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Die Wildnis berühren

Christian läuft barfuß wann immer er kann. Dabei sieht er gar nicht aus wie ein Hippie. Er sieht sogar ziemlich seriös aus. Sehnige Figur, akkurater Kurzhaarschnitt, Ingenieur bei einem großen Autohersteller. Vielleicht noch dieses markante Tattoo am Knöchel… Christian hat „Die Wildnis berühren“ gebucht, eine achttägige Aktivreise in Schweden, organisiert vom Veranstalter und Schwedenspezialisten Rucksack Reisen, langjähriger Partner von ZEIT REISEN. Wir sind unterwegs auf einem Höhenweg westlich des Sees Övre Gla und genießen die herrlichen Aussichten über die Seenplatte des Glaskogen. Glaskogen – das bedeutet Glitzerwald. Ein fast märchenhafter Name für das 28.000 Hektar große Naturreservat in der schwedischen Provinz Värmland. Und tatsächlich: gut 80 Seen entfalten bei Hochdruckwetterlage ein beachtliches Glitzerpotenzial.

Wattwandern auf Schwedisch

Als Guide und Repräsentant korrekter Outdoor-Performance empfehle ich eigentlich festes Schuhwerk, Kategorie A/B bis B/C, Gore-Tex-Membran. Tut euch nicht weh! Schützt euch! Eigentlich. Bei meinem ersten Barfußgast mache ich eine kulante Ausnahme. Moose und Flechten, das verwitterte Granit vergangener Jahrhunderte, Baumwurzeln und Farnen, Unebenheit und Feuchtigkeit sowie dreispurige Ameisenstraßen – der Weg entzündet ein wahres Gefühlsfeuerwerk unter der nackten Fußsohle.
Wir haben etwa die Hälfte der 15 Kilometer langen Wanderung kurzärmelig genossen, bis die ersten Tropfen fallen. Wind kommt auf, aus der Ferne grollt es verstohlen. Eingehüllt in Regenklamotten laufen wir trotzig noch ein Stückchen weiter. Bis wir einstimmig beschließen: Abkürzen. Unsere Blicke fokussiert auf die meist nicht mehr als 30 cm schmalen Waldpfade, die sich um Fichten und Kiefern winden. Der Himmel hat zwischenzeitlich alle Schleusen geöffnet. Jeder Schritt wringt Wasser aus dem federnden Wurzelgeflecht wie aus einem Schwamm. Christian erlebt vermutlich seine erste schwedische Wattwanderung.

 

Die Entdeckung der Langsamkeit

Runterkommen vom hektischen Alltag, von Smartphone und Terminen ist für viele ein Grund, nach Schweden zu kommen. Die Natur ist hier noch wild und ursprünglich, das Land dünn besiedelt. In Stömne, 35 Kilometer südlich von Arvika, hat Rucksack Reisen die einstige Dorfschule in ein Aktivcenter verwandelt, das als Basis für Kanu,- Rad- und Wandertouren in die Umgebung dient. Was es hier gibt: Ruhe. Was es nicht gibt: WLAN.
Wer das liebevoll renovierte Backsteingebäude betritt, findet zur Linken eine Turnhalle mit Sprossenwand und Langbank, zur Rechten das ehemalige Klassenzimmer, wo noch heute eine Tafel und antike Schulbänke an vergangene Zeiten erinnern.

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Anderer Ort, besseres Wetter. Wir wollen mit dem Kanu den Vrangsälven befahren, von Eda Glasbruk bis in den See Hugn. Der Kleinfluss mäandert idyllisch durch eine schwedische Bilderbuchlandschaft, ein sanfter Einstieg für Outdoor-Novizen. „Und so geht der J-Schlag, damit könnt ihr steuern“, führe ich vor, bevor wir die Boote zu Wasser lassen. Vor allem Sarah ist aufgeregt. Ihr Mann hat ihr die Reise zum Geburtstag geschenkt, ein Stechpaddel hat sie zum ersten Mal in der Hand. Gemeinsam mit der tiefenentspannten Ursula besteigt sie das Kanu. „Paddel im Wasser lassen, das stabilisiert“, rufe ich, „ihr schafft das!“. Christian teilt sich mit Ehefrau Eva ein Kanu. Neben dem Ikea-Besuch eine der aussagekräftigsten Beziehungsproben. Wer sitzt vorn, wer hinten, wer paddelt Steuer-, wer Backbord? Und natürlich die Rhythmusfrage. Aber alle haben schnell den Bogen raus. Die anfängliche Konzentration darauf, das Kanu in die richtige Richtung zu lenken, weicht nach und nach dem Genuss, sich treiben zu lassen, des Betrachtens der Natur aus einer neuen, vielleicht ungewohnten Perspektive. Unsere Tour endet bei Charlottenberg an einem Wehr. Ursula legt sich ins warme Gras, lauscht bei geschlossenen Augen dem Rascheln der Birkenblätter, Sarah begutachtet stolz die Fotos der gemeisterten Tour, Eva und Christian sind noch immer ein Paar.

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Krabbenbrötchen am Lilla Värmeln

Am nächsten Morgen in Stömne. Letzte Vorbereitungen für die Radtour Värmeln. Die Köpfe über die Arvika Friluftskarta gebeugt, zeichne ich mit dem Finger die Route des heutigen Tages nach: „Auf der 175 ein Stückchen Richtung Süden, mit der kleinen Kabelfähre über den Fluss Byälven. Kaffeestopp in Borgvik, wo früher das Eisen für den Eiffelturm herkam. Und hier,“ mein Finger deutet auf einen kleinen Ort am Nordufer des Lilla Värmeln, „gibt es die leckersten Krabbenbrötchen von ganz Värmland. Alle bereit?“ „Moment noch“, sagt Christian, richtet seinen Fahrradhelm und zieht die Schuhe aus.

Weitere Informationen zu der Schweden-Reise finden Sie hier >>

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