reichste Oase Zentralasiens, das Ferghana-Tal. Baumwollfelder, Obst-, Wein- und Gemüsegärten stoßen hier eng aneinander. Die optimale Ausnutzung dieser Kulturlandschaft führt zu einer extrem hohen Bevölkerungsdichte. Die Häuser sind mit Weinlauben zur Straße hin abgeschirmt.

Unsere erste Anlaufstelle ist die Seidenweberei Yodgorlik in Margilan. Hier verfolgen wir die Herstellung von Seidentücher von der Fadenbildung über die Färberei und das Weben bis zum fertigen Tuch. Die Kokons dürfen nicht hier erzeugt werden. Die bekommt die Fabrik vom Staat zugeteilt. Die Seidenraupenproduktion ist nämlich in staatlicher Hand.

Gespannt schauen wir zu, wie aus den Kokons die zarten Seidenfäden heraus gezogen und zu dickeren, reißfesten Fäden verklebt werden. Der Kleber stammt aus den Fäden selbst.

Kristina zeigt uns, wie die steifen Seidenfäden durch Kochen weich werden. Eine schweißtreibende Arbeit, bei den draußen herrschenden Temperaturen.

Im Design Studio zeigen uns die Meister, wie Ikat-Stoffe hergestellt werden:
Die Kettfäden werden entsprechend dem geplanten Muster gefärbt, abgebunden, gefärbt, abgebunden usw., bis von der hellsten zur dunkelsten Färbung alle Schritte durchgeführt sind. Werden diese Kettfäden in den Webstuhl eingezogen, kann man schon das Muster erkennen, ehe der Schussfaden eingeschossen wurde.

Im Ausstellungsraum schwelgen wir dann in Seidentüchern und wissen jetzt erst richtig zu schätzen, wie viel Zeit und Arbeit die Herstellung unseres Tuches gekostet hat.

Unsere nächste Station ist die Stadt Rishton. Wieder fahren wir an Obst- und Baumwollfeldern vorbei. Kristin erzählt gerade, dass in Usbekistan keine Bananen wachsen, als wir an einem schrecklichen Unfall vorbeikommen. Da denken wir dankbar an unsere drei „Helden“: Holger, Jens und Daniel, die uns bisher so sicher über tausende von Kilometern befördert haben. Ein dreifach herzliches Dankeschön dafür!!!

Rishton ist ein Zentrum der Keramikherstellung. Hier erwartet uns ein köstliches Mittagessen in der Laube einer Werkstatt, mit Salaten, Jogurt und Maultaschen. Anschließend sehen wir bei der Herstellung von keramischen Gefäßen zu und erfahren mehr über die Herstellung der Glasuren.

Wir können auch noch zusehen, mit wie feinsten Pinseln die Teller und Schalen bemalt werden. Viele der schönen Teller, Schalen und Tassen werden bald verschiedene Tische in Deutschland zieren und uns an diesen Besuch erinnern. Bei 39 Grad fahren wir zurück ins Hotel und gönnen uns einen erholsamen Nachmittag.

Das Abendessen findet in lauer Luft in einem Gartenlokal statt und wird gekrönt von einer Geburtstagstorte für unseren Mitreisenden Hans-Gerd.
Herzlichen Glückwunsch, Hans-Gerd, und alles Gute für dich!

~ Günter und Ilona Haß, ZEIT-Reisende

Tag 28

Sary-Tash - Fergana

Guten Morgen Kirgistan!

Um 6 Uhr kräht der Hahn. Die Schlafstätte lädt nicht gerade dazu ein, sich nochmal umzudrehen, also stehe ich auf und genieße den frühen Morgen in dieser einzigartigen Natur.

Ich genieße die Stille und spüre die Kraft, die von diesem magischen Ort ausgeht.
Gülsad hat Recht, Kirgistan ist ein wunderschönes Land.
Wenig später erscheinen Claudia und Manfred, gemeinsam gehen wir über die Wiesen und warten auf den Sonnenaufgang.

Langsam erwacht der Rest der Gruppe. Unsere Gastgeber sind auch schon auf, lüften die ersten Betten und bereiten das Frühstück für uns vor.

Das Frühstück schmeckt. Es gibt Spiegeleier, Brot und Wurst, kleine Krapfen mit selbstgemachter Preiselbeermarmelade und sogar eine Art Brei.

Gut gestärkt fahren wir weiter. Im Bus verteilen Gülsad und Irina traditionelle kirgisische Filzmützen für die Männer und Filzbörsen für die Frauen, was für eine nette Geste!
Auf dem Taldykpass in 3615m Höhe müssen die Männer dann für ein Foto strammstehen.

Wir sind auch in Kirgistan auf der traditionellen Seidenstraße unterwegs und fahren heute weiter nach Usbekistan. Unsere beiden Kirgisinnen erzählen von ihrem Land, ihrer Geschichte, den Bodenschätzen (hauptsächlich Gold), von der Vielfalt der Blumen und von ihren Tieren.
Viele Kirgisen leben von der Viehzucht, hauptsächlich züchten sie Schafe, Pferde, aber auch Kühe. Fleisch ist ein Hauptnahrungsmittel und nein, die Pferde werden nicht gegessen! Man braucht ihre Milch. Die Stutenmilch ist in vergorenem Zustand ein Nationalgetränk. Außerdem wird sie noch zu Heilzwecken verwendet.
Die Pferde kommen auch bei Sport, Spiel und Spaß zum Einsatz. Die Kirgisen lieben Reiterspiele (ein typisches Nomadenspiel) in verschiedenen Variationen und es finden sich viele Anlässe zu denen man sich mit diesen Reiterspielen vergnügt.
Viele Bauern sind zwar mittlerweile in Steinhäusern sesshaft, aber in den Sommermonaten geht man immer noch mit den Tieren und den typischen Jurten auf die Sommerweiden.

Die Menschen sind zufrieden und haben ihr Auskommen, trotzdem ist Kirgistan ein armes Land und das Lohnniveau bescheiden. So verdient z.B. ein Lehrer oder Arzt gerade mal 300 Dollar im Monat. Man heiratet früh und hat in der Regel drei bis fünf Kinder. Der zuletzt geborene Sohn bleibt bei seinen Eltern, um diese im Alter zu unterstützen. Es gibt zwar auch Altersheime, aber Irina sagt: “Altersheim ist für uns eine Schande!” Es gibt wohl eine minimale Rente, aber davon kann keiner leben und so sind die Kinder immer noch die beste Altersvorsorge.

In Osh, einem ehemals wichtigen Handels- und Umschlagplatz der alten Seidenstraße machen wir Mittagspause. Osh liegt bereits an der Grenze zu Usbekistan, unsere beiden kirgisischen Reiseleiterinnen begleiten uns noch bis dahin und dann wird es spannend. Alle müssen mit ihren Pässen aussteigen, die Koffer können im Bus bleiben. Nach knapp 20 Minuten haben wir einige Male unsere Pässe vorgezeigt, zwei Zollerklärungen ausgefüllt und sind auf einmal in Usbekistan. Zu Fuß, ohne Handtaschen, ohne Wasser und ohne Sichtkontakt zum Bus und den Fahrern. Aber das ging alles so schnell, dass wir guter Dinge sind. Der Bus mit Holger kommt bestimmt gleich. Es ist wieder unangenehm heiß und wir drängen uns auf einem kleinen Schattenfleck an der staubigen Straße zusammen. An gleicher Stelle warten Menschen, die hinüber nach Kirgistan wollen, mit Handgepäck, Kuchenschachteln und riesigen Tüten. Jetzt geht über Stunden in keine Richtung irgendetwas voran.

Kristina, unsere usbekische Reisebegleiterin erscheint und zusammen mit Walter besorgen die beiden erstmal Wasser für uns. Wir erfahren, dass jetzt Mittagspause ist und wir Geduld haben müssen. Die übliche Wartezeit betrage in etwa 5 Stunden. Geduld ist nicht gerade eine deutsche Tugend, aber wir sind ja im Urlaub und hatten wir nicht erst gestern große Geduld bewiesen am Grenzübergang zu Kirgistan? Ja, aber wir konnten im klimatisierten Bus warten und uns irgendwie beschäftigen. Jetzt ist es heiß und langweilig. Irgendwann nach knapp 6 Stunden erscheint Holger mit unserem Bus, die Freude ist groß, endlich geht es weiter.

Unser heutiges Etappenziel ist Fergana und es wird dunkel und spät, bis wir ankommen. Kristina begrüßt uns nochmal ganz herzlich und versorgt uns mit ersten Informationen über Usbekistan. Mein Gehirn ist noch nicht ganz zurück im Betriebsmodus und so geht einiges an mir vorbei.
Im Hotel angekommen, duschen (funktioniert nur kalt) und ab zum Abendessen. Wir sitzen auf einer Veranda inmitten eines idyllischen Gartens und können endlich entspannen.

~ Hanne Tannhäuser, ZEIT-Reisende

Tag 27

Kashgar - Sary-Tash

Zaijan China!
Heute sagen wir auf Wiedersehen China. Unsere Karawane zieht weiter.

Wir sind von Shanghai ausgehend über die neue Seidenstraße mehr als 6000 km durch ganz China bis nach Kashgar gereist. In diesen Wochen haben wir eine Fülle von Eindrücken und Informationen gesammelt, viele Vorträge gehört, unzählige Fotos gemacht und Souvenirs gesammelt. Heute verlassen wir dieses große Land und ich frage mich: was habe ich jetzt für ein Bild von China? Wovon würde ich zu Hause zuerst berichten?
Von dem modernen China, dem Land der Superlative oder von den vielen historischen Stätten, die wir besichtigt haben? Vor meinem inneren Auge ziehen eine Vielzahl Bilder vorbei: Der Panoramablick in der Bar Rouge auf Shanghai bei Sonnenuntergang, die Seidenraupen, die unzähligen, teils noch unbewohnten Hochhäuser, Lotusblumen, Gärten, das Shaolin-Kloster, Kung-Fu, die Mogao-Grotten, … aber auch unendliche Straßen, Berge und Wüsten, Windräder und Strommasten, soweit das Auge reicht.

Felix unschätzbare Erläuterungen zum heutigen modernen China und seiner Politik sind mir ebenso noch im Ohr wie Michaels wunderbares Deutsch mit leicht chinesischem Dialekt. Michaels großes Wissen über die Geschichte, die Kultur, den Buddhismus und die historischen Stätten, aber auch seine Beiträge über das Leben der Chinesen heute, das Familienleben, die Frauen und seine kleinen Geschichten waren ausgesprochen bereichernd. Ein großes Xiexie an dieser Stelle an diesen unermüdlichen Mann, der uns nicht nur umfassend informiert und unterhalten hat, sondern auch die gesamte Organisation bravourös und völlig allein geschultert hat.

All diese Bilder und Informationen sind wie kleine Mosaiksteinchen, die noch dabei sind, sich zu setzen, um dann ein Gesamtbild zu ergeben. Auf jeden Fall hat sich mein Bild von China verändert. Ich durfte ein unglaubliches Land kennenlernen. Haben meine Großeltern und Eltern noch von der “gelben Gefahr” gesprochen, so sehe ich heute “gelbes Potential”.
Zaijan China, wir kommen gerne wieder.

Heute werden wir besonders früh geweckt, um 8 Uhr sitzen wir bereits im Bus. Der Tag wird lang werden, nicht wegen der zu fahrenden Kilometer, sondern wegen der Kontrollen, die nicht immer kalkulierbar sind. Die Fahrt geht durch die raue wildschöne Berglandschaft des Karakorum. Zerklüftete Bergkämme im Farbspiel von gelb, ocker, rotbraun und braungrau, in den breiten Tälern ein sommerbedingtes Rinnsal von Wasser und ab und zu Büsche und Gräser, dort wo es Wasser gibt. Im Bus ist es abschiedsbedingt recht still, so kann jeder seinen Gedanken nachhängen und diese außergewöhnliche Landschaft genießen.

 

Pünktlich um 10 Uhr sind wir an der ersten Kontrollstelle. Nach sieben Passkontrollen und einer Kofferkontrolle bei der Ausreise aus China, sowie weiteren drei Passkontrollen bei der Einreise in Kirgistan haben wir es 10 Stunden später geschafft.
In Kirgistan erwarten uns bereits Gülsad und Irina, unsere regionalen Begleiter bis morgen. Sie empfangen uns mit viel guter Laune und Lunchpaketen. Gülsad schwärmt von ihrem Land und möchte uns mit ihrer Begeisterung anstecken.

Die Landschaft hat sich auf grandiose Weise noch mal verändert. Die vorher schroffen Berge haben sich in sanfte Hügel gewandelt und sind mit einem wunderbaren Grün überzogen. Wir sind jetzt auch auf über 3000m Höhe und am Horizont erheben sich die schneebedeckten Gipfel des Pamirgebirges, über 7000m hoch. Diese Weite, diese unberührte Natur strahlt einen Frieden aus, der sofort mit den Strapazen des Grenzübergangs versöhnt.

In Sary-Tash, unserem heutigen Etappenziel erwarten uns kirgisische Frauen in ihrer Jurte und geben uns einen Einblick in ihre Traditionen.

Bevor wir alle unsere heutigen Nachtlager aufsuchen können wir noch einen fantastischen Sternenhimmel bewundern. Frei von aller Lichtverschmutzung der Zivilisation genießen wir in dieser klaren Luft einen funkelnden Sternenhimmel, in dem sich sogar die Milchstraße zeigt.

~ Hanne Tannhäuser, ZEIT-Reisende

Tag 26

Kashgar

Auf Selbsterkundungs-Tour

Nach einem wundervollen Sonnenaufgang in der Wüstenstadt Kashgar wissen wir: der heutige Tag ist unser erster, den wir frei nutzen können.

Sonnenaufgang in Kashgar
(Claudia Kennel)

Also bestellen wir uns individuell ein Taxi, um uns erneut in den alten Stadtkern bringen zu lassen. Da wir fast keine Yuan mehr besitzen, gehen wir zu einer schwerstbewachten Bank, um ein letztes Mal Geld einzutauschen. Diese ist voll von wartenden Menschen. Als wir eintreten wandern alle Blicke auf die Langnasen. Zwei Polizisten führen uns sofort zum Schalter und alle Wartenden begleiten uns mit einem Lächeln. Geld bekommen wir trotz der Vorzugsbehandlung keines, da man hier nicht tauscht. Also werden wir zur gemütlich eingerichteten Touristeninfo der Stadt geschickt, wo wir sofort mit einem Kaffee begrüßt werden, Geld wechseln können und entspannt mit den sehr freundlichen Menschen „quatschen“, um in Michaels Wortschatz zu bleiben und frisches Obst kosten dürfen. Erste Hürde in dieser trubeligen Stadt genommen.

Dann das Eintauchen in der Altstadt. Eine Straße zu überqueren geht fast nur unterirdisch, unter der Straße hindurch. Dort steht bereits wieder Polizei, das Gepäck muss durch den Scanner, wir auch, alles zur Prävention und Terrorabwehr. Es ist Mittagszeit und daher sitzen nur wenige Menschen vor den Türen. Dies allerdings sehr entspannt.

Siesta (Claudia Kennel)
Siesta
(Claudia Kennel)

Immer wieder gibt es kleine Begegnungen, Lächeln, Fotowünsche, alles sehr zurückhaltend, aber äußerst freundlich und mit verhaltener Neugierde und gegenseitigem Bestaunen. Die permanente Präsenz bewaffneter Polizisten an allen Ecken ist nach wie vor gewöhnungsbedürftig und lässt viele Fragen unbeantwortet offen. Die Beobachtung und Kontrolle von allen ist hier omnipräsent.

Dennoch ist das Eintauchen in diese Welt für uns DIE Gelegenheit, auf Tuchfühlung zu kommen, Begegnungen zu haben, individuelle Eindrücke zu erhalten, das Verhalten der Menschen zu spüren, Gerüche einzuatmen, Handwerkskunst anzufassen, eine Ahnung vom Leben hier zu bekommen – und nicht nur durch die Scheiben zu schauen und dieses Leben vorbeirauschen zu lassen.

Freizeitbeschäftigung der Kinder in Kasghar (Claudia Kennel)
Freizeitbeschäftigung der Kinder in Kasghar
(Claudia Kennel)

Innehalten ist jetzt definitiv unsere persönliche Devise.

Handwerker bearbeitet Schafskopf (Claudia Kennel)
Handwerker bearbeitet Schafskopf
(Claudia Kennel)
Kopftuch wird neu geknüpft (Claudia Kennel)
Kopftuch wird neu geknüpft
(Claudia Kennel)

Ins Hotel zurück zu kommen ist etwas beschwerlich, denn die Stadt ist voller Taxis, die aber alle belegt sind. Das Vorankommen ist bei den hiesigen geringen Taxikosten auf diese Art und Weise die bequemste Methode. Bis wir jedoch ein leeres Auto finden, sind wir ein paar Kilometer herumgeirrt. Die Zielangabe kann nur auf Chinesisch erfolgen; gut, dass wir die Visitenkarte vom Radisson Blu dabeihaben, sonst wären wir jetzt noch unterwegs.

Heute essen wir im Haus zu Abend. Barbecue ist angesagt, aber wir werden zuerst an lange Tische geführt. Überraschenderweise ist der Kulturbeauftragte der Stadt Kasghar zu Besuch bei uns und hält eine kleine Willkommensrede. Danach wird die vor uns abgetrennte Bühne belebt: Angestellte von Peter, dem Hotelleiter, beherrschen perfekt die Kunst der traditionellen Tänze der Gegend und der Nachbarländer (wie z.B. die kirgisischen oder usbekischen Tänze), die sich in ihrer Dynamik doch stark unterscheiden.

Tanzvorführung der Hotelangestellten (Claudia Kennel)
Tanzvorführung der Hotelangestellten
(Claudia Kennel)

Auch hoch professioneller Gesang und Musik auf den heimischen Saiteninstrumenten beglücken unsere Sinne.

Unsere Truppe und alle Mitfeiernden (Claudia Kennel)
Unsere Truppe und alle Mitfeiernden
(Claudia Kennel)

Danach führen uns die jungen Tänzer hinaus auf die Terrasse, wo uns das angekündigte Barbecue erwartet. Selbstgemachte Würste (aus Peters Küche), Fleischspieße und viele, auch deutsche Köstlichkeiten, lassen die meisten Augen aufleuchten. Ich selber bin begeistert von meiner ersten Kamelmilch im Leben, die sehr mild und geschmackvoll die Kehle hinabrinnt. Die Kamelmutter, die direkt neben uns weidet und immer wieder etwas unruhig Schabernack mit uns treibt, ist darüber vielleicht ein bisschen sauer. Sie hätte es womöglich gerne ihrem Jungen angeboten, welches immer wieder nach dem Euter sucht…

Ein Kameljunges hat Hunger (Claudia Kennel)
Ein Kameljunges hat Hunger
(Claudia Kennel)

Nun ist jedoch der Moment gekommen, wo wir wieder jemanden aus unserer Gruppe verabschieden müssen. Der letzte Abend in China bedeutet auch: letzter Abend für und mit Michael. Klaus findet schöne Worte, um unseren wunderbaren Guide, der uns allen ans Herz gewachsen ist, der alle unsere Fragen immer beantwortet hat, der uns in das historische und moderne China aus seiner Sicht und gespickt mit persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen einführte, der sich rund um die Uhr professionell um unsere Wünsche und Bedürfnisse gekümmert hat, der Probleme, sobald sie auftauchten, sofort löste, der immer häufiger im Laufe der Reise auch einen trockenen Witz auf den Lippen hatte und uns damit herzhaft zum Lachen bringen konnte, hochleben zu lassen. Es ist ein rührender Moment, den Michael gemäß seiner Art mit Humor auflöst.

Abschied von Michael (Claudia Kennel)
Abschied von Michael
(Claudia Kennel)

Anschließend formuliert Hanne unsere gemeinsame Entscheidung, ihn nach Deutschland einzuladen, wo er von Eckernförde bis zum Bodensee, ja sogar bis nach Österreich bzw. die Schweiz gastfreundliche Aufnahme finden wird und hier die deutsche Lebensart kennenlernen kann. Denn das fehlt ihm noch, ihm, der die deutsche Sprache bis ins Feinste, bis in situativ passendste Sprichwörter hinein perfekt beherrscht, ein Aufenthalt in Deutschland. Hoffentlich sehen wir dich im Mai, Michael! – Ja, ja!

~ Claudia Kennel, ZEIT-Reisende

Tag 25

Kashgar

Als wir nach 7.000 km gestern Abend hier eintrafen, stand das kostümierte Dienst-Ensemble in der Halle und bot uns einen farbenprächtigen Radisson Blu Empfang. Hausherr Peter hatte für die „Hamburger“-Truppe die große Bühne bereitet. Die Feier ging weiter.

Seit Beginn der Reise in Shanghai begeistert die fleißige Truppe mit beispielhafter cultural correctness. So hat sie den sonntäglichen Tagesbeginn auf die Nachtmitte vorverlegt.

Gegen 0:15 Uhr war die Terrasse komplett besetzt und die alten mit den neuen Programm-Highlights mit chinesischem Weißwein verknüpft, lukullisch vergoldet. Nur Nikolaus bevorzugt schaumiges Kaltgetränk. Peter, unser Hausherr, durfte selbstverständlich nicht fehlen. Nur von Wali und Wilmi fehlte jede Spur. Wer hat für sie eine Dienstbesprechung angesetzt?

Beim Betreten der Frühstücksoase findet jeder Spezialitätenliebhaber seinen morgendlichen Zungenschnalzer. Die dargebotene Vielfalt für Augen und Gaumen schien unübertrefflich.

Um 10:15 stellt sich im Bus Abdul, der Tages-Guide vor.
Wir sind heute unterwegs in Kashgar, der 1293 m hoch gelegenen Oasenstadt im äußersten Südwesten der autonomen Provinz Xinjiang. Sie war bis Anfang des vorigen Jahrhunderts ein wichtiger Umschlagplatz für zahlreiche Handelskarawanen.

Heute erleben wir:
1. den großen Sonntagsviehmarkt;
2. die große Id-Kah-Moschee
3. Altstadtgassen
4. den Sonntagsmarkt;
5. das Grabmal des Abakh Hoja

Um 10:45 sind wir Teil auf der Mini-Weltbühne des Viehhandels. Modernes China war gestern. Heute ist hier Viehauktion wie vor 200 Jahren! In der Männerwelt bestimmen die Macher die Regeln. Nach denen müssen die Vierbeiner funktionieren. Ziegen und Schafe sind in Reih‘ und Glied aneinander geheftet, … wie große Perlen in Fellen verpackt. Manche erhalten gerade am Boden liegend ihre Sonntagmorgenentkleidungskur. Geduldig mit der großen Schere hat die „Friseurmeisterin“ alles Haarige bestens im Griff.

Von ihren klapprigen Ladeflächen zerren und schieben die Händler ihre stierigen Verkaufsobjekte.
Einige Bullen lassen das Gefangenen-Dilemma routiniert über sich ergehen. Andere wehren sich, zerren, reißen am Nasenstrick, wirbeln den Zweibeiner hinter sich her. Da spürt man nichts vom orientalischen Märchenland. Handeln, feilschen, ein gutes Geschäft, das zählt! Wie werden die nicht Verkäuflichen auf die Ladeflächen hochgehievt, um nach Hause transportiert zu werden? Frisch geschlachtete Körperhälften hängen am Haken, Köpfe und Innereien liegen daneben.
EU-Richtlinien des Fleischerhandwerks, was ist das?

Vom Fressen zur Moral, frei nach Brecht.
Um 12:20 sind wir im „wahren“ Zentrum Kashgars, an der (2.) Id-Kah-Moschee, der größten Chinas, angekommen. Sie kann bis zu 5.000 Menschen fassen, an hohen muslimischen Feiertagen sind es oft über 10.000 Gläubige, die auf dem großen Vorplatz der Moschee sich zum Gebet versammelt haben. Zwei verzierte Minarette flankieren den mächtigen gelb-weiß gestrichenen Iwan. 140 hölzerne Säulen mit geschnitzten Kapitellen tragen das weit gespannte Dach.

Eine junge Frau hat uns seit Anbeginn im Blick.
Alle 100 m wird man durch Barrikaden, Zäune, Absperrungen “geleitet“: strukturelle Ordnungsmaßnahme zur besseren Bewegungs“freiheit“.
Von Freiheitsverlust kann ja nur der reden, der Freiheit wirklich kennt!

13.30 Uhr: Der Esstempel ist erreicht. Unter einer sanft gewölbten Holzkaskadendecke verspeist die hungrige Truppe die diversen Nudelvariationen. Und immer kaut das Kameraauge mit.

Der Sonntagsmarkt (4.) wartet auf uns. Hier kann man außer den eigenen Eltern a l l e s kaufen, was für die häuslichen vier Wände sowie Leib und Seele not-wendig ist. Die meisten Nachmittagsbesucher sind in sonntäglicher Kleidung herausgeputzt.

Jetzt erwartet uns noch das Grabmal des Abakh Hoja (5). Der Bau, einer der heiligsten islamischen Stätten in Xinjiang, liegt etwas abseits in einem Vorort der Stadt. Das monumentale, kubusförmige Mauseoleum wird an allen vier Ecken von minarettartigen Türmen eingerahmt. Die riesige Kuppel überwölbt das Dach. Die entfernte Ähnlichkeit mit dem Taj Mahal ist nicht rein zufällig. Abakh Hoja, dessen Vater die Grabesstätte in Auftrag gab, überstrahlt mit seinem religiösen und politischen Einfluss alle Großfamilienmitglieder. Er herrschte von 1678 bis 1693 fast ohne Unterbrechung regional über Kashgar, Kucha, Korla, Aksu u.a.m., zudem als Oberhaupt der islamischen Sekte der Weißen Berge. Er wird als ein Prophet zweiten Ranges nach Mohammed verehrt. Im Inneren der Kuppelhalle sind weitere 58 Mitglieder der Familie Hoja begraben.

Die zahlreichen Legenden von der „duftenden Konkubine“ kommentiere ich hier nicht weiter.

Mit letzten müden Schritten schleichen wir an den niedrigen Lehmhäusern der Altstadt (3.) vorbei. Fein rausgeputzt zeigen hier Töpfer die Vielfalt ihrer Gefäße in Form und Farbe. Diverse Tabak- und Souvenirhändler gehören auch zum Straßenbild. Beim Hufschmied hängt gerade ein Pferd in den Seilen und bekommt neue Metallschuhe verpasst.

Dieses denkmalgeschützte Wohn- und Geschäfteensemble fordert morgen zur Selbstbesichtigung auf. Das Kashgar-Intensiv-Tagesmenü ist damit zu Ende.

~ Thomas Birkelbach, ZEIT-Reisender
Bilder von Manfred Kennel

Tag 24

Aksu - Kashgar

Unsere heutige und vorletzte Etappe führte uns am nördlichen Rand der Wüste Taklamakan entlang, zu unserer letzten Station in China, nach Kashgar. Hügellandschaften im Wechsel mit Steinwüste und fruchtbaren Oasen prägen das Bild der heutigen etwa 480 Kilometer langen Fahrt.
Bereits über 6.000 Kilometer haben wir hinter uns gelassen und auch der für uns chaotisch wirkende Verkehr in den großen Städten und auf den Autobahnen. Inzwischen ist es beinahe ruhig auf Chinas Straßen und auch in den letzten Städten haben wir uns vom permanenten Hupen fast erholt.

Lange Kilometer entlang der Wüste (Jens Blohm)
Lange Kilometer entlang der Wüste
(Jens Blohm)

In den ersten Tagen und Etappen war ich überzeugt, dass in China mehr gehupt wird als man es von Italien behauptet. So etwas wie Rücksichtnahme im Straßenverkehr sucht man in China vergebens. Oder es wird hier nur anders ausgelegt. Wenn sich unsere für chinesische Verhältnisse großen Busse durch die Straßenschluchten schieben, ist das für die meisten chinesischen Verkehrsteilnehmer noch lange kein Grund, auf die Vorfahrt zu verzichten oder spontan die Spur zu wechseln. Fakt ist, jeder chinesische Verkehrsteilnehmer hat es permanent eilig. Selbst wenn durch Sicherheitskräfte oder der Polizei die Straße abgesichert wird, damit wir unsere Busse rückwärts wieder auf die Straßen bewegen können, hindert nicht jeden, mal eben noch die letzte Lücke hinter uns zu nutzen, um sich daran vorbei zu drängeln. Was aber die Einhaltung der Regeln an Lichtsignal gesteuerten Kreuzungen und der Geschwindigkeitsvorgaben angeht, ist schon eine gehörige Portion an Disziplin zu beobachten. Ausgenommen aber die ganzen Motorroller- und Kleinfahrzeugfahrer.
Inzwischen haben wir Busfahrer uns auch an die verschiedenen Gegebenheiten gewöhnt und finden rascher die Ampeln, die meist weit hinter der Kreuzung irgendwo über der Straße baumeln. Toll finde ich die „Countdown“-ähnlichen Sekundenzählungen für die einzelnen Phasen. So etwas würde den Verkehr in unseren Städten bestimmt auch gut tun.

In den letzten Tagen ausschließlich nur noch zweispurige Autobahnen mit relativ wenig oder keinen Verkehr, waren die Verbindungen zwischen den Millionenstädten auf unseren ersten Etappen eher drei- und mehrspurig gewesen. Auf diesen allerdings erschloss sich mir nur eine Regelung des Überholens, nämlich da, wo gerade Platz ist. Ein Rechtsfahrgebot besonders für langsame und extrem langsame Fahrzeuge gilt in China vermutlich nicht. Rasch haben wir das auch für uns Fahrer aufgegriffen und es überkam mich schon das eine und andere mulmige Gefühl, zwischen zwei Trucks auf der 3. oder 4. Spur durch zufahren.

Wüste entlang der Route (Jens Blohm)
Wüste entlang der Route
(Jens Blohm)

Unsere heutige Fahrt führte ganz entspannt über eine in jede Richtung zweispurige Autobahn. Hinderlich waren lediglich ein paar Reste von Schlammlawinen, die sich einen Weg durch die Sicherungen gebahnt haben und sich auf der Piste ausbreiteten. So erreichten wir am späten Nachmittag das Radisson Blu Hotel **** in Kashgar, welches uns einen sehr herzlichen Empfang bereitete. Selbst eisgekühltes Flensburger Bier hielt der sehr engagierte Hotelmanager Peter für uns bereit. Das haben wir uns alle auch redlich verdient. Immerhin sind wir auf der Seidenstraße über 6.000 Kilometer einmal von Ost nach West quer durch dieses riesige Reich gefahren. Ich persönlich habe diesen Moment sehr ergriffen genossen.

Empfang in Kashagar (Jens Blohm)
Empfang in Kashagar
(Jens Blohm)

Kurz frisch gemacht folgte noch ein Vortrag von Hans-Wilm Schütte zum Thema Kosmos und Kultur in China und danach ging es gleich zum festlichen Dinner über. Feuchtfröhlich wurde der Abend mit einer kleinen Geburtstagsrunde von Iris Gast, worauf sich dann der eine und andere Gast es sich nicht nehmen ließ, für Nachschub zu sorgen. Na es ist leicht vorstellbar, dass die Runde so schnell nicht zu Ende war und so einige Flaschen Aquavit geleert wurden. Da am nächsten Tag Daniel arbeiten darf, wurden auf Promillegrenzen nicht wirklich Rücksicht genommen.

~ Jens Blohm, Busfahrer

Tag 23

Kucha - Aksu

Wir verlassen Kucha. Stadtauswärts sind die tags zuvor passierten und gut bewachten Straßensperren offen. Passanten ziehen gelassen ihrer Wege. Ältere Frauen tragen gerne durchscheinende zarte Kopftücher, von glitzernden Silber- oder Goldfäden durchwirkt, während jüngere höchstens hin und wieder ein schmuckes Käppchen zur Schau stellen, welches aber ebenfalls unbedingt irgendwo durch aufgenähte Pailletten in der Sonne aufleuchten muss. Auch die Kleidung ist von fremdartigen ornamentreichen Mustern bestimmt.

Mädchengruß (Claudia Kennel)
Mädchengruß
(Claudia Kennel)

Unser Ziel ist Kizilgaha („der Wohnsitz des Mädchens“). Das wird zum kleinen Abenteuer. Da sich die Straßensituation durch bauliche Maßnahmen gravierend verändert hat, fahren wir wieder zurück in die Stadt und nehmen eine ruckelnde Alternativstrecke durch Wohngebiete, die offensichtlich gerade in großem Stil abgerissen werden. Just am Ende der Straße dann eine kleine Überraschung: Einbetonierte Baustellenpoller verhindern unsere Durchfahrt.

DA passt der Bus nicht hindurch... (Claudia Kennel)
DA passt der Bus nicht hindurch…
(Claudia Kennel)

Das bedeutet: Rückwärtsfahren ist angesagt. Bravourös meistert Jens dieses diffizile Manöver.

Hilfreicher Einweiser beim Rückwärtsfahren (Claudia Kennel)
Hilfreicher Einweiser beim Rückwärtsfahren
(Claudia Kennel)

Nun bewegen wir uns auf vielen Seit(d)enstraßen weiter, stören unbeabsichtigt die Ruhe eines Friedhofes, überqueren rumpelnd ein Flußbett und gelangen dann an das letzte westliche bauliche Zeugnis der kaiserlichen Han-Dynastie vor 2000 Jahren, einen sehr gut erhaltenen 13m hohen Signal- oder Wachturm, wie wir sie auf der ganzen Strecke schon vielfach gesehen haben; er diente einem System, welches mithilfe von Feuer- und Rauchsignalen (hergestellt aus getrocknetem Wolfsdung) speziell bei Bedrohungen durch feindliche Heerscharen Nachrichten übermitteln konnte.

Signalturm aus der Han-Dynastie (Claudia Kennel)
Signalturm aus der Han-Dynastie
(Claudia Kennel)

Wir befinden uns im uighurischen autonomen Gebiet Xinjiang. Erneut erwarten uns spektakuläre Ausblicke. Wir durchqueren einen Nationalpark (Buddhala Landscape). Unglaublich bizarre Felsformationen, in leuchtenden Farbsegmenten erstrahlende mächtige Bergkönige werden überwunden, um von ausgewaschenen lehmfarbenen Hügelkuppen wieder abgelöst zu werden. Dann Weite, eingesäumt von Bergketten, im Hintergrund schneebedeckte Gipfel. Anblicke, wie sie mein Auge noch nicht gesehen hat.
Die Buddha-Grotten von Kizil lassen uns innehalten. Eine letzte Kurve – vor uns breitet sich ein atemberaubendes Tal aus. Das tief gefurchte Gebirge dahinter wirkt wie eine riesige, in nachdenkliche Falten quer gelegte Stirn.

Buddha-Grotten von Kizil (Claudia Kennel)
Buddha-Grotten von Kizil
(Claudia Kennel)

Unter einer schattenspendenden Pappelallee flanieren wir zu den Felsen, wo sich die Grotten in die Wand schmiegen. Viele entscheiden sich hinauf zu steigen, ich dagegen möchte lieber anderen geheimnisvollen Pfaden des Buddha folgen (vor allem deshalb, weil es verboten ist, den Fotoapparat mit hinauf zu nehmen). Und so entdecke ich, mutterseelenalleine, auf verschlungenen Wegen einen zauberhaften See, entdecke Fauna und Flora ganz für mich, breche cumarin-berauschenden Steinklee und schlage drei Mal die große schwere Glocke, deren voller dunkler Klang sicher hinauf zu den Grotten schwillt.

Glockenschlag für die "Verspäteten" (Claudia Kennel)
Glockenschlag für die “Verspäteten”
(Claudia Kennel)

Nur langsam trudeln unsere Leute zum einfachen Mittagsmahl ein. Statt der einen Stunde, die Michael für den gesamten Besuch an diesem friedlichen Ort ankündigte, werden es fast 3 Stunden – ist für uns ok. Die Verursacher der Verspätung schulden uns heute Abend diverse Runden Flüssiges…
Wir fahren den gleichen Weg zurück, da uns verstärkte Straßenkontrollen (mind. 6-8) angekündigt werden und von hier aus weiter nach Aksu. Unterwegs ruft uns der „lachende Walter“ zu: „Der Läufer, der VW, da sind sie!!“ Diesen Erstgenannten, Kai Markus, mitsamt seinen Begleitern wollten wir eigentlich heute Abend an unserem Ziel im Hotel persönlich antreffen. Der Marathon-Läufer, der sich vorgenommen hat, die Strecke Hamburg – Shanghai zu Fuß zu erobern, wird aber leider leider auf der Gegenfahrbahn gesichtet, was bedeutet, dass er bereits weitergelaufen ist. Diesen Mann hätte ich zu gerne kennengelernt.

In der Wüste I (Claudia Kennel)
In der Wüste I
(Claudia Kennel)

Michael erklärt nun, wie Wüstenboden halbwegs urbar und zu nutzbarem Ackerboden umgewandelt werden kann. Es dauert mindestens 3 Jahre, bis das Salz ausgewaschen und die Erde zur Bepflanzung bereitsteht. 60% der Gesamtanbaufläche an Baumwolle befindet sich hier im Gebiet Xinjiang. Saisonal müssen für die Ernte Wanderarbeiter angestellt werden (August/September).

In der Wüste II (Claudia Kennel)
In der Wüste II
(Claudia Kennel)

Auf Nachfrage “übersetzt” uns unser immer ansprechbarer und hochgeschätzter Michael auch kurz die Bedeutung der chinesischen Fahne. Der größte Stern verkörpert die Partei. Die anderen vier jeweils die Arbeiter, die Bauern, die Intellektuellen und die „patriotischen Kapitalisten“. Wunderbar. Jetzt wissen wir auch das. Danach erhalten wir einen kurzweiligen und informativen Abriss über Maos Leben und Wirken.
Heute ist es spät bei der Ankunft in Aksu. Die Sonne beginnt zu sinken, als wir nach einer Odyssee auf der Straße hungrig neue kulinarische Genüsse von unseren Essstäbchen knabbern und dann ohne weitere abendliche Aktivitäten erwartungsvoll dem neuen Tag entgegenschlafen.

~ Claudia Kennel, ZEIT-Reisende

Tag 22

Korla - Kuqa

Der Tagesanfang war prima: ein opulentes Frühstücks-Buffet im 20. Stock. Wer den richtigen Platz gewählt hatte, schaute hinab auf den grün umsäumten Kongqi-Fluss (“Pfauenfluss”) und aufs gegenüber liegende Stadtviertel. In anderen Richtungen allerdings blockierten höhere Hochhäuser den Blick. Im altstadtlosen Korla dominiert nun einmal die Vertikale.
Um 9.30 Uhr geht’s wieder auf die Piste, bei Sonnenschein und angenehmer Temperatur. Vor uns liegt eine Tagesetappe von knapp 300 Kilometern bis Kuqa (sprich: Kutscha), zuzüglich zirka 30 Fahrkilometer für einen Abstecher zu der einzigen Sehenswürdigkeit, die das heutige Programm vorsieht.
Aus Korlas Zentrum hinaus rollen wir noch durch schattige Alleen, dann allerdings wird es gleichbleibend trist. Man fährt auf einer meist schnurgerade geführten Autobahn durch platte Ödnis, zur Rechten begleitet von einem kahlen, nicht sehr hohen Vorgebirge des Tian Shan. Kümmernde Grasbüschel auf dem kargen Boden beiderseits der Straße tragen kaum zur Belebung bei, hin und wieder sorgen ein paar schlanke Pappeln für mäßige optische Abwechslung. Omnipräsent sind dagegen parallel zur Autobahn geführte Stromleitungen. Zwischendurch passieren wir Gewerbe- und Industriebauwerke, darunter eine Zementfabrik, ein Kraftwerk und ein großes Umspannwerk. Die Richtungsfahrbahnen sind zumeist in einigem Abstand auf separaten Dämmen geführt. Zweimal fahren wir an Lastwagen vorbei, die in die Mulde zwischen den Fahrbahnen gestürzt sind. Vermutlich waren die Fahrer auf dieser ermüdend reizlosen Strecke am Lenkrad eingeschlafen.
Nicht lange nach der Abfahrt halten wir an einer Tankstelle. Wie alle anderen Tankstellen, die wir in Xinjiang sehen, ist sie massiv gegen nicht autorisiertes Eindringen gesichert: mit Zaun und Stacheldraht gegen das Betreten und zusätzlich mit Gestellen aus gekreuzten Stahlrohren gegen das Befahren. Hinein kommen die Wagen nur nach Passieren einer Schranke. Zu deren Bedienung und zur Kontrolle der Einfahrenden wurde ein Wächterhäuschen mit Vordach aufgestellt. Wir müssen vorher alle den Bus verlassen, auch Pkw-Insassen dürfen nicht sitzen bleiben, mit Ausnahme des Fahrers, natürlich.

Uiguren am Parkplatz: sprachliche Hürden
(Hans-Wilm Schütte)

Während wir warten, versuchen wir uns mit einigen freundlichen Uiguren zu verständigen, die mit dem Pkw unterwegs sind und ebenfalls zum Tanken gehalten haben. Sonderlich gut klappt die Verständigung nicht, die Frauen scheinen nur sehr wenig Chinesisch zu sprechen oder zu verstehen.
Damit angesichts der stets gleich bleibenden Landschaft keine Langweile aufkommt, gibt Michael einen Überblick über das Prüfungswesen des konfuzianischen Staates und schlägt dann auch gleich den Bogen zur Prüfungshölle der Gegenwart. Das Leben der Schüler gleicht, so scheint es, einem Prüfungsmarathon. Später nutzen wir die Unterhaltungstechnik im Bus: “Die chinesischen Schuhe” heißt ein sehr gut gemachter Dokumentarfilm, bei dem eine Deutsche bei einer Fahrt den Jangtse aufwärts (durch die berühmten Schluchten kurz bevor deren Ufer im Stausee versanken) und weiter bis Chengdu die Spuren ihrer Großmutter verfolgt. Diese unternahm die damals äußerst beschwerliche Flussreise im Revolutionsjahr 1911 gemeinsam mit ihrem Ehemann, der in Chengdu das Deutsche Reich als Konsul zu vertreten hatte.
Nach einer kurzen Rast (Kaffee, aufgeschnittene Melone) erreichen wir die Oase von Kuqa, die wir allerdings zunächst gewissermaßen links liegen lassen, und zwar für einen Abstecher zur lehmgelben Klosterruine von Subash.

Der große Stupa von Subash (Hans-Wilm Schütte)
Der große Stupa von Subash
(Hans-Wilm Schütte)

Eigentlich ist es eine richtige Ruinenstadt. Die ursprüngliche Anlage erstreckte sich auf bis zu 700 Metern Länge auf beiden Seiten eines Flusses, der hier aus dem Gebirge tritt. Einzelheiten sind kaum noch zu erkennen, aber manche dicken Lehmwände und Stupareste ragen noch bis zu zehn Metern hoch. Es handelte sich um das Hofkloster der Könige von Kuqa, die hier offenbar deutlich mehr Geld investierten als in ihren eigenen Palast, von dem nichts erhalten blieb. Subash wurde im 12. Jh. im Zuge der Islamisierung aufgegeben und verfiel. Heute beeindruckt vor allem das Ensemble aus den ockerfarbenen, mächtigen Ruinen vor dem unwirtlich kahlen, gezackten Hängen des Tian Shan-Randgebirges.

Straßenkontrolle in Kuqa
(Hans-Wilm Schütte)

Auf dem Weg in die Stadt müssen wir noch einmal eine Polizeikontrolle passieren, die sicherstellt, dass wir keine uighurischen Freiheitskämpfer oder Terroristen sind. Selbst in der Stadt gibt es noch Kontrollstellen, und an unserer Herberge, dem Hochhaus des Kuche Grand Hotel, tun furchteinflößende Soldaten mit Maschinengewehren Dienst. Deren Präsenz lässt sich bald wieder vergessen, als zum Abendessen gebeten wird – einem üppigen chinesisch-internationalen Buffet.

~ Hans-Wilm Schütte, Sinologe

Tag 21

Turfan - Korla

Am Morgen des heutigen Tages steht, noch in Turfan, zunächst eine Verbeugung vor der Ingenieurskunst der alten Chinesen auf dem Programm.
Wir besuchen das Museum zum Thema Karez. Dies sind unterirdische Bewässerungskanäle, durch die hier, in der extrem trockenen Turfan-Senke, seit alters Wasser aus dem Tian Shan-Gebirge in die Siedlungen, auf die Felder und in die hier sehr weitläufigen Weingärten geleitet wird. Sie funktionieren nach einem ebenso einfachen wie genialen Prinzip: An einem Abhang wird ein vertikaler Schacht gegraben. Ist der Grundwasserspiegel erreicht, gräbt man vom talwärts gelegenen Dorf aus in Richtung Brunnen einen horizontalen, leicht abfallenden Tunnel, der das Wasser an die Erdoberfläche leitet – ohne Pumpen, nur mithilfe der Schwerkraft, ohne Verdunstungsverluste und auch weitgehend ohne weitere Erhaltungskosten.
Das Knowhow dafür kam vor circa 2000 Jahren aus dem iranischen Kulturraum.
Die Chinesen haben die Erfindung im wüsten Nordwesten ihres Landes perfektioniert. Die oft viele Kilometer langen Kanalsysteme der Karez werden neben der Großen Mauer und dem Kaiserkanal als die dritte epochale bautechnische Leistung in der langen Geschichte des Landes gerühmt.
Auf der Weiterfahrt Richtung Westen wird die Straße aus der „Senke von Turfan“, der drittgrößten Depression der Erde, bis auf 1500 Meter Seehöhe ansteigen und die Lufttemperatur auf fast schon moderate 32° sinken. Das obligate morgendliche Gedicht verliest diesmal Hans-Wilm Schütte. Es gibt die Klage einer chinesischen Prinzessin aus der Frühzeit der Geschichte wieder, die an ein rivalisierendes Nachbarvolk im Westen zwangsverheiratet wurde und sich, unter den fremden Sitten leidend, nach ihrer Heimat sehnt.
Insofern knüpft es thematisch direkt an Hans-Wilms spannenden Vortrag vom Vorabend über die politische Frühgeschichte der Seidenstraße an. Später wird er noch einen pointierten Text des Briten Peter Fleming, dem Bruder des James-Bond-Erfinders Ian Fleming, vorlesen – ein Kapitel aus dessen Buch „Tatarenland“, das die so abenteuerliche wie beschwerliche Reise in den 1930er-Jahren durch die Wüste Taklamakan in die von Uiguren bewohnte Provinz Xinkiang, durch die auch wir uns jetzt bewegen, beschreibt.

Gigantische Windkraftparks säumen, wie hier westlich von Korla, immer wieder unseren Weg (Walter Weiss)
Gigantische Windkraftparks säumen, wie hier westlich von Korla, immer wieder unseren Weg
(Walter Weiss)

Reiseleiter Michael hingegen spricht, während wir schier endlose Wälder aus hochstelzigen Windkrafträdern entlangrollen, über Chinas Umweltprobleme und die vehementen Versuche der Behörden, ihrer Herr zu werden. Er erwähnt den alten Kampf gegen die vier historischen Plagen:
gegen Ratten, Fliegen, Moskitos und, man höre und staune, Spatzen, die ebenfalls als Schädlinge gelten, weil sie die Saat von den Feldern picken.
Von der in den letzten zwei, drei Jahrzehnten arg grassierende Verschmutzung von Luft und Wasser erzählt Michael, und von der in den jüngsten Jahren zu verzeichnenden Verlagerung ökologischer Problemindustrien aus den dicht bevölkerten, zu Wohlstand gelangten Regionen des Ostens in Richtung der noch armen Provinzen im Westen. Aber wir erfahren auch viel über die bereits sehr beachtlichen Erfolge im Bereich des Umweltschutzes, die immensen Aufforstungsprogramme zum Beispiel, die Erhöhung der Abgasstandards, und überhaupt die immer strengeren Kontrollen zur Einhaltung einschlägiger Umweltgesetze.
In einem zweiten ausführlichen Vortrag erläutert Michael Chinas Sozial- und Versicherungssystem. Wir erfahren, dass noch Ende des 20. Jh. die meisten Beschäftigten lediglich über ihre so genannte Arbeitseinheit durch eine Betriebsversicherung und Betriebsrente versorgt gewesen sind. Nach dem Millenium habe man jedoch nach europäischem Vorbild auf ein System der Pflichtversicherung für die Rente sowie den Fall von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Unfällen umgestellt, die automatisch vom Lohn abgezogen würden. Dies gelte freilich vorwiegend in den Städten. Die bäuerliche Bevölkerung auf dem Land sei vielerorts weiterhin überwiegend auf sich selbst gestellt und müsse im Notfall mit einer minimalen Sozialhilfe überleben. Generell, hören wir, sei das Versicherungswesen inzwischen stark kommerzialisiert. Als etwa seine Frau zur Entbindung ihrer beiden Kinder im Spital gelegen sei, berichtet Michael aus persönlicher Erfahrung, hätten dort Keiler versucht, den Eltern langfristige Verträge für die Neugeborenen aufzuschwatzen.

Spektakuläre Landschaftskulisse: Shaliang – die „Sandrücken-Berge“ (Walter Weiss)
Spektakuläre Landschaftskulisse: Shaliang – die „Sandrücken-Berge“
(Walter Weiss)

Später zieht die Landschaftskulisse alle Aufmerksamkeit auf sich: Die Straße führt durch schroffe, von mächtigen Dünen durchzogene Felsformationen – die Shaliang genannten „Sandrücken-Berge“.

25 Gäste sind an Bord. Ab heute zieren ihre Namenszüge die Außenhaut unseres Neoplan (Walter Weiss)
25 Gäste sind an Bord. Ab heute zieren ihre Namenszüge die Außenhaut unseres Neoplan
(Walter Weiss)

Bei einem Fotostopp holen wir ein überfälliges Ritual nach: Jeder aus unserer inzwischen eingeschworenen Reisetruppe verewigt sich auf der Außenwand des Busses per Filzstift mit seinem Namenszug. Die dafür eigens ausgesparte weiße Freifläche verkündet weithin sichtbar: „Wir sind dabei!“ Ein schöner Anlass, wieder einmal gemeinsam die mit hochprozentigem Klaren gefüllten Gläser zu erheben.

Hotelzimmer mit Aussicht: der „Pfauen-Fluss“ im Zentrum von Korla (Walter Weiss)
Hotelzimmer mit Aussicht: der „Pfauen-Fluss“ im Zentrum von Korla
(Walter Weiss)

Kurz bevor wir in Korla, unserem heutigen Etappenziel, einrollen, passieren wir zahlreiche Ziegelbrennereien. Die Stadt selbst war als Oase an der nördlichen Seidenstraße schon zur Zeit der Han-Dynastie von großer Wichtigkeit. Heute, hören wir, bildet sie das Zentrum einer „Autonomen Republik der Mongolen“. Mehr als zwei Drittel ihrer knapp 500.000 Einwohner werden freilich von Han-Chinesen gestellt. Ihr Name bedeutet auf Uigurisch soviel wie „von hoher Stelle hinab schauen“ – ein Indiz für ihre Lage auf fast 1000 m Seehöhe am Rand des Tarim-Beckens. Aus touristischer Sicht macht Korla freilich wenig her. Als Zeitvertreib bleibt nach dem gewohnt opulenten Dinner ein Spaziergang in Sichtweite des Hotels entlang der Uferpromenade des „Pfauen-Fluss“. Eine schöne Gelegenheit mehr, mit Einheimischen – Familien, Jugendlichen, Senioren -, die hier in Scharen fröhlich-entspannt den lauen Sommerabend genießen, auf Tuchfühlung zu gehen.

~ Walter Weiss, ZEIT-Reiseleiter

Tag 20

Turfan

In der Umgebung der Oasenstadt

Seit ein paar Tagen fühlen wir uns wie in einem anderen Land:
Tankstellen sind mit Stacheldraht abgesichert und dürfen nur vom Fahrer – alleine ohne jeden Mitfahrer – aufgesucht werden. Im Hotel und Restaurant bewachen Sicherheitskontrollen – z.T. mit Stahlhelm – den Eingang
Auf den Köpfen vieler Männer sehen wir Kappen. Die Gesichter der Menschen sind dunkler, ihre Körper kräftiger und gedrungener.

Die Autos blitzen nicht mehr so wie bisher, an den Straßenrändern sieht es weniger gepflegt aus. Immer wieder stehen große Bettgestelle vor den Häusern.
Wir sind in der autonomen Region Xinjiang im Nord-Westen. Hier leben etwa 50 Prozent Uiguren, eine der ethnischen Minderheiten Chinas.

Heute früh im Bus sitzt zum ersten Mal unser neuer Zeit-Experte Herr Dr. Hans-Wilm Schütte, der sehr kurzfristig eingesprungen ist für den erkrankten Leiter von China Tours Hamburg, Herrn Guosheng Liu. Herr Dr. Schütte ist promovierter Sinologe und ausgewiesener China-Kenner. Er schrieb mehrere Reiseführer und Bücher über China und leitete eigene China-Reisen.
Wir freuen uns, von einem so kompetenten Fachmann bis Kashgar begleitet zu werden.

Auf unserem Weg zur Ruinenstadt Gaochang erläutert uns Herr Dr. Schütte, wieso im Norden der größten Sandwüste der Erde – der Taklamakan – große Euphrat-Pappeln wachsen können:
Die starken Schmelzwasserflüsse aus dem TianShan Gebirge sorgen im Tarim-Becken für einen hohen Grundwasserspiegel. Bereits in zwei Meter Tiefe stößt man auf Wasser. Die Euphrat-Pappeln senken ihre Wurzeln stark in die Tiefe und finden so immer genügend Wasser.
Es zeigen sich allerdings bereits Auswirkungen des zunehmenden Wasserverbrauchs: Der Grundwasserspiegel sinkt, Flüsse versickern früher, Pappeln sterben ab.

40 km östlich von Turfan erreichen wir Gaochang. Wir steigen um in zwei Elektrobusse, die uns über das Gelände fahren werden.

An die einst blühende Metropole erinnern heute nur noch kärgliche Überreste.
Auf einem Gelände von 1,5 x 1,5 km Fläche befinden sich die Ruinen einer vor 2200 Jahren gegründeten Oasenstadt an der Seidenstraße.
Unübersehbar ist die ehemals 11m hohe und 5km lange Stadtmauer aus ungebrannten Lehmziegeln, die sich gänzlich in Auflösung befinden. Am deutlichsten noch zu erkennen sind die Gebäudereste eines buddhistischen Klosters. In diesem Kloster weilte auch der Mönch Xuanzang auf seiner Forschungsreise nach Indien.

Im architektonisch gut gestalteten Eingangsgebäude entdecken wir dann einen Laden, der viele Mitreisende zum Stöbern einlädt und zum Einkaufen verführt. Um die Preise muss stark gefeilscht werden, was einigen schon sehr gut gelingt.

Die nächste Station führt uns vorbei an den Flammenden Bergen in ein sehr enges Tal. Hier wurde wie bei den gewaltigen Mogao Grotten durch das reißende Wasser eines Flusses eine Steilwand ausgewaschen, in die vom 5. Bis 9. Jahrhundert 1000 buddhistische Höhlentempel gegraben wurden.

Leider findet man nur noch Malereifragmente und gar keine Skulpturen mehr in den Höhlen. Die schönsten Fresken wurden von Forschern abgetragen und befinden sich heute in anderen Ländern, auch in deutschen Museen.
Es macht uns ganz bedrückt und wütend, dass von Forschern solche Zerstörungen vorgenommen wurden.

Auf dem Weg zum Bus freut sich Frau Ma – unsere örtliche Reiseleiterin – über die kühlen 37 Grad Außentemperatur. Bei ihrem letzten Besuch musste sie bei 51 Grad die Stufen hochklettern.

Als wir bei der Rückfahrt an den Flammenden Bergen vorbeifahren, machen wir einen Fotostopp, doch das Licht lässt keine flammenden Bilder zu.

Wir fahren durch Weinfelder und sehen Bauern mit hochbeladenen Wagen von der Weinlese heimkehren. Am Wegesrand gelingt uns endlich ein Blick in eines der vielen Darrhäuser der Gegend, in dem die Trauben für etwa einen Monat an Drähten zum Trocknen aufgehängt sind. Uns läuft schon das Wasser im Mund zusammen, wenn wir an die leckeren Rosinen denken.

Um 18 Uhr treffen wir uns im neuen Museum von Turfan. Dort können wir das vor Ort gesehene weiter vertiefen. Besonders beeindruckend finden wir, wie sich über 1000 Jahre alte Speisen – Gebäck und Teigtaschen – in dem trockenen Wüstenklima gehalten haben.
Ob das an unserem Hunger liegt?!?

Beim Abendessen genießen wir die 12 verschiedenen köstlichen Speisen, die auf dem runden Drehteller vor uns aufgebaut werden und kosten den hier gewachsenen Wein.
Das größere Vergnügen macht uns allerdings das frittierte Vanille-Eis. So was hatte noch niemand von uns zuvor gegessen.

Zum Abschluss des Tages informiert uns Herr Dr. Schütte in einem interessanten Vortrag über die geschichtliche Entwicklung der Seidenstraße zwischen Krieg und Handel.

~ Günter und Ilona Haß, ZEIT-Reisende

Tag 19

Hami - Turfan

Heute haben wir wieder eine etwa 400 km lange Strecke vor uns, so dass wir bereits um 8:00 Uhr losfahren. In China gibt es nur eine Zeitzone. Das Leben im Westen Chinas richtet sich jedoch nach dem Sonnenstand. Das bedeutet, dass das öffentliche Leben erst gegen 9:00 Uhr beginnt und bei unserer Abfahrt die Straßen noch sehr leer sind.

Michael hat für einen Imbiss unterwegs noch eine der berühmten Honigmelonen aus Hami eingepackt, die in China nach diesem Ort benannt werden. Wir werden sie beim Mittagsimbiss verspeisen.

Michael hat heute ausreichend Zeit, uns mit zahlreichen Aspekten des Lebens in China vertraut zu machen. So beschreibt er die Gebräuche im Zusammenhang mit Beerdigung und Grabpflege. Am nationalen Totentag im April oder beim Frühlingsfest geht man traditionell zu den Gräbern der Verwandten, um das Grab zu säubern und Essen als Opfergabe darzubieten. Anschließend findet ein Picknick am Grab statt. Eine andere Möglichkeit, der Toten zu gedenken, ist, bei großer Entfernung zum Familiengrab eine Gedenktafel („Seelentafel“) in einem Tempel in der Nähe seines Wohnortes aufzustellen.

Das Gebiet der Uighuren ist ein regelrechter Schmelztiegel von unterschiedlichsten Nationen und Religionen mit einer ganzen Reihe von ethnischen Minderheiten, die auf vielen Gebieten von Sonderregeln profitieren, die ihre kulturellen, sprachlichen und Alltagstraditionen berücksichtigen.

In dem ausreichend vorhandenen Platz in der Landschaft liegen die beiden Fahrbahnen der Autobahn bisweilen mehrere 100 m auseinander.

Nach und nach geht die Steppenlandschaft in eine karge Gebirgslandschaft über. Die Anzahl der Windparks rechts und links der Autobahn nimmt deutlich zu.

Walter erklärt in einem Vortrag die Geschichte und die Grundsätze des Manichäismus. Seine Stifterperson Mani entwickelte Mitte des 3. Jh. in Mesopotamien eine neue Geheimlehre, die im Wesentlichen aus einer Zusammenfassung judäo-christlicher Ursprünge bestand. Dank der Unterstützung durch seinen Fürsprecher, den Großkönig der Sassaniden, konnte er seine Missionarsarbeit bis in das Turfan-Becken ausdehnen. Wie viele Religionsstifter verlor er jedoch gegen Ende seines Lebens die Unterstützung des neuen Herrschers der Sassaniden und starb in Haft.

Bis zum 16. Jh. erfuhr der Manichäismus eine Ausbreitung bis ins Römische Reich, in die Mongolei, nach Tibet und sogar Sibirien.

Die Basis der Lehre bestand aus zwei scharf voneinander abgegrenzten Polen, wie Licht und Dunkel oder Gut und Böse.

Am Nachmittag erreichen wir die Ruinen von Jiaohe. Die recht gut erhaltene antike Stadt wurde auf einer Insel am Zusammenfluss zweier Flüsse in der Han-Zeit (ab ca. 200 v.Chr.) gegründet. Sie beheimatete in ihrer Blütezeit etwa 6.000 Einwohner, davon 1.800 Soldaten. Auf Grund der Steilhänge an den Rändern der Insel bot sie einen guten Schutz vor Angreifern. Dennoch wurde sie im 13. Jh. durch Dschingis Khans Heere zerstört.

In der völlig vegetationslosen Ruinenstadt erreichen wir das erste Mal bei einer Besichtigung eine Temperatur von über 40°C bei 29% Luftfeuchtigkeit.

Mein erster Eindruck bei der Einfahrt nach Turfan ist, dass das Straßenbild nicht mehr ganz so sauber und aufgeräumt ist wie in den bisher besuchten Städten. Wir sind froh, als wir schließlich das kühle Hotel erreichen. Auch hier gibt es umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen mit Personen- und Gepäckkontrolle.

Das Abendessen nehmen wir in einem muslimischen Restaurant ganz in der Nähe ein.

~Klaus-Jürgen Wilhelm, ZEIT Reisender

Tag 18

Dunhuang - Hami

Rund um Dunhuang werden Trauben angebaut, aus denen tatsächlich auch Wein gekeltert wird. Große Pappeln säumen den Straßenrand. Die grüne Oase wird gespeist vom nie versiegenden Schmelzwasser aus dem Xi Lian– Gebirge.

Aber recht bald werden die Grasbüschel weniger, an denen sich Kamelherden weiden können. Die schnurgerade, sehr gute, offenbar recht neue Straße führt durch die sandige kahle Schwarze Gobi. Weit weg am linken Horizont kann man Gebirgszüge erkennen.

Ein Windpark taucht auf der rechten Seite auf. Gelegentlich begegnen uns Lkw – und Staunen! drei Fahrradfahrer mit Tourengepäck und ein Wohnmobil!

Die heutige Strecke beträgt gute 400 km. Da sind wir doch froh, dass wir nicht am Steuer sitzen. Wir werden heute insgesamt 4.000 km geschafft haben. Bei dieser Gelegenheit ein Dankeschön an unsere Fahrer.

Wer nun glaubt, wir hätten Langeweile, der täuscht sich.

Von Walter hören wir einen Vortrag über Emanzipation bzw. Benachteiligung der Frauen in China. Daraus lernen wir u.a., dass in den großen Religionen bzw. Weltanschauungen Chinas (Konfuzianismus, Taoismus, Hinduismus, Buddhismus) die Frauen nicht gleichbehandelt wurden, sondern den Männern gehorchen, sogar dienen mussten. Selbst Buddha, der das Kastensystem in Indien verurteilte, ging nicht so weit, auch den Frauen Akzeptanz zu verschaffen.

Ab 1949 nach Gründung der Kommunistischen Partei wurden z.B. Polygamie und Zwangsverheiratung verboten. Den Frauen wurden gleiche Rechte zugestanden, freie Partnerwahl und Berufsausübung bei gleicher Entlohnung.

Michael ergänzt anschließend aus seiner Sicht und beleuchtet die Situation des modernen China. Nach seinen Schilderungen sind die Partnerschaften vor allem in den Städten denen bei uns außerordentlich ähnlich. Er gibt auch launig das ein oder andere aus seinem Privatleben preis.

An der Grenze zum Autonomen Gebiet der Uighuren findet eine erste Sicherheitskontrolle ohne Probleme statt. Innerhalb des Gebiets werden noch weitere Kontrollen folgen. Ab hier sind die Straßenschilder in chinesischer und arabischer statt lateinischer Schrift abgefasst. Zäune, obenauf mit Stacheldraht, und Schranken umgeben Tankstellen. Über die Uighuren, die Moslems sind, werden wir sicher in den nächsten Tagen vieles erfahren.

Es wird schwieriger, an Raststätten unsere Bedürfnisse nach Essen und was die Chinesen „innere Harmonie“ nennen, zu befriedigen.

Nach der Mittagspause sehen wir uns über drei Bordmonitoren den Film „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ an.

Im Hotel in Hami werden am Eingang sämtliche Taschen durch eine elektronische Gepäckdurchleuchtung und wir durch eine Personenkontrolle geschleust.

Der Abend endet für einen Teil der Gruppe im Untergeschoss des Hotels in einer Karaoke-Bar.

~Renée Wilhelm, ZEIT Reisende

Tag 17

Dunhuang

Vom Mondsichelsee bis hin zu den Mogao-Grotten

Ein neuer Tag beginnt und es ist wieder einer der intensiveren Tage – so viel sei vorweg genommen. Mit Lilli haben wir heute noch einen lokalen Guide an unserer Seite, die uns neben Michael den gesamten Tag über begleitet.

Es wird heute wieder sehr heiß und vor dem Hintergrund, dass es ein langer Tag mit vielen Programmpunkten werden wird, kommt nochmal der explizit Hinweis auf Sonnencreme, den Verzehr von vielen Früchten und natürlich Wasser.

Um 8:30 Uhr geht es los und wir fahren bei bereits 34 Grad zu einem der wichtigsten Anlaufpunkte für Reisende auf der Seidenstraße: dem halbmondförmigen Mondsichelsee inmitten von beindruckend hohen Sanddünen.

Die Gruppe teilt sich je nach eigenem Gusto. Während der Großteil der Reisenden einen Spaziergang zum Mondsichelsee unternimmt, schwingen sich 6 unserer Kulturbotschafter auf Kamele und bekommen einen Eindruck, wie es damals auf der alten Seidenstraße in einer Karawane zuging.

Faszinierend schreiten die Kamele durch den heißen Sand und geben sich Ihrer Aufgabe hin. “Latent gleichgültig”, aber doch mit starkem Charakter machen die Tiere den Eindruck, als wenn es ohne sie nicht durch die Wüste ginge.
Walter, Luise und Johannes gleiten hingegen anmutig wie die Falken durch die Luft (Ultraleichtfliegen) und schauen sich das Treiben und die faszinierende Natur aus der Luft an.

Mit dem Bus geht es zunächst zum Essen, um dann direkt und gestärkt zu den Buddhagrotten von Mogao zu fahren. Dieses UNESCO Weltkulturerbe (seit 1987), auch “Museum am Abhang” oder “1000-Buddha-Grotte” genannt, ist ein absolutes Highlight. Sie gehören zu den buddhistischen Kostbarkeiten Chinas und stellen ein einzigartiges Beispiel für die Entwicklung buddhistischer Plastik und Malerei dar.

In architektonisch wieder einmal opulenten Bauten sehen wir zwei Filme zu den Mogao-Grotten. Geschichtlich gut eingeordnet und in einem 4-D Theater auch visuell eindrucksvoll dargestellt bekommen wir einen Vorgeschmack auf das, was uns gleich erwartet. Zuerst jedoch erleben wir, wie viel Wert hier auf Sicherheit gelegt wird. Unsere Eintrittskarten sind nicht nur personalisiert und enthalten unsere Reisepassnummern, sie werden auch gründlich kontrolliert und mit den Pässen vor Ort abgeglichen.

Mit einem lokalen Guide gehen wir durch ausgewählte 5 Grotten der insgesamt 492 Höhlen. von über 1000 erhaltenen. In jeder der Höhlen erfahren wir Hintergründe zu den einzelnen Staturen, die Art und Weise der Herstellung und ausführliche Erläuterungen zur Geschichte, die in den einzelnen Wandmalereien festgehalten wurden. Fasziniert, vom Ausmaß sowie Zustand der einzelnen Grotten, können wir nicht genug bekommen – einzig der Speicher an Informationen scheint am Ende voll zu sein.

Das Gefühl wird eingefangen, die wichtigsten Informationen gespeichert und der Vorsatz des Nacharbeitens gemacht. Es ist bereits später Nachmittag, sowohl Hitze als auch das Erlebte zeigen langsam ihre Spuren. Es geht zurück zum Hotel wo wir 1,5 Stunden Zeit haben uns frisch zu machen, bevor wir uns zu einem ganz besonderen Dinner auf den Weg machen.

Gegen 20 Uhr bringt uns Jens in unserem ZEIT REISEN Bus wieder an den Wüstenrand. Hier grillen wir nun bei angenehmen 32 Grad und genießen kalte Getränke, leckere Speisen vom Grill und einen fantastischen Blick in die Wüste. Unser Guide Michael hat noch eine Überraschung für uns und lässt den Himmel über der Wüste für ein paar Minuten mit einem Feuerwerk erleuchten. Am anschließenden Feuer lauschen wir den Geräuschen der Wüste und lassen diesen ereignisreichen Tag noch einmal Revue passieren.

Für mich ist es der letzte Tag mit der Gruppe, bevor ich wieder auf direktem Wege durch die Luft nach Hamburg abreise. Einen schöneren “Abschied” hätte ich mir nach dieser gemeinsamen Zeit nicht wünschen können. Die Karawane zieht morgen weiter gen Westen und wird noch sehr viel erleben. Ich freue mich auf die Geschichten in diesem Blog und auch auf ein vis-à-vis nach der Reise! 🙂

~Christopher Alexander, Leiter von ZEIT REISEN

Tag 16

Jiayuguan - Dunhuang

Schon der 16. Tag! Wir fahren am Rand der Wüste Gobi, entlang den Ausläufern des Qilian-Gebirges nach Dunhuang. Vorher noch schnell einen Blick von der Großen Mauer, dem „hängenden“ Teil. Um wie ein Held an ihrem hier höchsten Punkt zu stehen, müssen wir an die 500 Stufen erklimmen.

Auf der hängenden Mauer
(Jens Blohm)

Hier sieht man, wer noch sportlich ist. Ich habe heute den leichteren Teil genommen und bin dem Spruch des Tages gefolgt, der da lautet: „Von unten sieht man sie besser“.

Die Sportlichsten bis ganz oben
(Jens Blohm)

Die darauf folgende Fahrt über 370 km ist nicht sonderlich ereignisreich.
Ich will sie nutzen, um unsere Reisegruppe kurz vorzustellen. Sie besteht aus 25 Teilnehmern plus ZEIT Reisen-Chef Chris Alexander (der für zwei Wochen, bis Dunhuang mit an Bord bleibt), dem uns über die gesamte Strecke begleitenden Reiseleiter Walter M. Weiss sowie seinem chinesischen Reiseleiter-Kollegen Michael alias Chenyang He und drei Busfahrern, nämlich Holger, Daniel und Jens.

Von Anfang an ist die Gruppe äußerst harmonisch. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sie dies über den ganzen Reiseverlauf hin bleiben wird. Höchst interessiert lauschen wir Vorträgen sowohl unterwegs im Bus als auch abends im Hotel und genießen die äußerst vielfältige Kost. Auch wenn Letztere in manchen Verdauungstrakten für etwas Unruhe sorgt. Jedoch spielt sich das immer binnen kurzer Zeit wieder ein. Nach jedem Dinner ergeben sich, ob in der Bar (so vorhanden) oder in der Hotellobby, stets in kleinerer Runde unterschiedlicher Zusammensetzung anregende Gespräche.

Ein spezielles Lob gilt unseren Chauffeuren, die den riesigen Bus mit größter Geschicklichkeit durch die Straßen der quirligen Städte manövrieren. Selbst auf den oft langen, monotonen Autobahnen verlieren sie Konzentration für keine Sekunde. An dieser Stelle schon Mal ein dicker Dank an Sie!
Walter (Weiss) versorgt uns, besonders kundig zum Thema Buddhismus, mit diversen Vorträgen, vor allem über die geistigen Traditionen der Chinesen, von Daoismus und Konfuzianismus bis zur kommunistischen Volksrepublik.
Michael/Chenyang hingegen beschreibt nicht nur ausführlichst sämtliche Stationen und deren Sehenswürdigkeiten. Er erläutert auch viel Hintergründiges über die lange Geschichte des Landes, von den vielen Kaiserreichen, den wissenschaftlichen Errungenschaften und der modernen Gegenwart.

Die Öffnung Chinas während der letzten 40 Jahre ist offensichtlich: Die junge Bevölkerung reist. Man begegnet ihr, kaum aber älteren Chinesen, in den Hotels. Die Familien verlassen jetzt in der warmen Jahreszeit ihre kleinen Wohnungen und flanieren abends zuhauf in den Straßen. Auf den Plätzen wird eifrig wird häufig getanzt und auch Tai Chi praktiziert.
Ältere Semester spielen allerorten mit Begeisterung Karten. Das Gemeinschaftserlebnis wird groß geschrieben. Schon nach drei Wochen hat sich für uns ein generelles Bild „der Chinesen“ herauskristallisiert:
freundlich, höflich, auch im öffentlichen Raum unentwegt kehrend auf größte Sauberkeit bedacht, und die vielen Grünanlagen sorgsam pflegend.

~Ingrid Breil, ZEIT Reisende

Tag 15

Zhangye - Jiayuguan

Sonnig 28 - 36 Grad, 26 % Luftfeuchte

Nach den letzten beiden für mich eher unspektakulären Tagen wird es heute mal wieder in die Vollen gehen. Heute darf ich als einer der Busfahrer, der seinen freien Tag hat, eine Kurzfassung des Tages zum Besten geben.

Unsere Abfahrt ab dem Hotel nach dem Frühstück ist an Pünktlichkeit gemessen an bisherigen Tagen kaum zu übertreffen. Es ist spürbar, dass nun nach bereits zwei Wochen so eine gewisse Routine alltäglich wird. Ich warte lediglich noch auf den Morgen mit dem gemeinsamen Frühsport gemäß den chinesischen Vorbild, welchem wir auf dem Platz vor dem Hotel noch kurz beiwohnen durften, bevor Holger und Daniel unsere Traumschiffe zum Rollen brachten.

Die erste Station ist schnell erreicht und wir erkundeten teils zu Fuß und teils per Shuttlebusse den Zhangye National Geopark, eine Hügellandschaft mit außergewöhnlichen Formationen und Farbenpracht auf etwa 60 Quadratkilometern.

Im Zhangye-National-Geopark
(Jens Blohm)
Im Zhangye-National-Geopark
(Jens Blohm)

An dieser Stelle folge ich gern den Ratschlag von Thomas, hier jetzt keinen tiefgreifenden geologischen Vortrag zur Entstehung dieser einzigartigen Landschaft einzubringen, sondern bekunde lieber mein Herzgefühl. Als Reisebusfahrer habe ich bereits beeindruckende Kirchen, prunkvolle Schlösser, interessante Museen, faszinierende alte geschichtsträchtige Stadtkerne, reizvolle Landschaften etc. gesehen und fühlte mich durch diese Landschaft hier aufs Neue überwältigt. Hier hat jemand bei der Entstehung einen Sinn für Farben und Formationen gehabt, um so etwas Bizzares zu kreieren. Gern wäre ich ein Adler, um lautlos über dieser grandiosen Kulisse kreisen zu können. Ein Fotomotiv nach dem andern und ich halte mich mit Bedacht auf eventuellen Muskelkater im Knipsfinger etwas zurück. Nicht nur fotografierend umherschwirrend ergaben sich auch reichliche Panoramen, um einfach mal gedanklich inne zu halten und so etwas wie Glücksmomente auch mit einer kleinen Träne m Auge genießen zu können. Erstaunlich ist, dass diese geografische Delikatesse erst vor wenigen Jahren entdeckt und touristisch erschlossen wurde.

Gegen Mittag saßen wir alle wieder beeindruckt und leicht erschöpft in unserem Bus, der ja auch wegen der ständig wechselnden Hotels schon zu eine Art Wohnzimmerersatz geworden ist, und Holger steuerte weiter in Richtung Jiayuguan durch den Hexi-Korridor, der sich nun schon auf eine Breite von über 100 km weitete.

Verarbeitung des Erlebten unterwegs im Bus
(Jens Blohm)

Ähnlich wie den alten Karawanen der Seidenstraße ist es auch für uns der Durchgang Richtung Zentralasien mit Blick auf die schneebedeckten Gebirgszüge am westlichen Horizont. Wir bewegen uns durch scheinbar unendliche Ebenen mit schneebedeckten Sechstausendern am westlichen Horizont, vorbei an grünen Landwirtschaftsfeldern und kleineren Ortschaften ohne Prägung der gewaltigen Hochhäuser und Betongetthos der hinter uns gelassenen Millionenstädte.

Am Ende des Hexi-Korridors erreichen wir Juayguan mit nur etwa 230.000 Einwohnern. Nach den bisherigen erlebten Millionenstädten prägt das hier schon beinahe dörflichen CHarakter. Der Name der Stadt bedeutet wörtlich so viel wie „Pass zum gepriesenen Tal“.

Michael führt die Gruppe zur Festung Jiayuguan
(Jens Blohm)

Unser Interesse galt zuerst der 1372 errichteten Festung Jiayuguan, der Marker am offiziellen westlichen Ende der Großen Mauer. Reisende auf der Seidenstraße werden dennoch auch weiter westlich mehr oder weniger verfallene Teilstücke der Großen Mauer sehen. Im Gegensatz zu ihrem östlichen Pendant, der Festung Shanghaiguan am Ufer des Gelben Meeres mit der Bezeichung „Erster Pass unter dem Himmel“ darf sich Jiayuguan als der „Erste Große Pass unter dem Himmel“ bezeichnen und bewacht den Eingang des Hexi-Korridors zwischen dem Quilian Shan Massiv im Südwesten und den Schwarzen Bergen (Hai Shan) des Mazong-Massivs im Norden.

In der Festung Jiayuguan
(Jens Blohm)

Bei sengender Hitze schreiteten wir durch das letzte Portal in der Mauer und hatten die Wahl, den Ausführungen unseres Michaels oder denen der technisch verstärkten und störend lautstarken aber für uns Unverständlichen der chinesischen Reiseführer zu lauschen. Ein wenig Freizeit lud zum Bummel auf der Mauerkrone um die Festung oder zu einem erfrischenden Eis ein. Oder eben Beides. Für mich gehört das Erlebte hier mit zu einem der Höhepunkte, auf die ich mich im Vorfeld lange gefreut habe. Die Große Chinesische Mauer. Noch haben wir außer der interessanten Festung nicht viel gesehen, aber der Rundgang und Besuch im zugehörigen Mauermuseum brachte so einiges an neuen Erkenntnissen, wie zum Beispiel die unterschiedlichen Bauweisen und Richtungen der unterschiedlichen Dynastien. Unter anderem mussten wir auch eingestehen, dass die Behauptung, dieses Bauwerk könne man vom Mond aus sehen, völliger Irrsinn ist. Aber unser chinesischer Reiseleiter Michael ist der festen Überzeugung, dass man auf jeden Fall von der Mauer aus den Mond sehen kann. Morgen werden wir dann noch ein Teilstück der Mauer, die hängende Mauer, besichtigen, bevor unsere Reise weiter geht. Am Ende der Expedition waren wohl alle glücklich, im Hotel einchecken und eine erholsame Dusche genießen zu können.

Zum Abendessen führte uns unser Guide in ein dem Hotel nahegelegenes Restaurant, in dem wir in der oberen Etage, zu erreichen über eine recht steile und mit hohen Stufen versehene Treppe, in drei separaten Zimmern unser Dinner genossen. Ich persönlich lasse den Tag mit angenehmen Erinnerungen ausklingen und ignorierte das doch schon recht harte Nachtlager.

~ Jens Blohm, Busfahrer

Tag 14

Lanzhou - Zhagnye

Heute springt die schwarze-braune Neoplankatze nord-westwärts immer weiter bis zum Horizont. Das Ziel Zhangye, ca. 1,2 Mio. Einwohner ist eine typische kleine Großstadt der Provinz Gangsu. Bevor wir wahrscheinlich spät nachmittags das Tageshighlight im Tempel des Größten Schlafenden Buddhas (Skuifo Si) antreffen werden, müssen die üblichen Tagesprüfungen erfolgreich beendet werden:

1. Früh raus, wg. 500 Km-Fressen im engsten Teil des Hexi-Korridors.
2. Dann durch das uralte “Barbaren”-Karawanen Durchzugsgebiet der östlichen Seidenstraße zur Han-Zeit (25-220 n. Chr.).
3. Da Walter heute wieder einsatzfähig ist, referiert er weiter zur Buddhismuslehre.
4. Tagesspruch: “Auch die tüchtigste Frau kann ohne Reis nichts kochen.” Michael

Ich versuche in den folgenden Zeilen, bebildert von Claudia Kennel, den landschaftlich abwechslungsreichen Hexi-Korridor zu charakterisieren. Dabei die sichtbaren botanisch-geografischen Einzigartigkeiten zu beschreiben, darüber dann einen buddhistischen Gedankenteppich auszubreiten, den Walter aus 1001 Knoten geknüpft hat. Thematisch referiert er zum “Buddhismus als Religion”.

Wir haben die städtischen Gebäudereste hinter uns gelassen und folgen der zwei-, manchmal dreispurigen, wenig befahrenen Teerpisten. Mir kommt es so vor, als gäbe es auf den vielen, nord-westlich immer geradeaus, Kilometern eine dreifache landschaftliche Gliederung. Die Straßenmitte bildet das glatte grau-schwarze Band. Deutlich rechts davon gliedern sich in geordneter Formation Mais-, Getreide- und Sonnenblumenfelder. Meist bilden Reihen von mächtigen Silberpappeln einen breiten Windschutzstreifen. Kilometerlang fügen sich geordnete, rechteckig geformte Feld- und Fruchtkombinationen ineinander. Selbst manche Pappelskelette stören bzw. unterbrechen dieses systematisch Feldbebauungsprogramm kaum. Bis zum Horizont streift der Wind über die sanften Hügel und gleitet die flachen Minigebirgshänge hinauf.

Eine geplante Be- und Entwässerungsanlage unterstützt das optimierte Grundernährungssystem. Als Symbole der Moderne recken sich silbrig glänzende Starkstrommasten in den strahlend blauen Vormittagshimmel. Beim Überflug könnten Ballonfahrer ein riesiges rechteckiges Schachbrettmuster erkennen. Dazwischen stehen in einiger Entfernung feste Behausungen. Besonders auffällig sind deren glänzenden zart-kobaltblauen Wellblechdächer, geordnete Sicherheit, neuer Reichtum.

Systematische Agrarwirtschaft
(Claudia Kennel)

Das völlig gegensätzliche landwirtschaftliche Bau-, Ordnungs-, und Pflegeprinzip zeigt sich jenseits der Gegenfahrbahn. Die kilometerlang sichtbar ungepflegte, unformatierte, unkontrollierte, linke Un-Seite lässt sich beim flüchtigen Vorbeifahren nicht erklären. Eine schroffe Gesteinsformation bildet links, südlich, gebirgige Begrenzungen in ca. 3-4 km Entfernung. Ich möchte mir nicht irgendetwas zusammen fantasieren, sondern mich bewusst jeglicher Spekulationen enthalten. Zumindest wirkt dieser Landschaftsabschnitt wenig nutzbar, abgehängt, ungeordnet, ärmlich…

Landschaft, sich selbst überlassen
(Claudia Kernnel)

Jetzt wende ich die Links-Mitte-Rechts-Betrachtung, bzw. Deutung auf die i.d.R. Betrachtung des Buddhas im Tempel an. Oftmals trifft man dort auf drei Buddhas nebeneinander: in der Mitte der historische Buddha Siddhartha Gautama, geboren in Lumbini/Nepal; links davon der Buddha der Vergangenheit, rechts davon der Buddha der Zukunft. Interessant ist, dass dieser Buddha, der hier in China gerne als lachender Mann, gelegentlich als dickbäuchige Gestalt dargestellt wird. Bei ihm ist nichts von Weltabkehr, sondern vielmehr eine demonstrative Lebenslust zu erkennen. Zurzeit lebt er noch im “Himmel”, von dort aus wird er erst nach 2500 Jahren ins irdische Leben treten. Dann wird er den Menschen ein Dasein der “Glückseligkeit” bescheren. Oft wird er auch als Buddha “Maitreya”, der “Gütige”, verehrt. Je blumiger, bunter, üppiger die einzelnen Zeremonien von den Buddhas und Bodhisattwas sind, bedeutet dies, je weltabgewandter desto entfernter, je irdischer, volkstümlicher desto näher, heißt je “chinesischer”, persönlicher, desto mehr Anerkennung und Verbreitung verbinden sie im Alltag.

Von der Kaiserstadt Luoyang verbreitet sich der Buddhismus dann über ganz China. Welche Bedeutung und welche Auswirkung der Buddhismus in/für China hat, wird erst verständlich werden, wenn wir uns klar machen, was die großen Kulturtraditionen des Konfuzianismus und des Daoismus an wirklichen Errungenschaften gebracht haben. Dies wird noch weiterhin zu bearbeiten sein.

Zu Besuch im Tempel des Großen Buddha
Schon Marco Polo erwähnt den monumentalen liegenden Buddha, der heute Zhangyes größte Attraktion darstellt. Der Legende nach hörte der Bettelmönch Cui Mie eine liebliche Musik, folgte deren Klang und fand dort als Quelle der süßen Weise einen Jade-Buddha in liegender Pose. Mit Hilfe von Spendern ließ er dort einen Tempel bauen. In dessen Haupthalle das monumentale Bildnis des Shakyamuni beherbergt wird, aus Lehm modelliert, bemalt und vergoldet. Mit 34,5 m Länge und 7,5 m Schulterbreite ist die Figur einer der größten ihrer Art in China. Hinter ihm stehen viele kleinere Figuren seiner Jünger, die um ihren großen Meister trauern. Erwähnenswert vielleicht noch die Information, dass die Mutter des großen Mongolenkaisers Kublai Khan (1215-94) nach ihrem Tod auf eigenen Wunsch hier aufgebahrt wurde.

~ Thomas Bickelbach, ZEIT-Reisender

Tag 13

Lanzhou

Nachdem uns Herr Xu (gespr. Schü), unser heutiger lokaler Reiseführer beteuert, dass wir im besten Hotel der ganzen Stadt untergebracht sind, macht er uns mit den Besonderheiten seiner Stadt vertraut.

Lanzhou ist eine „kleine“ Stadt – sie liegt an 131. Stelle aller chinesischen Großstädte – mit ihren 3,6 Millionen Einwohnern. Mit Zahlen will ich nicht langweilen, muss aber erwähnen, weil es mich dann doch beeindruckt, dass die Stadt nur 3 km breit ist – und 50 km lang. Geteilt wird sie durch den legendären Gelben Fluss, der nur hier überhaupt eine Stadt durchfließt.

Lanzhou
Lanzhou
(Claudia Kennel)

Erst vor 2 Tagen wurde am Bahnhof eine weitere Station des Hochgeschwindigkeitszuges eingeweiht, der immer mehr Städte miteinander verbindet, häufig in einem Viertel der gewohnten Zeit. Die Stadt ehrt 2 besondere Pflanzen: die Rose und die Akazie. Erstere wird hier kommerziell angebaut und liefert die Hälfte der gesamten chinesischen Produktion an kostbarem Rosenöl (ca.300 kg).

Akazie im Kloster
Akazie im Kloster
(Claudia Kennel)

Die Akazie wiederum wird traditionell für den Stadtbau verwendet, begegnet uns jedoch überraschenderweise in einem gut erhaltenen buddhistischen Kloster am Hang der Stadt als uraltes Exemplar wieder. Ob sie wirklich aus der Tang-Zeit stammt (618-970) ist schwer zu bewerten. Unsere Truppe erklimmt nun Stufe um Stufe ein weiträumiges Areal hinauf zu den Tempeln, die eindrucksvoller kaum sein können. Bei 37° C in 1500 m Höhe dann doch schweißtreibend, aber sicherlich unvergesslich. Wie so oft begegnen uns in der Haupthalle die Buddhas der drei Welten, der der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft; man darf sie aber auch als Verkörperung des westlichen Paradieses betrachten, den der Mitte oder den des östlichen Paradieses.

Bodhisatva
Bodhisatva
(Claudia Kennel)

Auf der Rückseite steht in voller goldener Pracht ein Bodhisatva, der mit seiner richtungsweisenden Waffe anzeigt, wie das Kloster mit Pilgern umzugehen gedenkt: zeigt sie nach oben, sollte der Pilger schleunigst eine neue Bleibe suchen. Richtet sich die Spitze nach unten, ist er ein herzlich willkommener und gern gesehener Gast, der auch die Nacht hier verbringen darf.
Dabei schreitet der Pilger durch ein ornamentenreiches Tor, welches als „Leiter zum Paradies“ übertitelt ist. Hier nun teilt sich der Weg. Wie entscheidet er sich? Links führt die Treppe zum Paradies über die Karriere, rechts über den Reichtum. Blickt er kurz zurück, werden seine Augen am gleichen Tor auf folgendem Schriftzug ruhen. Eine Mahnung sagt: „Nach unten zu gehen ist schwieriger, als nach oben“.
Oben angelangt sind 5 Quellen zu besuchen; die Mondquelle beispielsweise ist so angelegt, dass am 15. August gemäß des Mondkalenders sich der Mond exakt in der kreisrunden Wasseroberfläche spiegelt.

Die großzügige Anlage lädt zum Verweilen ein. An allen Ecken gibt es prachtvolle Einblicke in das Leben der Buddhisten. Der Blick auf die moderne Stadt Lanzhou ist überwältigend.

Großer Buddha
Großer Buddha
(Claudia Kennel)

Aber wir müssen zurück zu unserem 2. Zuhause, dem Bus. Dabei durchqueren wir ein lebendiges geschäftiges Treiben. Vergnügen ist angesagt und überall spürbar. Gelassen wird gebetet, getanzt, gesungen, meditiert.

Tanzende Frauen
Tanzende Frauen
(Claudia Kennel)

Es ist scheinbar egal wo. Lächelnd werden wir Langnasen rundum bestaunt, gegrüßt, zum Foto machen eingeladen.
Die Hitze hat uns zugesetzt. Also bietet uns Her Xu an, entweder die weiße Pagode und das darunterliegende Nonnenkloster zu besichtigen oder am Gelben Fluss entlang zu schlendern.

Der Weg nach unten
Der Weg nach unten
(Claudia Kennel)

Die meisten entscheiden sich für Letzteres und finden sich am Ende beim Tee der 8 Köstlichkeiten ein.

Tee der 8 Köstlichkeiten
Tee der 8 Köstlichkeiten
(Claudia Kennel)

Es ist schön, einfach an diesem wilden Fluss zu sitzen, die Schweinehautflöße zu hinterfragen, die für Überfahrten genutzt werden können und dabei 3-4 Aufgüsse gemütlich unterm Sonnenschirm zu schlürfen.

Schweinehaut
Schweinehaut
(Claudia Kennel)

Litschi, Datteln, Goji-Beeren, Kandiszucker, grüner Tee, Rosinen, getrocknete Aprikosen und Rosinen sind die Hauptbestandteile der Köstlichkeit. Wir lassen den Tag in entspannter und sehr fröhlicher Runde in lauwarmer Luft draußen ausklingen. Über unseren Köpfen schweben bunt schimmernde Drachen und entführen uns in eine traumreiche Nacht.

~ Claudia Kennel, ZEIT-Reisende

Tag 12

Baoji - Lanzhou

Schon kurz nach dem Weckruf, beim ersten Blick aus dem Fenster: An der Fassade eines Nachbarhauses balancieren Gerüstbauer im oberen Drittel ungesichert von Bambusstange zu Bambusstange – schnell wegschauen.

Gestern war Sonntag, also muss es heute Montag sein – wo liegt in China der Unterschied? Heute fahren wir von Baoji auf der Autobahn nach Lanzhou, 481 km, was acht Stunden Busfahrt bedeutet. Sie führt mehrheitlich den Huai-Fluss entlang. Zur Einstimmung liest Walter Weiss folgenden Vers:

„Wir sind wie eine Schüssel auf dem Wasser. Die Bewegung der Schüssel auf dem Wasser wird nicht von der Schüssel, sondern vom Wasser bewirkt.“

Übertragen auf uns: oder vom Busfahrer oder…

Parkplatzbekanntschaft
Parkplatzbekanntschaft
(Claudia Kennel)

Gefühlte unendlich viele Kilometer führt uns die Straße durch mehrere Tunnel. Was deshalb schade ist, weil uns dadurch viel von der ganz neuartigen Landschaft entgeht. Zwischen den Tunnel können wir jeweils für kurze Augenblicke eine gebirgige, sehr bewaldete Kulisse erhaschen, nämlich gugelhupfförmige, mit dichtem Mischwald bewachsene Hügel.Ein grüner Gugelhupf neben den nächsten gesetzt, während die Straße kontinuierlich auf 1500 m Seehöhe hinaufführt.Sofort kommt uns der Gedanke, wie wohl die alten Karawanen diese Pfade meisterten. Dann tut sich eine Hochebene von völlig anderem Charakter auf: mehr oder weniger kahle Berge, viel flacher und langgezogener als die eben beschriebenen, rot gefärbt von wohl eisenhaltiger Lösserde. Die wenigen kleinen Bäumchen und Büsche wurden von der Regierung gepflanzt, um in Zukunft so wenige Erdrutsche wie möglich beklagen zu müssen. Entlang dem Huai, der oft gar kein Wasser führt, entfaltet sich eine unendlich breite, fruchtbare Ebene von der linken zur rechten Bergkette mit Mais, Hirse, Gemüse und verschiedenen Obstgärten.

Da sich der Fluss im Laufe der Jahrhunderte immer weiter in das nicht allzu harte Gestein eingefräst hat, sind auf unterschiedlichen Höhen terrassenähnliche Grundstücke stehen geblieben, die von den Bauern der Gegen zurechtgetrimmt und beackert werden.

Terrassenfelder
(Claudia Kennel)

So entsteht für den Betrachter der Eindruck von Zauberhand gemeißelten, weitflächigen Canyons mit Bauerndörfern zwischen den Feldern, auch mal einer Ziegelbrennerei und öfters Höhlen an den steilen Abbruchhängen, in denen früher mittellose Menschen wohnten.

Unterwegs zeigte Walter Weiss in einem weiteren seiner fundierten Vorträge mit dem Titel „Wir und die anderen“ auf, wie fatal sich Überheblichkeit und vermeintliche Überlegenheit vornehmlich der Europäer gegenüber asiatischen Völkern auswirken kann: Quer durch die Jahrhunderte entwickelte sich bis heute ein „Hegemonie-Gefälle“ von Westen nach Osten.

Lanzhou, der Gelbe Fluss
Lanzhou, der Gelbe Fluss
(Claudia Kennel)

Kurz vor Eintreffen in Lanzhou ereilt uns ein kleiner Sandsturm, zu dem die indischen Klänge einer Sitar, gespielt von der so schönen wie virtuosen Anushka Shankar, gut passen.

Sandsturm naht... (Claudia Kennel)
Sandsturm naht…

Im bislang besten Hotel der Reise und mit einem luxuriösen Buffet beschlossen wir den heutigen interessanten Tag.

~ Silvie Briggen, ZEIT-Reisende

Tag 11

Xi’an - Baoji

Besuch einer Jade-Werkstatt und Besichtigung der Stadtmauer

Da für diesen Tag nur eine kurze Fahrtstrecke auf ausschließlich Autobahn anlag, hatte Felix und Walter für den Vormittag ein Programm mit Besuch einer Jade Werkstatt sowie der Besichtigung der Stadtmauer vorbereitet.
Die Jade Werkstatt stellte sich mehr als ein Verkaufs Raum mit angeschlossenem Arbeitsplatz für die Bearbeitung von Jade Steine dar. Ein einsamer Arbeiter bearbeitete einen weichen Jadestein zu einer Figur. Der Ehre halber muss aber zugegeben werden, dass auch bei uns zu Hause auch an einem Sonntag nicht mehr Schleifer wahrscheinlich zu Arbeit erschienen wären.

Auf jeden Fall wurden wir über die verschieden Lagerstätten in China für die unterschiedlichsten Jade Sorten aufgeklärt. Ohne Fachmann geworden zu sein, habe ich gelernt, dass die Härte des Materials und die Farbe die Qualität und damit den Preis bestimmen. Eine hohe Stein Härte über 8 Brinell und tief grüne Farbe kosten dann als kleines Jade Schmuckstück durchaus mehrere hunderte oder Tausende Euro. Nachdem jeder, der wollte sich nach Lust und Laune mit Jade einschließlich von einiger Abfälle eingedeckt hatte, ging es zur großen Stadtmauer.

Der alte Stadtkern von Xi’An wurde in der Ming Zeit mit einer Stadtmauer umschlossen.

Dem alten Glauben folgend, dass die Erde viereckig sei, wurde die Mauer viereckig mit einer Gesamt Länge von 13.75 km (Michael legte Wert auf diese genaue Zahl für die korrekten Deutschen) errichtet und jeweils mit einem Stadttor in jeder Himmelsrichtung. Diese Ausrichtung setzt sich im Innern der Mauer in einem Schachbrett der Straßen fort. Die Mauer selbst ist am Fuß 15-18 Meter breit, 12 Meter hoch und auch die Mauerkrone ist 12 Meter weit. Das Fundament besteht aus großen behauenen Steinen aus umliegenden Steinbrüchen, die Seitenwände aus gebrannten Ziegeln.

Der Mörtel war ein Gemisch aus Kalkwasser, Klebereis, Honig und Reisstroh.
Um Pfusch am Bau zu verhindern, wurde jeder Ziegel mit dem Namen des Herstellers und des Supervisors gekennzeichnet. Vielleicht ein Grund dafür, warum die Mauer heute noch in Gänze steht und die Altstadt von den Wohntürmen und Banktürmen abschirmt.Heute ist die Mauer mit ihren Toren und weiten Treppenaufgängen ein beliebter Hintergrund für Hochzeitsbilder, die Braut ganz in Rot als Farbe des Glücks.

Um das Bauwerk in seiner ganzen Dimension zu erkunden kann man Fahrräder mieten. Einige Wenige versuchten es in Verkennung der Gesamtstrecke sowie des teilweise beklagenswerten Zustands der Räder mit einer Umrundung der Altstadt auf der Mauer.

Leider hatte der Chef der Mission die Freizeit auf eine Stunde begrenzt. Als einer der Betroffenen glaube ich, dass diese Begrenzung nur erfolgte, um von uns Vieren das übliche Freibier fürs Zuspätkommen zu erhalten und gemeinsam mit dem Schnaps des Geburtstagskindes Manfred den Abend harmonisch gestalten zu können.

Angekommen im Hotel in Baoji war die Temperatur inzwischen auf 42 Grad gestiegen. Eine Abkühlung im Schwimmbad war jedoch nur begrenzt möglich, da die “Dorfjugend” das Bad ebenso überfüllte, wie die Besucher das Museum der Terrakottakrieger und damit uns Langnasen keinen Platz ließen.

~ Sigrid und Johannes Sittard

Tag 10

Xi'an

Terrakotta Armee und vieles mehr

Gestern Abend sind wir nach der ersten längeren Fahrt in Xi’an angekommen.
Xi’an ist wohl dank der bekannten Terrakotta-Armee eine der wenigen zahlreichen chinesischen Millionenstädte, die im Westen bekannt sind. Mit über acht Millionen Einwohnern zählt Xi’an zu den größten chinesischen Metropolen, aber schon vor über 2000 Jahren wetteiferte Xi’an mit Metropolen wie Rom und Konstantinopel als weltgrößte Stadt.
Mit seiner Lage in der Mitte des Landes, in Reichweite des Gelben Flusses mit dem fruchtbaren Lössboden am Ufer des Flusses Wei, war Xi’an damals noch unter dem Namen Changan oder Everlasting Peace ein historisches Zentrum. Aber schon zu prähistorischen Zeiten wurde diese Gegend besiedelt. Die Geschichte der Provinz Shaanxi reicht bis 1100 v Chr. zurück – zur Zhou Dynastie, gefolgt vom Staat von Qin, der damit auch der Ursprung für den Namen China ist.

Hier vereinigte der Kaiser Qin Shi Huangdi den Westen Chinas zum ersten Mal in seiner Geschichte zu einem Reich. Über seine lange Geschichte sah Xi’an den Aufstieg und Verfall von Dynastien bis hin zur jüngsten Geschichte. Shaanxi war das Rückzugsgebiet der Kommunisten in den 30er-Jahren und Endpunkt des Langen Marsches. Die Landbevölkerung der Region Shaanxi war die Maos Machtbasis innerhalb der Partei und in seinem Kampf gegen die Guomintang unter Tschang Kai Tschek. Heute ist Xi’an eine moderne Großstadt mit U-Bahn, Universitäten und einer boomenden Wirtschaft, die von der Schwer- über Auto-bis zur Flugzeugindustrie reicht.

Auf unserer bisherigen Fahrt von Shanghai nach Xi’an sind wir der “Neuen” Seidenstraße gefolgt, der endlosen Aneinanderreihung von neuen Wohngebieten mit teilweise erschreckend hohem Anteil von leeren Wohntürmen. Diese Regionen mit hoher Industrialisierung sind die Heimat für die in den letzten 10-15 Jahren schnell wachsenden Gruppe der chinesischen Mittelschicht, die heute etwa 400 -500 Millionen umfasst. Hier in Xi’an, am Anfang der historischen Seidenstraße mit ihrer Jahrtausendalten Tradition hatten wir 1.5 Tage Zeit diese zu erforschen.

Unser Tag startet mit dem chinesischem “Guten Morgen” und einem kurzen Exkurs unseres Führers Michael zu den Tücken der chinesischen Sprache für Ausländer. Auf die richtige Aussprache, sagt er, einschließlich der Betonung komme es an, ansonsten könne es schnell lustig oder peinlich werden.

Als ersten Anlaufpunkt der Besichtigung ging es los zur Großen Wildgans-Pagode. Der Name geht der Überlieferung nach auf eine Hungersnot in Indien zurück, in der den Hungernden Mönchen eine Wildgans tot aus dem Himmel zu Füßen fiel. Ein Zeichen, dass Buddha auch in der Not die Standfestigkeit seiner Mönche überwacht.

Die Pagode und Tempelanlage wurden ca. 680 erbaut. Sie sind der Mutter des Kronprinzen gewidmet und heißen Kloster der Barmherzigkeit und Gnade. Seine Bedeutung für die chinesischen Buddhisten liegt in der Tatsache, dass diese Tempelanlage der Aufbewahrung zahlreicher Buddistischer Schriften diente. Der berühmte Mönch Xuanzang brachte diese Schriften nach seiner langjährigen Pilgereise aus Indien zurück. In der Blütezeit des Tempels umfasste die Anlage 13 Innenhöfe und mehr als 300 Räume.

In einem der Tempel findet man die Geschichte von Buddha’s Leben als Wandrelief. Michael erklärte den Lebenslauf Buddhas mit all den Mythen, die sich darum ranken. In den anderen Tempeln befinden sich die verschiedenen Buddha Statuen wie der Lachende Buddha oder der Buddha mit den Tausend Händen und Augen. Die Pagode selbst ist leer und dient als Aussichtsturm auf die ausufernde Stadt – eine gut geeignete Fitnessübung, um in der zur Verfügung stehenden Freizeit die Kalorien der reichhaltigen täglichen Mahlzeiten abzuarbeiten.

Danach ging es zum viel erwarteten Museum der Terrakotta-Krieger, neben der Chinesischen Mauer der wohl bekanntesten Touristenattraktion Chinas. Durch eine Ausstellung von Replikas in verschiedenen deutschen Städten vor einigen Jahren wurden diese Terrakotta-Krieger auch einem breiteren deutschen Publikum bekannt. Dementsprechend waren unsere Erwartungen hoch, die Originale an Ort und Stelle zu besichtigen. Die Terrakotta-Krieger sind nur ein Teil einer großen Grabanlage, die der Kaiser Qin Shi Huangdi für sich auf einer Fläche von geschätzten 56 qkm bauen ließ. Nach Untersuchungen von Archäologen ist auf dieser Nekropolis das ganze China als Miniatur dargestellt.

Um eine Ausgrabung der Gesamt Anlage durchführen zu können, müssten zwölf Orte und mehrere Fabriken verlagert werden. Die Decken der Grabanlage waren mit Perlen geschmückt, um den Sternenhimmel darzustellen, und Quecksilber wurde für die Darstellung von Flussläufen verwendet. Die eigentliche Grabstelle war ein ursprünglich 160 Meter hoher Erdhügel. In den 70 er Jahren fanden Bauern bei Brunnenarbeiten eine Ton-Figur, die den Anfang der folgenden systematischen Ausgrabungsarbeiten darstellt.

Schon bei der Anfahrt wurde uns klar, dass wir nicht die einzige Besuchergruppe sein würden. Riesige Parkplätze weit ab des Haupteingangs waren schon gut gefüllt mit Pkw und Bussen. Im Elektromobil ging es dann den langen Weg zum Eingang. Der Zeitpunkt unserer Besichtigung, Samstag und nach Beginn der Sommerschulferien, war Garant, das jeder Schritt in einem Menschenstrom und in den verschieden Ausgrabungshallen 1-4 mit Massen von anderen Touristen stattfand.

Bei unserem heutigen Besuch drängten sich Besucher aller Herren Länder, aber eben auch überwiegend deutlich mehr Chinesen als früher, in den Hallen um einen Blick auf die Terrakotta Krieger zu erhaschen.
Besonders der Ausstellungsraum der beiden Gespanne mit Wagen in einem Raum mit abgedunkelter Beleuchtung und hoher Temperatur löste bei einigen der Gruppenmitglieder leicht klaustrophobische Zustände aus. So war eine detaillierte Besichtigung dieser Hauptattraktion leider nur Beschränkt möglich.

Trotz aller Einschränkungen aber ist und bleiben die Ausgrabungen der Terrakotta Krieger ein Höhepunkt unseres Aufenthaltes in Xi’an und Chinas. Dass jeder Krieger individuell gestaltet ist, die verschiedenen Details der unterschiedlichen Ränge der Offiziere und Mannschaften und die Vielfalt der unterschiedlichen Waffengattungen macht verständlich warum bis zu 700.000 Arbeiter 36 Jahre an dieser Grabanlage gearbeitet haben. Wie viele Untertanen und Konkubinen möglicherweise lebendig mit begraben wurden, ist unbekannt, wäre jedoch nicht unüblich für diese Zeit.

Wieder zum Bus zurück ging es dann in die Altstadt, ins Viertel der Hui Moslems mit dem Drum Turm und der Großen Moschee. Die Moschee geht zurück bis in die Ming Zeit wurde jedoch über die Jahrhunderte mehrfach umgebaut und renoviert.

Sobald wir die Ruhe der Moschee Anlage verlassen haben, tauchten wir ein in das Gewirr der Basare mit allen Nützlichen und Unnützen Andenken sowie Plagiaten der westlichen Luxusmarken. Eine der Hauptstraße ist gesäumt mit zahlreichen Restaurants und Grillständen.

An Spießen aus Ästen werden Schaschlik sowie bizarr geformte, flachgeklopfte Flusskrebse in Hülle und Fülle angeboten.

Außer einer kleinen Kostprobe wurde der große Hunger für das Abendessen aufgespart. Es ging weiter zur Verkostung der verschiedensten Teigtaschen.

Bis hin zur Süßen Nachspeise gab es 12 oder 13 unterschiedlichste Füllungen mit Gemüse, Fleisch und Shrimps. Die Teigtaschen waren sogar teilweise so geformt, dass man aus der Form den Inhalt erahnen konnte. Wer danach nach all den Eindrücken des Tages noch in der Laune war und sich kräftig genug fühlte, genoss noch eine Veranstaltung mit klassischer chinesischen Musik und Tanz.


Eine durchaus ansprechende Aufführung die einen gelungen und dichten Besuchstag abschloss.

~ Sigrid und Johannes Sittard, ZEIT-Reisende

Tag 9

Luoyang - Xi’an

Longmen Grotten und Xi'an

Kurz vor der Abfahrt verabschieden wir unseren sehr kompetenten und sehr freundlichen lokalen Chinaexperten Felix Lee, den wir nach 7 Tagen mit uns auf der Reise wirklich schon ins Herz geschlossen haben und der nun wieder zurück nach Peking fliegt, um auch andere an seinem Wissen über und in China wie auch in Deutschland teilhaben zu lassen. Eine Lücke bleibt.

Pünktlich dann um 09:00 lokaler Raumschiffzeit (unser Hotel ist unter dem Motto „ Raumfahrt“ eingerichtet) verlassen wir die alte Hauptstadt Luoyang auf sehr breiten, aber wenig befahrenen Straßen in Richtung Longmen- Grotten.

Strahlender Sonnenschein mit gemessenen 35 Grad und gefühlten 45 Grad Celsius begleitet uns den ganzen Tag und es gibt Gerüchte, dass wir wohl den letzten Regen für lange lange Zeit gesehen haben.

Alle sind nach dem gestrigen opulenten und (feucht) fröhlichen Abend frisch und munter und vor allem gespannt auf eine der ganz großen Sehenswürdigkeiten in Luoyang. Wir werden nicht enttäuscht, sondern sind fasziniert von den Buddha-Figuren, die hier am Fluss in den Stein gehauen sind, einzigartig filigran, aber auch riesig groß. Mit beeindruckender Technik und Gestaltungskunst wurden insgesamt mehr als 90.000 Figuren hier verewigt. Leider hat die Ewigkeit nicht ganz gehalten, weil zur Zeit der Kulturrevolution dieser Menschheitsschatz durch die Roten Garden doch teilweise stark beschädigt wurde. Aber das, was vorhanden ist, beeindruckt gewaltig, sowohl die Figuren selbst wie auch die Einbettung in die Flusslandschaft. Leicht (?) schwitzend erklimmen wir die vielen Treppen zu den Grotten, um die Eindrücke möglichst nah zu erleben. Einige von uns, denen die Aufstiegsstrapazen zu mühsam waren, haben sich dann mit ausgesprochen freundlichen jungen Chinesinnen unterhalten und an einer Umfrage teilgenommen. Unsere begeisterte positive Antwort auf die Frage nach unsren bisherigen Erfahrungen/Begegnungen in China hat ein großes Lächeln auf die schönen Gesichter gezeichnet. Und am Schluss haben unsere Teilnehmerinnen an der Befragung noch einen chinesischen „Orden“ ans Revers geheftet bekommen.

Nun noch einige Erklärungen zu den Buddha-Figuren: Longmen heißt übrigens nicht die „langen Männer“ sondern Drachentor. Drachentor deshalb, weil hier an diesem Fluss ein Wasserfall war und Fische immer mit „aus dem Wasser springen“ versucht haben, die Wasserfallstufen zu überbrücken.
Daraus hat der chinesische Volksmund dann die Sage gemacht, dass die Fische nach der Wasserfallstufe zu den Drachen werden, die den Fluss beschützen.
Die Buddha-Figuren selbst wurden ab ca. 600 n. Chr. bis ins 12. Jahrhundert durch buddhistische Mönche in den Fels geschlagen. Der größte Buddha ist bestimmt über 20 m hoch und ist sitzend dargestellt. Wenn er erst aufsteht, ist er wahrscheinlich einer der Größten der Welt. Nach ca. 2 Std und nachdem wir uns alle (!) wieder glücklich im Bus eingefunden haben, geht es wieder „on the road“. Nach einem kurzen Mittagsschlaf und anschließenden Käsekräckern geht es durch chinesische, fast ortschaftslose Landschaften, die eine Kombination von deutschen Mittelgebirgslandschaften mit toskanischen Zypressenwäldern zeigen und einfach harmonisch und beruhigend auf uns wirken. Auch die zur Pause angefahrene Raststätte stört diese Ruhe und Gelassenheit nicht. Wir sind das einzige Auto auf der Raststätte. Weiter auf der Fahrt lauschen wir einem tiefgehenden Vortrag über Taoismus und Konfuzianismus, sodass wir diese uralten Traditionen und ihre Auswirkungen auf das heutige China besser einordnen können.

Nach wirklich langer Fahrt erreichen wir gegen 20:00 die alte Kaiserstadt Xian. Nach den üblichen Kofferräumen, Beziehen der Zimmer und einer kräftigen Dusche dürfen wird den Abend bei einem benachbarten Restaurant wohlmundend ausklingen lassen. Zufrieden und geschafft gehen wir ins Bett und träumen von chinesischen Kaisern und ihren Armeen, die wir uns morgen anschauen.

Beste Grüße aus einem faszinierenden China
~ Manfred Kennel, ZEIT-Reisender

Tag 8

Xuchang - Shaolin - Luoyang

Heute frühe Weiterfahrt in strömenden, warmen Regen. Auf dem Weg werden sich im Song-Shan-Gebirge gelegenen, berühmten Shaolin-Kloster perfekter Kampfsport der dortigen Mönchsschüler mit dem klösterlichen Geist verbinden. Gegen Abend erreichen wir Luoyang, von wo aus vor knapp 1500 Jahren erstmals der aus Indien kommende Zen-Buddhismus in China Fuß fasste.

Bleiben wir zunächst gespannt auf die kraftvoll-perfekte „Show“ der
Studierenden:

Unterwegs zum Shaolin-Kloster gab uns Reiseleiter Walter Weiss einen ersten Exkurs über das Leben Buddhas, was allerdings beim Umfang des Themas Buddhismus nur ein kleiner Einblick sein konnte. Im Klosterbereich angekommen, waren wir erwartungsgemäß mit Massentourismus konfrontiert, der wie in allen „Hotspots“ immer ein wenig den Blick auf die Harmonie und spirituelle Ausstrahlung solcher Orte verstellt. Unser chinesischer Führer war wie immer bemüht, uns trotz des turbulenten Umfelds die Altäre und auch die Besonderheiten des angrenzenden Pagodenfriedhofs der Mönche zu erläutern.

Nun ging es weiter zum Besuch einer der vielen Shaolin-Schulen, wo vorwiegend Knaben schulisch und sportlich ausgebildet werden, was nach Abschluss zu einem beruflichen Werdegang beitragen kann.

Die Vorführung war recht spektakulär mit einigen solistischen Sondereinlagen. Dazu zählten ein sehr junger Akteur, der endlose Verrenkungen demonstrierte, und ein anderer, der sich auf einer Speerspitze liegend drehte.

Danach ging es bei strömendem Regen, der uns diesen ganzen Tag begleitete, nach Luoyang ins Hotel, wo wir vom Vorsitzenden des lokalen Museumsvereins mit Bier und Schnaps begrüßt wurden.

Nach dem Abendessen hielt Felix Lee, deutsch-chinesischer Journalist aus Beijing, der uns seit Verlassen Shanghais professionell und kompetent mit Informationen zu China versorgt hatte, sein Abschiedsreferat. Thema: die Entwicklung Chinas seit Mao bis zur Jetztzeit. Mit herzlichem und kräftigem Applaus wurde er für seine exzellenten Ausführungen von allen Teilnehmern bedankt und verabschiedet.

~ Jürgen Perlich, ZEIT-Reisender

Tag 7

Bengbu - Xuchang

Hinterm Horizont geht’s weiter, ein neuer Tag …

Unser heutiges Etappenziel ist Xuchang, knapp 400km Fahrtstrecke von Bengbu aus in die Nachbarprovinz Henan. Die gesamte Strecke führt durch eine grüne Tiefebene und der Anblick der Felder, Wiesen, Bäume, Teiche und Enten ist nach Tagen pulsierenden Großstadtlebens eine angenehme Abwechslung.

Felix und Michael unsere beiden chinesischen Begleiter unterhalten uns mit Informationen über Land, Politik und Geschichte. So erfahren wir, dass der Anteil der Bauern in der Landwirtschaft zur Zeit noch 45% beträgt, gegenüber 55% Stadtbevölkerung. Das Ziel der Regierung ist es, mittels Urbanisierung den Anteil der Bauern auf 10% innerhalb der nächsten 20 Jahre zu senken, um diesen dann einen ähnlichen Wohlstand zu sichern wie der Stadtbevölkerung.
Es bleibt für so ein großes Land wie China sicher eine Herausforderung alle seine Bewohner zu ernähren. Die große chinesische Hungersnot ist erst 60 Jahre her. Zwischen 1958 und 1961 sind unter Mao ca. 40 Millionen Menschen verhungert.

Das kann uns heute nicht passieren, es wird auf einer Autobahnraststätte zu Mittag gegessen. Das angekündigte „einfache“ Buffet erweist sich als ausgesprochen schmackhaft und vielseitig und mich begeistern immer wieder die auch hier angebotenen Entenköpfe – offensichtlich eine Spezialität.

Am Nachmittag erreichen wir Xuchang und Daniel unser heutiger Fahrer hat nicht nur die Fahrt durch den weltuntergangartigen Wolkenbruch souverän gemeistert, sondern auch die Schlaglöcher auf den letzten Metern.
Das heutige Hotel ist bekannt für seine heißen Quellen, die wir gleich nach der Ankunft aufsuchen. Es geht bei einer Außentemperatur von über 30 Grad tatsächlich noch heißer.

Das Abendessen mit einer guten Flasche chinesischen Rotweins ist der krönende Abschluss des heutigen Tages. Gute Nacht.

~ Hanne Tannhäuser, ZEIT-Reisende

Tag 6

Nanjing - Bengbu

Heute konnten wir ausgiebig ausschlafen, denn der Bus startet erst um 10 Uhr. Wir fahren zum John-Rabe-Haus. Dort werden wir mit einem kritischen Thema der chinesisch/japanischen Geschichte konfrontiert.

Unser örtlicher Reiseleiter erzählt uns, wieso die Chinesen diesen Deutschen so verehren: weil er nämlich 1937 beim Einmarsch der Japaner in Nanjing durch seine Beziehungen und seinen Einsatz Tausenden Chinesen das Leben gerettet hat. Er beklagt dann aber sehr, dass die Japaner sich für das Massaker von Nanjing bis heute nicht bei den Chinesen entschuldigt hätten.

Als wir wieder alleine sind, stellt Felix Lee – der China-Korrespondent der taz – uns seine Sicht der Dinge vor: Genaue Zahlen über die Anzahl der Opfer und der Geretteten dieses Massakers lägen nicht vor. Es seien damals schlimme Verbrechen geschehen und es sei anerkennenswert, wie John Rabe als Nazi hier überaus menschlich gehandelt habe.
Weiter seien seitens der Japaner bereits mehrfach Entschuldigungen ausgesprochen worden, die allerdings die Chinesen als halbherzig empfänden und deshalb nicht wirklich akzeptieren könnten. So sei dieses Thema immer wieder geeignet – wie wir auch an der Darstellung des Reiseführers merken konnten – Ressentiments zwischen Chinesen und Japanern zu schüren.

Schön, dass wir dank dieser zusätzlichen Informationen die Sache differenzierter sehen können.

Wir verlassen Nanjing auf Schatten spendenden Platanen-Alleen und überqueren mehrere sehr breite Arme des Yangtse-Flusses.Der Yangtse teilt das Land hier in Nord- und Süd-China: In Nord-China haben die Häuser Heizungen, in Süd-China müssen die Menschen im Winter in ihren Wohnungen frieren.

Wir frieren im Augenblick allerdings überhaupt nicht. Als unser Busfahrer Jens auf einem Autobahnrastplatz zu einer ersten Kaffeepause einlädt, misst Klaus-Jürgen mit seinem Thermometer 36 Grad Celsius bei 69% Luftfeuchtigkeit.Deshalb kommen alle schnell mit ihrem Kaffeebecher, um wieder auf 100% aufzufüllen. An die Chinesen, die uns und unseren Bus fotografieren, haben wir uns ja schon gewöhnt. Dafür staunen wir über 40 m lange Autotransporter, beladen mit 14 PKWs.

Die Fahrt geht weiter vorbei an intensiv bestellten Feldern und Heüüüü Chenyang – genannt Michael – klärt uns auf über die schwierige Situation der Landbevölkerung. Über die Hälfte der chinesischen Bevölkerung lebt auf dem Land und hat härtere Lebensbedingungen als die Menschen in der Stadt: Da Bauern als Selbständige gelten, müssen sie selbst für ihre Kranken- und Altersversicherung sorgen, was sie nicht bezahlen können. Deshalb gilt es auf dem Land immer noch als wichtig, einen Sohn zu haben, denn der Sohn trägt die Verantwortung für die Alten.
Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer. Um gegenzusteuern, ist Urbanisierung das erklärte Ziel der Regierung. Die Menschen sollen weg vom Land. Dafür werden mitten im Nichts Millionenstädte mit Hochhäusern hochgezogen.

Genauso eine Stadt steuern wir am Nachmittag an: Bengbu, 3,5 Mio. Einwohner.
Wo vor 15-20 Jahren noch Felder waren, sind jetzt Straßen, Hochhäuser und unser Hotel.

Schnell sind die Schlüssel und Koffer verteilt und alle ziehen sich in ihre Zimmer zurück. Vor dem Abendessen treffen wir uns in der Halle zu einem Zeit-Salon.

Christopher stellt uns seine Abteilung “Zeit-Reisen” vor und wir erfahren einiges über die Ziele und Vorgehensweisen bei der Planung der Reisen.

Es wird im Gespräch deutlich, wie zufrieden alle mit dem bisherigen Reiseverlauf und mit der fachlichen, literarischen und emotionalen Betreuung durch die Reiseleiter sind. Die engagierte und fachlich hochqualifizierte Begleitung durch den Korrespondenten Felix Lee ist nach einhelliger Meinung eine große Bereicherung für uns alle.

Am Abend wird es sehr chinesisch: auf dem großen Platz vor dem Hotel wimmelt es nur so vor Menschen. Männer, Frauen und Kinder bewegen sich nach Musik und tanzen in Gruppen oder paarweise. Wie Felix uns erzählt, ist das in ganz China so üblich – und wir fragen uns, ob wir diesen guten Brauch nicht einfach übernehmen sollten.

~ Ilona und Günter Haß, ZEIT-Reisende

Tag 5

Nanjing

Der heutige Tag in Nanjing lässt sich geruhsam an. Die Erkältung einzelner Mitreisender scheint sich ein bisschen auszubreiten, aber die Stimmung ist nach wie vor gut.

Nanjing ist bekannt als einer der drei „Backöfen“ Chinas, was bei Temperaturen von 32°C und 93% Luftfeuchtigkeit gut nachvollziehbar ist. Um 9:30 Uhr machen wir uns auf den Weg in die Altstadt mit unserem lokalen Reiseführer Wang (= König), der sein Deutsch in Bautzen als „Gastarbeiter“ gelernt hat und stolz darauf ist, die Wende 1989 persönlich miterlebt zu haben.

Nanjing (Süd-Hauptstadt) hat eine Geschichte von über 2000 Jahren. Es war u.a. von 1928 – 1937 Hauptstadt der neuen Republik unter der Guomindang-Regierung, die später in die neu gegründete Republik Taiwan flüchtete.

Das traumatischste Ereignis hier war das grausame Massaker im Jahr 1937 und die vollständige Zerstörung durch japanische Truppen. Die Zahl der Opfer betrug bis zu 300.000 Menschen.

Der Konfuzius-Tempel mitten in der Altstadt dicht bei der Brücke der Tugend lag früher mitten in einem Rotlichtviertel. Der Konfuzianismus ist eine Wurzel der chinesischen moralisch-ethischen Denkweise mit den 5 Konstanten: Gutherzigkeit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Weisheit und Verlässlichkeit. Konfuzius wurde vor 2.500 Jahren geboren. Wir machen einen Schweiß treibenden Rundgang durch den Konfuzius-Tempel mit vielen traditionellen Musikinstrumenten, jeder Menge roter Bitttäfelchen und dem Ort der ehemaligen Schule, die auf die Beamtenprüfung vorbereitete.

Konfuziustempel

Anschließend fahren wir weiter zur Werft der historischen Dschunkenflotte, die schon vor Christoph Kolumbus mehr als 30 Länder bis Nordafrika erreichte. Eine Nachbildung der Leitdschunke ist in dem Park aufgestellt.

Dschunke

Nach dem üblichen üppigen Mittagessen folgt ein außerplanmäßiger Höhepunkt. Einige männliche und weibliche Mitreisende buchen eine Massage in einem naheliegenden Salon. Die einfachste Form ist eine Fußmassage, die umfangreichere besteht in einer Ganzkörpermassage, die in der Tat den gesamten Körper auf Vordermann bringt. Die Behandlung ist verglichen mit deutschen physiotherapeutischen Methoden recht robust und gipfelt darin, dass die zum Glück nicht sehr schweren Masseurinnen dem Patienten für einen Augenblick auf den Rücken steigen. Diese für alle sehr unterhaltsame Behandlung war Gesprächsstoff für einen langen und immer lustiger werdenden Abend. Die Aufarbeitung dieses Ereignisses führte zu immer neuen Plänen für die weitere Gestaltung der Reise.

PS: Es handelte sich um ein seriöses Etablissement.

~ Klaus-J. Wilhelm, ZEIT-Reisender

Tag 4

Wuxi - Nanjing

Der vierte Tag on the road beginnt meditativ – mit dem Blick aus dem Hubin-Hotel, dem Rolls-Royce unter den Luxusherbergen von Wuxi, auf den Taihu-See. Von der Dachterrasse, auf der wir am Abend zuvor gemeinsam zu später Stunde noch manch Cocktail und die subtropisch-laue Nachtluft genossen haben, bietet sich ein für die so übervölkerte Jangtse-Region ungewohnt idyllisches Bild: dichtes Grün, ein weitläufiger Park bis hinaus ans Ufer reichend, überragt einzig von einer einsamen, alten Pagode; dahinter, im Morgendunst, von feinem Nieselregen schraffiert, und durchsetzt von ebenfalls grünen, unbebauten Inseln, der Tai Hu… Eine romantische Naturlandschaft wie auf einer daoistischen Tuschzeichnung.

Fehlte bloß noch, irgendwo winzig eingestreut, der weise, rauschebärtige Eremit vor seiner Klause. Die Wohnsilos, zugegeben, die rechts und links dieses Panoramaausschnitts zwanzig-, dreißig- vierzigstöckig in schier endlosen Reihen bis zum Horizont gestaffelt stehen, lassen wir aus dem Gesichtsfeld geflissentlich ausgeblendet.

In ausgewählter Beschaulichkeit verbringen wir auch den Vormittag:
Zunächst schaukeln wir an Bord einer Motordschunke durch eine Bucht dieses mit 2.250 Quadratmetern immerhin drittgrößten Süßwassersees Chinas.

Seidenstrasse-Blog-2017-Rueckreise-Tag4-Bild_1

Es folgt ein Spaziergang durch Lan Yuan, den „Orchideengarten“ – eine in den 1930-Jahren nach allen Gesetzen der klassischen chinesischen Gartenarchitektur und des Feng Shui wohlarrangierten „Wildnis“. Mit ihren Steinbrückchen, Quellbrunnen, bizarren Kalkfelsen, stillen, von Goldfischschwärmen bevölkerten und großfächrigem Lotos bewachsenen Teichen sowie den vielerlei exotischen Bäumen und Sträuchern wirkt sie nach dem Shanghaier Dschungel aus vertikalem Glas und Stahlbeton trotz der schweißtreibenden Schwüle (31° bei 90% Luftfeuchtigkeit) als Labsal für die Sinne.

Das Mittagsmahl im Uferrestaurant erweist sich, wie nun schon gewohnt, erneut als kunterbuntes Feuerwerk überraschender Geschmäcker. Danach lotst Chenyang alias Michael, unser China-Guide und organisatorischer Tausendsassa, Chefkapitän Holger am Steuer seines stolzen Neoplan-Dreiachsers mittels Navi-App hinaus aus der Sieben-Millionen-Stadt Wuxi. Nächste Destination: Nanjing, gut 200 km westnordwestlich gelegen, mehrmals in der mehrtausendjährigen Landesgeschichte Kaisersitz und heute Heimat von läppischen acht Millionen Menschen.

Wenig später, bei einem Raststättenstopp an dem vielspurigen Highway, erfüllt unser ZEIT REISEN-Bus dann das erste Mal jene Zusatzfunktion, die er schon auf den drei bisherigen Seidenstraßenfahrten perfekt geübt hat – die eines Katalysators spontaner Völkerverständigung. Ungläubig beäugen auf dem Parkplatz Chinesen das Gefährt wie einen gestrandeten Wal, umwandern ihn, studieren staunend die an beiden Karosserieflanken aufgebrachte Reiseroute. Hat man sowas schon gesehen? Auf vier Rädern von Shanghai bis nach „De Guo“, Deutschland! Und dann werden die Kameras gezückt. Großes Hallo, Gelächter, Um-die-Schultern-Fassen: Die Kulturbotschafter aus Deutschland mutieren zu begehrten Fotomodellen.

Frauen, Männer, Jung und Alt wollen ein Erinnerungsbild mit den abenteuerlustigen Langnasen. Dieses seelenwärmende Ritual werden wir in den kommenden 50 Tagen wohl noch sehr oft erleben. Was auffällt, ist die wohltuende Ungezwungenheit und Heiterkeit, mit der die Einheimischen uns ausländischen Gästen generell begegnen – ein, soviel dürfen wir jetzt schon verallgemeinern, überaus freundliches, fröhliches 1,4 Milliarden-Völkchen.

Auf der weiteren Strecke erläutert Felix Lee, seines Zeichens ZEIT Online-Korrespondent mit Sitz in Beijing, der uns während der ersten Reisewoche als wandelndes China-Lexikon mit aktuellen nur erdenklichen Informationen versorgt, vor dem Hintergrund der dramatischen Geschichte seiner eigenen Familie die extrem turbulente und tragische jüngere Vergangenheit Nanjings. Im Fokus seiner Ausführungen: das berühmt-berüchtigte, 1937 von den Japanern an der Stadtbevölkerung verübte Massaker, und der Bruderkrieg zwischen den Truppen von Maos KP und der von Tschiang Kai Chek angeführten Kuomintang, der hier besonders grausam tobte. Der Frage-Antwort-Dialog mäandriert weiter vom Krisenherd Nordkorea zur Geschichte und Gegenwart im Verhältnis zwischen der Volksrepublik und Taiwan, und schließlich, ganz aktuell, zu den Verbalattacken, die Donald Trump via Twitter in Permanenz gegen die neue Wirtschaftsweltmacht China reitet. Nach rund eineinhalb Stunden rollen wir zu guter Letzt, wiederum die nun schon gewohnten, so beeindruckenden wie bedrückenden Spaliere von Hochhäusern entlang, in der Hauptstadt der Provinz Jiangsu ein.

~ Walter M. Weiss, Reiseleiter

Tag 3

Shanghai - Wuxi

Aufbruch gen West

Ab 9:20 Uhr bewegt Holger den langen schwarzen Dreiachser im Schneckentempo durch den morgendlichen Verkehrsstau, so dass man seine abgebrochene Schlafphase noch ein wenig ausdehnen könnte. Wo hinein haben denn die Schlafwandler das super-gesund-und-munter-Frühstück hineingeschaufelt? Ich bin überzeugt, das komplette Kempinski-high-quality-morning-menü, würde – energetisch betrachtet – bis zum abendlichen Aperitif reichen.

Michael und Felix, die beiden Chinalexika mit zwei Beinen informieren uns sachlich, kompetent über die aktuellen Entwicklungen der Stadt Shanghai, der 25 Mio. Metropole, mit Witz und Sorgfalt. Diese echte Weltstadt verströmt Geschäftstüchtigkeit, Coolness, Prosperität; vielleicht sogar Eitelkeit. Manchmal zeigt sie besonderen Charme und liebenswerte Ecken. Vor knapp 2000 Jahren schwappte hier noch das Meer, besser der Yangtse-Fluss, den sandigen Boden heran. Und heute zerteilen gepflegte dreispurige Stadtautobahnen in beide Richtungen fünfundzwanzig Stockwerke hohen Wohnsilos voneinander. Das rasante Entwicklungstempo ist deutlich spürbar, man hat sogar den Eindruck sich in einer gut geordneten Dauerbaustelle zu bewegen.

Nach einer guten Stunde erreichen wir die Nachbarstadt Wuxi. Wuxi (“ohne Zinn”) liegt im Süden der Provinz Jiangsu. Wir fahren durch den weitläufigen Xihui-Park, in dem sich auch der Hui-Berg befindet. In seiner Nähe wird das Material abgebaut für die bekannten bunt bemalten Tonfiguren, die seit einigen hundert Jahren in der Wuxi-Gegend hergestellt werden. Meist werden sie nach mythischen Motiven und Legenden dieser Bergwelt frei aus der Hand geformt, an der Luft getrocknet und Farben froh bemalt.
Für eine knappe Stunde, … Schluss mit lustig. Jetzt gebührt dem diplomatischen Protokoll alle Aufmerksamkeit. In der ersten Reihe die chinesische Delegation mit als Partner, unsere Reiseleitung vertreten durch Walter Weiss und Christopher Alexander.

Christopher Alexander, Leiter von ZEIT REISEN
Walter Weiss, Reiseleiter
Walter Weiss, Reiseleiter

Klar, geht es nicht nur um die aktuelle politische “Neue Seidenstrasse”, sondern, um den kulturellen Austausch von reiseenthusiastischen Deutschen, die in China mit offenen Armen empfangen wurden. Damit ist unsere ganze Truppe plötzlich zu Kulturbotschaftern geadelt geworden.
Gruppenfoto Kulturbotschafter

Ich auch!? Wie wird mich diese Auszeichnung in den nächsten Wochen begleiten? Was wird davon weiterschwingen, wenn ich mit ZEIT-Reisen unterwegs bin? Welche der Kulturbotschafter werden sich wo wieder treffen? Viele Fragen, noch ohne Antworten! Aber viel Hoffnung!

~ Thomas Birkelbach, ZEIT-Reisender

Tag 2

Shanghai

Zwischen Metropole und Geschichte

Am gestrigen Nachmittag war unsere Reisegruppe mit Teilnehmern und Reiseleitern komplett. Bei einem gemeinsamen Abendessen im Hotel wurden wir mit den Köstlichkeiten der chinesischen Küche vertraut gemacht. Es wurden erste Kontakte geknüpft und die wichtigsten organisatorischen Hinweise für den Ablauf der Reise gegeben.

Wir Teilnehmer werden uns in den nächsten Wochen in der Obhut eines hochkarätigen Experten- und Organisations-Teams befinden, so dass wir uns ganz auf den Genuss dieser Reise einlassen können.

Am Morgen holt uns ein Shanghaier Touristen-Bus zu einer Stadtrundfahrt ab. Auf der Aussichtsplattform des Jin Mao Tower, der bei seiner Eröffnung 1999 das höchste Gebäude der Welt war, müssen wir heute den Kopf in den Nacken legen, um zum inzwischen höchsten Gebäude der Welt, dem Shanghai Tower, hochzuschauen. Der Himmel ist noch klar, und die Aussicht nach unten ist atemberaubend.

Tower auf den berühmten Bund, die Uferpromenade auf der anderen Flussseite

Das frühere französische Stadtviertel wurde wunderschön renoviert und hat sich zu einem Einkaufs- und Ausgehviertel entwickelt. Rund um das Gebäude, in dem 1921 die Gründungsversammlung der Kommunistischen Partei Chinas abgehalten wurde, werden heute die teuersten Edelmarken verkauft.

Der Handelsweg, den wir bereisen werden, wurde nach einer außerordentlich kostbaren Ware benannt. Was liegt also näher, als gleich am ersten Tag eine Seidenspinnerei zu besichtigen. Nach einer ausführlichen Führung zur Herstellung und Verwendung können auch Seidenprodukte erworben werden.

Wir beschließen die Stadtbesichtigung am Bund mit einem kurzen Spaziergang und anschließendem Panorama-Blick aus einer Bar im 7. Stock. Da alle Hochhäuser bei Einbruch der Dunkelheit gegen 19:00 Uhr beleuchtet werden, stört der Regen die Aussicht nicht sehr.

In der Nacht gibt es ein Gewitter.

~ Renée Wilhelm, ZEIT-Reisende

Tag 1

Ankunft in Shanghai

Der Startschuss ist gefallen: Die Reise kann beginnen!

Es ist soweit! Die große Reise auf der Seidenstraße von Shanghai – Hamburg kann nun endlich beginnen. 25 ZEIT Reisegäste haben sich über die letzten drei Tage hier in Shanghai eingefunden.

Skyline Shanghai

Die Aufregung ist groß, das es nach all den Monaten der Vorfreude nun endlich losgehen kann. Einige haben die letzten Tage schon in und um Shanghai ihren Jetlag ablegen können und berichten von ersten Eindrücken. Andere (wenige) kommen “just-in-time”.

Am Abend trifft sich die Reisegruppe mit dem Team zum ersten gemeinsamen Abendessen und das Team stellt sich vor: unsere drei Busfahrer Holger, Daniel und Jens, unser deutschsprachiger lokaler Guide He Chenyang, unser Experte Felix Lee und nicht zuletzt unser durchgehender Reiseleiter Walter Weiss – und ich, der auch für zwei Wochen mit an Bord sein wird. Nach einem vorzüglichen Essen geht es noch auf einen Drink an die Bar. Und morgen wartet Shanghai mit all seinen Facetten auf uns.

~ Christopher Alexander, Leiter ZEIT REISEN

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Reiseprogramm : Tag 1 - 27

CHINA

Shanghai – Kirgistan

1. Tag | Do. 29.6.2017 |
Shanghai
Individuelle Ankunft in Shanghai

2. Tag | Fr. 30.6.2017 | Ruhetag
Shanghai
Stadtrundfahrt

3. Tag | Sa. 1.7.2017 | 154 km
Shanghai – Wuxi
Fahrt nach Wuxi – Bootsfahrt mit Dschunke – Altstadt

4. Tag | So. 2.7.2017 |  207 km
Wuxi – Nanjing
Chinesischer Garten – Fahrt nach Nanjing

5. Tag | Mo. 3.7.2017 | Ruhetag
Nanjing
Stadtführung -Konfuzius-Tempel – John-Rabe-Haus

6. Tag | Di. 4.7.2017 | 203 km
Nanjing – Bengbu
Fahrt nach Bengbu

7. Tag | Mi. 5.7.2017 | 396 km
Bengbu – Xuchang
Heiße Quellen

8. Tag | Do. 6.7.2017 | 256 km
Xuchang – Luoyang
Shaolin-Kloster – Kampfsportvorführung – Fahrt nach Luoyang

9. Tag | Fr. 7.7.2017 | 373 km
Luoyang – Xi’an
Longmen-Grotten

10. Tag | Sa. 8.7.2017 | Ruhetag
Xi’an
Besichtigung der berühmten Terrakotta-
Armee und Besuch der Altstadt und Moschee

11. Tag | So. 9.7.2017  | 172 km
Xi’an – Baoji
Fahrt nach Baoji

12. Tag | Mo. 10.7.2017 | 481 km
Baoji – Lanzhou
Fahrt nach Lanzhou

13. Tag | Di. 11.7.2017 | Ruhetag
Lanzhou
Stadtbesichtigung und Park der Weißen Pagode,
Besichtigung des Wuquan-Berges

14. Tag | Mi. 12.7.2017 | 509 km
Lanzhou – Zhanhye
Großer liegender Buddah von Zhanhye

15. Tag | Do. 13.7.2017 | 228 km
Zhangye – Jiayuguan
Daxia Geopark – Große Mauer – Festung Jiayuguan

16. Tag | Fr. 14.7.2017 | 370 km
Jiayuguan – Dunchuang
Fahrt nach Dunchuang

17. Tag | Sa. 15.7.2017 | Ruhetag
Dunchuang
Dünen – Mondsichelsee – Mogao-Grotten

18. Tag | So. 16.7.2017 | 416 km
Dunchuang – Hami

19. Tag | Mo. 17.7.2017 | 404 km
Hami – Turfan
Ruinenstadt Jiaohe

20. Tag | Di. 18.7.2017 | Ruhetag
Turfan
Besichtigung der Flammenden Berge, Buddha-
Grotten von Bezeklik, Ruinenstadt Gaochang

21. Tag | Mi. 19.7.2017 | 404 km
Turfan – Korla
Bewässerungssystem Karez

22. Tag | Do. 20.7.2017 | 297
Korla – Kucha
Klosterruinen in Subashi

23. Tag | Fr. 21.7.2017 | 252 km
Kucha- Aksu
Buddha-Grotten von Kizil,
Besichtigung eines alten Feuersignalturms

24. Tag | Sa. 22.7.2017 | 463 km
Aksu – Kashgar

25. Tag | So. 23.7.2017 | Ruhetag
Kashgar
Stadtbesichtigung in der Altstadt – Basar –
Grab Duftende Konkubine –
Besichtigung des Abakh-Hodscha-Mausoleum

26. Tag | Mo. 24.7.2017 | Ruhetag
Kashgar

27. Tag | Di. 25.7.2017 | 324 km
Kashgar – Sary Tash
Grenzübertritt Kirgistan

Reiseprogramm: Tag 28 - 40

ZENTRALASIEN

Kirgistan – Russland

28. Tag | Mi. 26.7.2017 | 312 km
Sary Tash – Fergana
Taldyk-Pass, Grenzübertritt Usbekistan

29. Tag | Do. 27.7.2017 | Ruhetag
Fergana
Seidenweberei Margillian,
Keramik-Werbstann

30. Tag | Fr. 28.7.2017 | 324 km
Fergana – Tashkent
Kamchik-Pass (Umstieg in PKW’s!),
Ankunft in Tashkent

31. Tag | Sa. 29.7.2017 | 311 km
Tashkent – Samarkand
Stadtbesichtigung Tashkent, Melonenmarkt,
Fahrt nach Samarkand

32. Tag | So. 30.7.2017 | Ruhetag
Samarkand
Stadtbesichtigung: Registan-Platz,
Moschee Bibi Khanum, Basar

33. Tag | Mo. 31.7.2017 | 278 km
Samarkand – Buchara
Karge Hügel der Steppe, weite Baumwollfelder,
Ankunft Buchara

34. Tag | Di. 1.8.2017 | Ruhetag
Buchara
Festung Ark, Moschee Kalon, Überdachte Basare,
Karawanserei

35. Tag | Mi. 2.8.2017 | 456 km
Buchara – Khiva
Wüstenstraße, Amudarja, Ankunft Khiva

36. Tag | Do. 3.8.2017 | 197 km
Khiva – Nukus
Stadtführung in Khiva, Fahrt entlang Baumwollfelder
nach Nukus

37. Tag | Fr. 4.8.2017 | 271 km
Nukus – Jazliq
Sawitzki-Museum, Fahrt durch Wüste Kyzylkum

38. Tag | Sa. 5.8.2017 | 454 km
Jazliq – Kul’Sary
Grenzübertritt Kasachstan, Fahrt nach Kul’Sary

39. Tag | So. 6.8.2017 | 227 km
Kul’Sary – Atyrau
Muslimischer Friedhof Dossor, Stadtbesichtigung
in Atyrau, Ural

40. Tag | Mo. 7.8.2017 | 357 km
Atyrau – Astrachan
Grenzübertritt Russland

Reiseprogramm: Tag 41 - 53

EUROPA

Astrachan – Hamburg

41 . Tag | Di. 8.8.2017 | Ruhetag
Astrachan
Stadtbesichtigung in Astrachan, Kreml,
Bootsfahrt auf der Wolga

42. Tag | Mi. 9.8.2017 | 423 km
Astrachan – Wolgograd
Wälder & Dörfer, Ankunft in Wolgograd

43. Tag | Do. 10.8.2017 | Ruhetag
Wolgograd
Stadtbesichtigung durch Wolgograd,
feierliche Zeremonie

44. Tag | Fr. 11.8.2017 | 581 km
Wolgograd – Woronesch
Überlandsfahrt nach Woronesch

45. Tag | Sa. 12.8.2017 | 343 km
Woronesch – Orjol
Fahrt nach Orjol

46. Tag | So. 13.8.2017 | 401 km
Orjol – Homel
Grenzübertritt nach Weißrussland

47. Tag | Mo. 14.8.2017 | 531 km
Homel – Brest
Fahrt durch Südweißrussland

48. Tag | Di. 15.8.2017 | 205 km
Brest – Warschau
Grenzübertritt Polen, Weiterfahrt Warschau

49. Tag | Mi. 16.8.2017 | Ruhetag
Warschau
Stadtbesichtigung, Besuch des Königsschlosses,
Musikalischer Abend

50. Tag | Do. 17.8.2017 | 310 km
Warschau – Posen
Weiterfahrt nach Posen, Besichtigung der
Altstadt Posens

51. Tag | Fr. 18.8.2017 | 271 km
Posen – Berlin
Grenzübertritt nach Deutschland,
Weiterfahrt nach Berlin

52. Tag | Sa. 19.8.2017 | 288 km
Berlin – Hamburg
Fahrt nach Baoji durch eine fruchtbare
und hügelige Landschaft

53. Tag | So. 20.8.2017 |
Hamburg
Individuelle Rückreise

WIR STELLEN VOR

Ihre Reisebegleitung

Auf der Kultuexpedition begleiten Sie fachkundige Reiseleiter und ZEIT-Köpfe, die Ihnen Wissenwertes über die Destinationen berichten und neue Perspektiven eröffnen.

Walter Weiss

Walter Weiss ist seit über drei Jahrzehnten als freier Autor tätig. Er hat, vor allem über die Islamische und Buddhistische Welt, eine Vielzahl an Reise- und Sachbücher publiziert. Parallel leitet er seit vielen Jahren ausgewählte Studienreisen nach Asien und Nordafrika. Er begleitet unsere ZEIT-Reisenden auf der gesamten Reise von Shanghai nach Hamburg.

»Personen, die viel auf Reisen sind und immer neue Orte und Menschen sehen, zeichnen sich durch eine gewisse Lebensfrische aus, an der es denen mangelt, die jahrein, jahraus am selben Platz leben.«

Felix Lee

Felix Lee ist China-Korrespondent der taz – die tageszeitung mit sitz in Peking. Seit 2012 schreibt er für rund ein Dutzend weiterer Tageszeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf ZEIT Online betrieb er bis 2015 den China Blog und ist auch weiterhin regelmäßiger Autor. Er begleitet unsere ZEIT-Reisenden von Shanghai nach Luoyang.

»Reisen bedeutet für mich die aktive Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, sowie deren politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Eigenheiten. Als Korrespondent bin ich zugleich in der glücklichen Lage, mein Hobby zum Beruf machen zu können.«

Christopher Alexander

alexander-christopher-seidenstrasse-blog-2017

Christopher Alexander stammt aus Hamburg und arbeitet seit 2007 bei der ZEIT. Seit 2009 leitet er ZEIT REISEN. Der Blick »hinter die Kulissen« und das Besondere der Menschen und Kulturen ist es, was ihn auch bei ZEIT REISEN immer wieder fasziniert. Als Urlaubsziele bevorzugt er ferne Länder mit möglichst fremden Kulturen oder europäische Reisziele, in denen sich familienfreundliche Entspannung und interessante Begegnungen in einem kulturellen Umfeld kombinieren lassen. Herr Alexander begleitet die Reisenden von Shanghai bis Dunhuang.

»Reisen bedeutet für mich einen Horizont zu erweitern und zu lernen.«

Liu Guosheng

Lui Guosheng

Liu Guosheng gründete 1998 CHINA TOURS und ist heute Geschäftsführer und China-Spezialist. Er ist Vorsitzender der Gesellschaft Deutsch-Chinesischer Verständigung und Seidenstraße-Experte. Herr Guosheng ist von Turfan (China) bis Kashgar (China) an der Seite unserer ZEIT-Reisenden.

»Reisen bedeutet für mich einen wichtigen Bestandteil des Lebens, das wiederum ein Weg zu mir selbst führt. Die wichtigste Frage auf dem lebensweg ist für mich, was ich am Ende des Weges gelernt habe.«

Birgit Brauer

brauer-birgit-seidenstrasse-blog-2017

Birgit Brauer ist Journalistin und Zentralasienexpertin. Für den britischen »Economist« war sie viele Jahre Zentralasienkorrespondentin mit Sitz in Almaty/Kasachstan. Sie wird die Reise von Tashkent (Usbekistan) bis Atyrau begleiten.

»Der Weg ist das Ziel.«

Johannes Voswinkel

An der Universität hat er zwei Studienfächer belegt, die ihn automatisch in fremde Länder zogen – Romanistik und Slawistik. Nach dem Examen und der Ausbildung an der Hamburger Henri-Nannen-Journalistenschule ging er 1998 als Korrespondent des STERNs nach Moskau. Seit 2002 berichtet er für die ZEIT aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Unsere Leser begleitet er auf der Tour von Astrachan bis Woronesch (Russland).

»Reisen bedeutet für mich mehr zu erfahren über die Welt – und mich selbst. Die Neugier nicht zu verlieren, manch Fremdes anzunehmen und manch Bekanntes mehr zu schätzen.«

Alexander Sambuk

sambuk-alexander-seidenstrasse-blog-2017

Alexander Sambuk ist russischer Journalist, Redakteur, Publizist und Fernsehmoderator. Der gebürtige Weißrusse schreibt auch für die ZEIT und spricht ausgezeichnet Deutsch. Er begleitet die Tour von Homel bis Berlin.

»Reisen bedeutet für mich eine Auseinandersetzung mit Grenzen, sowie mit realen als auch eingebildeten, sei es zwischen Ländern, Kulturen oder Menschen, um am Ende immer wieder zu erfahren, wie begrenzt meine Welt doch war... vor dem Antritt der letzten Reise.«

Exklusive ZEIT-Reise
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    Hamburg-Shanghai

    ab 16.500 EUR

    Auf der neuen Seidenstraße 2018 – von Hamburg nach Shanghai

    Auch 2018 startet wieder unsere einmalige Kulturexpedition in einem Bus mit allem Komfort auf der neuen Seidenstraße am Helmut-Schmidt-Haus. Das Reiseziel nach 38 Etappen durch Polen, Weißrussland, Russland, Kasachstan, Usbekistan und Kirgisistan ist Shanghai. Korrespondenten und Redakteure der ZEIT sowie weitere Experten vermitteln Ihnen Wissen über Geschichte und Politik. Freuen Sie sich auf einmalige Erlebnisse!
    Zur Reise
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    Shanghai-Hamburg

    ab 16.900 EUR

    Auf der neuen Seidenstraße von Shanghai nach Hamburg

    Von Shanghai nach Hamburg führt Sie diese Reise durch spannende Destinationen. Erleben Sie Russland von Ost nach West: Freuen Sie sich auf die Mongolei, Sibirien, die Taiga, die Hauptstadt Moskau sowie St. Petersburg, das Baltikum und ihr Ziel, Hamburg! Ein unglaubliches Abenteuer, auf welchem Sie von ZEIT-Experten begleitet werden. Egal in welche Richtung Sie fahren, einmalig wird diese Reise auf jeden Fall!
    Zur Reise
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